24.04.1995

DIE HAND IM FEUER

Mit Lügen und Ausflüchten versucht der Bundesnachrichtendienst, sich aus der Plutonium-Affäre zu ziehen. Ein parlamentarischer Untersuchungsausschuß soll nun den Deal mit dem Bombenstoff aufklären. Neue Beweise über die Aktivitäten des Pullacher Geheimdienstes bringen BND-Chef Porzner und Koordinator Schmidbauer erneut in Bedrängnis.
Im Jargon der Geheimdienste haben Tricks und Techniken hübsche Namen. Wer den Gegner unterwandert, heißt "Maulwurf". Wer organisiert die Unwahrheit verbreitet, übt sich im "dauerhaften Legendieren".
Legenden waren es, die Nachrichtendienstler vorigen Donnerstag nachmittag auf einer geheimen Sondersitzung der Parlamentarischen Kontrollkommission (PKK) zu Bonn den Volksvertretern vorsetzten. Agenten fabelten in einer siebenstündigen Marathonsitzung ihre Wahrheit der sogenannten Plutonium-Affäre.
Die Maulwürfe vom Bundesnachrichtendienst (BND) waren in ihrem Element. Sie finassierten, täuschten und verwirrten vor den neun Geheimdienstkontrolleuren des Bundestages. Fragt sich nur, wie dauerhaft die Legenden diesmal sind.
Der glücklose Präsident des Dienstes, Konrad Porzner (SPD), war mit fünf grauen Männern und einer Frau an der Seite im abhörsicheren Raum unter dem Bundestagsplenarsaal erschienen. Die meisten von ihnen sind Spezialisten des Pullacher Referats 11A, die sich eigentlich um neumodische Agentensujets wie Geldwäsche und Drogenhandel kümmern.
Die Leute von der Abteilung 11A haben der Republik den bislang schwersten Geheimdienstskandal eingebrockt. Sie stecken hinter der raffinierten Plutonium-Inszenierung von Mitarbeitern im Sold des Pullacher Dienstes.
V-Leute hatten angeblich in Rußland Händler gefunden, die den Bombenstoff nach Deutschland schaffen wollten. Mit verlockenden Kaufangeboten lotsten sie tödliches Plutonium 239 im Flugzeug von Moskau nach München. Dort wurden die Lieferanten im August vergangenen Jahres spektakulär festgenommen.
Niemals, so der Tenor der Beteuerungen vor der Kontrollkommission, habe die BND-Führung geahnt, was da eingefädelt wurde. Keiner habe gewußt oder gewollt, daß das Supergift per Passagierflugzeug nach München geschmuggelt werde.
Bei manchen Koalitionsabgeordneten verfing das Legendieren. "Es handelt sich nicht um ein Bombenschwindel des BND", höhnte CDU-Vormann Erwin Marschewski, sondern "eher um einen Schwindel des SPIEGEL."
Doch genügten schon einige Nachfragen, um das Verteidigungsgebäude einstürzen zu lassen. Andere Behauptungen lassen sich aufgrund von Unterlagen, die dem SPIEGEL vorliegen, als Lügen entlarven.
Die Erklärungen auf der geheimen Sitzung unter dem Vorsitz des CDU-Abgeordneten Wolfgang Zeitlmann überzeugte auch die Opposition nicht. Was der SPIEGEL über den Bombenbluff des BND enthüllt hatte, so das Fazit des Parlamentarischen Geschäftsführers der SPD-Fraktion Peter Struck am Ende der PKK-Sitzung, sei "korrekt in den Daten, Fakten, Namen, Geldsummen".
Ähnlich sieht es PKK-Mann Manfred Such, ein ehemaliger Polizeibeamter. Noch während der Sitzung der Kontrolleure verlangte der Bündnisgrüne zum Unmut seiner Kollegen, einen parlamentarischen Untersuchungsausschuß einzusetzen.
