25.03.2013

Die Wunde der Vergangenheit

Der ZDF-Dreiteiler „Unsere Mütter, unsere Väter“ bewegte mit einem ebenso widersprüchlichen wie emotionalen Blick auf die Kriegsjahre - und setzt über die Generationen hinweg einen neuen Meilenstein deutscher Erinnerungskultur.
Am Ende, als sich die drei Überlebenden in ihrem früheren, nunmehr verlassenen Berliner Stammlokal wiedersehen, mit leerem Gesicht, stumpfem Blick und verschlossenem Mund, in einer künstlichen Szene - die, nebenbei gesagt, jeder dramaturgischen Wahrscheinlichkeit widerspricht, was aber ohne Bedeutung ist -, in dieser berühmten Stunde null also läuft alles auf einen einzigen Satz hinaus. Keiner der drei kann ihn sagen, dafür klingt er viel zu schwer in Anbetracht des historischen Nichts, vor dem die Heimkehrer stehen.
Es ist ein Kommentar, gesprochen aus dem Off, gewissermaßen die Moral der Geschichte nach dem Untergang im Mai 1945. Er setzt Schlusspunkt und Anfang zugleich: "Bald wird es nur noch Deutsche geben, und keinen einzigen Nazi."
Der Sturmbannführer hat da schon seine braune Uniform verbrannt, sitzt im faltenlosen Anzug am Schreibtisch der Besatzungsmacht und verkündet ungerührt, dass seine Erfahrung gebraucht werde. Die anderen, die wirklich Versehrten, stehen verloren wie Fremde in den Trümmern herum und haben nicht die geringste Ahnung, wie es weitergeht.
Das aber wissen die Zuschauer, denen die historischen Fakten und der Ablauf der Geschichte bestens bekannt sind. Sie wissen, was kommt, wenn die fünf Freunde sich im Sommer 1941 verabschieden mit dem Versprechen: "Weihnachten sehen wir uns wieder." Sie kennen das Trügerische der Euphorie, die nach den ersten Kesselschlachten die Truppe siegesgewiss in die Weite des russischen Raums treibt. Sie haben gelernt, dass hinter der Front die Einsatzgruppen wüten, massenhaft morden, Frauen und Kinder nicht verschonen. Dass die kämpfende Wehrmacht sich schon allein deshalb schuldig machte, weil sie die Verbrechen gegen die Menschlichkeit erst ermöglichte.
Vor allem ist ihnen bekannt, wie es nach dem Zusammenbruch erstaunlich schnell aufwärtsging. Das Wirtschaftswunder als eine Art Kompensation, die Demokratie und die westeuropäische Einigung unter dem Schutzmantel der Alliierten, die deutsche Teilung, der Kalte Krieg, das lange Schweigen und Verdrängen der Kriegsgeneration, die sich mit der Erfolgsgeschichte der Bundesrepublik wappnete. Und die wiederkehrenden Schockwellen der Aufklärung, der Erinnerung, der Scham, der Trauer und der Vergangenheitsbewältigung, die über die deutsche Gesellschaft seit den sechziger Jahren in mehr oder weniger regelmäßigen Abständen hinwegrollten.
Warum also dieses ZDF-Epos, das viereinhalb Stunden lang durch bereits vielfach vermessenes Gelände führt? Wie erklärt sich die emotionale Wucht eines Fernsehfilms, dessen letzte Folge am vergangenen Mittwoch 7,63 Millionen Zuschauer, eine Quote von über 24 Prozent, erreichte? Wäre der Dreiteiler beim Publikum nicht angekommen, hätte das eben auch bedeutet, "dass es keine Bereitschaft mehr gibt, sich mit diesem Stoff der Vergangenheit auseinanderzusetzen", so Nico Hofmann, der Produzent von "Unsere Mütter, unsere Väter".
