30.03.2013

METROPOLENGoldenes Zeitalter

Kultur statt Cannabis: In Amsterdam fließt eine halbe Milliarde Euro in die Erneuerung der großen Kunstmuseen. Wird die Stadt der Grachten und van Goghs zum Florenz des 21. Jahrhunderts?
Nur echte Berühmtheiten können es wagen, sich zehn Jahre lang zurückzuziehen. Sie werden vermisst, aber nie vergessen. Seit 2003 ist das Rijksmuseum in Amsterdam geschlossen: Das wichtigste Museum des Landes und eines der bedeutendsten der Welt wurde umgebaut und saniert, die Präsentation neu konzipiert. Manchmal schien sich das Projekt wegen vieler Verzögerungen und steigender Ausgaben zu einem nationalen Drama zu entwickeln. Die Kosten lagen schließlich bei 375 Millionen Euro.
Am 13. April, wenn die niederländische Königin als erste Besucherin und kurz vor Antritt ihres Ruhestands das Haus eröffnet, soll alles vergessen sein. Die Architektur hilft dabei. Schon das moderne Atrium lässt jede Kritik kleinlich wirken. Dahinter ist ein großartiger Bestand neu zu entdecken, Werke wie Rembrandts "Nachtwache", Gemälde von Vermeer und Frans Hals. 8000 Objekte werden ausgestellt, 5000 wurden eigens restauriert. Für die ersten Monate rechnen die Museumsleute mit einem enormen Andrang, mit stundenlang auf Einlass wartenden Besuchermengen vor der Tür.
Das veredelte Rijksmuseum ist aber mehr als ein Museum, es ist ein Symbol für den Aufbruch Amsterdams.
Vor genau 400 Jahren gab es schon einmal einen solchen Aufbruch. Damals wurde der Grachtengürtel angelegt, diese Investition in die Infrastruktur war Ausdruck eines kollektiven Ehrgeizes. Tatsächlich begann das sogenannte Goldene Zeitalter: Amsterdam wurde zur wirtschaftlich reichsten und künstlerisch erfindungsreichsten Stadt der damaligen Welt. Rembrandt war der Maler des Wohlstands. Es folgte der Verfall der Stadt und im späten 19. Jahrhundert ein neuer Aufschwung: Viele Kultureinrichtungen entstanden seinerzeit. 2013 sagt Wim Pijbes, Direktor des Rijksmuseums, er erwarte eine dritte goldene Epoche.
In den vergangenen Jahren floss insgesamt eine halbe Milliarde Euro in die Sanierung dreier Kunstpaläste am Museumsplatz: in das Rijksmuseum und in das ebenfalls weltberühmte Van Gogh Museum - beides staatliche Einrichtungen - sowie in das städtische Stedelijk Museum. Dieses Haus für zeitgenössische Kunst wurde 2012 wiedereröffnet, nach einer neun Jahre dauernden Erneuerung inklusive eines spektakulären Anbaus. Hinzu kommen bald Jubiläumsfeiern für das nahe Konzertgebäude, das in diesem Jahr 125 Jahre alt wird.
Amsterdam scheint wie Florenz zu werden, ein einziges großes Museum. Die großen Kulturinstitutionen jedenfalls arbeiten daran. Noch ist diese Stadt nicht nur den Touristen ausgeliefert, noch gibt es Alltag, aber mehr und mehr wird das Zentrum zum Denkmal seiner selbst. "Sie können", sagt Museumsdirektor Pijbes, "in unserem Museum die ,Nachtwache' ansehen und dann zu der Adresse gehen, wo Rembrandt das Bild malte. Wenn Sie sich die Autos wegdenken, sieht Amsterdam aus wie im 17. Jahrhundert."
Die Leute, glaubt Pijbes, wollen nicht immer noch mehr Hektik, sie suchen nach einem Gefühl der Geborgenheit. New York sei ein gutes Beispiel, sagt Pijbes - eine Stadt, die sich neu erfunden habe, die luxuriös, aber nicht elitär geworden sei, die heutzutage Sicherheit ausstrahle, in der man den Taxifahrern vertrauen könne und in der die Restaurants besser würden.