Der im Kanzleramt für die Koordinierung der Geheimdienste zuständige Staatsminister Bernd Schmidbauer (CDU) müsse zurücktreten, forderte der Abgeordnete Such: "Der Sachverhalt, den der SPIEGEL geschildert hat, ist schlüssig."
Nun macht die Opposition - der Osterurlaub ist zu Ende - mobil. Am Donnerstag dieser Woche wird sich der Innen- und Rechtsausschuß des Bundestages mit dem Fall München beschäftigen. Angekündigt ist eine Fragestunde des Parlaments, und in Kürze soll der 31. parlamentarische Untersuchungsausschuß in der Geschichte der Bundesrepublik konstituiert werden - so das gemeinsame Szenario von Sozialdemokraten und Grünen.
Kernfrage: Zu welchem Zeitpunkt wußte wer im Bonner Kanzleramt von dem irrwitzigen Vorhaben, Deutschland von Amts wegen zu einem Umschlagplatz für waffenfähiges Plutonium zu machen?
Der Mann, auf den nun alle zeigen, der Geheimdienstkoordinator im Kanzleramt Schmidbauer, gab sich letzte Woche cool wie ein Bilderbuchagent. Als "haltlos" hätten sich alle Anwürfe der "Hetzkampagne" gegen ihn erwiesen, fand des Kanzlers Intimus, "es gab in der PKK überhaupt keine offenen Fragen, die mich betreffen".
Stur bleibt Schmidbauer bei immer derselben schlichten Version: Der Pullacher Geheimdienst, den er kontrollieren soll, sei bei der Aufdeckung des Nuklear-Schmuggels nur am Rande beteiligt gewesen. Nichts da von Inszenierung.
"Der BND ist dafür da, Informationen zu sammeln", beschrieb er in einer RTL-Sendung im August letzten Jahres korrekt dessen Aufgaben, "aber nicht dazu, als Agent provocateur aufzutreten." In der ARD-Tagesschau beteuerte Schmidbauer, es gebe "keinen einzigen Fall, wo V-Leute aufgekauft hätten" oder "als Käufer aufgetreten sind", überhaupt seien niemals "V-Leute im Spiel" gewesen.
In einem SPIEGEL-Interview legte der Kanzleramtmann sogar seine "Hand dafür ins Feuer, daß der BND nicht als Nachfrager von illegal angebotenem Nuklear-Material aufgetreten ist".
In einer Sondersitzung des Auswärtigen Ausschusses im letzten August tischte Schmidbauer auch den Abgeordneten diese Version auf. Er berief sich, laut Protokoll, auf einen "Beschluß der Innenminister, daß von staatlicher Seite nichts unternommen wird, über Proben zu größeren Mengen zu kommen. Das heißt also, daß man diesen Käufermarkt nicht künstlich schafft durch polizeiliche Maßnahmen".
Ausdrücklich ging der Koordinator im Ausschuß auf die Frage des SPD-Abgeordneten Karsten Voigt ein, ob nicht eine künstliche Nachfrage durch die BND-Aktivitäten entstanden sei: "Nein", erklärte Schmidbauer, "nicht daß man sagt, V-Männer hätten dies aufgemacht."
Den Eindruck des SPD-Bundesgeschäftsführers Günter Verheugen, "daß diese Affäre nach Inszenierung riecht", fand Schmidbauer damals "absurd, ungeheuerlich, reine Polemik".
Auf der PKK-Sitzung vorige Woche gab sich der Geheimdienstkontrolleur als verfolgte Unschuld: Er habe Frau und Tochter, klagte er melodramatisch, und vor denen wolle er nicht als Komplize von Ganoven dastehen.
Schmidbauer zieht sich mit einem semantischen Trick aus der Verantwortung: Er unterscheidet fein zwischen dem Dienst und den "Quellen". Verantwortlich sei der von ihm kontrollierte BND-Chef Porzner nur für seine Behörde, nicht aber für jene Quellen, die für ihre Mitwirkung an dem Plutonium-Deal hoch bezahlt wurden.
