30.03.2013

Wagners Schatten

Vor 200 Jahren wurde der umstrittenste deutsche Komponist geboren. Noch immer begeistert seine Musik die Menschen, noch immer tun sie sich schwer, weil auch die Nazis sich daran berauschten. Wem gehört Richard Wagner? Von Dirk Kurbjuweit
Stephan Balkenhol ist nicht ergriffen, nicht überwältigt, nicht begeistert. Er grübelt nicht über den Mythos und das Böse nach. Er leidet nicht. Er ist nicht angewidert. Er dreht sich eine Zigarette, dann steht er auf, kramt in seinem Plattenschrank und zieht einen uralten "Tannhäuser" von Richard Wagner heraus, eine ungarische Aufnahme, er hat sie auf einem Flohmarkt gekauft. Er legt die Platte auf, Vorspiel, es knistert. Balkenhol setzt sich wieder und raucht so langsam, wie er redet. Die Musik erwähnt er nicht, noch immer keine Ergriffenheit, keine Überwältigung, keine Begeisterung. Es läuft halt Musik.
Damit ist Balkenhol, 56, eine Ausnahme, eine absolute Ausnahme unter den Menschen, die sich mit Richard Wagner befassen. Er bleibt gelassen. Er legt zwei Steaks in die Pfanne, es brutzelt, der "Tannhäuser" ist kaum noch zu hören.
Balkenhol ist Bildhauer, bis zum 22. Mai muss er eine Skulptur Wagners erschaffen haben, dann wird in dessen Geburtsstadt Leipzig das neue Denkmal enthüllt, an Wagners 200. Geburtstag. Es ist Wagner-Jahr. Balkenhol bringt das nicht aus der Ruhe. Die Ähnlichkeit bekommt er schon hin, da macht er sich keine Sorgen, ein markantes Gesicht, eine hohe Stirn, eine gewaltige Nase, ein starkes Kinn. Wagner war ein bisschen hässlich, und Balkenhol wird daran nichts ändern.
Viel Bronze braucht er nicht. Wagner war 1,66 Meter groß, viel größer wird ihn Balkenhol nicht machen. Er will der Skulptur ein menschliches Maß geben, keine Überhöhung, kein Pathos. Ein Männlein auf einem Sockel. Aber das wäre dann doch zu wenig gewesen, hätte Wagners Bedeutung nicht entsprochen. Balkenhol stellt deshalb einen riesigen Schatten hinter die Figur. Den könne jeder deuten, wie er mag, sagt Balkenhol: als Symbol für ein Werk, das größer ist als der Mensch, der es geschaffen hat. Als dunklen Schatten, den Wagner bis heute wirft.
Es ist ein Schatten, in dem sich Musik und Holocaust verbinden, das Schönste, was Menschen geschaffen haben, und das Schlimmste, was Menschen angerichtet haben. Wagner, das wahnsinnige Genie, war nicht nur Komponist, er hatte auch Einfluss auf Adolf Hitler und das "Dritte Reich", obwohl er schon tot war, als der zwölfjährige Hitler seine Musik zum ersten Mal live hörte, den "Lohengrin", 1901 im Stehparkett in Linz. Später schrieb Hitler darüber: "Mit einem Schlage war ich gefesselt."
Vielen geht das so. Sie hören Wagner und sind gefesselt, überwältigt, ergriffen, begeistert. Die Frage, die sich daraus ergibt, stellt Nike Wagner, die Urenkelin des Komponisten, so: "Dürfen wir seine Werke mit Vergnügen hören, obwohl wir wissen, dass er ein Antisemit war?" Das größere Thema dahinter heißt: Gibt es für Deutsche einen unbeschwerten Genuss, der aus der Geschichte kommt?
Die Nazi-Jahre liegen wie ein Sperrriegel vor der Erinnerung an das gute Deutschland, an die Komponisten, Dichter und Philosophen, die der Welt im 18. und 19. Jahrhundert so viel Schönheit und Erkenntnis beschert haben, Kant, Hegel, Goethe, Schiller, Beethoven, Wagner, die Romantiker. Trotzdem haben sich die Deutschen einen Hitler erwählt und haben unter seiner Führung ein Inferno entfesselt. Aus der Kulturnation wurde in wenigen Jahren ein Volk moderner Barbaren. Oder war es gar nicht trotzdem, sondern auch deshalb, aus Entrücktheit, Überwältigungsfuror, Erlösungswahn? Es waren nicht nur dumpfe Massen, die dem Führer gefolgt sind. Auch die kulturelle Elite war auf den Knien.
Manche wurden dafür später zumindest zeitweise gebannt, wie ein Ernst Jünger, ein Gottfried Benn oder ein Martin Heidegger. Bei Wagner ist das komplizierter. Er war ja nicht dabei. Aber Hitler konnte von ihm lernen. In Hitler steckte auch ein Wagner, und deshalb steckt in der Erinnerung an Wagner auch ein Hitler.
