24.04.1995

Spionage

Schnüffler ohne Nase

Die Pannen und Pleiten des Bundesnachrichtendienstes in Pullach

Das Buch sieht so aus, wie es der Zuschauer als Requisit eines Staatsaktes aus den Fernsehnachrichten kennt. Groß, rot gebunden mit vergoldeten Zierleisten. Das Siegel aus dunkelrotem Lack auf der letzten Seite ist auf zwei schwarzrotgoldene Kordeln gedruckt - doch es sind nicht die Bonner Farben.

Es war die andere deutsche Republik, die auf dem Papier ein zwischenstaatliches Abkommen besiegelte. Der Vermerk "streng geheim" auf jeder Seite war so wirksam, daß es noch viele Jahre später in der Drucksache 12/991 des Deutschen Bundestages - Antwort auf eine Anfrage der Abgeordneten von Bündnis 90/Die Grünen - heißt: "Bisher ist über die Existenz und die Arbeitsweise von SOUD fast nichts bekannt."

SOUD steht für die russische Abkürzung des "Systems der gemeinsamen Erfassung von Informationen über den Gegner"*. Es ist der Ende 1977 unter _(* Soglaschenije o sisteme objedinennowo ) _(utschotja dannych o protiwnike. ) strikter Geheimhaltung vereinbarte elektronische Datenverbund der Spionagedienste des sozialistischen Lagers.

Von Beginn gehörten ihm die Staatssicherheitsorgane der Sowjetunion, Bulgariens, Ungarns, Polens, der Tschechoslowakei, der Mongolei, Kubas und, traditionell an vorderster Front im Krieg der Agenten, der DDR an. Später schaltete sich noch Vietnam dazu.

Anlaß für dieses wohl umfassendste Unternehmen in der Geschichte der Spionage, eine Art östlicher Agenten-Interpol, waren die für 1980 an Moskau vergebenen Olympischen Spiele. Sie sollten durch eine möglichst lückenlose Datenspeicherung "feindlicher ausländischer Kräfte" abgesichert werden.

Für Olympia lohnte der Aufwand nicht: Wegen Rußlands Afghanistan-Invasion boykottierte der Westen die Moskauer Spiele, womit auch das Gros der "feindlichen Kräfte" ausblieb.

SOUD aber wurde trotzdem zum Hit im Spiel der Spione, dazu einer, der das Ende des Kalten Krieges und den Zusammenbruch des Ostblocks überdauerte. SOUD erweist sich auch heute noch als außerordentlich nützlich für die Nachfolger der Kommunisten im Kreml und in anderen Ländern des untergegangenen Sozialismus.

Im Abkommen von 1977, das von 1979 an in der Praxis verwirklicht und 1985 präzisiert wurde, verpflichteten sich die "vertragschließenden Seiten", dem SOUD "vorhandene Informationen über den Gegner in möglichst vollem Umfang zur Verfügung zu stellen". Neben dem Initiator des Unternehmens, dem sowjetischen KGB, war dabei kein Dienst so emsig wie die ostdeutsche Stasi, für die Erich Mielke am 17. November 1979 als zweiter Sicherheitschef des Blocks unterschrieb, und deren Spionageabteilung Hauptverwaltung Aufklärung (HVA).

Ein Viertel der anfangs auf rund 300 000 geplanten Personen-Einspeicherungen in den SOUD-Computer zwischen Ende 1979 und Ende 1989 stammten allein vom Ministerium für Staatssicherheit in Ost-Berlin. Etwa 17 600 der insgesamt rund 74 800 Personendatensätze, die SOUD dem Bienenfleiß der Stasi verdankt, betreffen die im Vertrag als wichtigste Gruppe klassifizierte Personenkategorie 1: "Mitarbeiter und Agenten der gegnerischen Geheimdienste".

Heißt im Klartext: Im Moskauer Zentralcomputer, aus dem die befreundeten Dienste jederzeit - in der höchsten Dringlichkeitsstufe binnen acht Stunden - Informationen abrufen konnten, sind Tausende Beamte und Agenten des BND registriert, weltweit mit Namen, Decknamen, Adresse, Telefonnummer, persönlichen Daten, besonderen Kennzeichen, Typen und Zulassungsnummern ihrer Autos.

Die meisten dieser Agenten wissen bis heute nicht, was ihrer Chefetage wohlbekannt ist: daß sie seit Jahren enttarnt sind. Der entscheidende Teil des Pullacher Dienstes ist für die Osteuropäer aus Glas, mehr als 2200 BND-Mitarbeiter hat allein die Stasi im SOUD-Programm mit Klar- und Decknamen gespeichert.