Die "Quellen", mit denen Schmidbauer nichts zu tun haben will: Das sind die V-Leute des BND.
Sie haben persönliche Verbindungsführer, mit denen sie alle Einsätze besprechen. Außerdem werden bei der fachlichen Führungsstelle Referat 11A in der Pullacher Behörde Personalakten geführt. Was ihnen zu einem richtigen Schlapphut fehlt, ist der Beamtenstatus und die entsprechende Pension.
Zwei von ihnen stehen unter den Decknamen Roberto und Rafa auf der Honorarliste des BND. Sie haben den Plutonium-Deal eingefädelt. Heute werden sie als Lolita und Pitufo geführt. Jeder von ihnen kassiert ein festes Monatssalär, das sich einschließlich Spesen auf rund 5000 Mark beläuft.
Beide sind wie alle anderen Agenten ordentlich angeworben worden. Bei Rafa dauerte es wegen einiger Ungereimtheiten Monate, bis er in Pullach eine Nummer im Zentralregister bekam.
Daß sich BND und bayerische Polizei mit dem scheinbaren Schlag gegen die Plutonium-Mafia schmücken konnten, haben sie den beiden V-Leuten zu verdanken. Von deren Vorarbeit aber wollen die amtlichen Ermittler nichts wissen.
Per Weisung, betonte Porzner, habe er 1992 seiner Behörde untersagt, als nuklearer Nachfrager aufzutreten. Und formal wurde diese Weisung ja auch eingehalten. Denn nicht die Behörde, nur ihre freien Mitarbeiter kurbelten den Handel an.
Doch der Dienst war eingeweiht - über jeden Schritt, jedes Detail, jede Zusammenkunft.
Burkhard Hirsch, FDP-Abgesandter in der PKK, findet denn auch, es gebe "keine Anhaltspunkte", daß der BND den Schmuggel inszeniert habe. "Aber das gilt nur für die Behörde als solche", stellt er klar. Ob V-Leute "die Lieferung provoziert haben", hält er für "aufklärungsbedürftig".
Aus der Sicht des Grünen Fraktionsvorsitzenden Joschka Fischer "spricht inzwischen alles dafür, daß Schmidbauer es mit der Wahrheit vor dem Parlament nicht ernst genommen hat".
Dabei findet sich die Geschichte vom Treiben der beiden V-Leute Rafa und Roberto im BND-Sold in geheimen Dienst-Dossiers, die auch Schmidbauer zugänglich sind.
Seit Jahren traten Rafa und Roberto als vermeintliche Käufer und angebliche Vermittler auf - ein eingespieltes Team bei Drogengeschäften. Rafa alias Lolita war früher Mitglied einer spanischen Spezialeinheit zur Rauschgiftbekämpfung der Guardia Civil.
Roberto alias Pitufo heißt eigentlich Peter, stammt aus Hessen und hat früher in Deutschland als V-Mann Drogenhändler auffliegen lassen. Schon vor Jahrzehnten ging er nach Spanien. Er schaffte im Drogenmilieu als V-Mann für etliche Dienste an.
Rafa ist der Kopf, er hatte immer die besten Ideen. Seit 1993 füttert er den BND mit allen möglichen Tips über angeblichen Plutonium-Handel.
Oft genug war das wirres Zeug: Ein "jüdischer Waffenfabrikant" aus Deutschland, ließ der V-Mann beispielsweise wissen, führe Verhandlungen über Plutonium-Käufe. Sechs Kilogramm wolle er. So steht es jedenfalls in den BND-Akten.
Das Bundeskriminalamt (BKA) hat sich vor Monaten mal um den angeblichen Interessenten gekümmert. In den Akten der Wiesbadener Behörde heißt es über den Vorgang: "Bis heute nicht bestätigt".