Daher ist der Schatten so groß. Wenn es um Wagner geht, geht es um vergällte Geschichte, um den gestörten Genuss der Deutschen an sich selbst, an den schönen, hehren Seiten der eigenen Geschichte. Wer sich mit ihm befasst, kann zwei große Mächte spüren, die helle der Musik und die dunkle der Nazi-Zeit. Es gibt viele Menschen, die sich dieser Wirkung nicht entziehen können, nicht entziehen wollen. Sie sind der Wucht Wagners ausgeliefert. Um solche Menschen soll es hier gehen, um Menschen, deren Leben in den Bann Wagners geraten ist und die es nicht leicht damit haben.
Die dunkle Seite Wagners hat der Publizist Joachim Köhler, 60, besonders drastisch beschrieben, 1997 in seinem Buch "Wagners Hitler - der Prophet und sein Vollstrecker". Er macht Hitler auf 500 Seiten zu einem Geschöpf Wagners. Als Hitler die Oper "Rienzi" hörte, kam ihm "erstmals der Gedanke, auch so ein Volkstribun oder Politiker zu werden", zitiert ihn Köhler.
In Wagners Hassschrift "Das Judentum in der Musik" konnte Hitler lesen, wie weit man Antisemitismus treiben kann. Der Komponist beschwört den Untergang der Juden. In den Opern entdeckte Köhler jede Menge Judenhass. Figuren wie Mime aus "Siegfried" oder Kundry aus "Parsifal" seien üble Karikaturen des angeblich minderwertigen Juden. Im "Parsifal" fand Köhler einen Vorgriff auf die Rassenlehre der Nazis, Propagandaminister Joseph Goebbels zitiert er mit dem Satz: "Was der Jude ist, hat uns Richard Wagner gelehrt."
Wagners Schwiegertochter Winifred lud den jungen Hitler schon in den zwanziger Jahren auf den Grünen Hügel nach Bayreuth ein. Als er in Festungshaft "Mein Kampf" schrieb, schickte sie ihm Tinte, Bleistifte und Radiergummis. Nach Köhlers Lesart von 1997 war der Grüne Hügel ein Hort des Bösen und Wagner der Urvater des Holocaust.
Hort des Bösen am 25. Juli 2012, Premiere des "Fliegenden Holländers": Bundeskanzlerin Angela Merkel ist gekommen, mit ihr ein halbes Dutzend Spitzenpolitiker aus Berlin. Es ist heiß, Smokings, lange Kleider, große Frisuren, die mit den Stunden kleiner werden. Die Bayreuther Festspiele sind noch immer das gesellschaftliche Ereignis des Landes, sind dabei aber glanzlos deutsch. Man vertilgt in großen Mengen Bratwurst, die berühmte Bratwurst der Bayreuther Festspiele, die es nun auch als Hummer-Bratwurst gibt, und damit ist alles gesagt. Auch die vernobelte Bratwurst bleibt eine Bratwurst, und deutsche Gesellschaft ist immer Bratwurst-Gesellschaft, gibt sie sich auch noch so fein.
Spielt die Musik, wird das Festspielhaus bald zum Notstandsgebiet. Die Stühle sind hart und stehen eng, es ist warm und stickig. Unruhe, die Männer ziehen ihre Smokingjacken aus, die Frauen fächern mit ihren Programmheften, es riecht bald streng, unten rechts wird eine alte Frau rausgetragen, sie lebt. Aus den Taschen der Smokingjacken, die sich die Männer über die Knie gelegt haben, rutschen bald die Handys und krachen zu Boden. Es kracht und kracht, während Christian Thielemann den "Holländer" dirigiert.
Ungefähr in der Mitte des Parketts sitzt ein junger Mann, der eine Hand auf das Bein seiner Begleiterin gelegt hat. Bei jedem Einsatz der Sänger zuckt er nach vorn, als könnte er damit zum Gelingen beitragen. Als am Ende der Applaus losbricht, steht er auf und drückt sich an den Sitzenden vorbei zum Ausgang. Die Sänger werden gefeiert, der Dirigent wird gefeiert, Klatschen, Trampeln, Jubeln, eine Flut von Bravos, und dann tritt der junge Mann aus dem Parkett auf die Bühne, und es wird noch lauter, aber jetzt sind es Buhs und Pfiffe, laut und schrill.
Acht Monate später sitzt der junge Mann in einem Restaurant in Mainz. Er heißt Jan Philipp Gloger und war der Regisseur des "Holländers" von 2012. "Ich war vorbereitet auf die Buhs", sagt er, und tatsächlich kommen die Regisseure in Bayreuth oft schlecht weg. Gloger, 32, kann gut mit den Buhs leben, sie sind normal. Aber da war noch etwas anderes, etwas Schlimmeres. Gloger hat einen Überfall aus der Geschichte erlebt. Plötzlich war Hitler wieder da, und Hitler in Bayreuth, das ist eine große Geschichte, noch immer.
