24.04.1995

„Spiel mit heißen Eisen“

Jahrelang schafften es zwei Doppelagenten, Bundesnachrichtendienst und Stasi mit einem raffinierten Verwirrspiel zu narren - bis die Profis auf beiden Seiten nicht mehr wußten, wer wann für wen arbeitete.
Die vier Blatt Papier in dem Umschlag waren unverdächtig weiß. Der Empfänger, so schrieben die Spezialisten des Bundesnachrichtendienstes im Begleitbrief, den der Mann vor seiner Heimreise in die DDR vernichten solle, müsse die Bögen nur "mit einem Bügeleisen sanft erhitzen, dann wird die Schrift sichtbar".
Auf zwei der präparierten Blätter fand sich eine Beschreibung, die den Empfänger zu einem Versteck in der Ost-Berliner Marienkirche führen sollte: An einer Treppe im Vorraum, "zwischen 21. und 23. Stufe, auf Höhe eines gotischen Fensters", befinde sich "ein ca. 20 cm breiter Spalt", in dem unten ein "Bremsklotz für PKW" stecke.
Der Holzkeil war hohl und barg ein Faxgerät, das per Funk sendete - damals, kurz vor Weihnachten 1983, ein Wunderwerk westlicher Nachrichtentechnik.
Auf den beiden anderen Blättern brachte Bügeln einen Fragenkatalog zum Vorschein. Der Unbekannte möge doch als "vertrauensbildende Maßnahme" unter anderem seinen Namen und Dienstgrad per Mini-Fax übermitteln und zudem "mindestens drei" Stasi-Agenten in Westdeutschland enttarnen.
Der Bundesnachrichtendienst (BND) im bayerischen Pullach glaubte, einen hochrangigen Offizier des DDR-Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) an der Angel zu haben, der in den Westen überlaufen wollte. In Wahrheit aber hatten es die Geheimen mit Lothar Lienicke zu tun, einem gelernten Maschinenschlosser aus Hamburg.
Er lockte den nichtsahnenden BND, das belegen unter anderem Stasi-Akten, in eine skurrile deutsch-deutsche Agentenposse. Sie zeigt, wieviel Geld und Mühe Geheimdienste aufwenden, um sich mit sich selbst zu beschäftigen.
Unter dem Decknamen "Robby" hatte Lienicke tatsächlich schon seit drei Jahren als Inoffizieller Mitarbeiter (IM) für die Stasi gearbeitet. Doch zusammen mit seinem Freund Joachim Wünscher (Stasi-Codename: "Pirat") hatte er den Ostdienst ebenso verschaukelt wie später auch noch die Westkonkurrenz, die ihn bald unter dem Tarnnamen "Seidensticker" führte. "Für ein bißchen Geld und viel Spaß" (Lienicke) hetzte das Doppelagenten-Duo über Jahre hinweg die Schnüffel-Behörden aufeinander.
Am Ende waren die Profis beider Seiten derart verwirrt, daß Lienickes Stasi-Führungsoffizier zu Protokoll geben mußte, er habe nicht mehr gewußt, "ob der Lienicke für den BND arbeitet oder für uns". Der Gegenspieler im Westen sagte zu Lienicke: "Wir spielen mit dem Osten Pingpong, und Sie haben irgendwie die Hand dazwischen."
Lienicke, heute 47, und Wünscher, 45, waren ins Geschäft eingestiegen, um einen ermordeten Freund zu rächen: Michael Gartenschläger, ebenso wie Wünscher und Lienicke ein vom Westen freigekaufter SED-Hasser aus der DDR, pflegte Schießautomaten an der Grenze zu zünden oder zu klauen.
Am Abend des 30. April 1976 aber wartete hinterm Zaun ein Kommando der Stasi auf Gartenschläger, 32. Ohne Warnung feuerten die MfS-Leute.
Lienicke und Wünscher vermuteten sofort, was bis heute als wahrscheinlich gilt: Jemand aus dem Westen mußte den DDR-Behörden verraten haben, in welchem Abschnitt der deutsch-deutschen Grenze Gartenschläger zuschlagen wollte. Zudem waren die Westgrenzer so leichtsinnig, sich gegenseitig seinen genauen Standort unverschlüsselt per Funk durchzugeben.