Auch im Münchner Plutonium-Fall führten viele Rafa-Tips ins Leere. Gleichwohl scheute der Dienst nicht die Mühe, Rafas Informationen in Diagramme aufzuzeichnen und zu ordnen (siehe Grafik Seite 34).
Als angeblicher Anbieter von Plutonium wird da ein "Maki" genannt, "Repräsentant der Marseiller Mafia in Paris". Leider kennt der Dienst keinen Klarnamen. "Nicht identifiziert" steht da.
Selbst der "Kopf der Mafia in Marseille", ein "Manolo", soll irgendwann mit im Spiel gewesen sein. Auch der Mafia-Chef höchstselbst konnte "nicht identifiziert" werden.
Andere Figuren, die als angebliche Anbieter auftauchen, wie ein Jose Fernandez MartInez, sind alte Kumpanen von Rafa. Fernandez wirkte im Hintergrund immer mit. Er sei auf einen "sehr engen Freund von Rafa" hereingefallen, notierte einer der Münchner Schmuggler, Javier Bengoechea Arratibel, bitter in einem Brief aus dem Gefängnis (siehe Ausriß Seite 36).
Seinen größten Coup fädelte Rafa im Juni 1994 im Madrider Hotel Novotel ein. Dort brachte er zwei dunkle Gestalten mit einem Deutschen zusammen.
Der Deutsche wollte sofort und unbedingt eine Probe Plutonium 239. Die Probe müsse nach München transportiert werden, dort habe er ein Labor.
Als die Umworbenen zögerten, schaltete sich Rafa ein. Überliefert ist sein Satz: "Wenn ihr unfähig seid, werde ich selbst nach Rußland fahren, um die Dinge zu regeln." Dann verschwand er mit dem rätselhaften Deutschen in einem Restaurant.
Der "deutschsprachige" Käufer, so steht es in einem Vermerk von Interpol, spreche so gut Spanisch, daß er auch als Latino durchgehen könne. Er muß schon eine Weile im Lande gelebt haben.
Von ihm existieren mehrere amtliche Beschreibungen: etwa 1,80 Meter groß, schlank, etwa 50 Jahre alt. Einer kann sich an auffällig "abgearbeitete Hände" erinnern.
Wer das sein könnte, hat ein BND-Mitarbeiter jüngst verraten: Alle Beschreibungen paßten auf Roberto, ebenjenen Rafa-Partner Roberto alias Peter aus Hessen, der für BKA und BND arbeitete.
Schmidbauer dementiert das heftig. Der Deutsche sei kein Mitarbeiter des Dienstes. Genauso heftig bestritt er vorigen Freitag abend, daß ein Mitarbeiter gleichzeitig für BND und BKA tätig geworden sei. Das Dementi ist erwiesenermaßen falsch.
Durch die Geschichte des Plutonium-Deals zieht sich wie ein roter Faden, daß die Beamten des Bundeskriminalamts sehr viel vorsichtiger waren als der forsche BND.
"Entgegen ersten Behauptungen, daß das Material in Deutschland liege", so ein interner BKA-Vermerk, sei bekanntgeworden, "daß Plutonium sich in Moskau befindet und bei Interesse jederzeit unter bestimmten Modalitäten nach Deutschland gebracht werden kann". Dies aber lehnte das Bundeskriminalamt ab.
Aufgrund der sehr dürftigen Angaben, so erklärte BKA-Präsident Hans-Ludwig Zachert in Bonn, sei seine Behörde nicht tätig geworden. Er "sei auch nicht glücklich darüber", steht in einem Protokoll (Geheim-amtlich geheimgehalten), "daß dem Zugriff in München" ein eher vager Sachverhalt "zugrunde gelegen habe". Er hätte es lieber gesehen, wenn das BKA zuständig geblieben wäre, insbesondere auch "zur Vermeidung kriminalistischer Fehler". Auch in der PKK vorigen Donnerstag ging Zachert höflich, aber bestimmt auf Distanz zur Aktion des BND.