Die Zeitzeugen, die Kriegsgeneration der Opfer und Täter, der Mitmacher, Mitläufer und Widerständler, sterben aus. Mit ihnen vergeht in Deutschland und in Europa die gelebte Erinnerung. Aber die Vergangenheit will nicht vergehen. Wie Untote kehren die Dämonen immer wieder aus dem Dunkel der abstrakten Geschichte ins Leben zurück. Wenn sie die Großeltern und Eltern nicht mehr heimsuchen, weil bald niemand mehr erzählen kann, der noch dabei war, dann spuken sie ungebannt in der Vorstellungswelt der Kinder und Enkel weiter.
Der Zweite Weltkrieg endete vor 68 Jahren. Die Verarbeitung der Geschichte hat Zeit gebraucht, gewiss. Doch eigentlich ist so gut wie alles erforscht, durchleuchtet, gesagt. Für die Nachgeborenen funktioniert Aufklärung nicht mehr über Wissen, über die Konfrontation mit dem harten Sachverhalt der realen Barbarei, sondern über das Gefühl. Es ist, als würden die Deutschen, selbst die ganz Jungen, denen die Nazis und ihre Untaten vorkommen müssen, als wären da Außerirdische am Werk gewesen, noch immer erschauern, wenn sie sich ins Bewusstsein rufen, wozu ihre Großmütter und Großväter imstande waren. Als hätten sie Angst, dass über Generationen hinweg bestimmte Muster des Charakters und des Verhaltens weitertransportiert werden könnten.
Der Begriff der Volksseele oder der des Nationalcharakters ist eine höchst unwissenschaftliche Kategorie. Aber warum dann das bei jeder Gelegenheit beschwörend wiederholte Gelöbnis "Nie wieder"? Warum die immer wieder bekräftigte Forderung, sich für Demokratie, Freiheit und Menschenrechte einzusetzen, als wäre das eine speziell für Deutsche ersonnene Lehre der Geschichte?
Der Verdacht, so irrational er auch sein mag, lässt sich nicht abweisen, und er wird ja auch im Ausland bei jeder sich bietenden Gelegenheit geweckt: Das deutsche Volk ist ein Sonderfall. Ein in der Singularität seiner Verbrechen im 20. Jahrhundert, nun ja, historischer Irrläufer. Das sich seiner selbst nicht sicher ist und sich deshalb immer wieder seiner selbst vergewissern muss. Eine Nation, die anscheinend auf ewig verwundet bleibt, auf die heilende Kraft der Erinnerung angewiesen ist und sich deshalb in periodischen Abständen auf die Couch der Psychoanalyse begibt. Man muss mit dem Trauma leben und die Wunde gelegentlich aufstechen, damit sie nicht eitert.
Die Reaktionen von Schülern, 15-jährigen etwa, die den ZDF-Film gesehen haben, beweisen, wie wichtig es ist, das große Ganze der Geschichte in die nachfühlbare Erlebniswelt der Einzelnen zu holen. Die Gedenkkultur in ihrer ritualisierten Wiederholung schafft oft ebenso Distanz, und damit manchmal Überdruss, wie das holzschnittartige Schulbuchwissen. Die SS-Schergen, das Geschrei von Hitler und Goebbels fallen darin aus Zeit und Raum, die sterile Belehrung verweist in eine andere, unwirklich gewordene Welt. Der Nationalsozialismus mutet dann an wie groteskes Theater, ein Eindruck, den sich Filmemacher wie Quentin Tarantino mit Erfolg zunutze machen.
Ein Film wie "Unsere Mütter, unsere Väter" bietet dafür das Gegengift eines emotionalen Erweckungserlebnisses. Er versucht, eine Antwort auf die fassungslose Frage der Jungen zu geben: Da sind Opa und Oma dabei gewesen? Unvorstellbar! Was von außen betrachtet, aus der Sicht von Amerikanern zum Beispiel, vielleicht nur wie ein weiteres Schlachtengemälde, ein Kriegsdrama mit anrührenden Schicksalen wie in "Der Soldat James Ryan" herüberkommt, gewinnt so eine Wahrhaftigkeit, die anders ist als bloß dokumentarisch. Dem Filmproduzenten Hofmann, schon für viele Historienfilme verantwortlich ("Dresden", "Die Flucht"), gelingt seiner Meinung nach "eine Transferleistung zwischen den Generationen", indem er an persönliche Gefühle rührt, familiäre Bindungen rekonstruiert und seine Helden in der Grauzone des Antiheroischen agieren lässt.
