30.03.2013

SOZIALDEMOKRATENDas Experiment

Im Herbst will ein Genosse aus Halle an der Saale als erster Schwarzafrikaner in den Bundestag einziehen. Sein Wahlkreis ist eine Hochburg der Rechtsradikalen.
Im Juli 1991 trifft der junge Karamba Diaby eine für einen Schwarzen in Ostdeutschland folgenschwere Entscheidung. Er betritt einen Bus in Halle an der Saale, er hat einen Freund besucht und will zurück ins Studentenwohnheim.
Als er aussteigt, verfolgen ihn zwei Jugendliche. "Stehenbleiben", rufen sie. Diaby dreht sich um, da trifft ihn eine Faust. Die Gläser seiner Brille zerspringen. Er rennt davon, entkommt. Gerade noch.
Im März 2013 beginnen im Wahlkreis 72, Halle, die Vorbereitungen für die Bundestagswahl. Bald werden auch Plakate des Kandidaten in der ganzen Stadt hängen. Darauf wird jener Mann zu sehen sein, der einst von seinen Mitbürgern durch die Straßen Halles gejagt worden war.
Im Herbst will Diaby, 51, Doktor der Chemie, geboren im westafrikanischen Senegal, in den Bundestag. Er ist mit Platz drei auf der SPD-Landesliste abgesichert. Diaby wird aller Voraussicht nach der erste Schwarzafrikaner sein, dem der Einzug ins Parlament gelingt.
Es ist ein Experiment. Halle gilt als eine der Hochburgen des Rechtsradikalismus in Deutschland, bei der Landtagswahl 2011 holte die NPD in manchem Viertel fast zehn Prozent der Stimmen. In einigen Ecken der Stadt ist es lebensgefährlich für Menschen mit dunkler Hautfarbe, nachts allein auf die Straße zu gehen.
Karamba Diaby sitzt mit Anzug und Krawatte im Eiscafé Softi in Halles Innenstadt, gerade hat er sein Wahlkampfteam getroffen. Draußen schießt ein Junge eine tote Taube durch die leere Fußgängerzone. Diaby schwärmt: "Wenn Sie schon einmal in Halle waren, vergessen Sie die Stadt nicht."
Diaby muss Halle schön finden. In den nächsten Monaten ist die Straße sein Ort, da ist der Wahlkampf. "Es kann sein, dass manche Leute Probleme damit haben, dass ich eine andere Hautfarbe habe", sagt er. "Aber ich hoffe auf Akzeptanz, weil ich mich in vielen Projekten engagiere." Er spricht ungern darüber, wie es ist, als Schwarzer Wahlkampf zu machen. Er will den Rassismus im Osten nicht verniedlichen, einerseits. Andererseits möchte er seine Wähler nicht unter Generalverdacht stellen. Diaby lebt seit fast drei Jahrzehnten in Deutschland, seit 2001 ist er deutscher Staatsbürger. Er ist verheiratet mit einer Ostdeutschen und hat zwei Kinder.
1985 ist er mit einem Stipendium nach Leipzig zum Studium gekommen, ein Jahr später zog er nach Halle. In den Jahren, als ihn die Jugendlichen durch die Stadt jagten, schrieb er an seiner Doktorarbeit. "Ich war zu beschäftigt mit meiner Promotion, um mir Sorgen zu machen", sagt er. Das Thema seiner Arbeit lautete: "Schadstoffbelastung deutscher Schrebergärten am Beispiel Halle".
Der Senegalese war damit ins Herz deutschen Kleinbürgertums vorgedrungen. Noch immer wird Diaby gefragt, wenn Laubenpieper Sorgen mit ihrem Gärtchen haben. "In meiner Stadtratsfraktion bin ich der kleingartenpolitische Sprecher", sagt er. Das soll ein Scherz sein. Aber irgendwie stimmt es.
Auch im Wahlkampf möchte er mit deutschen Themen punkten. Bildung, Gerechtigkeit, Umwelt. Linke SPD-Themen. Am liebsten wäre ihm, es würde kein großes Aufheben um seine Herkunft gemacht. Diaby sehnt sich nach Normalität.
Aber ist das im Wahlkampf möglich? In Halle? Vor zwei Jahren rief die "Junge Freiheit" an, er arbeitete in einem Integrationsprojekt. "Die hatten nur zwei kurze Fragen", erinnert er sich. Er hatte den Namen der rechten Postille nicht verstanden und antwortete arglos. In der nächsten Ausgabe druckte die Zeitung ein Foto mit seinem Gesicht. Danach wurde Diaby mit Schmähbriefen überschüttet: Die Absender beschimpften ihn als "Nigger" und "Bimbo", er solle "zurück in den Busch".
Heute habe er keinen Ärger mehr mit rechtsradikaler Gewalt. "Ich kann ein Taxi nehmen, wenn ich in einer unangenehmen Gegend bin." Ein Wahlkämpfer aber muss unters Volk. "Ich bin nicht naiv", sagt er, "ich schließe nicht aus, dass sich jemand provoziert fühlt." Aber er lasse sich nicht einschüchtern. Denn auch wenn es viele nicht akzeptierten: "Ich bin", sagt Diaby, "ein authentisch ostdeutscher Politiker."
Von Gordon Repinski

DER SPIEGEL 14/2013
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