Frech knüpfte Wünscher Kontakte zur Stasi, um den Namen des Gartenschläger-Verräters herauszufinden, im Tausch gegen Informationen aus dem Westen. 1980 stellten die MfS-Männer richtig fest, daß Lienicke in dem Duo "die steuernde Figur im Hintergrund ist". Immer wieder traf sich deshalb nun Lienicke in Budapest oder Prag mit zwei Stasi-Oberen: seinem Führungsoffizier, Major Eberhard Böttcher, und Oberstleutnant Horst Franz, der später letzter Chef der Hauptabteilung XXII wurde, zuständig etwa für die RAF-Terroristen in der DDR.
Die Offiziere waren fasziniert von Lienicke, denn ihr IM hatte, so Böttcher, "erstrangige Verbindungen" etwa zu DDR-Regimegegnern. Zugleich aber seien die Treffen ein "Spiel mit heißen Eisen", denn der Major hielt Lienicke für einen "Windhund - klug, clever, mit allen Wassern gewaschen".
Während die beiden Offiziere sich bemühten, den IM auszuhorchen, suchte der vergebens nach Wegen, die Agenten in den Westen zu entführen, um sie dort, Rache für Gartenschläger, ausgiebig zu verhören. Nebenbei vergnügte Lienicke sich auf Stasi-Kosten und kassierte noch Honorare für Informationen, die er daheim zum Beispiel von Flugblättern abgepinnt hatte.
Anfang 1983 wollte Lienicke aussteigen, zuvor jedoch noch beim BND auspacken. Nur wie? Schon einmal hatte sein Freund Wünscher versucht, bundesdeutschen Staatsschützern Stasi-Kontakte zu beichten. Da er keine Beweise vorlegen konnte, hatten die ihn als Spinner abgetan.
"Ich mußte den BND ein bißchen heiß machen", erkannte Lienicke. Wie das geht, wußte er von der Stasi: Hauptsache kompliziert, denn "Geheimdienstler denken immer um mindestens drei Ecken". Lienicke schrieb also nach Pullach, mit ostdeutschem Tintenkuli auf ostdeutschem Papier: Er sei ein DDR-Bürger, der oft dienstlich im "NSW", DDR-Abkürzung für "Nichtsozialistisches Wirtschaftsgebiet", unterwegs sei, um Informationen zu beschaffen.
Sollte der BND an einem Kontakt interessiert sein, möge er unter dem Namen "Horst Mayer GmbH" im Immobilienteil der Welt "Grundstücke in Australien" inserieren. Dazu eine Telefonnummer, unter der Lienicke Tarnadressen für weitere Briefe erhalten könne.
Der BND sprang an, und der angehende Doppelagent spickte seine Briefe mit Insider-Wissen, das Oberstleutnant Franz nach mehreren Gläsern Bier zum besten gegeben hatte - etwa, daß Stasi-Chef Erich Mielke bei Referaten im Führungskreis gern dazwischenplapperte.
Obwohl Lienicke nie behauptete, ein Stasi-Offizier zu sein, mußte der BND genau das annehmen: "Ich habe nur die Farben vorgemischt, gemalt haben die sich ihr Bild selber."
Als der BND schließlich das Mini-Faxgerät in der Marienkirche deponiert hatte, wechselte Lienicke erneut die Seiten, nun Richtung Osten, denn sonst wäre das Spiel aufgeflogen - den zunächst unsichtbaren Fragebogen hätte er als kleiner IM kaum beantworten können. Den Brief aus Pullach lieferte er, wieder ganz braver "Robby", bei Stasi-Mann Böttcher in Ost-Berlin ab.
Da witterten die DDR-Spione ihre Chance, ein "operatives Spiel mit dem BND" (Stasi-Bericht) zu beginnen. Die Hauptabteilung II, zuständig für Spionageabwehr, übernahm den Fall. Das Faxgerät gab den Konterspionen die Chance herauszufinden, wie die Westkollegen um Überläufer warben.
Nun aber wechselte Lienicke schon wieder die Fronten und ging zum BND. Denn jetzt hatte er den Beweis für seine Stasi-Kontakte und mußte nicht mehr den Überläufer spielen, um vom Dienst ernst genommen zu werden. Schließlich konnte nur ein Insider wissen, daß die Fax-Maschine der Stasi in die Hände gefallen war.