Denn das ist die vielleicht wuchtigste Lektion, die die fünf Freunde Greta und Charlotte, Wilhelm, Friedhelm und Viktor vermitteln: Die entscheidende Frage der Nachgeborenen - "Wie hätte ich mich verhalten?" - wird jeder moralischen Überheblichkeit entkleidet, ja als letztlich banal oder zumindest marginal entlarvt. Niemand, auch der Feinsinnigste, Anständigste, Gutgläubigste oder Besterzogene nicht, wäre unversehrt geblieben. Wie in Jean-Paul Sartres Drama "Die schmutzigen Hände" gibt es keinen Helden, der unter solchen Umständen sauber bleibt. Schuldig werden sie alle, in unterschiedlichem Ausmaß. Die Diktatur, die für das Individuum die Freiheit der Entscheidung aufhebt, korrumpiert jeden. Die Verantwortung des Einzelnen löst sich nicht in diffuser Kollektivschuld auf. Sich von den Tätern abzugrenzen, sich als ganz anders zu definieren ist das Gegenteil einer kathartischen Läuterung: eine Arroganz derjenigen, die ohne Heimsuchung in wundersam ruhigen Zeiten leben.
Die fünf Freunde des Films, prototypische, aber nicht thesenhafte, sondern individuelle Figuren, verlieren alle ihre Unschuld, ohne bösartig zu sein. Denn, so hat der Drehbuchautor Stefan Kolditz sein Projekt beschrieben, "mit den Kategorien Gut und Böse kommst du nicht weiter bei dieser Generation". Gerade in der prinzipiellen Widersprüchlichkeit jedes Menschen liegt seine Humanität. Die Erkenntnis und das Eingeständnis der eigenen Unzulänglichkeit, ein zutiefst christlicher Wesenszug, schützen vor der Verdrängung der eigenen dunklen Seiten und vor der Ausbeutung der Schwächen des anderen. Das bringt die Filmhandlung dem Publikum nahe, indem sie ihm keine Ruhe lässt, keine ungebrochene Identifikation mit einem hehren Helden erlaubt.
Die Ängste der Deutschen, entstanden aus den Erfahrungen der Geschichte, wirken sieben Jahrzehnte später noch nach. Sie schaffen bis heute eine Anormalität im politischen Leben der Bundesrepublik, die im Ausland sonderbar ankommen mag, aber nach innen bisher einen verlässlichen Schutz vor Radikalisierung geboten hat.
Ohne das Trauma der Vergangenheit wäre der Eifer schwer zu verstehen, mit dem die demokratische politische Klasse über ein Verbot der NPD diskutiert. Die wehrhafte Demokratie wird an der Wahlurne verteidigt, aufgeklärtes Bewusstsein und ein verlässlicher Rechtsstaat reichen dafür aus. Niemandem in Frankreich käme es in den Sinn, den Front national des Jean-Marie Le Pen und seiner Tochter Marine zu verbieten. Die Partei erreicht, wohlgemerkt, 18 Prozent bei Präsidentschaftswahlen. Belgier, Niederländer, Skandinavier und Italiener, sie alle müssen sich gegen Extremismus und Populismus von rechts nicht mit Parteiverboten zur Wehr setzen.
Ohne die Wunden, die nicht heilen wollen und dürfen, wäre die Heftigkeit nicht zu begreifen, mit der über jeden Auslandseinsatz der Bundeswehr bis hin zur semantischen Verwendung des Wortes Krieg gerungen wird. Frankreichs Präsident François Hollande hat im Alleingang und buchstäblich über Nacht Kampfverbände zu Land und in der Luft nach Mali entsendet. Deutschland quält sich mit der Entscheidung über ein paar Transport- oder Tankflugzeuge. Zögern ist angemessen, Tabuisierung nicht. Aus dem Schrecken der Geschichte entsteht auch die internationale Schutzverantwortung als Kehrseite des Angriffskriegs.