Er wusste nicht viel über Wagner, als er die Einladung auf den Grünen Hügel bekam. Er las Biografien und nahm dabei Wagner "als Mensch mit einem schrecklichen Leben" wahr. Er benutzte Frauen, betrog Freunde und winselte ständig nach Geld, um seinen luxuriösen Lebensstil zu finanzieren. Wie Wagner war, zeigt dieser Fall: Er unterhielt eine Beziehung mit Cosima von Bülow, der Frau eines Dirigenten, der viel für Wagner arbeitete. Sie hatte ein Kind von Wagner, das sie ihrem Mann unterschob. Als Gerüchte über die Affäre aufkamen, verfasste Wagner eine Ehrenerklärung für Cosima, die er von seinem Gönner Ludwig II., König von Bayern, unterschreiben ließ. Jahre später heiratete Wagner Cosima.
Er war auf der Flucht vor Gläubigern, als er auf der Nordsee in einen schweren Sturm geriet, von dem er sich, so die Legende, zum "Fliegenden Holländer" anregen ließ. Gloger wollte eine Inszenierung ohne Anspielungen auf Wagners Antisemitismus oder die Nazis, er wollte nicht das Früher, nicht immer Hitler, er wollte das Jetzt. Aus dem Holländer machte er einen "modernen Reisenden", der "an Ruhelosigkeit und emotionaler Leere" leidet. Sein Darsteller war der russische Bassbariton Jewgenij Nikitin, der bei den Proben, sagt Gloger, ein "immenses Einfühlungsvermögen" zeigte und manchmal unter Tränen sang.
Gloger schaute sich in Bayreuth die Proben zum "Lohengrin" an, als jemand kam und sagte, es gebe ein Problem. Auf Nikitins Körper waren Runen tätowiert, wie sie auch die SS verwendet hatte. Gloger trank ein Bier mit Nikitin, und der sagte ihm, dies sei ein spirituelles Zeichen der Wikinger. Dann stellte sich heraus, dass sich Nikitin auch etwas auf die Brust hatte tätowieren lassen, das aussah wie ein Hakenkreuz. Da waren es noch fünf Tage bis zur Premiere.
Sofort legte sich die deutsche Vergangenheit über die deutsche Gegenwart. Kann man mit Runen und einem Hakenkreuz auf der Brust in Bayreuth singen, trotz "Das Judentum in der Musik", trotz Winifred und Hitler? Nikitin zog sich zurück, Gloger probte hastig mit einem anderen Bassbariton, und am Tag der Premiere wollte er den Journalisten auf einer Pressekonferenz klarmachen, dass es doch um seine Inszenierung gehe, dass er und sein Team viel und gut gearbeitet hätten und so weiter. Es war sehr heiß in dem Presseraum, und es war eine sehr deutsche Situation. Jemand sagt, dass es doch noch etwas anderes gebe als Hitler, dass nicht immer alle über Hitler reden und schreiben sollen, und dann geht es wieder nur um Hitler.
Als Gloger in dem Mainzer Restaurant davon erzählt, wirkt er wie ein Geschlagener der deutschen Geschichte. Er sagt, dass man eine solche Chance nur einmal bekomme, "das war vermutlich die größte Produktion meines Lebens". Was davon bleiben wird, ist ein Hakenkreuz auf der Brust eines Sängers, der deshalb nicht gesungen hat. Gloger sieht jetzt traurig aus, ein Mann, der jung nach den Sternen griff und auf eine tragische Weise gescheitert ist, wie Siegfried. Wer sich auf Wagner einlässt, kann bald so wirken wie eine Figur Wagners. Über dem Grünen Hügel liegt immer noch ein Zauber, ein guter und ein böser.
Den guten Zauber erlebt Jonathan Livny, 65, jedes Mal, wenn er in Bayreuth ist, und er kommt oft. Dann lauscht er in den Pausen auf die Gespräche der Leute und freut sich, wenn er Hebräisch hört, seine eigene Sprache, er ist Israeli. Livny liebt die Musik von Wagner.
Sein Vater war ein Jude in Deutschland, der in den dreißiger Jahren begriff, dass Unheil drohte, und nach Palästina auswanderte, als Einziger seiner Familie. Alle anderen wurden umgebracht. Sein Sohn Jonathan sagt heute: "Gott ist in Auschwitz gestorben."
Er sitzt im Foyer eines Hotels in Jerusalem neben einem späten Weihnachtsbaum. Er weint, als er von seiner verlorenen Familie erzählt. Dann sagt er, dass sein Vater Schallplatten aus Deutschland mitgenommen habe, darunter Wagners "Die Meistersinger von Nürnberg", von denen es bei Köhler heißt, dass Hitler die Melodien summen und pfeifen konnte. "Mein Vater liebte Wagner", sagt Livny, der um die halbe Welt reist, um Wagners Hauptwerk "Der Ring des Nibelungen" sehen zu können. Er zählt auf, wo er ihn schon gesehen hat: Toronto, San Francisco, Straßburg, Berlin, Paris, Sydney, London, Mailand, Wien, Los Angeles.
Livny ist ein Mann, der lebhaft und schnell erzählt. Er trägt eine bunte Brille und ist mit einem Motorroller zum Hotel gekommen. Er hat zweimal versucht, Wagner öffentlich in Israel aufführen zu lassen. Das ist nicht verboten, aber Livny ist zweimal gescheitert.