Vermutlich ist alles noch viel schlimmer. Auch die sozialistischen Bruderdienste waren ja nicht ohne Erfolg hinter den BND-Spionen her. Das KGB und das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) in Ost-Berlin konnten über Jahre Maulwürfe in Pullacher Spitzenpositionen plazieren, die Zugang zum kompletten Personalbestand hatten.

Experten gehen davon aus, daß insgesamt 6800 BND-Spione in den östlichen Karteien registriert waren - der BND, nur noch eine Lachnummer für die Konkurrenz.

Ob P. B. aus dem Hessischen, der einen BMW 735 fährt und auf dem linken Bein hinkt, ob der in der Zentrale tätige P. J. vulgo "Bayern-Sepp", ob Meier Richard Dr., zeitweiliger Spitzenbeamter des BND und später Verfassungsschutzchef, der unter dem Decknamen "Dr. Manthey" wirkte, oder "Dommel" am kölschen Rheinufer - alle, die sich unerkannt im dunkeln wähnten, finden sich in den Stasi-Listen wieder, zum Teil sogar mit Gattin. "Ehefrau Marianne", heißt es über den BND-Agenten H. H. aus München, "ist vermutlich auch im Observationskommando tätig".

Auch die Hauptabteilung III, die besonders erfolgreiche Funkaufklärung des Ministeriums für Staatssicherheit, gab ihre reiche Ausbeute größtenteils an SOUD weiter.

"Die haben geglaubt", höhnt ein ehemaliger Stasi-Oberst über die Konkurrenz aus Pullach, "wir leben in der Steinzeit, und haben am Telefon alles erzählt, richtige Schwätzer."

So sei das MfS zu Computer-Disketten mit "Zehntausenden abgehörter Telefonate des BND" gekommen. Der Offizier: "Wir kannten Klarnamen, Decknamen, Autokennzeichen und Adressen, einfach alles", was der BND in der DDR so trieb.

Und die meisten BND-Spione drehte die Stasi um: "Fast alle Quellen des BND haben in Wahrheit für uns gearbeitet." Der frühere MfS-General Harry Schütt weiß es noch präziser: "90 Prozent aller BND-Quellen in der DDR waren in Wahrheit Nachrichtenspiele unserer Abwehr."

Arbeitssprache für SOUD war Russisch. Auf Befehl Mielkes (Nr. 11/79, "an Dokumentenverwaltung zurückzusenden") wurde in Ost-Berlin "unter strengster Konspiration und Geheimhaltung" zur Kooperation mit SOUD eine spezielle Arbeitsgruppe ZAIG/5 gebildet, die alle Erfassungsbelege ins Russische übertrug.

Gespeichert sind in SOUD nicht nur Agenten, sondern auch "Mitglieder zionistischer, feindlicher Emigranten-, kirchlicher und anderer Organisationen. Diplomaten der Nato-Mitgliedsländer, Japans und der VR China, die in den Staaten der sozialistischen Gemeinschaft tätig sind", Westjournalisten sowie Wirtschafts- und Kulturabgesandte vom Lufthansa-Repräsentanten bis zur Goethe-Institut-Mitarbeiterin.

In den Dienstregeln des "Arbeitsapparates des SOUD" war genau aufgeschlüsselt, was über eine Person gespeichert werden sollte, vom Mädchennamen der Mutter über Gestalt und Größe, Augen- und Haarfarbe, Titel und Rang, Einkommen, Glaubensbekenntnis, wenn möglich samt Foto und Handschriftenprobe.

Von 2185 Eingaben bei Funktionsbeginn 1979 steigerte die Stasi ihren Input auf 11 171 im Jahr 1988. Selbst im Wendejahr 1989 kamen noch mal über 10 000 dazu, diese SOUD-Daten sind zwischen _(* Schwärzungen vom SPIEGEL. ) Moskau und Havanna bis heute verfügbar.

Wie denn die Persönlichkeitsrechte von Deutschen, die im SOUD gespeichert sind, geschützt werden könnten, wollten grüne Abgeordnete schon vor vier Jahren von der Bundesregierung wissen. Sie werde dies prüfen, so die Regierung - und sie prüft immer noch.

SOUD belegt: Der "Bundesnukleardienst", so der neueste Spott über die pannengeschädigten Pullacher, taugt wohl eher zur Farce, nicht erst seit der Plutonium-Posse von München.

