30.03.2013

UNIONDie Entrückte

Die CDU wird zerrissen im Widerstreit zwischen Tradition und Modernisierung. Die Vorsitzende Angela Merkel kann die unterschiedlichen Milieus der Partei nicht versöhnen.
Elisabeth Freifrau von Lüninck hat sich Notizen gemacht, mit Füller in feiner Schrift. Sie zückt eine Lesebrille und trägt vor. "Ich achte die Würde und Rechte von homosexuell empfindenden Menschen und respektiere ihre Lebensweise", sagt sie. "Ich erkläre aber ausdrücklich, dass dies keine Ehe sein kann."
Lüninck ist 80 Jahre alt, sie sitzt auf einem Stoffsessel im Witwenhaus ihrer Familie, auf einer Anhöhe in Ostwig im Hochsauerland. Die Sonne scheint in den kleinen Salon, die Wände sind dunkelrot gestrichen. Ein Foto zeigt sie mit Papst Benedikt bei der Seligsprechung ihres Großonkels Kardinal Clemens August Graf von Galen. Am Kamin steht ein Porträt des Bruders, der im Zweiten Weltkrieg gefallen ist.
Lüninck räuspert sich, blickt kurz auf. Ihr ist wichtig, dass ihr Gesprächspartner alles versteht. "Unsere Partei hat das christliche Menschenbild aus dem Auge verloren." Sie macht eine Pause. "Ich frage mich, wofür die CDU noch steht."
Diese Frage stellen sich im Moment viele CDU-Mitglieder.
Für Lüninck war ihre Partei stets auch ein Stück Heimat; als sie nach ihrer Hochzeit nach Ostwig zog, trat sie auch in die CDU ein.
Roland Rüdinger, ein zupackender Spediteur aus dem baden-württembergischen Krautheim, der früher selbst am Steuer dicker Reisebusse saß, schätzte den wirtschaftspolitischen Pragmatismus der Volkspartei. Nach fast vier Jahren Schwarz-Gelb ist er enttäuscht von Kanzlerin Merkel, wie so viele Unternehmer: "Beim Regieren sind sie einiges viel zu langsam angegangen."
Lars Zimmermann, ein 38-jähriger Stiftungsgründer in lässigen Sneakers, will für die CDU im Berliner Bezirk Pankow in den Bundestag einziehen: "Ich würde mir wünschen, dass die CDU beim Erkennen gesellschaftlicher Themen schneller wird", sagt er.
Lüninck, Rüdinger und Zimmermann sind die Basis der Partei, sozusagen der Bauch. Drei von 477 000 Mitgliedern, die sich nach Feierabend in der Lokalpolitik engagieren und einmischen. Doch jeder von ihnen will eine andere CDU. Ihre Erwartungen lassen sich kaum noch unter einen Hut bringen. Das ist das Problem der CDU und ihrer Vorsitzenden Angela Merkel.
Das einigende Band droht zu zerreißen. Konservative und Kirchgänger fragen sich, ob der CDU Angela Merkels überhaupt nichts mehr heilig ist. Was ist eine Partei noch wert, die ihre Grundsätze aufgibt? Andererseits wird die CDU in den Großstädten kaum gewählt, weil sie zu vermufft erscheint. Die CDU ist mit sich selbst nicht mehr im Reinen. Das wird klar, wenn man sich aufmacht, um die Gemütslage der Partei zu ergründen.
Elisabeth Freifrau von Lüninck ist seit 47 Jahren CDU-Mitglied. Länger als der Partei hält sie nur ihrem Mann die Treue. Ehrenamtlich arbeitete sie als Chefin der Caritas in Meschede, zuletzt mit mehreren hundert Mitarbeitern. Die Mitgliedschaft in der CDU ist für die Freifrau so selbstverständlich wie die Zugehörigkeit zur Kirche. Doch seit gut vier Wochen gilt das nicht mehr.
"CDU will Homo-Ehe einführen", titelten die Zeitungen da. Lüninck griff zur Feder und schrieb einen Brief an ihre Regionalzeitung. "Die CDU verliert ihre Stammwähler - und das mit Recht." Sie werde auch bald nicht mehr dazugehören.
Lüninck merkt natürlich, dass der Zeitgeist sich wandelt. Aber sie findet nicht, dass die CDU sich immer anpassen muss. Was sind flüchtige Stimmungen gegen die ewige Wahrheit der Bibel? Lüninck zitiert aus der Schöpfungsgeschichte, auswendig. "Gott schuf den Menschen als sein Abbild - als Mann und Frau." Nicht das Verfassungsgericht und schon gar nicht "die Parteivorsitzende" könnten sich darüber hinwegsetzen, sagt Lüninck.
Homo-Ehe? Roland Rüdinger schüttelt den Kopf. "Den demografischen Wandel kriegen wir so jedenfalls nicht in den Griff", schimpft er. Außerdem findet er, dass sich die Partei auch mal mit wichtigen Themen beschäftigen könnte. Themen, die ihn interessieren.
Als Spediteur hat er 140 Lastwagen im Einsatz, er muss zusehen, dass das Geschäft läuft. "Unsere Leute und ich wollen einen guten Job machen und dabei Geld verdienen", sagt er. Rüdinger wohnt in Krautheim, knapp eine Autostunde nordöstlich von Stuttgart. Er glaubt nicht, dass es ein Erfolgsrezept ist, wenn seine Partei weiter nach links rückt.