Und ohne den Schuldkomplex aus der NS-Zeit wäre kaum zu erklären, dass die Bundeskanzlerin und das Volk, das sie repräsentiert, sich nicht provozieren lassen, wenn sie anderswo mit Hitlerbärtchen und Hakenkreuz verunglimpft werden. Sie verharren in einer Mischung aus Gelassenheit und Schamhaftigkeit, die in Washington, Paris oder Moskau undenkbar wäre. Dabei, geben wir es zu: Es trifft uns, es kränkt uns, es lässt uns zusammenzucken - doch die Aufforderung einiger weniger, den Stecker aus dem Euro-System zu ziehen, findet praktisch kein Gehör. Auch in dieser Ruhe wirkt die Erfahrung nach, die das besiegte und zerstörte, moralisch am Boden liegende Land nach 1945 gemacht hat. Martin Schulz, der Präsident des Europäischen Parlaments, hat sie auf eine prägnante Kurzformel gebracht, die den ganzen Unterschied der Geschichte deutlich macht: Schuman-Plan statt Versailler Vertrag.
Die Rehabilitierung nach dem Nullpunkt 1945, die über die europäische Einigung und das militärische Bündnis der Nato erfolgte, gelang sogar draußen schneller als drinnen. Die Wiederherstellung des Selbstbewusstseins hinkte der des äußeren Ansehens fast immer ein Stück hinterher.
"Die ganze Gründung der Bundesrepublik", sagt Filmproduzent Hofmann, "fand unter einer unfassbaren Komplettverdrängung statt." Der schnell aufkommende Kalte Krieg half dabei und öffnete einen Ausweg für die schleichende Exkulpation. "Antifaschismus" verkümmerte zur Propagandafloskel der anderen totalitären Ideologie. "Vereisung" hat der Historiker Götz Aly diese politische und psychologische Selbsttherapie genannt. Die Berichte über die großen NS-Prozesse zu Beginn der sechziger Jahre lasen sich in der Presse wie Nachrichten aus einer Welt von Mord und Totschlag, mit der niemand etwas zu tun hatte. Unsere Nächsten, unsere Verwandten? Wir doch nicht mit denen! "Es redet sich nicht leicht darüber", bestätigte der alte weise Mahner Hans-Jochen Vogel, Jahrgang 1926, Scharführer in der Hitlerjugend und Unteroffizier in der Wehrmacht, nachdem er den ZDF-Film gesehen hatte.
Bücher, Theaterstücke, Kino- und Fernsehfilme, Ausstellungen und Fotos bildeten die Etappen und manchmal die schmerzhaften Zäsuren eines Marathonlaufs der Aufklärung. Der 1903 geborene Politologe Eugen Kogon, von September 1939 bis April 1945 Häftling im KZ Buchenwald, veröffentlichte schon 1946 sein Standardwerk "Der SS-Staat". Es wurde in Deutschland über 500 000-mal verkauft.
Der Eichmann-Prozess 1961 in Jerusalem, über den die Philosophin Hannah Arendt berichtete, entdämonisierte den Typus des Schreibtischtäters und Organisators der Judendeportationen, indem er seine "schiere Gedankenlosigkeit" spektakulär offenbarte. Die furchtbare "Banalität des Bösen" zeigte sich darin, so Arendt, dass Eichmann außer einer ungewöhnlichen Beflissenheit, alles zu tun, was seinem Fortkommen dienlich sein konnte, überhaupt keine Motive hatte: eine jämmerliche Figur ganz ohne teuflische Faszination zwar, aber eben doch nicht alltäglich.
Im Herbst 1965 führten 15 Bühnen der Bundesrepublik und der DDR am selben Tag das Stück "Die Ermittlung" des Schriftstellers Peter Weiss auf, eine Theatralisierung der Auschwitz-Prozesse, die zwei Jahre zuvor in Frankfurt begonnen hatten. Eine solche Simultanpremiere in Ost und West hatte es noch nie gegeben.