Das lag auch an Noah Klieger, 86, Journalist, ebenfalls Israeli. Klieger hat Auschwitz überlebt, weil er sich dort als Boxer ausgab, obwohl er kein Boxer war. Die höhere Essensration für die Boxstaffel hat ihn gerettet. Klieger erzählt so lebhaft wie Livny, aber nicht ganz so schnell.
Klieger bekämpft Konzerte in Israel nicht deshalb, weil Wagner ein Antisemit war. Dann müsste er auch gegen Aufführungen von Richard Strauss kämpfen, sagt er. "Wagner war mehr als ein Antisemit, er wollte die Vernichtung aller Juden." Als Beleg nennt er einen Brief an Cosima, die ihrem Mann von einem Brand in einem Theater in Wien berichtet hatte. Wagners Antwort: "Es sollten alle Juden in einer Aufführung des ,Nathan' verbrennen." Wer wolle, könne diesen Wagner zu Hause hören, sagt Klieger, ein öffentliches Konzert finde er unerträglich. Er weigerte sich, an einer öffentlichen Diskussion mit Livny teilzunehmen.
Livny sagt, dass Klieger "ein professioneller Holocaust-Überlebender" sei. In Israel gilt dies als Schmähung für Leute, deren Standpunkt in öffentlichen Debatten von ihren Erlebnissen während der Nazi-Zeit bestimmt wird. "Wagner war ein scheußlicher Mann, aber er hat himmlische Musik gemacht", sagt Livny. Er trennt Werk und Mensch. Deshalb will er in diesem Jahr keinen neuen Anlauf machen. Das sähe aus, als wolle er im Wagner-Jahr Wagner ehren. Will er nicht. Die Musik, es geht nur um die Musik.
Vor zwei Jahren hat er den israelischen Wagner-Verband gegründet, "um das letzte Symbol des Deutschen-Hasses zu brechen". Israelis würden mittlerweile am liebsten Volkswagen kaufen, "obwohl das eine Erfindung von Hitler war". Deshalb versteht er Leute wie Klieger nicht.
Er sei bespuckt worden, sagt Livny, jemand habe angerufen und gesagt, dass sie ihn schon kriegen würden. "Je mehr man mich bedroht, desto mehr möchte ich, dass es ein Konzert gibt. Die Musik ist nicht antisemitisch."
Gibt es das, eine Musik ohne Kontext, ohne Entstehungs- und Wirkungsgeschichte? Also: zwei Versuche, über die Musik zu reden, nur über die Musik.
Christian Thielemann, 54, Dirigent und Spezialist für Wagner, kann erzählen, wie es ist, diese Musik in Bayreuth zu spielen. Man müsse "flüssig bleiben", habe ihm der ehemalige Festspielleiter Wolfgang Wagner gesagt, man müsse "Strecke machen", habe dessen Frau Gudrun ergänzt, und so macht es Thielemann auch, bleibt flüssig und macht Strecke, was auch immer das heißt. Im Orchestergraben steht ein Telefon, und wenn es bei den Proben leuchtete, wusste er schon, dass ihm Festspielleiter Wolfgang Wagner sagen wollte, es sei "zu laut, zu laut, zu laut". Man sei sehr schnell zu laut in Bayreuth, deshalb gelte: "Nie forte" dirigieren. "Wenn der Dirigent zu sehr genießt, ist das der Anfang vom Ende", sagt Thielemann. In dieser Musik liegt offensichtlich so viel Wucht, dass ein Dirigent sie zärtlich behandeln muss, da sie sonst zu einem Bombardement würde.
Wie es ist, diese Musik zu hören, kann Markus Käbisch, 45, schön beschreiben. Er hat Musik studiert, ist nun aber Unternehmer in der Solarbranche. Er lebt in Leipzig, dem Geburtsort Wagners, und irgendwann fiel ihm auf, dass der Komponist "in Leipzig kaum Erwähnung findet". Er gründete einen Verein, der der Stadt ein Denkmal ihres Sohnes bescheren wollte, doch fanden sich kaum Spender. "Ich vermute", sagt er, "dass die Sorge besteht, er könne nicht passen zum Bild einer liberalen, weltoffenen Stadt." Er holte sich das Geld von außen, und nun arbeitet der Bildhauer Stephan Balkenhol an einer Skulptur mit Schatten.
Käbisch liebt die Musik Wagners, aber er könnte sie "nicht jeden Tag ertragen". Sie sei "extrem vereinnahmend, beim Zuhören löst sich das Ich auf, das Individuum, man kommt in einen Rausch, in einen ekstatischen Zustand". Es sei "Überwältigungsmusik", sagt Käbisch. "Das ist das Gefährliche, deshalb war diese Musik für die Politik im ,Dritten Reich' so gut geeignet." Wenn es um Wagner geht, ist man recht schnell wieder bei der Politik.
Wagner selbst hat seine Musik politisch gedacht. Er wollte nicht nur Künstler sein, sondern auch eine neue Gesellschaft bauen, eine Gesellschaft der Ergriffenen, die nicht nach Geld und Macht streben, sondern nach Liebe. Seine Musik war auch ein Propagandainstrument für diese Idee.