"Die CDU hat immer verstanden, dass man das Geld erst verdienen muss, bevor man es ausgeben kann", sagt der Unternehmer. Heute ist er sich nicht mehr sicher, ob das noch gilt. Wenn die CDU in Berlin über Wirtschaftspolitik redet, dann hört Rüdinger des Öfteren Wörter wie Mindestlohn und Frauenquote. Zuletzt schloss sich mit Annegret Kramp-Karrenbauer ausgerechnet eine CDU-Ministerpräsidentin der Forderung der SPD nach einem höheren Spitzensteuersatz an.
Im Südwesten waren sie noch nie Fans der ostdeutschen Kanzlerin. Inzwischen aber hat Rüdinger jede Hoffnung fahrenlassen, dass Merkel die Prioritäten zurechtrückt. "Vor lauter Suchen nach Mehrheiten fehlt der Standpunkt", klagt er.
Dabei flogen die Sehnsüchte und Hoffnungen nirgends höher als in der Wirtschaft, als Union und FDP 2009 ein Bündnis schlossen. Endlich eine Regierung, die versteht, wie Unternehmen ticken. Das war die Erwartung. Weniger Bürokratie, ein einfacheres Steuersystem, all das wurde im Koalitionsvertrag versprochen.
"Die Bundesregierung hat wichtige Themen nicht durchgebracht", bilanziert Rüdinger heute. Das gilt auch für kleinere Projekte, die für Leute wie ihn extrem wichtig sind, von denen die Menschen aber kaum etwas mitbekommen. Der Spediteur hätte zum Beispiel gern sogenannte Lang-Lkw auf die Straße geschickt, um sperriges Material billiger zu transportieren. Zu dem Punkt gab es sogar eine Vereinbarung im Koalitionsvertrag. Aber Union und FDP trödelten mit dem Gesetz so lange, bis sich die Mehrheit in den Bundesländern gedreht hatte.
Lars Zimmermann sitzt in einem Café in Prenzlauer Berg auf einem zerschlissenen Sofa, aus den Lautsprechern tröpfelt leiser Jazz. Eigentlich wohnt Zimmermann im gutbürgerlichen Berliner Stadtteil Charlottenburg, doch als er 2009 in die CDU eintrat, tat er dies in Pankow, einem Bezirk weit draußen im Osten der Stadt. Hier wächst Berlin mit am schnellsten. "Wir müssen die Gegenwartskultur verstehen", sagt Zimmermann.
Studiert hat Zimmermann unter anderem in den USA, einer seiner Wahlkampfhelfer war für Barack Obama in Bundesstaat Ohio im Einsatz.
In Pankow wohnen viele Kreative, Leute, die bisher nie einen Gedanken daran verschwendet haben, CDU zu wählen. Bei der vergangenen Bundestagswahl kam die Partei auf Platz 4 - hinter Linken, Grünen und der SPD.
Viele Großstädte sind inzwischen CDU-freie Gebiete, trotz Merkels Modernisierungen. Im vergangenen Jahr ging Frankfurt verloren, zuletzt das eigentlich konservative Wiesbaden. Bei der Landtagswahl in Niedersachsen kam die CDU in Stadtteilen wie Hannover-Linden gerade noch auf 19 Prozent.
"Die Partei muss den Menschen zugestehen, eigene Lebensentwürfe zu leben", sagt Zimmermann. Seit Wochen besucht er Bürgerinitiativen und Kitas in seinem Wahlkreis, oft hat sich dort noch nie ein Christdemokrat blicken lassen. Der Empfang ist freundlich, doch die Leute wundern sich. Die CDU? Was will die überhaupt hier?
Die CDU müsse sich öffnen, sagt Zimmermann. Aber je mehr sie das tut, desto mehr entfremdet sie sich von Leuten wie Lüninck. Es wird immer schwieriger, die Milieus zusammenzuhalten. Bis zum Fall der Mauer gab es wenigstens noch ein Feindbild, das die Partei einte: den Kommunismus und die verderblichen Einflüsse der Sozialdemokratie.
"Volksparteien sind nötiger denn je", sagt CDU-Generalsekretär Hermann Gröhe. "Sie gleichen unterschiedliche Interessen aus und stärken den Zusammenhalt in unserer Gesellschaft." Aber was ist, wenn die Unterschiede zwischen Union und SPD nur noch mit der Lupe zu erkennen sind?
Natürlich, Merkel ist beliebt bei den Bürgern, das ist der Grund, warum sich die widerstreitenden Flügel in der Partei noch nicht offen bekriegen. Merkel ist das Versprechen auf die Macht, und die Aussicht darauf hat die Partei bisher noch stets diszipliniert. Aber Merkel ist keine Figur, hinter der sich die ganze Partei sammeln kann. Helmut Kohl hat die CDU zwar auch modernisiert, aber das wurde ausgeglichen durch seine pfälzische Strickjacken-Gemütlichkeit.
Das kann Merkel nicht bieten. An einem Abend im März steht sie in einem Club im Berliner Bezirk Prenzlauer Berg, sie ist gekommen, um mit jungen Start-up-Unternehmern zu sprechen, Lars Zimmermann ist auch da. Es ist ein Abend, wie er ihn sich wünscht, cool und großstädtisch, dazwischen die Kanzlerin, die locker mit den jungen Leuten plaudert.
Zimmermann fühlt sich wohl in seiner Partei. Dieses Gefühl kennt Freifrau von Lüninck schon lange nicht mehr. Wenn sie von der CDU spricht, dann sagt sie "unsere Partei". Den Namen Merkel nimmt sie kaum in den Mund. Für Lüninck ist sie nur "die Vorsitzende".
Von Peter Müller

DER SPIEGEL 14/2013
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