"Die erdrückende Summe von Pannen und Pleiten zerstört zugleich die Legende von der Effektivität und Prognosefähigkeit dieses Nachrichtendienstes, zu dessen Desinformationskampagnen immer gezinkte Selbstporträts gehören", urteilt der frühere Bundeswehr-Offizier und Friedensforscher Erich Schmidt-Eenboom über den BND. Autor Schmidt-Eenboom ("Der BND, Schnüffler ohne Nase") macht sich seit Jahren über die Pullacher lustig.

Unfreiwillig bestätigt ihn Johannes Gerster, bis 1994 CDU-Mitglied der Parlamentarischen Kommission des Bundestages zur Kontrolle der Geheimdienste: "In der Regel ist der Bundesnachrichtendienst bedeutend harmloser, als die Öffentlichkeit annimmt."

Beim Personal schlägt sich das bislang kaum nieder: Der nach den Gesetzen des Kalten Krieges unmäßig aufgeblähte Apparat beschäftigt heute rund 6500 Mitarbeiter, mehr als das Auswärtige Amt besoldet. Die Hälfte davon sitzt in der Zentrale in Pullach bei München, einer mit Mauer und Stacheldraht umgebenen Festung von knapp einer dreiviertel Million Quadratmetern, in der einst Hitlers Stellvertreter Rudolf Heß residierte.

Für seine Arbeit, laut Gesetz das Sammeln von Informationen aus dem Ausland und deren Auswertung, verschlingt der Dienst fast eine Milliarde Mark jährlich, obwohl vier Fünftel seiner Informationen aus offenen Quellen stammen, etwa aus Zeitungen, Rundfunk und Fernsehen oder allgemein zugänglichen Druckwerken.

Jeden Dienstag trägt der Chef im Kanzleramt die Wochenlage vor, doch lange schon hört kein Kanzler den ebenso teuren wie oft völlig belanglosen Erkenntnissen des von Helmut Schmidt wie Helmut Kohl unisono als "Dilettantenverein" bespöttelten BND mehr zu.

Daß etwa die peruanischen Luftstreitkräfte acht Hubschrauber verlegt haben, darf der für Geheimdienste zuständige Staatsminister im Kanzleramt als Herrschaftswissen hüten, dessen Karriere meist mit Eruptionen im BND oder Verfassungsschutz konform verläuft, also eher risikoreich. Der als 008 verspottete Bernd Schmidbauer ist bereits Kohls vierter Adlatus auf dem Schleudersitz des Geheimdienstkoordinators.

Ohne Frage haben auch andere Filialen jenes globalen Gewerbes, in dem "der Dienst sich nach einem Sarg umsieht, sobald ein Mitarbeiter Blumen riecht", so einst der CIA-Direktor Robert Gates mit einem guten Schuß Selbstironie, ihre peinlichen Affären.

Die CIA ist legendär für ihre Zigarren, mit denen sie Kubas Revolutionär Castro ermorden wollte, oder für Drogenschmuggel im Dienst nicaraguanischer Contras.

Die besten Köpfe britischer Dienste verzehrten ihre Judaspension vom KGB im grauen Moskau, dem selbst wiederum allerlei Überläufer in den Goldenen Westen abhanden kamen. Und Frankreichs wenig wählerische Agenten spielten im fernen Neuseeland nicht gerade ruhmreiches Schiffeversenken mit den Umweltschützern von Greenpeace.

Aber kaum ein anderer der großen Spionagedienste hat eine so unheilvolle Historie von Patzern und Pannen wie die glücklosen Aufklärer aus Pullach.

Dabei hatte alles begonnen wie geschmiert. Dem Gründer und ersten Präsidenten des Dienstes war gelungen, woran all seine Kameraden scheiterten: seinen Verein, die Wehrmachtsabteilung "Fremde Heere Ost" (FHO), mehr oder minder nahtlos aus der Nazi-Zeit ins neue Deutschland hinüberzuretten und den unter Hitler begonnenen Kreuzzug im Osten mit neuen Bundesgenossen weiterzuführen - wenn auch nur noch im Dunkel der geheimen Dienste.

Der General Reinhard Gehlen, von Hitler am Ende wegen seiner ebenso düsteren wie fatalerweise zutreffenden Feindberichte als "Narr" gescholten, der "ins Irrenhaus" gehöre, und noch im letzten Kriegsmonat abgesetzt, hatte für seine Zukunft nach dem Tausendjährigen Reich längst vorgesorgt.

Fünfzig Stahlkisten voller Materialien seiner Ostaufklärung ließ der General heimlich nach Bayern schaffen, das, wie er wußte, US-Zone werden würde. Mitte April 1945 setzte er sich mit Vertrauten selber auf die abgelegene Elendsalmhütte bei Schliersee ab, wo ihn die Amerikaner knapp zwei Wochen nach der Kapitulation fanden.