Den Nazis passte das gut, da sie selbst mit Rausch, Ekstase und Überwältigung arbeiteten, zum Beispiel auf den Reichsparteitagen in Nürnberg. Bei den Deutschen trafen sie damit auf einen besonders ausgeprägten Hang zur Ergriffenheit und zum Pathos, man findet das unter anderem in der Romantik, bei Friedrich Schiller oder in der Philosophie Martin Heideggers. In Wagners Musik erfüllt sich eine urdeutsche Sehnsucht.
In der deutschen Politik ist dieses Pathos seit Hitler nicht mehr möglich, anders als in den USA oder in Frankreich. In der Musik Wagners können es auch Deutsche noch genießen, wenn sie den Standpunkt einnehmen, dass diese Musik unschuldig ist oder ihnen politische Kontexte von Kunst egal sind. Dann ist es ein unschuldiges Pathos. Das ist das deutsche Vergnügen an Wagner, unter anderem.
Nike Wagner, die Urenkelin, antwortet auf ihre eigene Frage so: "Ja, der Komponist des 'Tristan' war Antisemit und hätte auch Paris gerne mal niedergebrannt. Wagner bleibt ein moralisches Problem. Dennoch: Niemand hört Wagner heute mehr 'ideologisch'. Deshalb muss es erlaubt sein, das Werk vom Charakter seines 200 Jahre alten Schöpfers zu trennen. Antisemitismus ist im Werk manifest nicht nachzuweisen."
Sie sagt das in der Lobby des Hotel Adlon in Berlin, neben dem berühmten Elefantenbrunnen. Man ist versucht, den Urgroßvater in ihrem Gesicht zu entdecken, aber da ist nichts. Wagner war ein grobschlächtiger Typ, und sie ist zierlich, eine Frau mit feinen Gesichtszügen.
Es geht jetzt um die Familie, und da es so viele Wagners gibt, ist ein kleiner Stammbaum nötig, der aber nicht vollständig ist, sondern nur das Personal dieser Geschichte nennt: Richard und Cosima Wagner hatten einen Sohn namens Siegfried, der mit Winifred verheiratet war. Von ihnen stammen die Söhne Wolfgang und Wieland, die von 1951 bis 1966 gemeinsam Leiter der Bayreuther Festspiele waren. Nike Wagner ist die Tochter von Wieland, Eva Wagner-Pasquier die Tochter von Wolfgang aus erster Ehe, Katharina die Tochter aus zweiter Ehe.
Die Wagners sind für Deutschland das, was die Atriden in der griechischen Mythologie sind. Einer hat schwer gesündigt, in diesem Fall Atreus, und dann liegt ein Fluch über allen Generationen, die folgen, zunächst Agamemnon und Menelaos, dann Iphigenie, Orest und Elektra. Feindschaft prägt diese Familie. Feindschaft prägt auch die Familie Wagner.
Nike Wagner wohnte in der Villa Wahnfried, die sich ihr Urgroßvater in Bayreuth hatte bauen lassen, und wuchs mehr oder weniger im Festspielhaus auf, kletterte dort herum und sah bei den Proben zu. "Privat wurde eher Bach gehört, auch Beethoven, die Teenager stürzten sich auf Elvis Presley. Leider tönte auch Peter Kraus durch Wahnfried." Im Garten ragte eine seltsame Mauer auf, vier Meter hoch, die ihr Vater hatte bauen lassen, damit er seine Mutter Winifred nicht sehen musste. Sie wohnte nebenan und empfing bis zu ihrem Tod 1980 die alten Nazi-Freunde. Die Mauer nehme ihr die Sonne, hat sie einmal geklagt.
Ihr Vater habe das Haus seiner Mutter nie betreten, sagt Nike Wagner. Er warf ihr vor, dass sie ihn in die Nazi-Geschichte reingezogen hatte. Wieland Wagner war Hitlers Liebling in Bayreuth. Zum 18. Geburtstag schenkte Hitler ihm ein Cabrio von Mercedes, und er favorisierte ihn als Thronfolger für den Grünen Hügel. Wagner wurde Mitglied der Partei und verdiente viel Geld mit dem Privileg, Fotoporträts von Hitler verkaufen zu dürfen. Später, als Festspielleiter, gelang es Wieland, in der intellektuellen Szene der Bundesrepublik als der gute Wagner zu gelten, da er seinen Großvater künstlerisch anspruchsvoll inszenierte.
Hat ihm Nike Wagner wegen seiner Nähe zu Hitler Vorwürfe gemacht? Ihr Vater war am Ende der Nazi-Zeit 28 Jahre alt, er war nicht nur das Opfer seiner Mutter. Ihre Antwort: "Mein Vater hat den Bruch mit der braunen Vergangenheit auf zwei entscheidenden Ebenen vollzogen: durch die Verwerfung seiner Mutter und die ästhetische Reinigung der Bühne. Aber dadurch wurde Bayreuth natürlich nicht auf einen Schlag ,Nazi-frei' oder ,moralisch umerzogen'."