Mit "solchen Leuten wie Rafa", sagt ein hoher BKA-Beamter, "hätten wir eine solche Operation nicht gemacht. Das riecht man doch."
Warum in Pullach niemand etwas gerochen haben will - BND-Chef Porzner konnte vor der PKK nichts zur Klärung beitragen. Er hatte Mühe, ein paar Sätze vom Blatt abzulesen.
Eckart Werthebach, Chef des Bundesamtes für Verfassungsschutz, saß wortlos dabei. Er gilt vielen in Bonn als Wunschnachfolger des ahnungslosen Porzner.
Porzners Untergebene sagten mehrfach die Unwahrheit. Ob es denn stimme, wollte einer wissen, daß Rafa, wie im SPIEGEL berichtet, für einen erfolgreichen Einsatz mit einer Prämie zwischen 100 000 und 300 000 Mark rechnen durfte?
Dementi des BND. Überhaupt keine Prämie habe in Rede gestanden, und der eigens aus Madrid angereiste BND-Resident Fischer-Hollweg, den die Spanier liebevoll el Gordo, den Dicken, nennen, tat ganz unschuldig. Er könne kaum über ein paar Hunderter verfügen.
El Gordo biegt die Wahrheit. In geheimen Fernschreiben hatte er nach Abschluß der "Operation Hades" die Zentrale gedrängt, Rafa die Prämie zu zahlen.
"Entgelt bis zu 300 000 Mark zugesagt", drängt der BND-Mann im September. Rafa sei vom BND "benutzt und ausgenutzt worden". Aufgrund der Zusagen und "im Vertrauen auf eine Prämie für den spektakulären Zugriff" habe Rafa ein Grundstück gekauft.
Allein von Juni bis Dezember erhielt Rafa, Porzners "Quelle", 158 000 Mark aus Pullach. Sogar am Umzug ins neue Haus in Madrid will sich der Dienst beteiligen.
Das große Wort vor den Abgeordneten führte Willi Liesmann alias Michael Brandon aus dem Referat 11A, der bei dem Skandal-Deal als Dolmetscher Adrian fungierte. Der BND-Mann war in München immer dabei, bei den Treffs mit den Schmugglern, bei der Festnahme am 10. August 1994 auf dem Flughafen.
"Sprachmittler" heißt so einer im Jargon des BND. Aber das beschreibt Adrians Rolle nur ungenügend.
Der BND-Dolmetscher und Rafa waren die Antreiber der "Operation Hades" um den fingierten Plutonium-Schmuggel. Walter Boeden, der am 25. Juli eingeschaltete Scheinaufkäufer des Landeskriminalamtes (LKA), agierte nur im Hintergrund. "Bei irgendwelchen Schwierigkeiten wendet Euch an mich", ließ Adrian die Plutonium-Schieber wissen.
Adrian ließ - auf Bitten Rafas - den aus Moskau eingereisten Schmugglern am 20. Juli 1994 ein paar Hunderter mit einem Boten des BND vorbeibringen. Sie waren klamm und drohten mit der Abreise.
Tagelang hatten sie in München vergebens auf den von Rafa versprochenen Käufer mit einer Plutonium-Probe von drei Gramm gewartet. Der angeblich millionenschwere Undercoverpolizist Boeden konnte nicht kommen, da er wegen Urlaubs verhindert war.
Vor den Bonner Abgeordneten beteuerte der Pullacher Adrian seine Unwissenheit: Er habe nicht gewußt, daß der tödliche Stoff per Lufthansa-Maschine gebracht werden sollte.
In den von den Ermittlern abgehörten Gesprächen klang das ganz anders. "Bei der Vier-Kilogramm-Lieferung" mahnt der BND-Mann die Anbieter, "müssen Sie beim Fliegen aufpassen. Zu eurer und auch unserer Sicherheit, paßt auf! Das stellt eine Gefahr dar."