Kurz vor Ausbruch der Studentenrevolte 1968 verfassten die Psychoanalytiker Margarete und Alexander Mitscherlich ihre Studie über "Die Unfähigkeit zu trauern". Der Titel wurde zum geflügelten Wort; das Forscherpaar beschrieb die Deutschen nach 1945 als eine Gesellschaft, die die Entwertung ihres Selbstgefühls nur durch das Abschalten der peinlichen Erinnerungen habe ertragen können und deswegen in eine auffällige Gefühlsstarre verfallen sei.
Die 68er-Bewegung verlangte in radikal inquisitorischer Manier Rechenschaft von den Vätern - und ähnelte ihnen doch unbewusst in der Bereitschaft, sich einer großen Sache und ihren Idealen bedingungslos hinzugeben. "Ein junger Mensch", urteilten die Mitscherlichs, "der nicht ertragen lernte, seine Eltern einigermaßen realitätsgerecht zu beurteilen, wird auch anderen Bereichen der Außenwelt gegenüber blind sein oder sie verzerrt sehen." Nichts anderes versucht "Unsere Mütter, unsere Väter", als den unverstellten Blick auf die Widersprüchlichkeit der eigenen Eltern zu richten.
Gut zehn Jahre später, 1979, erschloss die amerikanische Fernsehserie "Holocaust" den deutschen Zuschauern anhand des Schicksals der Familie Weiss den Horror der Judenvernichtung. Der vielgelästerte Rührfilm aus den USA zeichnete den Leidensweg von Millionen Juden in die Gaskammern so drastisch nach wie keine Dokumentation zuvor.
Der Franzose Claude Lanzmann rekonstruierte 1985 die "Shoah" in seinem neunstündigen Monumentalwerk ganz ohne Leichenberge und schockierende Bilder, eine neue Art des Eingedenkens durch das Zeigen von Landschaften und Gesichtern. Stimmen, die man hört, berichten von dem, was sich zugetragen hat - ein befreiender Film wie ein leiser, beharrlicher Einspruch.
In seinem Spielfilm "Schindlers Liste" präsentierte Regisseur Steven Spielberg 1993 den guten Deutschen Oskar Schindler, der jüdische Häftlinge für seine Fabrik anheuert und dadurch Hunderten das Leben rettet. Das Ausmaß des Bösen wurde am Beispiel des einen Gerechten sichtbar. Das Gute wie das Böse bleiben letztlich unerklärlich: Warum hat Schindler getan, was er getan hat? Und warum haben nicht mehr Deutsche so gehandelt, wenn er es doch tun konnte?
Ausgerechnet die US-Filme, "Holocaust" und "Schindlers Liste", kamen wohl dem am nächsten, was sich die Seelenkundlerin Mitscherlich an Erinnerung vorgestellt hatte. Flankiert wurden die Anstrengungen des Gedächtnisses von historischen Kontroversen und politideologisch aufgeladenen Debatten, die regelmäßig die in ihrer Friedfertigkeit ruhende Wohlstandsgesellschaft durchschüttelten.
Der Berliner Historiker Ernst Nolte, von Haus aus Philosoph und ein unglücklicher Schüler Martin Heideggers, trieb 1986 die geschichtsrevisionistische Provokation so weit wie kein anderer Wissenschaftler: Mit seiner These, der sowjetische "Archipel Gulag" sei ursprünglicher als der KZ-Staat der Nazis, der Klassenmord der Bolschewiki das Vorbild für den Rassenmord der Nationalsozialisten an den Juden gewesen, relativierte er die deutschen Verbrechen bis an die Grenze zur moralischen Indifferenz.
Ein Jahrzehnt später wiederum ließ die Wucht der Bilder - Fotos lachender und feixender Landser vor Hingerichteten - die Wehrmachtsausstellung des Hamburger Instituts für Sozialforschung zur umstrittensten Schau der neunziger Jahre werden. Trotz etlicher handwerklicher Fehler, falscher Zuordnungen und Bildunterschriften zerstörte sie den Mythos von der sauberen Wehrmacht endgültig. "Der Krieg ist keine Maschinerie", erklärte Institutschef Jan Philipp Reemtsma, "sondern ein Raum, in dem Entscheidungen von Individuen getroffen werden." Getreu dieser Maxime entlässt auch "Unsere Mütter, unsere Väter" seine gebrochenen Helden nicht aus der Verantwortung für das eigene Tun.