Sie ist nicht geschichtsvergessen, aber sie schont ihren Vater. Beim deutschen Erinnern an die eigene Geschichte geht es immer auch um das Bewahren. Was kann bleiben, was darf noch als gut gelten? Richard Wagner und wenn nicht er, dann wenigstens Wieland Wagner, der Bayreuth bei den Intellektuellen wieder gesellschaftsfähig gemacht hat?
Katharina Wagner, 34, macht es ähnlich wie Nike Wagner, ihre Cousine. Als es im Gespräch mit ihr in einem Berliner Restaurant um die Nazi-Zeit geht, ist sie rasch bei Winifred. Darauf hat sich die Familie stillschweigend geeinigt. Winifred soll die braune Last tragen, das lenkt von den anderen ab. So eindeutig war es aber nicht. Brigitte Hamann erzählt in ihrem Buch "Die Familie Wagner", dass Winifred in der Nazi-Zeit Juden geholfen habe.
Bis heute werfen Historiker den Wagners vor, dass sie bei der Erforschung der Hitler-Jahre Dokumente zurückhielten. Nike und Katharina Wagner sagen dazu, dass sie zu allem bereit seien, anders als andere aus der Familie.
Katharina Wagner ist ein ganz anderer Frauentyp als ihre Cousine Nike. In ihrem Auftreten liegt etwas Derbes, Deftiges, das man eher in einem Wirtshaus vermuten würde als in der Familie eines Mannes, der für deutsche Hochkultur steht. Ihr Vater Wolfgang war aber auch schon so und ihr Urgroßvater auch.
Wieland und Wolfgang Wagner waren verfeindet, obwohl sie die Festspiele gemeinsam leiteten. Als Wieland Wagner 1966 starb, sei sein Bruder mit dem Zollstock angerückt, habe die Wohnung vermessen und dann Miete von der Witwe seines Bruders verlangt, berichtet Nike Wagner. Die Mutter habe nicht zahlen können und mit ihren Kindern ausziehen müssen.
Nike Wagner verlor das Reich ihrer Kindheit und wurde später eine scharfe Kritikerin ihres Onkels Wolfgang, der die Festspiele bis 2008 leitete und zwei Jahre später starb. Sie wollte seine Nachfolgerin werden, zusammen mit ihrer Cousine Eva Wagner-Pasquier. Aber die habe das Bündnis aufgebrochen, als sie gemerkt habe, dass sie nur an den Job kommen kann, wenn sie gemeinsam mit Katharina antritt. Seit 2008 leiten die beiden Halbschwestern die Festspiele in Bayreuth. Katharina Wagner arbeitet auch als Regisseurin.
"Ich halte nicht öffentliches Gericht", sagt Nike Wagner, "die beiden Damen sollen beweisen, dass sie es können." Ein paar Vorwürfe hat sie schon, zum Beispiel "die Inkompetenz bei der Sanierung der Villa Wahnfried", und später im Gespräch sagt sie aus spitzem Mund den Satz: "Es muss nicht jeder gleich ein Künstler sein, bloß weil er Wagner heißt."
Katharina Wagner zuckt mit den Schultern. Natürlich hat sie gar nichts gegen ihre Cousine. Sie lässt das abtropfen mit der Gelassenheit der Siegerin, die sie ist. Sie leitet die weltberühmten Wagner-Festspiele in Bayreuth, ihre Cousine das Kunstfest in Weimar. Der eher deftige Teil der Familie hat sich durchgesetzt gegenüber dem eher feinsinnigen Teil, so ist das eben. Feindschaft? Nö.
Nike Wagner fährt jedes Jahr im Sommer nach Bayreuth. Manchmal sieht sie Katharina, aber sie redet nicht mit ihr. Die beiden Cousinen haben nie ein Wort miteinander gesprochen, und Nike Wagner wartet noch immer auf eine Einladung zum Versöhnungs-Champagner, macht aber auch keinen Schritt auf ihre Cousine zu. Sie geht auf ihren Platz im Festspielhaus, und dann hört sie die Musik des Urgroßvaters.
Im Jahr 1986 saß dort zum ersten Mal der Politikwissenschaftler Udo Bermbach, heute 75, und schaute sich den "Ring" an. Danach war er von Wagner gefangen, von der Musik, aber auch von der politischen Seite dieses Menschen. Er stellte seinen Forschungsschwerpunkt um und entwickelte sich zum Experten für einen Musiker. Gerade ist sein Buch "Mythos Wagner" erschienen.
Für Bermbach war Wagner nicht der Protofaschist wie für Köhler in dessen Buch "Wagners Hitler". Für Bermbach war er auch ein Linker. Richard Wagner hatte 1848/49 eine revolutionäre Phase, als halb Deutschland für Demokratie und Freiheit kämpfte. Beim Aufstand in Dresden im Mai 1849 schrieb er Flugblätter, transportierte Handgranaten, pflegte engen Kontakt zum russischen Anarchisten Michail Bakunin und beobachtete die anrückenden preußischen Truppen vom Turm der Kreuzkirche aus. Als die Sache verloren war, floh er nach Zürich, wo er bis 1858 im Exil lebte.
