27.03.1995

StarsIn der Höhle der Werwölfe

Laßt, die ihr eingeht, jede Hoffnung fahren - so könnte der Weg zur Hölle aussehen. Ein Gittertor schlackert im Wind. Schilder warnen: "Militärgelände", "Achtung Blindgänger". Der Taxifahrer, übermannt von der Tristesse der durch Panzer verwundeten Landschaft, drückt aufs Gas.
Pantera Filmproduktion - eine Papptafel verkündet, daß das Ziel erreicht ist. Es könnte ebensogut Pandora draufstehen, denn das in Halle 29/55, einem ehemaligen Militärgebäude, provisorisch aufgebaute Filmstudio hat den Charme der berüchtigten Büchse.
"Pfoten weg", herrscht der Zettel an einer Tonanlage den Besucher an, der über ein Kabelgewirr hereinstolpert. Das Szenarium vor der Kamera könnte Karbolgeruch verströmen: ein altmodischer medizinischer Instrumentenschrank, eine schäbige Liege, ein karger Holztisch. Die grauen Wände, vergitterte Fenster - die klaustrophobische Enge einer Irrenanstalt legt sich aufs Gemüt. Wann kommt Frankenstein?
Die Nerven der Menschen vor und hinter der Kamera sind, so scheint es, zum Zerreißen gespannt. Anstrengende Wochen liegen hinter ihnen. Hier, vor den Toren Hamburgs, werden wortgetreu die Protokolle der psychiatrischen Untersuchung des Menschenschlächters Fritz Haarmann ("Warte, warte nur ein Weilchen . . .") in einen abendfüllenden Film verwandelt. Die Vorlage ist eine schaurig-schreckliche Trouvaille des Münchner Kleinverlegers Michael Farin, der sie demnächst in einem Buch veröffentlichen will.
Der Groß-Mime Götz George, aus "Schimanski", "Schtonk" und "Das Schwein" für seine monomanische Intensität bewundert und gefürchtet, strebt hier in der Haarmann-Rolle allem Anschein nach den totalen schauspielerischen Triumph an: die Unterwerfung des Kinos unter die Herrschaft seines Genuschels, Geheuls, seines hysterischen Lachens, seines irrlichternden Blicks.
Er ist dennoch nicht allein auf der Szene. Ihm gegenüber am Holztisch sitzt Jürgen Hentsch, der Ost-Berliner Defa-Star, als senioriler Göttinger Psychiater und Gerichtsgutachter Ernst Schultze. Doch George ist es, der sich in diesem Kino-Kammerspiel austoben darf. Der 56jährige ist freiwillig in diese filmische Strafkolonie hinabgestiegen, zu einem niedrigen Etat (eine Million), zu dem jungen, als Spielfilm-Regisseur unerfahrenen Künstler Romuald Karmakar, zu einem höllisch schwierigen Text und zu einer bestialischen Rolle.
Haarmann, 1925 geköpft, weil er in Hannovers Schmuddelviertel "Klein-Venedig" mindestens 24 jungen Männern die Kehle durchgebissen, ihr Fleisch in Streifen geschnitten (damit es besser im Fluß Leine versänke), die Knochen zersägt und die Köpfe zertrümmert hat (damit sie ihn nicht mehr ansähen) - das ist der pure Schrecken in Menschengestalt, eine arme Kreatur, bauernschlau, treuherzig, devot.
Ein Zeitgenosse des Massenmörders, der an der TH Hannover lehrende jüdische Philosoph Theodor Lessing (1872 bis 1933), beschrieb Haarmann als Werwolf. Mitunter, so spekulierte Lessing, könnten Zeit und Raum durchsteigende Phänomene in die Jetztzeit einbrechen. Der Mörder trage die Wirklichkeit "schrecklicher Nachtmahr- und Wolfslegenden aus Urzeiten" in den Augen.
Die Rolle hat es George wohl gerade deswegen angetan. Denn er geriert sich selbst wie ein Werwolf im Medienzeitalter, als einer, der sich den Serien-Schafspelz überziehen könnte, aber lieber jenseits der Soap-Sümpfe zubeißt.
In diversen Fernsehberichten zum "Totmacher", so heißt der Haarmann-Film, hat er den Zuschauern die Zähne gezeigt: Wenn das Publikum nur noch Serien wünsche, werde er eben abtreten. So auf dem Ego-Trip, von seiner Qualitätsmission erfüllt, drückte er Filmemacher Karmakar im gemeinsamen ZDF-Talk bei Roger Willemsen kurz mal auf die Seite: "Wir üben noch", meinte er zu dessen Regiekünsten.
Daß er sich mit solcher Attitüde mal nicht täuscht. Karmakar, 30, ist auch ein Werwolf. Der eigensinnige Münchner Kino-Autodidakt hat Stücke gedreht, die in aufregender Weise Dokumentarisches und Fiktives vermischen, Filme von blutigen Hahnenkämpfen, über Rekruten der französischen Armee und deren gewalttätige Rituale, über Hamburger Zuhälter und deren Pitbull-Hunde, über "Warheads" (SPIEGEL 17/1993), bezahlte Söldner, die auf dem Balkan die Heldenmuster des Hollywood-Kinos nachspielen und vergessen, daß alle Schrecken echt sind.
