30.03.2013

LANDWIRTSCHAFTKugelschuss auf der Weide

Alternative zum Schlachthof: Landwirte dürfen ihre Rinder vom Hochsitz aus erschießen. Beschert das den Tieren einen stressfreien Tod?
Gut 500 Kilogramm Lebendgewicht dürfte jedes der sieben Galloway-Rinder auf die Waage bringen. Friedlich mampfend sind sie an diesem Morgen aus ihrem hölzernen Unterstand ins diesige Licht getrottet.
Als der Schuss fällt, heben sie kurz den Kopf, um zu sehen, woher der Lärm kam. Doch gleich darauf sind sie wieder mit sich selbst beschäftigt. Dass ein dreijähriger Ochse neben ihnen zusammenbricht, scheint sie nicht zu stören.
Im selben Moment vollzieht sich rund um das abgegrenzte Gelände eine ausgeklügelte Choreografie. Ein Tor öffnet sich an der Längsseite des Schuppens. Menschen erscheinen auf der Bildfläche, die Tiere ziehen sich ohne Hast in den Unterstand zurück. Knapp 60 Sekunden später baumelt der getroffene Ochse ein paar Meter entfernt kopfüber von einem Frontlader und blutet über einer Wanne aus.
Zweimal fegt der Tod aus der Büchse auf dem Grundstück des Bioland-Hofs Bunde Wischen in Schleswig in die Herde der für diesen Tag vorgesehenen Schlachtkandidaten. Jeder Handgriff sitzt, kein lautes Wort ist zu hören. Noch nicht einmal eine Stunde nach Beginn der Aktion biegt der Hänger mit den beiden leblosen Tierkörpern auf den Hof eines nahe gelegenen Schlachtbetriebs.
"Das geht alles sehr schnell und reibungslos", sagt Stefanie Retz. Nach den Schüssen hat die zierliche 28-Jährige auf den Knien kauernd geprüft, ob die Reflexe und Vitalfunktionen der Tiere erloschen sind. "Dass sie nicht mehr atmen, sieht man bei diesem nasskalten Wetter sehr schön, weil sich keine Wölkchen vor den Nüstern bilden", erklärt sie.
Zusammen mit ihrer Kollegin Katrin Juliane Schiffer verfolgt die Agrarwissenschaftlerin von der Universität Kassel in dem norddeutschen Biobetrieb ein Projekt, das wie Wildwest auf dem Bauernhof klingt: Der Tod für die Weiderinder kommt im Rahmen der Studie nicht durch den Bolzenschuss und das Ausblu-
ten im Schlachthof, sondern aus dem Lauf eines Jagdgewehrs.
"Die Tiere sollen dort, wo sie gelebt haben, einen stressfreien Tod haben, das ist das oberste Ziel", sagt Retz. Gerade für Weiderinder, die es nicht gewohnt sind, eingepfercht zu werden, seien der Abtransport und das Fixieren für den Bolzenschuss eine "enorme Qual".
Als Alternative propagieren die Betreiber des Biohofs die "Kugelschussmethode", die sie gemeinsam mit den Forscherinnen "nachgesteuert und optimiert"
haben, wie es Geschäftsführer Gerd Kämmer ausdrückt. Die Rinder stehen in einer Gruppe auf einem abgeschlossenen Areal, das von einem soliden Holzzaun und einem Erdwall umgeben ist.
Die maximale Schussentfernung für den Schützen auf dem Hochstand beträgt zehn Meter. Durch Anfüttern sind die Tiere sowohl an das Gebäude wie auch an das Freigehege gewöhnt - ihr letzter Tag im Leben beginnt daher so unschuldig wie jeder andere Tag zuvor.
Der Mann am Gewehr muss oft mehrere Minuten warten, bis eines der Rinder richtig steht. "Nur wenn er sich mit der Anatomie der Tiere auskennt und einen bestimmten Punkt an der Stirn trifft, ist das Tier sofort betäubt und in den meisten Fällen tot - das kann nicht jeder Hobbyjäger", sagt Retz.
Bei mehr als 40 Abschüssen auf der Todesweide haben die Forscherinnen mittlerweile sekundiert. "Nach unseren bisherigen Erkenntnissen ist die Methode für die Rinder schmerzfrei", berichtet Retz. Auch die umstehenden Tiere gerieten durch den Tod des Artgenossen entgegen allen Erwartungen nicht in Panik.
Seit November vergangenen Jahres können in Deutschland Halter von Weiderindern bei dem zuständigen Kreisveterinär Ausnahmegenehmigungen für den Kugelschuss und das Ausbluten auf der Weide beantragen. Das Interesse bei den Landwirten ist groß. Allerdings scheint die Methode noch nicht überall zu funktionieren.
"Wir sehen bei vielen Schützen noch keine sichere Schussleistung - jeder vierte Schuss, den ich bei Einladungen beobachte, geht daneben", berichtet Martin von Wenzlawowicz, Tierarzt in Schwarzenbek und Mitglied der Tierärztlichen Vereinigung für Tierschutz.
Auch andere fordern deshalb strengere Kontrollen. "Wenn das nicht ordentlich gemacht wird, sollte man lieber aufhören damit", rät der am Schleswiger Forschungsprojekt beteiligte Veterinär.
Biohof-Chef Gerd Kämmer ficht das nicht an. Gut 600 Galloway-Rinder grasen auf den bis nach Hamburg reichenden Liegenschaften des Betriebs, rund 170 davon müssen jährlich geschlachtet werden.
Seit sich die Botschaft vom stressfreien Tod der Tiere herumgesprochen hat, ist der Umsatz im Hofladen gestiegen - "plötzlich sind Kunden aufgetaucht, die wir hier noch nie gesehen haben", sagt Kämmer.
Nach dem Abschluss der Studie planen die Ökolandwirte den Tod durch die Kugel im Wochenrhythmus. "Wir machen es im Interesse der Tiere", versichert Kämmer. "Für uns ist das die konsequente Fortsetzung der artgerechten Tierhaltung bis in den Tod."
(*) Auf dem Biohof Bunde Wischen in Schleswig.
Von Günther Stockinger

DER SPIEGEL 14/2013
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