Und als der LKA-Scheinaufkäufer Boeden wissen wollte, ob denn die Plutonium-Lieferung nun sicher sei, beruhigte ihn der Pullacher Geheimdienstler: "Es ist zu 100 Prozent sicher, wenn nicht etwas ganz Unvorhergesehenes passiert, daß zum Beispiel der Flieger herunterfällt."
Fürsorgliche Oppositionsabgeordnete mahnten Adrian in der PKK-Sitzung, seine Aussage wegen offensichtlicher Ungereimtheiten lieber zu beenden. Der Liberale Burkhard Hirsch: "Die Story des Dolmetschers glaube ich nicht."
Höhere Chargen stellen sich genauso dumm.
Der bayerische Innenminister Günther Beckstein (CSU), der sich zum Ärger der Abgeordneten bei der PKK nicht sehen ließ, beharrte noch in der vergangenen Woche darauf, er habe nicht gewußt, daß das Plutonium aus Moskau eingeflogen werde.
Eine seltsame Geschichte. Warum stellten die Bayern dann als "Vorsichtsmaßnahme Sperrgitter" und zwei Meßstationen für radioaktives Material auf dem Münchner Flughafen auf?
Dabei war BND wie BKA schon am 25. Juli klar, daß die große Menge Stoff noch in Rußland lag. Schließlich steckten die Geheimen den Schmugglern ein paar Tausender zu, damit sie nach Rußland fliegen konnten, um das Zeug zu holen.
Jeder Schritt der drei Verkäufer war bekannt, auch dem Münchner Landeskriminalamt, für das Beckstein die Verantwortung trägt: Seine Beamten hörten täglich Dutzende Telefonate zwischen Moskau und den beiden in München zurückgebliebenen Kumpanen ab. Sie kannten jedes Detail, auch die Schwierigkeiten, in Moskau den Stoff zu beschaffen.
Drei Tage vor der Lieferung, räumt LKA-Mann Walter Boeden in seiner Vernehmung ein, habe ihn ein Schmuggler informiert, wann er mit dem Plutonium wo ankommen würde. "Um circa 20 Uhr", erklärte er, werde er "morgen, Montag, am 8. August 1994, nach Moskau fliegen und 500 Gramm Plutonium am 10./11. August mitbringen."
Die Ermittler hörten mit, als der Dealer am 10. August um 13.18 Uhr in München anrief: "Ich steige jetzt ins Flugzeug." Als die Maschine eintraf, wurde der Schmuggler auch von BND-Leuten erwartet. Sie waren offenkundig über den Plutonium-Transport informiert.
Am vergangenen Freitag schließlich ließ der Münchner Leitende Oberstaatsanwalt, Dieter Emrich, warum auch immer, die Bombe platzen und stellte Beckstein bloß: Er gab zu, seine Behörde und das LKA hätten gewußt, daß vier Kilo Plutonium im Anflug seien. "Natürlich blieb ein Risiko, das ist völlig richtig", sagte Emrich.
Bei einem Absturz des Flugzeugs hätte das Gift nach Ansicht von Experten den Großraum München verseuchen können. Doch habe man keine Alternative gehabt, und das Risiko sei vertretbar gewesen, so Emrich: "Mit dem Auto? Ja, dann knallt er gegen den Baum oder in ein anderes Auto rein und hat das Zeug an Bord." Der Erfolg habe ihnen recht gegeben, "die 363 Gramm bedrohen niemanden mehr".
Genauso blauäugig hat in der Vergangenheit auch Schmidbauer über den staatlich organisierten Plutonium-Import gedacht. Die Methode, Verkäufer im Ausland zu locken, wollte er sogar förmlich per Kabinettsbeschluß legalisieren lassen.
Bislang wird nach Paragraph 328 des Strafgesetzbuches mit Freiheitsstrafe bis zu fünf Jahren bestraft, wer "ohne die erforderliche Genehmigung" Kernbrennstoffe befördert, einführt oder ausführt. Damit Agenten von dieser Drohung nicht betroffen sind, wollte Schmidbauer im vergangenen Sommer von der Bundesregierung eine Genehmigung für Importe.
