30.03.2013

SOZIOLOGIEEinzigartig tot

Zwei Forscher haben deutsche Grabsteine untersucht: Sie fanden Erinnerungen an Kiss-Fans, Panzer und Statuen von Nackten - der Friedhof als eine Art Facebook.
Christian, braungebrannt, macht auf seinem Grabstein ein vergnügtes Gesicht. Den Daumen nach oben gestreckt, lacht er. Ein Schnappschuss, wohl aus dem letzten Urlaub.
Thorsten Benkel schaut kurz, fotografiert, dann eilt er weiter. Sein Mitarbeiter Matthias Meitzler ihm hinterher, zu zweit schreiten sie die Gräberreihen des Frankfurter Südfriedhofs ab.
Schon einmal, vor rund hundert Jahren, seien Fotos auf Grabsteinen üblich gewesen, sagt Benkel, der als Soziologe an der Universität Frankfurt am Main arbeitet. Dann kamen die Nazis, der Zweite Weltkrieg brach aus, es wurde viel gestorben. Was zählte, war das Kollektiv, nicht der Einzelne. Die Fotos kamen aus der Mode.
Benkel stoppt wieder, entschuldigt sich. Das müsse er fotografieren: "Mutti ist die Beste" steht dort eingemeißelt.
In den Jahrzehnten nach dem Krieg habe sich die Gesellschaft geändert, erzählt er weiter. Säkularisierung, Individualisierung, die Kirche wurde schwächer, das Ich wichtiger, das Bildnis auf dem Friedhof wieder schick.
Benkel erinnert sich an die lebensgroße Statue eines Eisengießers. Oder die einer nackten, sich räkelnden Frau. "Eine durchaus erotische Pose", sagt er, "und das auf einem Dorffriedhof."
Ende der sechziger Jahre klagten Bürger sogar vor Gericht für mehr Freiheit auf dem Friedhof. Wissenschaftler lästerten damals noch über "Gleichschaltung" und über Gräber, so einfallslos wie Reihenhaussiedlungen. Benkel hingegen sieht Ausbrüche, erkennt Trends. Eigenartiger, überraschender, selbstbezogener seien die Gräber geworden, und das sei gut so: "Der Friedhof ist ein öffentlicher Ort, er muss und er wird die Veränderungen der Gesellschaft abbilden."
Benkel deutet auf ein Exemplar, Stein massiv, eigentlich ein Klassiker. Darauf gucken treu fünf Kätzchen und ein Hundewelpe, eingerahmt von einem Regenbogen. Den meisten Kitsch, aber auch die ergreifendsten Abschiedsbekundungen gebe es auf Tierfriedhöfen.
"Feldforschung zwischen Wien und Berlin" nennt Benkel, was er macht. 270 Friedhöfe haben er und Meitzler in den vergangenen zwei Jahren besucht, 19 000 Grabsteine fotografiert und archiviert. Eine Soziologie des Friedhofs.
Auf seinem Handy wischt Benkel durch seine Fundstücke: Super Mario, hüfthoch und in Farbe. Die Statue eines verstorbenen Jungen, in Trikot und mit Fußball. Eingebaute Zahnbürsten und Festplatten der Verstorbenen. Tote, die sich als "Raumschiff Enterprise"-, Kiss- oder Metallica-Fans bekennen. Und viele Porträts: Johanna (1936-2010), ein Foto mit ihrem Mann, er küsst sie auf die Wange. Andere Aufnahmen stammen aus dem Getränkemarkt oder von der Kegelbahn. In Frankfurt am Main räkelt sich auf einem Bild eine Frau im Negligé.
Der Friedhof von heute, so scheint es, hat etwas von Facebook; der Grabstein als letztes Profil, für Jahrzehnte in Stein gemeißelt. Es ist die finale Chance festzulegen, wer man war - oder sein wollte, auch wenn die Deutungshoheit bei den Hinterbliebenen liegt.
So ziehen manche am Ende Bilanz, öffentlich und ohne Scham: "Ich habe viel gewollt, aber nicht alles erreicht". In Mannheim wählte einer deutlichere Worte: "Alles Scheiße". Andere drohen noch ein letztes Mal: "Mein ist die Rache".
Im Kosmos Friedhof findet sich vieles, was entsteht, wenn Menschen aufeinandertreffen: Trendsetter (Nachbargräber kopieren einander), beliebte Motive (Autos, vereinzelt auch Panzer), Moden (die Rose ist das neue Kreuz), regionale Eigenheiten (der Ruhrpott ist konservativer, der Osten liberaler).
Zugleich erstarkt eine Gegenbewegung: das anonyme Grab. Nichts verrät, wer und ob hier jemand liegt. Das mag eine Flucht sein vor all der Inszenierung oder auch nur kostengünstig gedacht.
Benkel und Meitzler haben Theologen, Bestatter und Steinmetze interviewt. Die fügen sich den Wünschen der Hinterbliebenen, soweit es die jeweiligen Friedhofsregeln erlauben. In Bergisch Gladbach gibt es nun ein Grab mit QR-Code: einem Symbol, das, abfotografiert mit dem Handy, zu Videos und Fotos im Internet verlinkt.
Noch sind persönliche Gräber die Ausnahme, vielleicht fünf Prozent, schätzt Benkel. Wohl weil es Ältere sind, die sterben, und diese sich eher konservativ beerdigen lassen. Aber auch weil das Ausgefallene teuer sei und viele nicht wüssten, was möglich sei, glaubt er. Ohnehin wird etwas mehr als die Hälfte der Verstorbenen in Deutschland eingeäschert.
Benkel selbst findet Sprüche charmant. "Lach doch mal" und "Mach was aus deinem Leben" hat ihn amüsiert. Und alles, was rätselhaft wirkt: "Lasst uns die nächste Revolution im August beginnen".
Von Laura Höflinger

DER SPIEGEL 14/2013
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