Lienickes BND-Kontaktmann, der sich Hans-Jürgen Wegmann nannte, tobte, weil er geleimt worden war. Doch dann sah er laut Lienicke die Chance, seinerseits ein kleines Spiel zu wagen.
Agent "Seidensticker" solle doch weiter Kontakt zu Franz und Böttcher pflegen. Womöglich, so hoffte der BND-Mann, lasse sich einer von beiden Stasi-Offizieren abwerben. Wegmann versprach, jeder Verräter werde stolzen Lohn bekommen. Zudem seien 800 000 Mark Prämie für Lienicke drin, sollte Oberstleutnant Franz kommen, und 600 000, sollte Böttcher überlaufen.
Lienicke schlug einen Atomdeal vor, vergleichbar dem, den der BND jüngst offenbar in München versuchte: Er wollte Franz mit einer Probe angereicherten Urans nach Westen locken. Der Offizier werde ergründen wollen, wie sein IM dazu komme, sich in Geschäfte mit waffenfähigem Material verwickeln zu lassen. In Hamburg würde er womöglich freiwillig überlaufen, schließlich hätte ihn sein untreuer IM Karriere oder Kopf kosten können.
Der Uran-Trick war dem BND damals zu riskant, statt dessen wollte Profi Wegmann seinem Gegner Franz über Lienicke ein Geschäft mit Computern anbieten, die nicht in den Osten verkauft werden durften, um ihn dabei zu schnappen.
Die Verhandlungen zogen sich über Monate hin, auch Lienickes angebliche Versuche, Böttcher mit BND-Geschenken zu kompromittieren und so zum Verrat zu zwingen, fruchteten nicht.
Der Grund: Lienicke war mal wieder übergelaufen und hatte "im Osten längst Bescheid gesagt, daß es andersrum lief". Wegmanns Anweisungen befolgte er nur zum Schein.
So ging das, mit Pausen, jahrelang hin und her. Um sich abzusichern, plauderte Lienicke hüben wie drüben ein bißchen, "jeder mußte ja etwas kriegen". Auf eine Seite mochte er sich nicht schlagen. Der Stasi mißtraute er aus alter Feindschaft, Wegmann mißtraute er aus einem weitgespannten Kalkül: Er glaubte nicht, daß der BND-Mann mit ihm, dem Mehrfach-Überläufer, ehrlich spielte. Lienicke: "Wer einem Betrüger traut, dem traue ich doch nicht."
Ende 1986 schließlich "hat keiner mehr genau gewußt, was er tat", sagt Lienicke: "Die waren wie die Blinden, und der Einäugige war ich."
1987 wollte Lienicke endgültig aussteigen - seine Frau war schwanger, die Angst um die Familie verdarb ihm den Spaß an der Trickserei. Die Stasi ließ das "Sicherheitsrisiko" (Abschlußbericht über den IM "Robby") erleichtert ziehen. Im Westen lief später beim Generalbundesanwalt noch ein Ermittlungsverfahren wegen "geheimdienstlicher Agententätigkeit" gegen ihn (Aktenzeichen: "3 BJs 94/87-2 geheim"), doch passiert ist ihm bislang nichts. Einmal hatte Lienicke noch mit dem BND zu tun, als bekannt wurde, daß er derzeit ein Buch über sein Leben mit dem Doppel-Decknamen Robby Seidensticker schreibt. Wegmann warnte, Landesverrat sei strafbar.
Das Buch wird nun also ein Roman, alle Ähnlichkeiten mit lebenden Personen werden rein zufällig sein, versteht sich. Nächtelang hockt Lienicke zu Hause am Computer; dabei steht hinter ihm eine Schnitzerei, wie sie sich ähnlich als Briefbeschwerer auf vielen Schreibtischen findet - nur zeigt sie statt der üblichen drei Affen vier: Der erste kann nichts sehen, der zweite nichts hören, der dritte nichts sagen. "Das sind die Geheimdienste", spottet Lienicke.
Der vierte Affe aber hält sich den Bauch vor Lachen. "Und das", sagt der Ex-Agent, "das bin ich." Y

DER SPIEGEL 17/1995
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