25.03.2013

BERGSTEIGENHappy in der Todeszone

Viele Everest-Alpinisten dopen, besonders beliebt ist ein Präparat gegen Höhenkrankheit. Die Pille erleichtert die Strapazen beim Aufstieg und macht euphorisch.
Bergsteiger sagen gern, dass Bergsteigen ehrlich und romantisch sei, weil der Mensch auf dem Weg zu den höchsten Gipfeln der Welt allein mit sich, nur mit seinen eigenen Kräften, die Gewalten der Natur bezwingen müsse, Wind und Eis, Schnee und Kälte. Wenn das stimmen würde, dann wäre Bergsteigen eins der letzten puren Abenteuer. Es ist aber nur die halbe Wahrheit.
Der Südtiroler Reinhold Messner war der erste Kletterer, der alle 14 Achttausender bezwang, er trug bei diesen Expeditionen kein Sauerstoffgerät, er schluckte nichts außer Aspirin, und er meint: "Es ist heute nicht mehr möglich zu sagen, wer im Himalaja wirklich Außergewöhnliches leistet - und wer Drogen nimmt und betrügt."
Auch der Mount Everest ist keine dopingfreie Zone, und das liegt vor allem an einem Mittel, das man auf Rezept in jeder Apotheke bekommt. Oder in Nepal, wenn Mitte April die neue Klettersaison beginnt, problemlos am Straßenrand kaufen kann, als Pille oder als Injektionslösung, für ein paar Cent pro Dosis. Dexamethason, unter Bergsteigern kurz Dex genannt, ist ein entzündungshemmendes Cortisonpräparat, das Ärzte unter anderem verabreichen, um Einlagerungen von Flüssigkeit im Gehirn zu verhindern.
Eigentlich ist Dexamethason darum so etwas wie ein Rettungsseil für einen Bergsteiger, bei dem sich ein Ödem entwickelt. "Levanta muertos", sagen spanischsprechende Alpinisten, weil es heißt, Dex helfe auch einem Toten wieder auf die Beine. Fast jeder, der im Himalaja unterwegs ist, hat die Arznei im Gepäck, auch die Stars der Szene, etwa die Österreicherin Gerlinde Kaltenbrunner und ihr Mann, der Deutsche Ralf Dujmovits.
Aber längst nicht alle Kletterer verwenden das Mittel nur im Notfall. Denn Bergsteiger wissen, dass Dex bereits während des Aufstiegs eine fast magische Wirkung erzielt. Die Substanz schützt vor der Höhenkrankheit, die schon ab 2500 Metern zuschlagen kann. Dexamethason lindert Atemnot, Schwindel und Übelkeit, gleichzeitig steigert es Wahrnehmung und Aufmerksamkeit. Es löst Glücksgefühle aus.
Der Amerikaner Peter Athans, der bisher siebenmal auf dem Gipfel des Everest stand, gibt zu, Dex präventiv genommen zu haben. "Kein Kopfweh zu bekommen, wenn du sonst schlimme Schmerzen gehabt hast - das fühlt sich gut an", sagt er im Magazin "Outside". Es sei, als würde man plötzlich aufhören, mit seinem Schädel gegen eine Wand zu hämmern. "Das Zeug putscht dich auf. Du fühlst dich, als hättest du dir einen Schuss gesetzt."
Diese Eigenschaften sind es, die Dex auf dem Weg zum Gipfel so beliebt machen. Eric Johnson, Notarzt im Basislager des Everest, würde sich wundern, sagt er, wenn weniger als die Hälfte aller Bergsteiger auf den letzten zwei Etappen kein Dex nehmen würden.
Es gibt rund hundert Firmen in Nepal, die Expeditionen auf den Mount Everest organisieren, im Frühjahr des vergangenen Jahres versuchten 683 Kletterer, den Berg zu bezwingen, die Tour kostet bei renommierten Anbietern etwa 35 000 Dollar. Wer so viel Geld zahlt, möchte auch oben ankommen, und wenn eine Pille die Chance erhöht, das zu schaffen, dann ist die Versuchung groß. "Da gehen die Leute also zum Hausarzt, sagen, sie wollen in den Himalaja, lassen sich was gegen Durchfall verschreiben, noch ein Antibiotikum und Dexamethason", sagt Dujmovits. "Dieses Halbwissen ist gefährlich."
Die Welt-Anti-Doping-Agentur verbietet Dex, weil es die Leistungsfähigkeit eines Athleten erhöht, aber die Regeln des internationalen Sports gelten nicht im Himalaja. Es gibt keine Dopingfahnder, im Basislager sammelt niemand Urinproben.
In den fünfziger Jahren fingen Kletterer an, Amphetamine zu schlucken, Pervitin zum Beispiel, ein Medikament, das deutsche Soldaten im Zweiten Weltkrieg nahmen, um ihre Angst zu dämpfen und die Konzentration zu erhöhen. Später experimentierten die Alpinisten mit Steroiden. Ralf Dujmovits sagt, als er vor zwei, drei Jahren Expeditionsleiter war, sei jeder dritte Kletterer mit Viagra angekommen, weil es den Lungendruck senkt. Er hat den Kram haufenweise entsorgt. Kein Mittel aber sei beliebter als Dex, sagt Robert Schoene, einer der führenden Höhenmediziner in den USA.
Dabei kann es fatal sein, Dex vorbeugend zu nehmen. "Es gaukelt Sicherheit vor", sagt Dujmovits. Wer das Mittel nämlich im Körper hat, der merkt vielleicht erst, dass ihn eine akute Höhenkrankheit mit Hirnödem erwischt hat, wenn es zu spät ist. "Wer Dex schon beim Aufstieg nimmt, der kappt im Prinzip sein Rettungsseil", sagt Luanne Freer, Gründerin der Notfallklinik am Everest.
Am 17. Mai 2009 trat ein damals 27-jähriger Versicherungskaufmann aus Seattle in die Notaufnahme im Basislager, Jesse Easterling sprach wirres Zeug, er zappelte, er wusste seinen Namen nicht, er hatte Ausschlag an den Armen, hatte Angst, er konnte nicht schlafen. Er war bis zu diesem Tag zur Akklimatisierung auf 7200 Metern gewesen. Der Arzt fand heraus, dass Easterling auf kaltem Entzug war, er hatte vier Wochen lang Dex genommen, in einer Dosierung, die normalerweise Patienten mit Hirntumor im Endstadium bekommen: dreimal am Tag, gespritzt oder als Tablette. Easterling wurde nach Katmandu geflogen und kam auf die Intensivstation.
Noch heute, vier Jahre danach, leidet er an den Folgen. Manchmal zittern seine Hände so stark, dass ihm das Essen von der Gabel fällt. "Während des Entzugs kam es mir vor, als hätte ich einen Finger in die Steckdose gesteckt", sagt er. "Mein komplettes Nervensystem wurde gebraten." Easterling ist nach wie vor auf Medikamente angewiesen. "Die Leute müssen eins wissen", sagt er: "Dex kann dich umbringen."
Von Maik Grossekathöfer

DER SPIEGEL 13/2013
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