Der vermeintliche Anschlag auf die "Ehre" des deutschen Soldaten löste einen Streit aus, der schließlich zur vorläufigen Schließung der Ausstellung führte. Über 150 Divisionen mit insgesamt acht Millionen Soldaten kämpften ab 1941 an der Ostfront. Wie viele davon Verbrechen begingen, ist nicht annähernd geklärt. Wilde und oft genug willkürliche Zahlenspielereien reichen von unter 5 bis zu 80 Prozent.
Warum mordeten Männer, die scheinbar Durchschnittsbürger, ganz gewöhnliche Deutsche waren? Der allgemeinen Bereitschaft zur Bußfertigkeit versetzte 1996 der Amerikaner Daniel Goldhagen einen weiteren schweren Schlag. In seiner Studie "Hitlers willige Vollstrecker" belebte er die These von der Kollektivschuld der Deutschen aufs Neue - ein Volk von Tätern, gefangen in unentrinnbarer Schuld. Goldhagen behauptete, die Vernichtung der Juden sei ein nationales politisches Ziel der Deutschen gewesen, eine gesellschaftliche Norm sozusagen.
Seine Diagnose eines gewissermaßen pathologischen, historisch wie genetisch bedingten Grundzustands der Deutschen löste einen Aufschrei aus. Nichts ist kränkender als die Verweigerung der Vergebung im Schuldkomplex. "Die Geschichte, genauer, die von uns angerichtete Geschichte ist ein verstopftes Klo. Wir spülen und spülen, die Scheiße kommt dennoch hoch", konstatierte Günter Grass in seiner Novelle "Im Krebsgang".
Die Bußpflicht, das wiederholte Ansetzen des Skalpells an sich selbst, ist ein Wesenszug moderner europäischer Befindlichkeit geworden. Deutschland hat keinen Mangel an "Vorturnern der Zerknirschung" (so die provokante Formulierung des französischen Philosophen Pascal Bruckner), es ist übersät mit Gedenkstätten, Erinnerungsorten, seine Geschichte gesäumt von runden und unrunden Jahrestagen des Schreckens und des Grauens.
Das Ausland blickt mit einer Mischung aus Misstrauen und Hochachtung auf diese "immerwährende Buße", ein säkulares politisches Flagellantentum, das zunehmend auch dem Rest Europas als vorbildlich empfohlen wird. Vom Gift der Verdammnis ist ja kaum eine europäische Nation frei, die Verwalter der Schande haben allenthalben gut zu tun. Aber steht der Unabweisbarkeit des Erinnerns nicht auch "das Gebot zu vergessen" entgegen, wie es der Münchner Althistoriker Christian Meier angeregt hat? In früheren Zeiten war nicht Erinnern, das Offenhalten der Wunde, sondern Vergessen, die Amnestie, das Heilmittel, mit einer schlimmen Vergangenheit fertig zu werden.
Für die Deutschen, so scheint es, ist das nicht möglich. Man muss der Schuld ein Ende setzen, nicht der Erinnerung. Deshalb sind auch die fortgesetzten öffentlichen Entschuldigungen so wichtig; in ihnen wird das Wort zur Tat, die Eintracht und Gemeinschaft stiftet. Nur darf die permanente Büßerhaltung nicht zur politischen und moralischen Selbstlähmung führen, kein Alibi werden, hinter dem sich die Verantwortung zu handeln versteckt.
Es gibt eine Art des schlechten Gewissens, das die Sünde nicht wirklich bereut, sondern sich an ihr weidet. Katholische Prediger haben früher gern vier Arten des Gewissens unterschieden: das gute ruhige, das gute aufgewühlte, das schlechte aufgewühlte und das schlechte friedliche. Die erste Kategorie liegt ein für alle Mal außer Reichweite. Deutschland, so kann man bilanzieren, muss aufpassen, dass es nicht in letztere verfällt.
Von Romain Leick

DER SPIEGEL 13/2013
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