27.03.1995

„Wie ein Geschoß zum Ende“

Am Dienstag dieser Woche, einen Tag vor Jüngers 100. Geburtstag, bringt das ZDF um 22.15 Uhr ein Gespräch des Jubilars mit Gero von Boehm und Rolf Hochhuth. Daraus stammen die folgenden Aussagen Jüngers:
Am Dienstag dieser Woche, einen Tag vor Jüngers 100. Geburtstag, bringt das ZDF um 22.15 Uhr ein Gespräch des Jubilars mit Gero von Boehm und Rolf Hochhuth. Daraus stammen die folgenden Aussagen Jüngers:
Über Lektüre: Wenn ich nichts anderes zu lesen habe, lese ich Zeitungsreklamen oder so etwas. Denn Lesen ist mir eine kultische Handlung. Ich bin auch nur von Büchern umgeben, und diese Bücher, die lassen sich ja auf 24 Buchstaben zurückführen, und diese 24 Buchstaben erzeugen auch ein gewisses Medium.
Über das Alter: Gegen Ende des Alters hat man eben den Eindruck, daß man wie ein Geschoß, das den Höhepunkt erreicht hat, nun mit wachsender Geschwindigkeit dem Ende zustrebt. Man staunt auch, man denkt, das ist so und so lange hergewesen, und hat sich in der Zeit sehr geirrt.
Über Kriegsandenken: Die beiden Helme haben ihre Geschichte insofern, als ich in der Somme-Schlacht über den Schützengraben geschaut habe, mich umgedreht habe, und dann einen sehr gut gezielten Schuß bekam, der durch den Stahlhelm etwas abgelenkt wurde, so daß er mich nur am Kopf gestreift hat. Habe dabei erfahren, daß die Kopfhaut doch dicker ist, als man denkt. Es ist hinein- und hinausgegangen.
Über den Krieg: Übrigens wurde in Peronne ein Denkmal, ist schon zwei, drei Jahre her, zur Erinnerung an den Ersten Weltkrieg eröffnet. Ich war eingeladen und wurde dann auch von Journalisten ausgefragt. Die sagten, was war denn Ihr schrecklichstes Erlebnis in dem Ersten Weltkriege, und da habe ich gesagt: "Daß wir ihn verloren haben." Das hat die Leute sehr verblüfft. Aber das ist doch für einen Soldaten eigentlich eine ganz selbstverständliche Antwort.
Über Hitler: Es gab ja Annäherungsversuche - mehrfach - von Hitler. Schon als er noch ein kleiner Mann war. Ich studierte Zoologie in Leipzig, da hatte er einen Besuch bei mir angemeldet, und Heß, der hatte telegrafiert, daß sich die Reiseroute geändert hätte. Er käme also nicht über Leipzig. Wenn ich bedenke, daß er dann gekommen wäre, hätte die Hand auf meine Schulter gelegt, das wäre doch sehr schwer zu bereinigen gewesen. Hitler war damals ein ganz kleiner Mann. Er war ein Sektenführer unter anderen. Die Stahlhelmer hatten viel mehr zu sagen als er mit seiner kleinen Partei von sieben Mann. Er hat mir ja einen Sitz im Reichstag angeboten, und das habe ich zurückgewiesen. Das würde ich auch heute zurückweisen. Ich habe nie einer Partei angehört. Politik hat mich nicht besonders interessiert.
Über den Widerstand: Kann man überhaupt von einem Entschluß reden oder eher von einer Initiative, von einer plötzlichen Eingebung, die sich eigentlich außerhalb der Zeit vollzieht? Wenn ich mich recht erinnere, so ging dem zunächst der Besuch von Trott zu Solz voraus. Ich wohnte damals mit meiner Frau Gretha und meinem Bruder Friedrich Georg zusammen in Überlingen, in dem sogenannten Weinberghause, und es war schon spät, als wir einen Wagen kommen hörten, der vor unserem Hause hielt. Unerwartete Besuche waren für uns nichts Ungewöhnliches. Ich war aber müde und sagte zu meinem Bruder: "Ich lege mich jetzt hin, sieh' mal zu, was da los ist." Mein Schlafzimmer und das Zimmer meines Bruders waren Wand an Wand, und die Wand war sehr dünn. Ich verstand nicht, worum es ging, aber ich hörte den Tenor des Gespräches, und das schien mir doch wichtig. Ich zog meinen Schlafmantel an und ging hinüber. Nun muß ich sagen, daß ich mich an den Inhalt des Gespräches gar nicht mehr erinnere. Ich erinnere mich nur daran, daß, als der Besuch weg war, mein Bruder zu mir sagte: "Die wollen den Hitler umbringen." Und einige Zeit danach war ich zu Besuch bei dem Komponisten Gerstberger, den ich sehr schätzte. Das war am Bodensee, auf der anderen Seite des Sees, in der Nähe von Konstanz. Man hatte manches getrunken, und als ich mich hinlegte, da kam mir blitzartig die Idee einer Erzählung, in der ich das alles festhalten wollte.