In General Edwin L. Sibert, dem Nachrichtenchef der US-Zone, fand Hitlers Ostaufklärer eine verwandte Seele, die seinen Wert erkannte und ihn am Oberbefehlshaber Eisenhower vorbei nach Washington schleuste. Von dort kehrte Gehlen nach fast einem Jahr mit dem Auftrag zurück, unter US-Aufsicht weiter gen Osten zu spionieren.

Der Kalte Krieg war ausgebrochen, und den Amerikanern dämmerte plötzlich, daß sie so gut wie nichts über den neuen Gegner UdSSR wußten.

Zunächst konnte ihnen freilich auch Gehlen kaum mit neuen Erkenntnissen dienen. Der Versuch, alte V-Leute aus Kriegszeiten im Osten wieder zu aktivieren, scheiterte kläglich: Die Agenten hatten sich längst ihrer Funkgeräte entledigt, keiner meldete sich mehr.

Doch dann fuhr die "Aktion Hermes" über Jahre reiche Ernte ein: Gehlens Kumpane - fast ausschließlich alte Kameraden aus der FHO, der SS und Abwehr - taten ein Millionenheer von Informanten auf, die den kommunistischen Osten "kennengelernt hatten wie vorher kein Mensch aus dem Westen", so das Standardwerk "Pullach intern" der Autoren Hermann Zolling und Heinz Höhne. 3,1 Millionen deutsche Kriegsgefangene kehrten in den Nachkriegsjahren heim. Ihre Abschöpfung ergab ein ungeheures Puzzle aus Ersthand-Informationen, aus dem sich ein einzigartiges Mosaik über Stalins Imperium formen ließ.

Gehlen galt den neuen Verbündeten bald als große Nummer, dem sie nun auch den Wunsch nach einem standesgemäßen neuen Hauptquartier erfüllten. Aus allerlei Behelfsheimen im Taunus zog die Organisation Gehlen (Org) am 6. Dezember 1947 in die einstige Heß-Siedlung in Pullach bei München ein.

Das Einzugsdatum gab dem Quartier seinen internen Namen: Camp Nikolaus. Im neuen Heim expandierte die Org gewaltig, vor allem, da sie mit der Sowjetzone ein neues Operationsgebiet erschloß, das ihr anfangs große Erfolge bescherte: Mit der Chefsekretärin Elli Barczatis im Vorzimmer des Ministerpräsidenten Otto Grotewohl (Deckname "Gänseblümchen"), dem Vizepremier Hermann Kastner und dem Agenten Walter Gramsch im Bereich des Geheimdienstchefs Wollweber hatte sie drei Topleute in der ostdeutschen Spitze plaziert - ein Triumph, den der Dienst nie wiederholen konnte.

1951 landeten die Russen im Gegenzug einen der spektakulärsten Coups der Spionagegeschichte. Sie pflanzten Gehlen einen Maulwurf ins Pullacher Nest, der dort dank der Förderung durch den Chef ("hervorragender Mann, er bringt an, was andere nicht schaffen") bis in die höchste Hierarchie aufstieg, zehn Jahre lang für Moskau die ganze Org von innen nach außen kehrte und damit Gehlens Lebenswerk vernichtete.

Heinz Felfe, ein alter SS-Kamerad vom Auslandsnachrichtendienst des Reichssicherheitshauptamtes, war bereits KGB-Agent, als er in die Org geschleust wurde. Als vom KGB reich gefüttertes "Nachrichten-As" (Gehlen) heimste er unter dem Decknamen "Friesen" Beförderungen und Auszeichnungen von der inzwischen - 1955 - offiziell in Bundesnachrichtendienst umbenannten Gehlen-Truppe ein und kassierte gleichzeitig als Topagent "Paul" hohe Prämien vom KGB-Chef Schelepin persönlich.

Ende 1961 wurde Felfe enttarnt und 1963 zu 14 Jahren Gefängnis verurteilt, nachdem er noch als U-Häftling Kassiber nach Moskau und Ost-Berlin geschmuggelt hatte. 1969 kam er im Zuge eines Agentenaustausches auf Drängen Herbert Wehners in den Osten frei. Zehn Jahre diente er dem KGB noch als Deutschlandexperte, dann wurde er mit einer Professur für Kriminalistik an der Ost-Berliner Humboldt-Universität belohnt.

Selbst nach der Wende blieb ihm Fortuna treu: Unter der Zeile "6 Richtige für den Falschen" meldete Bild am 1. August 1991 empört, daß "Deutschlands gemeinster Verräter" über 700 000 Mark im Lotto gewonnen hatte.

