24.04.1995

ÜbernahmenHang zum Spiel

Der scheue US-Milliardär Kirk Kerkorian weiß, wie man Geld macht. Das zeigt auch die Übernahmeschlacht um Chrysler.
Der schwarzglänzende Glaspalast ist gewiß nicht schön. Bei Tageslicht strahlt das MGM Grand Hotel den öden Charme einer Versicherungszentrale aus. Nachts steht der schwach angestrahlte, 30 Stockwerke hohe Bau wie ein grünschimmerndes Terrassenmonster im Lichtermeer der Spielerstadt Las Vegas.
Auch der goldfarbene Riesenlöwe, der über dem riesigen Portal thront und an ein primitiv gemachtes Plastikspielzeug erinnert, zeigt, daß dem Bauherrn Ästhetik völlig egal ist. Kirk Kerkorian kommt es nur auf eines an: Größe.
Vor anderthalb Jahren hat der amerikanische Milliardär dieses größte Hotel der Welt mit 5005 Zimmern, Spielcasino und Vergnügungspark am "Strip" in Las Vegas eröffnet. Barbra Streisand sang dazu, für 20 Millionen Dollar Gage.
Seit drei Wochen ist der Finanzier und Investor, dessen privates Vermögen auf 2,5 Milliarden Dollar geschätzt wird, wieder in den Schlagzeilen. Kerkorian, 77, will für knapp 23 Milliarden Dollar den Autokonzern Chrysler kaufen. Das wäre die zweitgrößte Firmenübernahme in der US-Wirtschaftsgeschichte.
Das Chrysler-Management zeigt sich entsetzt, es hält Kerkorians Plan für gefährlich. "Chrysler darf nicht aufs Spiel gesetzt werden", meint Bob Eaton, der Chef des drittgrößten US-Autokonzerns (Umsatz 1994: 52 Milliarden Dollar, 130 000 Beschäftigte).
Eaton kennt seinen Widersacher gut. Der reiche Unternehmer hält zehn Prozent der Chrysler-Aktien.
Noch wird gerätselt, was Kerkorian tatsächlich will. Um Chrysler übernehmen zu können, fehlen Kerkorian und seiner Investorengruppe noch rund zwölf Milliarden Dollar. Keine Bank zeigte Interesse, den Deal zu finanzieren.
Näher liegt der Verdacht, daß der drahtige Mann mit dem vollen Haar und dem verschmitzten Furchengesicht auf seine alten Tage sein Vermögen noch ein wenig aufbessern will. Zeit seines Lebens hat Kerkorian mit Ausdauer bewiesen, daß ihm vor allem wichtig ist, aus viel Geld noch mehr zu machen.
An Energie fehlt es Kerkorian nicht. Noch heute spielt er täglich Tennis, das Alter ist ihm nicht anzusehen. Nur seine Nase zeigt, daß sich der ehrgeizige Aufsteiger in jungen Jahren regelrecht durchboxen mußte.
Als Milliardär ist Kerkorian ein Spätstarter: Seine tausendste Dollarmillion hatte der gebürtige Kalifornier erst in einem Alter zusammen, in dem sich andere längst zur Ruhe gesetzt haben.
Der Sohn eines armenischen Obstbauern hat in seinem Leben oft genug bewiesen, mit welchen Tricks man Geschäfte machen kann. So konnte aus dem Knaben Kerkor, der über die achte Schulklasse nicht hinauskam, Kirk werden, der zu den 20 reichsten Amerikanern gehört. "Ich bin ein Sohn aus armen Verhältnissen, der Glück hatte", sagt er bescheiden über sich selbst.
Zu den scheuesten Vertretern der US-Wirtschaft zählt er ohnehin. Mit Journalisten redet Kerkorian grundsätzlich nicht. Öffentliche Auftritte sind ihm ein Greuel. Gesehen wird er allenfalls, wenn in seinem MGM Hotelkomplex ein großer Schwergewichtsboxkampf auf dem Programm steht.
Der Milliardär hat seine Firma Tracinda nach seinen beiden Töchtern Tracy und Linda benannt. Sie investiert in alles, was Geld bringt. Die Branche ist unwichtig, nur der Gewinn zählt.
Der flinke Kerkorian hat sich schon in vielen Metiers bewährt. Im Zweiten Weltkrieg war er durch sein fliegerisches Talent aufgefallen. So wurde er Trainer für Kampfpiloten. Später gründete er eine Fluggesellschaft, die betuchte Gäste aus Los Angeles ins Spielerparadies von Las Vegas flog. Kerkorian machte seinen ersten goldenen Schnitt. Er verkaufte die Airline bald für über 100 Millionen Dollar.
Anschließend beteiligte sich Kerkorian an der Fluggesellschaft Western Airlines. Und wieder veräußerte er seinen Anteil mit hohem Gewinn.
Auch das Glücksspiel half dem Aufsteiger, dem in der Presse immer wieder Kontakte zur Unterwelt nachgesagt wurden. Der Geschäftsmann war allerdings zu schlau, um sich selbst an die Glücksautomaten oder Kartentische zu setzen. Lieber baute Kerkorian Casinos in Las Vegas, wo er seit einigen Jahren auch lebt. Allein in den Spielkatakomben seines MGM Grand Hotels sorgen 3500 einarmige Banditen und Pokermaschinen 24 Stunden am Tag für ununterbrochenen Cash-flow.
