30.03.2013

LUFTFAHRTPrekariat am Himmel

Der Piloten-Job ist heiß begehrt. Weil es zu viele Berufsanfänger gibt, müssen Anwärter sogar für Trainingsflüge bezahlen.
Der Job als Pilot - ein Traumberuf, oder? Die Uniform mit den dekorativen Streifen am Ärmel macht Eindruck. Zudem locken spannende Reisen in ferne Länder, Übernachtungen in Luxushotels und ein Gehalt von bis zu 250 000 Euro im Jahr. Kurz: ein Leben wie Leonardo DiCaprio als falscher Pan-Am-Kapitän in "Catch Me If You Can". So weit das Klischee.
Die Realität sieht für junge Flugzeugführer in Deutschland mittlerweile anders aus. Ein Flyer, der kürzlich unter angehenden Piloten an privaten Flugschulen kursierte, legt den Verdacht nahe, dass die Abiturienten da nach der Ausbildung als modernes Prekariat in die Luft gehen.
In dem Werbezettel offeriert die Berliner Firma Cockpit4u fertig ausgebildeten Flugzeugführern, die noch keine Praxiserfahrung haben, einen befristeten Vertrag als Erster Offizier bei einer "namhaften Airline". Gemeint ist die drittgrößte deutsche Linienfluglinie, Germania, auch wenn die in dem Werbeprospekt nicht konkret genannt wird.
Neben garantierten 300 Flugstunden als Co-Pilot unter Aufsicht eines Trainingskapitäns verteilt über neun Monate und einem Simulatortraining beinhaltet das Paket auch eine spezielle Schulung für den Flugzeugtyp Boeing 737, im Branchenjargon Musterzulassung oder Type-Rating genannt. Beides brauchen angehende Piloten, um sich überhaupt auf Stellenausschreibungen im In- und Ausland bewerben zu können.
Das Angebot hat allerdings einen Haken: Die Kursgebühr beträgt satte 45 000 Euro. Diese Summe kommt zu den bis dahin angefallenen Ausbildungskosten von rund 60 000 Euro noch dazu. Während seines befristeten Einsatzes erhält der Berufsanfänger dann gerade mal eine Bruttovergütung von rund 1500 Euro pro Monat.
Ein Germania-Sprecher betont, es handle sich dabei um "marktübliche Konditionen". Die Airline selbst könne mit Hilfe der Zeitarbeiter die "flugintensive Hochsaison" besser überbrücken. Auch eine Cockpit4u-Sprecherin verteidigt das Modell. Es eröffne Berufseinsteigern "Chancen, die sich im europäischen Markt derzeit nicht bieten". Derartige Trainingsprogramme seien im Ausland schon seit Jahren üblich.
Das stimmt. Auch Firmen in der Schweiz, Großbritannien, den Niederlanden oder Italien ködern deutsche Cockpit-Novizen, um ihnen zu Flugstunden und Airlines in aller Welt zu billigem Personal zu verhelfen.
"Pay for fly" werden die umstrittenen Angebote im Insiderjargon genannt, was frei übersetzt heißt: Wer fliegen will, muss löhnen. "Die nutzen die Notlage dieser Kollegen brutal aus", empört sich Jörg Handwerg von der Pilotenvereinigung Cockpit (VC).
Fliegen die angehenden Flugzeugführer ganz ohne Salär, fällt die vorab zu entrichtende Pauschale entsprechend niedriger aus. Andere Anbieter wie die italienische Firma LineTraining erlauben, die Gebühr in mehreren Tranchen zu begleichen. Dafür verlangt die Firma aber auch 64 000 Euro für 500 Flugstunden, wie aus einem Vertragsentwurf hervorgeht, der dem SPIEGEL vorliegt.
Manche Vermittler exportieren die Jungpiloten sogar - unter anderem nach Indonesien. Dort sind die Lebenshaltungskosten niedriger, oft allerdings auch die Sicherheitsstandards der Airlines. Viele Nachwuchsflieger riskieren die gefährlichen Auslandseinsätze trotzdem, weil sie die Flugstunden dringend brauchen und inländische Fluggesellschaften kaum noch Bedarf an zusätzlichem Personal haben.
Dabei hielt sich in Deutschland lange das Gerücht: Wer's Fliegen liebt und fit ist,
findet immer eine Lösung für den Aufstieg ins Cockpit. Als Königsweg galt die Ausbildung bei der Lufthansa. Früher gab es die sogar gratis, heute wird eine Selbstbeteiligung von 60 000 Euro fällig.
Wer die strenge Aufnahmeprüfung dort nicht schaffte, bewarb sich bisher für die Grundausbildung einfach bei einer privaten Schule und besorgte sich Flugstunden samt Musterzulassung für einen bestimmten Flugzeugtyp ohne Zusatzkosten bei einer anderen Airline - in der Hoffnung auf eine spätere Übernahme.
Doch das funktioniert nicht mehr. Seit aggressive Billig-Airlines und die Konjunkturschwäche in Europa selbst angestammten Fluglinien zu schaffen machen und kleinere Gesellschaften vom Markt verschwinden, schrumpft die Nachfrage nach Flugzeugführern.
Selbst die Lufthansa hat ihre Lehrgänge für das laufende Jahr vorübergehend ausgesetzt. "Ich kann von einer Ausbildung zum Piloten im Augenblick nur abraten", warnt VC-Sprecher Handwerg.
Nach Berechnungen seiner Gewerkschaft gibt es in Deutschland bereits jetzt über 1500 arbeitslose Piloten, Tendenz: steigend.
Das hindert private Ausbildungsstätten im In- und Ausland allerdings nicht, immer neue Absolventen zu produzieren. Sie bringen das Geld ja praktischerweise gleich selbst mit.
Das Nachsehen haben die Flugschüler. VC-Sprecher Handwerg, im Hauptberuf Lufthansa-Kapitän, will dem Treiben nicht länger tatenlos zusehen. "Wir werden uns dafür einsetzen, dass die Abzockerei unserer jungen Kollegen künftig verboten wird."
(*) Leonardo DiCaprio in dem Film "Catch Me If You Can", 2002.
Von Dinah Deckstein

DER SPIEGEL 14/2013
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