Da die Ostspionage durch den Verrat von mehr als hundert Spitzenagenten paralysiert war, wandten sich die beamteten Späher fortan weniger riskanten Weltgegenden zu. Dazu diente der sogenannte Strategische Dienst unter dem General Wolfgang Langkau (Deckname "Holten"), dem freilich, wie sich viel später herausstellte, wieder ein unsicherer Kantonist zur Seite stand - der Organisationschef "Lückrath", mit echtem Namen Dr. Hans Langemann.

Der enthüllte anhand von über hundert Originaldokumenten mehr als ein Jahrzehnt nach seinen weltweiten Aktivitäten so gut wie alles über die "Operation Eva" - ein schieres Schreckensgemälde von bundesnachrichtendienstlichem Räuber-und-Gendarm-Spiel auf mehreren Kontinenten.

Die Operation war nach Eva Braun benannt. Die Hitler-Geliebte und -Ehefrau der letzten Stunden hatte einst in dem Haus Nummer 36 der Heß-Siedlung gewohnt. So sehr hingen die Gehlen-Agenten an ihrer Herkunft.

Im Rahmen von "Eva" heuerten die Münchner im fernen Südvietnam den Privatsekretär des Diktators Diem an, der später sogar als Informationsminister noch gern die 2800 Mark Monatssalär aus Deutschland einsteckte. Ihre Spitzenquelle am Südchinesischen Meer schirmten die teutonischen Führungsoffiziere sorgsam vor "Hortensie" ab, wie die verbündete CIA in Pullach hieß.

Aus Hongkong und Kuba sprudelten dank generöser Honorare die buntesten Berichte gen München. Der Dienst schickte Waffen nach Indonesien, um beim Sturz des Diktators Sukarno zu helfen. Im nahen Wien tummelten sich Dutzende Agenten, fotografierten Akten über Ostkirchen beim Kardinal Franz König und fanden Zugang in die Chefzimmer von Ministern, was immer das bringen mochte. Eine ganze Brigade in Soutane machte in Münchner Auftrag unter den Augen des in Rom residierenden Gehlen-Bruders Johannes den Vatikan unsicher, dessen Ostpolitik bis ins letzte Detail ausgeforscht werden sollte. Erst die sozialliberale Koalition schaltete unter Leitung von Kanzleramtsminister Horst Ehmke die ebenso kostspielige wie skandalträchtige Operation ab.

Organisationschef Langemann aber, der anschließend über die obskure Stelle eines "auslandsnachrichtendienstlichen Beraters" des Olympischen Komitees zum Staatsschutz-Chef in Bayern aufstieg, konnte von Abenteuern fern der Heimat nicht lassen: Mit seiner Hilfe lieferte die bayerische Hanns-Seidel-Stiftung Abhörgeräte an den Menschenschlächter Idi Amin in Uganda.

Unterdessen war das Sterbeglöckchen für die Gehlen-Ära des Dienstes eingeläutet worden. Karl Carstens, Kanzleramtsstaatssekretär von Kurt Georg Kiesinger, ordnete 1968 eine Untersuchung des BND durch eine Kommission unter Leitung des Staatssekretärs Reinhold Mercker an. Der Mercker-Bericht geriet zu einem Horrordokument, das bis heute unter Verschluß gehalten wird. Fazit: "ein korruptes Unternehmen".

Der Hauptbetroffene, Reinhard Gehlen, durfte den Bericht nicht mal mehr lesen. Er wurde am 1. Mai 1968 durch seinen Stellvertreter, den 54jährigen General Gerhard Wessel ersetzt, der schon bei der FHO Gehlens Vize (und Nachfolger) gewesen war.

Gehlen hinterließ ein brisantes Erbe: illegal gesammelte Akten über ein halbes Hundert bundesdeutscher Politiker von Barzel, Rainer, bis Wehner, Herbert, die berüchtigte "54er Kartei". In ihr waren so bedeutsame Staatsgeheimnisse archiviert, wie die zeitweilige Gewohnheit des Kanzlers Ludwig Erhard, sich zu vorgeschrittener Stunde auch mal einen Schluck Whisky aus der Flasche zu genehmigen.

Erhard, der von geheimen Diensten gar nichts hielt, hatte den BND-Verbindungsstab aus dem Palais Schaumburg verwiesen, weil er "mit solchen Leuten" nicht unter einem Dach sitzen wollte.