Über den Frieden: Mein guter Freund Toepfer, der hatte mir eines Abends in der Rue du Faubourg Saint-Honore gesagt: "Es muß was über den Frieden geschrieben werden." Und das habe ich dann versucht und wurde dann nach Rußland kommandiert, habe das in einem Panzerschrank im Majestic verwahrt. Als ich wiederkam, habe ich es Speidel gezeigt. Der hat es mit einem Motorradfahrer dem Rommel zugeschickt, und der hat darauf gesagt: "Damit kann man arbeiten." Einige Tage später wurde er zu Hitler kommandiert und hat, nachdem das Militärische durchgesprochen war, gesagt: "Also, mein Führer, wir müßten noch mal über Deutschland sprechen." Und daraufhin hat Hitler gesagt: "Verlassen Sie den Raum." Er hat also nicht den Ratschlag von Clausewitz' befolgt und konnte wohl auch nicht.
Über kommende Zeiten: Und die Frage ist eben: Was kann der einzelne tun im neuen Jahrhundert, das vielleicht das Jahrhundert der Titanen sein wird? Was ist unsere Rolle als Menschen überhaupt noch? Da gibt es verschiedene Wege. Ich ziehe mich individuell durch die Konstruktion des Anarchen aus der Affäre. Der Waldgänger und der Anarch, das sind zwei verschiedene Typen. Der Anarch kümmert sich eigentlich überhaupt nicht. Für mich ist der Anarch eben zum Beispiel ein kleiner Beamter, der, wenn er seinen Dienst gemacht hat, nach Hause kommt und in der Nacht treibt, was er will. Sei es rein geistig, sei es mit Drogen oder sonstigem. Der Waldgänger dagegen, der zieht sich zurück. Und verharrt im Unpolitischen, Unausgesprochenen oder amüsiert sich vielleicht über die Sache.
Über den Selbstmord: Ich habe ja früher einmal geschrieben, daß die Möglichkeit zum Selbstmord ein uns angeborenes Kapital sei. Damit habe ich auch merkwürdige Erlebnisse gehabt. Erstens hat Rosenberg bemerkt, es wäre doch schade . . . daß der Autor von dieser Möglichkeit keinen Gebrauch mache. Und dann mein Freund Montherlant, der einen Selbstmord begangen hat, da höre ich, daß er eine Notiz auf dem Tisch gehabt hat "Le suicide est le capital" und oben meinen Namen drüber. Und dann ist ein Blutfleck darauf, weil er sich durch den Kopf geschossen hat. Das ist ja eine sehr merkwürdige Anekdote. Ich selber habe nie an Selbstmord gedacht. Nach dem verlorenen Kriege ging das ja herum wie eine Epidemie. Mein Bruder Friedrich sagte zu mir: "Das ist unmöglich bei mir und dir." Da hat er wohl recht gehabt. Als sich mein Sohn erschossen hat, war das ja auch eine merkwürdige Sache. Ich muß Alexander auch als ein Opfer der modernen Medizin bezeichnen. Er hatte sehr große Kopfschmerzen. Und da ist er einem Ärzteteam in die Hände gefallen . . . Jedenfalls hat sich eine einseitige Lähmung bei ihm eingestellt. Er war ein guter Internist, da hat ihn eine schwere Melancholie überfallen. Das war natürlich für mich auch sehr schwierig - ich hätte das nie gedacht, daß das in der Familie vorkommt.
Über Religion: Mit Dürrenmatt, den ich leider zu spät kennengelernt habe, hatte ich einige Gespräche über den Tod. Wir waren einige Male zusammen und haben irgendwo zusammen in der Schweiz gegessen, und ich habe gestaunt über seinen Appetit. Ich glaube, er war zuckerkrank, und da hat er so zweimal Süßspeisen verlangt, und dann hatte er eine Flasche allerdings sehr guten Burgunder geleert. Dabei war er herzkrank. Na ja, da habe ich mir gedacht, der will ein Vierteljahr gut leben, anstatt drei Jahre lang so dahin zu schleichen, und so hat er es auch geschafft. Wie ich höre, soll er einen sehr guten Tod gehabt haben. Er hatte ein gewisses Verhältnis zur Transzendenz, nicht so sehr durch die Kulte beeinflußt als durch die Philosophie, vor allen Dingen durch Schopenhauer, und darin sehe ich auch eine gewisse Ähnlichkeit. Ich bin zwar noch Protestant, aber nur insofern, als ich noch Kirchensteuer bezahle, denn ich bin ja auf der anderen Seite auch konservativ. Wie gesagt, auch ich verdanke den Philosophen mehr als etwa dem Neuen Testament. Und wenn ich eine aussuchen würde, würde ich doch wahrscheinlich die nehmen, die der philosophischen Betrachtung am nächsten steht, nämlich die buddhistische. Aber es geht auch so.
Über Tagebücher: Wir leben natürlich in einer Zeit, die, wie eben Hölderlin ganz treffend bemerkt hat, einen amusischen Charakter besitzt, das heißt: Der Dichter schläft. Natürlich gibt es auch Ausnahmen. Dazu benötigt man das Tagebuch. Das Tagebuch ist eigentlich für jeden wichtig. Ob ein Küchenmädchen Tagebuch führt oder Leonardo, das ist natürlich ein qualitativer Unterschied. Aber jedes Tagebuch wird nach 100 Jahren bedeutend.

DER SPIEGEL 13/1995
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