In Zürich erlebte er eine wilde Zeit, feierte viel, gönnte sich eine Romanze mit der verheirateten Mathilde Wesendonck und schrieb an Franz Liszt: "Ich muss hier wahnsinnig werden, es ist nicht anders möglich!"
Als er nach Deutschland zurückkehrte, versöhnte er sich mit den Monarchien, vor allem mit Ludwig II., der ihm half, die Festspiele zu finanzieren. "Links war ja kein Geld zu holen", sagt Bermbach.
Was blieb, war die Utopie von der besseren Gesellschaft, in der nicht das Geld regiert. Etwas ungelenk dichtete Wagner 1849 in Dresden: "Die Fackel, ha! sie brenne helle, sie brenne tief und breit, / zu Asche brenn' sie Statt und Stelle, / dem Mammonsdienst geweiht!"
Sein "Ring" ist ein antikapitalistisches Stück und damit hochaktuell. Das Drama beginnt mit einer Immobilienspekulation des Göttervaters Wotan, der sich von den Riesen Fafner und Fasolt ein Haus bauen lässt, das er nicht bezahlen kann.
Auch in seinen Utopien trifft Wagner in besonderer Weise die deutsche Seele. Die Vorstellung von der besseren Welt wird in jedem Bio-Supermarkt ausgelebt, sie zeigt sich im Erfolg der Grünen, im Sozialstaat und im Ressentiment gegenüber der Machtpolitik, das sich kurzzeitig im Erfolg der Piraten ausgedrückt hat. Antikapitalismus ist weitverbreitet, wie der Erfolg von Frank Schirrmachers Buch "Ego" zeigt.
Wagner war in seinen Utopien so links wie rechts. Es ging ihm um die gute Gemeinschaft der Ergriffenen, und davon haben Nazis und Kommunisten geträumt. Bei den Nazis kam der Rassismus hinzu, weshalb sie Wagner zu einem der Ihren machten. Die Linke hat sich aus diesem Grund von ihm distanziert.
Udo Bermbach hält das für einen "großen historischen Fehler der Linken". Sie hätten Wagner aus Ekel wegen des Antisemitismus "rechts liegen lassen, die Demokraten insgesamt haben ihn preisgegeben". Wenn die Linke sich zu ihm bekannt hätte, glaubt Bermbach, hätten die Nazis ihn nicht so gut gebrauchen können, und Wagner wäre nicht ganz so in Verruf geraten. Das Buch von Joachim Köhler allerdings findet er übertrieben. Hitler sei kein Geschöpf Wagners.
Joachim Köhler ist ein schmaler Mann, der ein wenig Wagners Freund Friedrich Nietzsche ähnelt und dessen Art zu reden gütig wirkt, erstaunlich weich für den Autor eines so aggressiven Buchs wie "Wagners Hitler". Er sitzt bei einem Italiener in Hamburg und erzählt, wie er zu diesem Werk kam.
In den neunziger Jahren, als Köhler für den "Stern" arbeitete, ärgerte er sich über die Memoiren Wolfgang Wagners, der "seine Geschichte auf fast schamlose Weise geschönt und Hitler als netten Onkel Wolf dargestellt hat". Aus diesem Impetus heraus habe er das Buch geschrieben.
"Ich bin detektivisch an die Sache herangegangen, etwa wie ein Sherlock Holmes", sagt Köhler. Er macht eine kleine Pause. "Was mir dabei entgangen ist: das Jahrhundertgenie, 'der letzte der Titanen'." Köhler, wer hätte das gedacht, wirkt ergriffen.
Zu seiner These, dass Wagner Mitschuld am Holocaust hatte, sagt er jetzt: "Kaum mehr als die Antisemiten Hegel, Marx, Schopenhauer. Ein intellektueller Antisemitismus war damals geradezu gesellschaftsfähig." Er zählt auf, dass Wagner mit jüdischen Dirigenten gearbeitet habe, dass er "lebenslang jüdische Freunde hatte - bei einem in der Wolle gefärbten Antisemiten schwer vorstellbar".
Aber wie kam es dann zu der widerlichen Schrift "Das Judentum in der Musik"? Köhler sagt: "Wagner war etwas und immer auch das Gegenteil. Er war leidenschaftlicher Vegetarier, konnte aber auf sein tägliches Beefsteak nicht verzichten. Er ließ gern fünfe gerade sein." Vor allem aber sei Wagner zugleich ein "Prophet und Possenreißer" gewesen.
Köhler beginnt einen langen Vortrag über das Lustige an Wagner. Da war "eine Neigung zu Frauenkleidern, er abonnierte Pariser Modejournale und trug heimlich selbstentworfene Negligés aus Seide. Wagner war schlecht zu malen, da er immer Grimassen schnitt, herumalberte, Purzelbäume und Kopfstände machte. Als theatralischer Mensch hat er zwischen Theater und Wirklichkeit nicht unterschieden und allen signalisiert: Nehmt mich nicht so ernst."