Ruhe kehrte in Pullach auch nach Gehlens Abtritt nicht ein. Der BND-Vizepräsident General Horst ** "Der Schattenkrieger. Klaus _(Kinkel und der BND". Econ Verlag, ) _(Düsseldorf; 320 Seiten; 39,80 Mark. * ) _(SPIEGEL-Titel 39/1954. ) Wendland erschoß sich, im selben Monat beging sein Freund, der Flottillenadmiral Hermann Lüdke, Chef des Stabes beim Nato-Hauptquartier in Brüssel, Selbstmord. Bei beiden gab es Hinweise auf Tätigkeiten für fremde Geheimdienste - am wahrscheinlichsten schien der tschechoslowakische.

In Wessels Amtszeit fiel der illegale Lauschangriff auf den Atommanager Klaus Traube, eine Aktion, die den BND ebenso in Verruf brachte wie den Verfassungsschutz. Nicht weniger peinlich war der Verrat der Sekretärin Heidrun Hofer. Sie gab über ihren Mann, der für das KGB arbeitete, die Namen sämtlicher Bereitstellungsräume des Dienstes für den Kriegsfall an die Russen weiter. Der Coup kostete den BND nach Expertenschätzungen rund 100 Millionen Mark für neue Fluchtburgen.

Dem zweiten General aus alten Zeiten folgte am 1. Januar 1979 der erste ungediente Zivilist als Präsident des Bundesnachrichtendienstes, der Beamte und spätere FDP-Politiker Klaus Kinkel. Die vierjährige Amtszeit des Geheimdienstlaien begann mit einem ebenso spektakulären wie unverdienten Erfolg - der Rochade des Stasi-Oberleutnants Werner Stiller in den Westen. Der Amtszeit Kinkels hat BND-Experte Schmidt-Eenboom ein Buch gewidmet, das Anfang Mai erscheint**.

Alt-Pullacher nahmen den Amateur Kinkel nicht ernst und verspotteten ihn als "Schlapphut-Indianer". Der Chefspion verstrickte sich in dubiose Abenteuer. So rüstete er nach US-Vorbild Gotteskrieger in Afghanistan auf, versorgte die mörderische Guerrilla im afrikanischen Mosambik mit Tötungs- und Fernmeldetechnik und lieferte sich Scharmützel mit den Agenten seines HVA-Kontrahenten Markus Wolf weit weg am Horn von Afrika. Unter dem Genscher-Zögling blieb die Frühwarnkapazität des Nachrichtendienstes so armselig wie vorher. Dafür gab der BND sich auf dem Feld von Stellvertreterkriegen in der Dritten Welt weit kämpferischer.

Zu der spektakulärsten Affäre der Kinkel-Ära im BND geriet der Fall des "Roten Admirals" Winfried Baumann, eines in Wahrheit alkoholkranken einstigen Fregattenkapitäns des Militärgeheimdienstes der DDR. Der hatte als Preis für eine Ausschleusung in den Westen seine Agentendienste angeboten. Die Flucht scheiterte an der Stümperei der BND-Leute, Baumann wurde 1980 zum Tode verurteilt und in Leipzig hingerichtet.

Kinkel hatte den, wie er wähnte, potentiellen Superagenten zur Chefsache gemacht. Dessen schlimmes Schicksal hat ihn nach eigenem Eingeständnis zwar "saumäßig geschlaucht", eine Verantwortung für Baumanns Tod aber wies er stets weit von sich.

Als BND-Präsident knüpfte Kinkel enge Beziehungen zum irakischen Geheimdienst ("Krokodil") mit dem Ziel, Saddam Husseins Streitkräfte und Agenten mit modernem Gerät zu versorgen. Türkischen Kollegen war der Dienst bei der Beobachtung kurdischer Extremisten hilfreich. Enge BND-Kontakte zu kroatischen Nationalisten aus alter faschistischer Ustascha-Tradition führten später dazu, daß die Geheimdienste des neuen kroatischen Staates nachgerade Pullacher Filialen wurden.

"Sein Appell an die Menschlichkeit", urteilt Schmidt-Eenboom über den Einsatz des Außenministers Kinkel für die Menschenrechte, "trifft in vielen Fällen jene Täter, denen er zwischen 1979 und 1982 die Hand gereicht hat."

Kinkels Nachfolger wurde wieder ein Offizier aus der alten Garde, der Wehrmachtsaufklärer Eberhard Blum, dem spektakuläre Pannen erspart blieben, freilich ebenso Erfolge: Vier Tage vor dem Tod des Kreml-Chefs Jurij Andropow nannte Blum in der Kanzlerlage drei wahrscheinliche Nachfolger. Von denen wurde es keiner, sondern der senile Apparatschik Konstantin Tschernenko.