Der BND sollte die rechtliche Möglichkeit erhalten, so begründete es Schmidbauer im Geheimdienstjargon, "künftig nahe an den Quellen, aus denen das gefährliche Material stammt, eine qualifiziertere Aufklärungsarbeit zu leisten". Und das sei nur möglich, fügte er hinzu, "über die Beschaffung von Proben des auf dem Markt bereits befindlichen vagabundierenden Nuklear-Materials".
Schmidbauers Idee mit der Kabinettsgenehmigung scheiterte im vorigen Spätsommer am Widerstand des Koalitionspartners FDP. Durch solch einen Freibrief, so das hellsichtige Argument der Freidemokraten, werde womöglich erst ein Käufermarkt geschaffen.
Solche Bedenken aber plagten den BND-Aufseher damals sowenig wie heute. Noch vorletzte Woche, nach Erscheinen des SPIEGEL-Titels, meinte er, zur Irritation hochmögender Parteifreunde, es sei "immer besser, man hat eine Präventivaktion, die die Dinge beleuchtet".
Ganz in diesem Sinne erklärte der Parlamentarische Geschäftsführer der Unionsfraktion, Joachim Hörster, noch vorletzte Woche, er könne sich "sehr gut Umstände vorstellen", die es rechtfertigen, einen Plutonium-Schmuggel zu inszenieren. Denn die größte Gefahr sei, so Hörster, "daß nennenswerte Mengen von Plutonium in die Hände von Verbrechern oder von kriminellen Staaten geraten".
Solche Gefahren werden allenfalls durch jene ausgelöst, die sie bekämpfen wollen.
Nach monatelangen SPIEGEL-Recherchen steht fest: Alle von deutschen Ermittlern verbreiteten Legenden über Käufer sind Räuberpistolen. Erst durch geschickte Manöver dubioser V-Leute wurde ein nuklearer Nachfragemarkt geschaffen.
Schon den Geheimberichten seines eigenen Dienstes konnte Schmidbauer entnehmen, daß weder Verbrecher noch kriminelle Staaten sich bislang als Ankäufer gemeldet haben. "Offenbar aufgrund negativer Erfahrung bei der Suche nach Abnehmern", heißt es in einem Bericht vom 12. Januar 1995, bestehe "mittlerweile ein Mangel an interessierten Zwischenhändlern".
Unter der Überschrift "Einschätzung der Gefahr" wird dann eingeräumt, es gebe bisher "keine zuverlässigen Informationen, daß terroristische Gruppierungen Überlegungen anstellen, radioaktive Mittel für ihre Zwecke einzusetzen, oder bereits entsprechende Vorarbeiten durchführen.
Zwei erste generelle Hinweise, heißt es weiter, würden beim BND "mit Skepsis aufgenommen". Es müsse allerdings befürchtet werden, heißt es ganz generell, daß sich künftig Interessenten aus Drittweltländern melden könnten.
Vor dem Auswärtigen Ausschuß gab Schmidbauer schon im letzten Jahr zu: "Nach wie vor wurde waffengrädiges Spaltmaterial oder Kernwaffen auf dem Schwarzmarkt noch nicht festgestellt. Anzeichen für einen nuklearen Terrorismus gibt es noch nicht."
Plutonium-Experten wie Mark D. Hibbs von der amerikanischen Fachzeitschrift Nucleonics Week behaupteten, daß es weder "einen Markt noch Staaten gibt, die sich für den Kauf von in Deutschland gefundenem Strahlenmaterial interessieren" (siehe Interview Seite 33).
Als unverantwortlich hochgepuscht empfindet auch der bei der Uno für die atomaren Teststoppverhandlungen zuständige Diplomat Miguel Marin-Bosch die Mär vom Markt des vagabundierenden Plutoniums: "Die einzigen Käufer, die wir bislang erlebten", so der Mexikaner in einem BBC-Interview, "stammten aus den Reihen der bayerischen Polizei".