Für Pijbes ist Amsterdam immer noch "eine Stadt des Handels, in der alles sofort passieren muss". Ginge es nach ihm, würde die Innenstadt von Amsterdam mehr Harmlosigkeit ausstrahlen, jede Restschmuddeligkeit ablegen und statt auf Cannabis auf Kultur setzen. Kulturtouristen bleiben länger, unternehmen mehr als Rucksacktouristen und geben mehr Geld aus, sie sind überall auf der Welt gern gesehen. Sie suchen das Idyll in der Stadt, das Museum ist für sie ein Ort der Muße.
Sieben Millionen Touristen kamen 2012 nach Amsterdam. Pijbes begeistert sich für eine andere Zahl, er nennt die 51 Millionen Passagiere, die im vergangenen Jahr den Flughafen Schiphol nutzten.
Der Offenbacher Urbanistikprofessor Kai Vöckler sagt, dass es eine ziemlich genaue Vorstellung in den Köpfen gebe, wie das Bild einer europäischen Stadt aussieht, und dieses Bild werde mit großem Aufwand konserviert. Es schließt aktuelle Architektur nicht aus, aber die dürfe den Gesamteindruck einer einerseits unverwechselbaren und andererseits eben typisch europäisch wirkenden Umgebung nicht stören. Das malerische Europa ist derzeit das Begehrteste, was Europa zu bieten hat.
Vöckler sagt, viele Städte würden sich größte Mühe geben, zumindest in ihren Zentren zu übertünchen, dass sie auch Ballungsgebiete und oft internationale Verkehrsknotenpunkte seien. Vieles werde in Randbereiche verlagert, Zulieferbetriebe etwa, Einkaufszentren, die Ansiedlung von Migranten.
Diese Städte kämpfen um Touristen, auch um Firmen, die nach neuen Standorten suchen. Beteiligt an diesem Wettbewerb sind längst auch Orte wie Bilbao, Barcelona oder Basel, nicht nur Paris oder London. Um konkurrenzfähig zu bleiben, muss man mehr bieten als Bürofläche. Ein Klima des Erfolgs muss spürbar sein. Wolkenkratzer sind aber längst eher Wahrzeichen des Aufstiegs Asiens, und im Grunde sind sie auch Symbole von gestern.
Kunst also. Wer sie, wie Amsterdam, im Überfluss besitzt und zu präsentieren versteht, gewinnt an Attraktivität bei Einwohnern, Pendlern und Touristen. Die Museumsleiter in Amsterdam kennen ihr Publikum genau, sie wissen, woher die Besucher kommen, wie lange sie bleiben und was sie von der Kunst erwarten: eher Unterhaltung als Herausforderung.
Die Menschen wollen Vergangenheit nicht nur sehen, sondern nacherleben, sie wollen auch innerhalb des Museums so etwas wie Atmosphäre. Künftig wird daher das Rijksmuseum Kunstgeschichte zelebrieren, die Wände sind dunkel, das Licht schimmert. Man stellt zwischen alte Gemälde wuchtige historische Schränke, auch eine Kanone vor ein barockes Bild, das eine Bürgerwehr zeigt. Es ist ein Mix der Gattungen, der dazu einladen soll, in eine Epoche einzutreten, statt sie nur zu betrachten.
Nicht wenige Mitarbeiter des Rijksmuseums haben hier angefangen zu arbeiten, als das Haus schon geschlossen war. Direktor Pijbes beispielsweise ist erst 2008 berufen worden. Früher hatte das Rijksmuseum knapp 1,5 Millionen Besucher pro Jahr, bald könnten es 2 Millionen sein, "vielleicht auch mehr", sagt Pijbes.
Die Zeiten sind schwieriger geworden, die staatlichen Kultursubventionen wurden in den Niederlanden stark gekürzt von 900 Millionen Euro im vergangenen Jahr auf 700 Millionen. Auch das Rijksmuseum hat 15 Prozent weniger an Zuschüssen erhalten. Doch sein Direktor sagt, es sei möglich, für die Kunst stattdessen Sponsoren zu gewinnen. "Holland ist noch immer ein reiches Land." Er suchte sofort nach seinem Amtsanstritt den intensiven Kontakt zu Mäzenen. Mehr als 30 Wohlhabende hätten jeweils mehr als 250 000 Euro gestiftet, eine Privatperson habe allein zwei Millionen für die Gartenanlagen gespendet.