Solchen Kummer waren die Bonner Empfänger der Erkenntnisse aus Pullach längst gewohnt: Der BND hatte den bevorstehenden Bau der Berliner Mauer ebenso verschlafen wie das Kriegsrecht in Polen, er hatte die Zahl der Stasi-Agenten immer um vier Fünftel unterschätzt, weshalb es Kanzler Schmidt auch erklärtermaßen nützlicher fand, die Neue Zürcher zu lesen als das Material aus München.

Blum amtierte zweieinhalb Jahre in Pullach. Seinen Nachfolger Heribert Hellenbroich hielt es gerade drei Wochen im Amt, dann wurde er wegen einer Affäre, die soeben seinen früheren Dienst, den Verfassungsschutz, erschüttert hatte, geschaßt: Dessen Spitzenbeamter Hansjoachim Tiedge hatte sich, im August 1985, in die DDR abgesetzt.

Auch der nächste Pullacher Präsident, der konservative Karrierediplomat Hans-Georg Wieck, scheiterte letztlich an der DDR, obwohl die sich - wie üblich ohne Vorwarnung aus Pullach - in Nichts auflöste.

Ein Stolperstein des ebenso weltläufigen wie reisefreudigen Wieck, der bei Lufthansa-Flügen die BND-"Mystere" für kleinere Abstecher hinterherjetten ließ, war aber nicht die verschlafene Zeitenwende in Mittel- und Osteuropa, sondern eines ihrer Abfallprodukte.

Dem BND war mitten im Wendeherbst 1989 ein Prominenter aus dem anderen Deutschland in den Schoß gefallen. Der hatte dort zwar für die nachrichtendienstliche Konkurrenz gearbeitet, aber auch lange schon nützliche Kontakte ins Bayerische gepflegt, zum verblichenen Alpenkönig Franz Josef Strauß. Auch Pullach führte über ihn eine Kartei unter "Schneewittchen" - Alexander Schalck-Golodkowski, Chef-Devisenbeschaffer der längst bankrotten DDR. Schalck, Oberst des MfS im besonderen Einsatz, war im Dezember 1989 vor den eigenen Genossen, die hinter gebunkerten Geldern her waren, nach Westen geflohen.

Den Vernehmern in Pullach erzählte er dies und das, etwa über den Pullacher Angstgegner Markus Wolf, der laut Schalck auch nach seinem Rücktritt als Chef der Spione samt Familie "in der DDR absolute Narrenfreiheit genoß".

Er selber, Schalck, habe über die Devisenfirma "Kommerzielle Koordinierung" Wolf eine Wohnungseinrichtung für eine halbe Million Westmark beschaffen müssen.

Damals, im Februar 1990, hielt DDR-Flüchtling Schalck ein "nachrichtendienstliches Comeback" Wolfs "angesichts der guten Verbindungen zu Modrow und Gysi nicht für ausgeschlossen".

Solch exklusive Geschichten aus der Filiale des Bösen erfreuten die BND-Chargen dermaßen, daß sie dem Ehepaar Schalck wohl allerlei windige Zusagen über die vom Informanten verlangte Straffreiheit sowie persönliche und materielle Absicherungen machten, aber auch Pässe und Führerscheine auf den Namen "Gutmann", dem Mädchennamen von Frau Schalck, ausstellen ließen.

Wegen der Affäre um das libysche Giftgaswerk Rabita kam es im Oktober 1990 zum Abschied Wiecks aus Pullach. Noch als Botschafter in Indien war sich der reaktivierte Diplomat freilich sicher, daß seinem Schützling Schalck seitens der deutschen Justiz wenig zustoßen könne.

Dem BND aber bereitete die gesammelte Hinterlassenschaft der DDR auch unter seinem neuen Präsidenten, dem SPD-Politiker Konrad Porzner, ein Fiasko.

Die unzähligen Kilometer Stasi-Akten - bedeutsame Teile als Mikrofiches von CIA-Aufkäufern den deutschen Kollegen weggeschnappt und nach Washington verbracht - enthüllten den ganzen Jammer des deutschen Geheimdienstes. Bei den CIA-Kollegen läuft der BND seit langem als "Mickey-Mouse-Dienst".