Seinen Ruhm als rücksichtsloser Profiteur aber begründete der Aufsteiger in Hollywood. 1969 erwarb er einen maßgebenden Anteil am traditionsreichen Filmstudio Metro-Goldwyn-Mayer (MGM) und blieb fast zwei Jahrzehnte lang dessen Boß.
"Er hat die Studios zerstört", urteilt Peter Bart, der einst Führungsmann bei MGM war. "Nach 20 Jahren waren sie nur noch ein kümmerlicher Schatten ihrer einstigen Größe."
Gewinn brachte ihm die Hollywood-Firma trotzdem. 1986 drehte er die reiche Filmsammlung von MGM völlig überteuert für 1,6 Milliarden Dollar dem Medienmogul Ted Turner (CNN) an. Den Preis trieb er in die Höhe, indem er Turner mitteilte, die ägyptische Fayed-Familie sei ebenfalls an MGM interessiert.
Auch den Rest von MGM verkaufte der Investor 1990 zu einem total überhöhten Preis. Der italienische Geschäftsmann Giancarolo Parretti griff für 1,3 Milliarden Dollar zu; später wurde Kerkorain verklagt, weil die Studios in finanziell katastrophalem Zustand gewesen seien.
Mit seinem Hollywood-Gewinn machte sich der Mann mit dem Hang zum Glücksspiel nach Detroit auf. Und wieder gewann er. Zu diesem Zeitpunkt war der Autokonzern Chrysler gerade mal wieder knapp an der Pleite vorbeigeschrammt, die Aktien waren für 12 Dollar zu haben. Heute sind die Papiere rund 45 Dollar wert.
Aber dieser ungewöhnliche Zugewinn reicht dem geschäftstüchtigen Kalifornier nicht. Ihn stört, daß Chrysler-Boß Eaton die Gewinne zur Seite legte und über sieben Milliarden Dollar als Polster für schlechte Zeiten angesammelt hat. Immer wieder verlangte der Großaktionär von Eaton, den Wert der Konzern-Aktien zu steigern - durch höhere Dividenden für die Aktionäre.
Für seinen Kampf hat sich Kerkorian mit der Chrysler-Legende Lee Iacocca, 70, verbunden. Der hatte den Autokonzern vor dem Kollaps gerettet, wurde aber vor zwei Jahren aus der Firma gedrängt. Seither sinnt er auf Rache.
Übernähme das bizarre Altherrengespann den Autokonzern, könnte es für Chrysler gefährlich werden. Kerkorian hat kurzerhand einen großen Teil der Konzernreserven zur Finanzierung seiner Übernahme eingeplant, die notwendigen Kredite würden ebenfalls dem Unternehmen aufgeladen. Derart geschwächt, könnte der Autokonzern eine neuerliche Krise kaum überleben.
Doch Kerkorian muß gar nicht Chrysler-Eigner werden, um sein Vermögen zu mehren. Wie das geht, hat Kerkorian schon mehrfach bewiesen.
Der Chrysler-Konzern hat zwei Möglichkeiten, die Übernahme abzuwehren. Für Kerkorian sind sie beide attraktiv.
Chrysler könnte, Variante Nummer eins, einen anderen Investor gewinnen. Dieser sogenannte weiße Ritter müßte das Angebot des Raiders, des Firmenräubers, überbieten.
Der Konzern könnte aber auch, Variante Nummer zwei, den Quälgeist Kerkorain abschütteln, indem er ihm anbietet, dessen Aktien zu einem hohen Preis zurückzukaufen.
Diesen vermögenswirksamen Trick hat Kerkorian schon häufiger mit Erfolg angewendet. Daß diese Methode ihm den Vorwurf einbrachte, Firmen regelrecht zu terrorisieren, stört den Geschäftsmann nicht.
So nötigte er die Fluggesellschaft Western, an der sich Kerkorian 1968 maßgeblich beteiligt hatte, im Jahr 1976 zum Rückkauf seiner Aktien mit einem gehörigen Aufschlag. Kerkorian hatte gedroht, den Anteil sonst an einen Konkurrenten zu geben.
Dasselbe geschah bei Columbia Pictures, einer Filmgesellschaft, die heute zum Sony-Konzern gehört. Als Kerkorian 1978 einen Anteil von 20 Prozent an Columbia übernehmen wollte, bekam er den Zuschlag nur gegen das Versprechen, sich nicht ins Management einzumischen und seinen Anteil nicht zu erhöhen. Kerkorian hielt sich nicht an die Abmachung und versuchte, Aktien zuzukaufen. Nach etlichen Prozessen gab Columbia entnervt auf und zahlte den Investor großzügig aus.
Kein Wunder, daß der Ex-MGM-Manager Peter Bart, der sich sein Urteil über seinen langjährigen Boß aus nächster Nähe bilden konnte, zu dem klaren Ergebnis kommt: "Kirk gewinnt immer." Y

DER SPIEGEL 17/1995
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