Vom Rijksmuseum sind es zwei Fußminuten zum Van Gogh Museum. Das Hauptgebäude, derzeit in Renovierung, stammt aus dem Jahr 1973. Nun die große Auffrischung, 40 Jahre später. 85 Prozent der 1,5 Millionen Besucher kommen aus dem Ausland. Es sind weniger Nordamerikaner als vor der Finanzkrise, dafür mehr Europäer, aber auch Südamerikaner und Asiaten. Die Chinesen sind bislang kaum vertreten, die Reichen unter ihnen zieht es eher zu den Diamantenhändlern als zu van Gogh, die anderen zu den Windmühlen in der Umgebung. Noch. Sie bilden ein riesiges Potential.
Axel Rüger, der aus Deutschland stammende Direktor, sagt: "Wir stehen jetzt vor einer einmaligen Chance." In der großen Eröffnungsschau, die im Mai beginnt, soll van Gogh neu entdeckt werden können, als methodisch und diszipliniert arbeitender Künstler: dieser legendärste aller Maler als Perfektionist, nicht als Wahnsinniger. Der Ausstellung ging ein langes Forschungsprojekt voraus, man will die Kenner ebenso überzeugen wie das große Publikum bannen. In der Ankündigung heißt es, Besucher sollten erleben, wie es gewesen wäre, "über die Schulter von van Gogh zu schauen". Die Kuratoren stellen Farbtuben und seine Palette aus.
Seit sieben Jahren leitet Rüger das Haus. Lange Zeit habe man versucht, den Mythos van Gogh zurückzudrängen, sich auf das rein Künstlerische und Kunsthistorische zu konzentrieren, sagt er. Doch die Besucher seien eben nicht nur von der Malerei, sondern auch von dem Mann dahinter fasziniert. "Van Gogh ist eine der Hauptattraktionen der Stadt, er weckt wie kein anderer Künstler Emotionen, das ist nun einmal so, das müssen wir auch in unserer Museumsarbeit stärker berücksichtigen."
Amsterdam ist nur ein Beispiel dafür, welchen Stellenwert Museen und eine museal wirkende Umgebung für das Prestige von Städten und ganzen Nationen inzwischen besitzen. Paris hat den Louvre mit einem 100-Millionen-Neubau vergrößert, Oslo ein neues Museum für zeitgenössische Kunst mit eigenem Badestrand eröffnet, Hamburg bekommt eine Elbphilharmonie und Berlin ein neues Schloss, auf der Museumsinsel folgt ohnehin eine Sanierungs- und Umbaumaßnahme auf die nächste.
Manchmal wird nur noch das Aufrechterhalten der Illusion subventioniert und beim laufenden Betrieb gespart. In Madrid wurde vor wenigen Jahren der Prado erweitert, doch auf mehr Fläche muss man mit weniger staatlichem Geld auskommen.
Die Dauerfinanzkrise beeinträchtigt eine weitreichende Entwicklung, hält sie aber nicht auf. London zum Beispiel wollte längst seine Tate Modern mit einem gigantischen Anbau in Pyramidenform erweitert haben. Denn das Museum für Gegenwartskunst ist trotz seines monumentalen Maßstabs zu klein geworden für die jährlich mehr als fünf Millionen Besucher. Nun wird man wohl erst 2016 beginnen, aber immerhin hält man an dem Projekt fest. Seit 2001 wird außerdem das Londoner Victoria and Albert Museum Saal für Saal erneuert, zurzeit ist es wegen einer David-Bowie-Schau eines der meisterwähnten Museen der Welt - mit entsprechender Besucherquote. Kurz: Man weiß in Großbritannien sehr gut um die Bedeutung der Kultur.
In Amsterdam geht die Perfektionierung der Museumslandschaft weiter. Nach der Einweihung ist vor dem nächsten Umbau: Am Rijksmuseum entsteht innerhalb der alten Architektur ein neues Saalensemble für Sonderausstellungen, in dem Seitenflügel, der zuletzt noch zugänglich war. Früher hätten Museumsdirektoren Zeit gehabt, Bücher zu schreiben. "Das schafft man heute nicht mehr", sagt Direktor Pijbes. Auch im Van Gogh Museum wird nach der Wiederöffnung weitergebaut. Für 15 Millionen Euro soll ein neuer Eingangsbereich entstehen, um die weiter wachsenden Besuchermassen besser dirigieren zu können.
Von Ulrike Knöfel

DER SPIEGEL 14/2013
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