Regisseur und Star haben typische Wolfsprobleme miteinander: Wer ist das Alpha-, wer das Beta-Tier? Kampfbereit macht sich Isegrim George über das Pensum des letzten Drehtages her: Es geht um Haarmanns Schuld, seinen Glauben an Gott.
Psychiater Schultze, der danach fragt, war ein Seelendoktor von eisernem Schrot und Korn. Die Lehre Freuds stand dem führenden forensischen Gutachter jener Jahre fern, Einfühlung übte er nicht, Kindheitsanamnese hielt er für überflüssig. Dafür moralisiert der Herr Professor gern, Theorien über Rassenkunde und Degeneration als Leitsterne im Kopf.
Haarmann springt auf die Frage nach dem Jenseits an. George strahlt hektisch, reißt die Augen auf. Ja, er werde seine tote Mutter wiedersehen. Professor Schultze aber setzt inquisitorisch nach. Da fällt Haarmann ein, daß er ja auch seine Opfer, die totgebissenen "Puppenjungs", wiedersehen könnte. Die süßliche Pose erfriert.
Georges Hände fahren über die Tischplatte, als stiegen am Jüngsten Tag die Ermordeten von dort unten zu ihm empor. Er legt den Kopf auf den Tisch und sieht seiner Hand zu, die auf die Platte hämmert. Wie ihn denn die Ermordeten heimsuchen sollten, wo er doch deren Häupter zermalmt habe, fragt er entsetzt. Schlag für Schlag spielt George auf der Trommel des Grauens, als wolle er die Alleinherrschaft über diesen Film herbeiprügeln.
Und doch ist er nur ein - großartiger - Teil des Ganzen. Karmakar, der über die Kopfhörer den Ton kontrolliert und sich bescheiden im Hintergrund hält, als wäre er irgendein subalterner junger Mann am Set, hat die Fäden, nach denen jetzt alles gedeiht, mitgezogen. Er hat gewußt, daß von dem Text ein unwiderstehlicher Sog ausgeht. Bei den Proben, berichtet er stolz, hätten die Schauspieler noch theatralische Gänge gefordert, bis sie merkten, daß sie die Vorlage an den Tisch kettet. Karmakar hatte es von vornherein so gewollt. Den Film sofort so gesehen.
Film? Was, bitte, ist denn Kino daran, wenn zwei Leute und ein Stenograph 90 Minuten vor der Kamera in einem Raum agieren? Warum soll der Zuschauer auf deutsche Kunst-Film-Diät gesetzt werden, wenn er doch im "Schweigen der Lämmer" der Supershow einer Mörderbestie beiwohnen konnte?
Die dunklen Augen des Münchners blicken verletzt und stolz. Er redet etwas von der Besonderheit der "Erschließung eines historischen Raumes" und meint: abwarten. Schließlich hat er nicht nur George, sondern mit Fred Schuler einen Hollywood-Kameramann gewonnen, der schon mit Brian De Palma gearbeitet hat. Die Suggestion der Bilder, die Melodie der Schnitte werden herüberbringen, was er will: die Entmystifizierung des Verbrechens durch die Wucht des Authentischen.
Denn Haarmann - das war schon zu Lebzeiten ein Stoff, aus dem jede Ideologie ihre Phantasien bestätigte. Der Rechten erschien er als Unhold, wie ihn nur eine Republik wie die Weimarer hervorbringen konnte. Der Linken zeigte er sich als fürchterliche Inkarnation der kapitalistischen Wolfsmoral. Pazifisten erkannten in Haarmann eine Symbolfigur kriegerischer Enthemmtheit.
Kulturpessimisten sahen sich - Untergang des Abendlandes - durch Haarmann bestätigt, Klaus Mann erinnerte das Ebenbild des Hannoverschen Mörders an das Aussehen Hitlers, und er schrieb leichtfertig in seiner Autobiographie: "So was kommt nie zur Macht!" Rassisten konnten angesichts der Verbrechen ungenierter die Ausmerzung unwerten Lebens fordern.
Karmakar ist bemüht, alle Mythen abzuräumen. Er will im historisch verbürgten Sprachduell zwischen Arzt und Verbrecher Geschichte zum Leben erwecken - und damit die zeitlose Bedrohlichkeit des Bösen vorführen.
Ob solch ein Vorhaben gelingt, ist nicht sicher. Ein Verleih hat sich für den Film noch nicht gefunden, obwohl Karmakar schon bei 15 Vertriebsfirmen angefragt hat. Werwölfe, kulturelle zumal, leben einsam: Doch laßt, die ihr den Weg zu Publikum sucht, noch nicht alle Hoffnung fahren. Y
Von Nikolaus von Festenberg

DER SPIEGEL 13/1995
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