Helmut Kohl steht bis auf weiteres zu seinem Schmidbauer und, kaum weniger fest, zum BND-Chef Porzner. Der Kanzler belobigte den Staatsminister für dessen Auftritt in der PKK. Selbstverständlich bleibe er auf seinem Posten. Für den Sozialdemokraten Porzner gelte das gleiche. Und Kanzler Helmut Kohl zögerte letzten Donnerstag auch nicht länger, seine beiden Geheimen öffentlich zu verteidigen: "Das Ganze ist unglaublich aufgebauscht", er habe "nicht den geringsten Zweifel", daß alles überzeugend aufgeklärt werde.
Intern ermahnte der Kanzler den CDU-Mann Schmidbauer aufs neue zur besseren Zusammenarbeit mit Porzner. Kohl will alles vermieden wissen, was die Verteidigungslinien der Regierungsfestung gefährden könnte.
Ein offener Bruch zwischen Schmidbauer und Porzner mit nachfolgender Schlacht der Indiskretionen würde womöglich, so die Sorge des Kanzlers, auf ihn selber zurückschlagen.
Denn rechtlich liegt die Dienstaufsicht über den BND bei Kanzleramtsminister Friedrich Bohl. Staatsminister Schmidbauer ist per Organisationserlaß als Koordinator nur mit den Alltagsgeschäften betraut.
Bohl aber, der eigentlich Verantwortliche, war über die Plutonium-Aktionen des BND nicht informiert.
Bohls Sorgen sind, auch nach den verharmlosenden Erklärungen Schmidbauers und der BND-Truppe in der PKK, nicht restlos ausgeräumt, womöglich selber Opfer raffinierter Täuschungen zu sein.
Daß bei einer Schlammschlacht zwischen den Geheimdienstoberen noch ganz andere Dinge an die Oberfläche kommen könnten, befürchtete zeitweise auch CDU/CSU-Fraktionschef Wolfgang Schäuble. Lange bevor der Sprecher des russischen Atomministeriums den Vorwurf erhob, die heiße Ware sei aus Deutschland nach Moskau und wieder zurück nach München geflogen worden, hatte Schäuble von einem ähnlichen Verdacht geredet.
Bereits in der vorletzten Woche hatte er in kleinem Kreis sinniert, es wäre ein "Riesenskandal", sollte sich herausstellen, daß der BND 1994 das Plutonium im Westen besorgt und die ganze Operation via Moskau eingefädelt hätte, um die Russen unter Druck zu setzen, wie es auch der Moskauer Vize-Atomminister Jewgenij Mikerin anprangernd behauptet: Sein Land solle "als Obervolta mit Plutonium dastehen" (siehe Seite 32).
Alles astrein, alles felsenfest, an den Komplott-Theorien sei absolut nichts dran, wurde dem Fraktionschef jetzt nach der PKK-Sitzung von seinen Experten versichert.
Auf die argwöhnische Nachfrage, warum denn die Russen nicht längst zur gemeinsamen Prüfung des Ursprungsortes des Plutoniums herangezogen worden seien, erfuhr er, dies sei den Russen angeboten worden. Die aber hätten nicht reagiert, weil sie genau wüßten, daß dieses Material eindeutig aus russischen Beständen stamme.
Mag sein. Doch niemand im Bonner Geheimdienstsumpf scheint zur Zeit gewillt, genau zu sagen, was die Wahrheit ist und was Legende.
Der Deutsche wollte sofort und unbedingt eine Probe Plutonium
"Die Story des Dolmetschers glaube ich nicht"
"Die einzigen Käufer stammten aus den Reihen der Polizei"
[Grafiktext]
Schnüffler, Schieber, Dealer - Das Milieu im Überblick
[GrafiktextEnde]

DER SPIEGEL 17/1995
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