Nun wurde ruchbar, daß die deutsche Geheimdienstgemeinde etwa die von der DDR aufgerüstete geheime Militärorganisation der DKP in Westdeutschland verpennt hatte, nichts von der Gammastrahlen-Kontrolle der Stasi an der DDR-Grenze ahnte und das technische Abhörpotential des Gegners, für das allein 6000 Stasi-Spezialisten tätig waren, sträflich unterschätzt hatte. Spektakuläre Prozesse gegen von Wendeagenten verpfiffene Maulwürfe taten ein übriges: Als Verräterin von Felfe-Format entpuppte sich eine in Pullach ob ihrer Menschlichkeit überaus geschätzte Kollegin, die Regierungsdirektorin Dr. Gabriele Gast, alias Dr. Leinfelder, die aus Liebe zu einem Stasi-Offizier unter dem Agentennamen Gisela 17 Jahre lang alles an Geheimnissen preisgegeben hatte, was über ihren Tisch kam.

Und das war bei der Stellvertretenden Leiterin des Sowjetreferats, die auch Spezialdossiers für den Bundeskanzler verfaßte, fast alles, was Pullach zu bieten hatte: unter anderem die Liste aller BND-Residenten im Ausland mit Klar- und Decknamen. So wichtig war diese Topagentin, die all die Jahre kein Geld für ihre Dienste nahm, den östlichen Auftraggebern, daß sich Markus Wolf selbst nicht weniger als siebenmal mit seiner sprudelndsten Quelle traf und in seiner Datscha bei Berlin eigenhändig russische Pelmeni für sie zubereitete. Frau Gast wurde Ende 1991 wegen Geheimnisverrats in besonders schwerem Fall zu sechs Jahren und neun Monaten Haft verurteilt.

Noch strenger bestraft wurde der BND-Hauptmann Alfred Spuhler, der für die Stasi den Quellencomputer des Dienstes erschloß und damit eine Unzahl von Agenten enttarnte. Er und sein Bruder, der für Kurierdienste fünfeinhalb Jahre erhielt, hatten insgesamt fast eine halbe Million Mark Agentenlohn kassiert.

Selbst militärische Altlasten der DDR wurden für den BND noch zum Skandal. Hamburger Wasserschutzpolizisten fanden im Oktober 1991 im Hafen ein Sammelsurium von Waffen der Volksarmee. Sie sollten als Landmaschinen deklariert nach Israel verschifft werden.

Hinter den Absendern verbarg sich wieder einmal der BND, der seit seiner Gründung teils in Bonner Auftrag immer wieder verdeckte Waffengeschäfte am Gesetz vorbei getätigt hatte, nach Indien und in den Irak, nach Kroatien und in den Kongo, an Israel, selbst an algerische Moslem-Fundamentalisten.

Diesmal aber kamen für das schmutzige Geschäft erstmals gestandene BND-Beamte vor Gericht, da sie, wie ein Bonner Ministerialer höhnte, allzu leichtfertig gegen "das elfte mosaische Gebot" verstoßen hatten: Du sollst dich nicht erwischen lassen.

Verbissen sucht der BND, seit ihm mit dem Ostblock der wichtigste Feind abhanden gekommen ist, nach neuen Betätigungsfeldern, um seine weitere Existenz zu sichern. Auf der Checkliste obenan stehen das organisierte Verbrechen, die atomare Bedrohung durch Gangster und Terroristen, Geldwäsche, Umweltverstöße und Drogen.

Zwar sind die Münchner in der Drogenzentrale Kolumbien bis heute nicht vertreten, aber einen, der sich mit Geldwäsche auskannte, hatten sie nach neuester Enthüllung mal im Sold: den Milliarden-Pleitier Jürgen Schneider.

Der war als Bauherr im Nahen Osten, Schwerpunkt Iran, tätig, und im Nebenjob stets auch für Pullach. 1986 stellte er in seiner Firma CIP (Center Aktiengesellschaft Immobilien und Passagen) Matthias von der Wenge Graf Lambsdorff als Generalbevollmächtigten ein - Ex-Oberstleutnant des BND und Neffe des einstigen FDP-Vorsitzenden.

Informant Schneider ist nach Abräumen seiner Konten seit dem Vorjahr spurlos verschwunden - womöglich mit Hilfe alter Agenten-Connections?

Ein Millionenheer von Informanten aus dem Osten

Von der Hinrichtung des Roten Admirals "saumäßig geschlaucht"

Alle BND-Residenten im Ausland mit Klar- und Decknamen

* Soglaschenije o sisteme objedinennowo utschotja dannych o protiwnike. * Schwärzungen vom SPIEGEL. ** "Der Schattenkrieger. Klaus Kinkel und der BND". Econ Verlag, Düsseldorf; 320 Seiten; 39,80 Mark. * SPIEGEL-Titel 39/1954.

DER SPIEGEL 17/1995
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DER SPIEGEL 17/1995
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