Alles nur ein Spaß? Ein putziger Antisemitismus und deshalb erträglich? Mit Wagner ist offenkundig vieles möglich. Köhler sitzt jetzt da wie ein Ungläubiger, wie ein Kritiker, der Jünger wurde, und er widerruft in aller Deutlichkeit: "Eine direkte Beeinflussung Hitlers durch Wagner sehe ich nicht mehr. Hitler wurde nicht Hitler, weil er 'Rienzi' hörte."
Wagners Wucht. Auch Joachim Köhler ist ihr letzten Endes erlegen. Der große Machtverächter war schon zu Lebzeiten ein Mann, der rasch übermächtig werden konnte, gegenüber seinen Frauen, seinen Freunden, seinen Mitarbeitern. Er hatte eine Wucht, der schwer zu entkommen war, im Umgang, im Werk und im Wunsch nach einer neuen Gesellschaft. Es ist dieser Titanismus, dem Köhler verfallen ist, diesem Wunsch nach Größe, der auch mal eine deutsche Angelegenheit war, bis zu Hitler. Auch das ist nur noch bei Wagner halbwegs zu genießen. Mit ihm lässt sich der Sperrriegel der Jahre 33 bis 45 durchbrechen, wenn man mindestens ein Auge zudrückt.
Es fehlt noch etwas. Die Liebe fehlt. Und natürlich muss auch die Liebe groß sein, anders geht es nicht bei Wagner. Er hat die Liebe durch den Tod groß gemacht, durch Tragik, bei Siegfried und Brünnhilde, bei Tristan und Isolde.
Alessandra Althoff-Pugliese ist eine elegante, schöne Frau unbestimmbaren Alters. Jung ist sie nicht, das darf man wohl sagen, aber alt ist auch kein Wort, das zu ihr passt. Sie ist die Vorsitzende des Wagner-Verbands in Venedig, einer für Wagner wichtigen Stadt. Er hat hier oft gearbeitet, und er ist hier gestorben, am 13. Februar 1883.
Es ist ein sonniger Tag, Althoff-Pugliese, die einen hübschen Hut trägt, führt zu den Stätten, die für Wagner wichtig waren. Der Palast, in dem er einst 15 Zimmer für seine Familie und seine Entourage gemietet hat, ist heute ein Spielcasino. Automaten blinken bunt, in einem Teil von Wagners Räumen sitzt die Geschäftsführung des Casinos. Althoff-Pugliese hat es sich zur Aufgabe gemacht, Zimmer um Zimmer für ihren Verband zu erobern, und das Zimmer, in dem er geschrieben hat, als ihn ein schmerzhafter Krampf überfiel, hat sie schon. Sie erzählt sehr lebhaft, und ein bisschen tanzt sie ihre Erzählungen auf eine balletthafte Weise.
Am Morgen des 13. Februar hatte Wagner mit Cosima gestritten, wegen des Besuchs einer anderen Frau. Er saß am Schreibtisch und schrieb, als ihn das Hausmädchen Betty stöhnen hörte. Gegen 15 Uhr stellte ein Arzt Wagners Tod fest. Bevor ihm die Feder entfiel, hatte er geschrieben: "Gleichwohl geht der Prozess der Emanzipation des Weibes nur unter ekstatischen Zuckungen vor sich. Liebe - Tragik". Letzte Worte, sehr passend.
Gegen Mittag führt Alessandra Althoff-Pugliese in ein Restaurant, in das sie gern mit ihrem Mann gegangen ist. Sie war Opernsängerin und trat in Venedig im Teatro La Fenice auf, wo sie einen Herrn Pugliese kennenlernte, einen Musikkritiker, den Gründer des Wagner-Verbands von Venedig. Er war viel älter als sie, und es wurde eine große Liebe. Giuseppe Pugliese ist seit drei Jahren tot, und seine Witwe macht das, was er auch gemacht hat, sie bewahrt das Andenken an Richard Wagner in Venedig.
Sie empfiehlt Fisch zum Mittagessen und einen Weißwein dazu und sagt, dass man sich bitte nicht daran stören solle, dass sie einen Rotwein trinke. Sie trinke hier immer den Rotwein, den ihr Mann getrunken habe, einen Merlot aus dem Veneto. Sie bestellt auch Speisen, die ihr Mann gegessen hat, und erzählt viel von ihm, aber nicht auf eine traurige Weise, sondern höchstens ein bisschen melancholisch, vor allem aber erfüllt, als hätte sie einen Weg gefunden, weiterhin mit Giuseppe Pugliese zusammenleben zu können. Als sie später wieder ihren Hut aufsetzt, sagt sie, dass dies der Hut ihres Mannes sei, und das ist ein Moment, in dem man die Musik Wagners zu hören meint, eine bestürzend schöne Musik, Liebe, Tragik, eine der stillen, nicht so bombastischen Passagen.
Von Dirk Kurbjuweit

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Wagners Schatten

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Bill Clinton lässt Obama warten "Bill! Let's go!"

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