03.04.1995

BeutekunstZurück in die Kindheit

Bleiben die entführten Bilder für immer in der Eremitage? Deutsche Eigentümer suchen nach einem Kompromiß mit den Russen.
Eine kleine Notiz "Frühere Sammlung unbekannt" steht auf dem Ausstellungsetikett neben dem Bild und auch im Katalog. Aber drei ältere Herrschaften wissen noch ganz genau, wo dieses Zinnien-Stilleben von Eugene Delacroix einst seinen Platz hatte: im Berliner Salon ihrer Mutter.
Vergangenen Mittwoch, bei einer Vorbesichtigung in der Sankt Petersburger Eremitage, standen Peter Siemens, Annabel von Johnston und Daniela Brabner-Smith erstmals seit mehr als 50 Jahren wieder vor dem Blumenbild - einem von elf Gemälden der elterlichen Sammlung, die 1945 in die siegreiche Sowjetunion entschwunden waren. Auch eine Degas-Skizze ("Interieur mit zwei Personen"), ihnen als Herrenzimmer-Wandschmuck im Gedächtnis, fanden die Geschwister vor, allerdings mit dem Vermerk "früher Sammlung Friedrich Siemens".
Jahrzehntelang war ein derartiges "Wiedersehen mit einem Stück eigener Kindheit" (Peter Siemens) kaum denkbar gewesen. Doch selbst jetzt, das beweist schon das seltsame Etikett des Delacroix, sind keineswegs alle Spuren der Kunst-Beutezüge aufgedeckt.
Für den Augenblick hat das Lüften der russischen Depots ein Resultat gezeitigt, das auch die Siemens-Kinder freudig begrüßen: Seit dem Wochenende und bis zum 29. Oktober präsentiert die Eremitage ihre schon länger groß annoncierte (SPIEGEL 8/1995) Ausstellung 74 "Unbekannter Meisterwerke" aus überwiegend privaten deutschen Sammlungen.
Im großen Säulensaal des einstigen Zarenpalastes prangen reihenweise Perlen des französischen Impressionismus und Postimpressionismus - allein 5 Bilder von Degas, 6 von Monet, 7 von Cezanne, 15 von Renoir.
In melancholischer Snob-Attitüde flaniert Degas' "Graf Lepic" über die Place de la Concorde, lässig-elegant hat Renoir den Pariser Verleger Charpentier und dessen Frau auf zwei Porträts am Treppengeländer postiert, unnahbar strahlt Cezannes "Montagne Sainte-Victoire", unter flirrendem Mittagslicht glitzert Seurats "Blick auf Fort Samson" - Glanzpunkte der Kollektionen des Berliner Versicherungsdirektors Otto Gerstenberg sowie der Industriellenfamilie Koehler.
Auch der thüringische Gutshaustresor, den der Fabrikant Otto Krebs wohlgefüllt hinterließ und den Rotarmisten erst lange nach Kriegsende knackten, barg neben Bagatellen solche Preziosen wie van Goghs würdevolles Porträt der Madame Trabuc. Der Zahl nach liegt die Sammlung Krebs mit 54 Stücken in Petersburg klar vorn.
Die lange Abstinenz vom Kunstkreislauf hat den Gemälden selbst nur gutgetan. Auf den Leinwänden leuchtet jeder Farbtupfer in unverstaubter Frische.
Gehoben wird nun ein Schleier, der die meisten Bilder nicht nur fünf Jahrzehnte verhüllt hat, sondern schon viel länger. Nur eine dschungelhafte "Garten"-Szenerie Monets stammt aus der Bremer Kunsthalle, um Corot-"Felsen" bewirbt sich das Wuppertaler Von-der-Heydt-Museum als Erbe seines Namenspatrons. Diese beiden Bilder allein kämen bei Rückgabe an die Öffentlichkeit. "Privatsammlungen", sagt Eremitage-Direktor Michail Piotrowski, "sind wie Geheimdepots."
Piotrowski, 50, ist ein jovialer Mann mit breitem Lächeln und gewinnenden Umgangsformen. Im Ost-West-Dialog um die Rückgabe von Beutekunst hat er den Part des russischen Softliners übernommen; er erklärt die seit fünf Jahren diskutierte Heimkehr der Meisterzeichnungen aus der Bremer Kunsthalle für unumgänglich. Das wäre ein Schritt, dem freilich Gesten der Deutschen zu folgen hätten.
Statt dessen steht in der Staatsduma ein Gesetz zur Beratung an, das die Beutekunst pauschal zu unveräußerlichem Staatseigentum erklärt. Piotrowski hofft noch auf grundlegende Verbesserungen des Gesetzentwurfs bei den Beratungen der Duma. Realistischer ist wohl die Aussicht, daß Präsident Jelzin einem Gesetz, das internationale Verpflichtungen Rußlands einfach außer Kraft setzen möchte, seine Unterschrift verweigert.
Gemälde, Zeichnungen und auch Bücher, von denen ein halbes Jahrhundert lang kaum jemand wußte, liefern nun Zündstoff für nationale Gefühle.
Piotrowski will dem gegensteuern, gerade jetzt mit seiner "Meisterwerke"-Schau. In der Eremitage soll Kunst nicht als Objekt der Politik betrachtet werden, sondern einfach als Kunst. Ein gründlicher Katalog (dessen deutsche Version in einem Vierteljahr erscheinen wird) dokumentiert Bild für Bild Besitzerwechsel und Ausstellungsgeschichte und bringt etwa zum "Grafen Lepic" auch das Foto bei, das Degas bei der Darstellung des herrschaftlichen Köters zu Rate zog. Hingegen unterblieb eine simple Anfrage bei den Siemens-Erben, die im Fall Delacroix das Rätsel der Herkunft gelöst hätte.
Plausible Gründe dafür sind kaum zu sehen. Der Sammler Friedrich Carl Siemens (1877 bis 1952), ein Neffe des geadelten Elektroindustriellen Werner von Siemens, war zumindest kein Nazi. Die Familie stand vielmehr den Hitler-Attentätern vom 20. Juli 1944 nahe und mußte mit Sippenhaft rechnen, als Siemens-Schwager Peter Graf Yorck von Wartenburg gehenkt wurde.
Persönliche Kontakte machten es dem Kunstfreund damals möglich, jene elf Bilder, die er für seine wertvollsten hielt, im bombensicheren Keller des Berliner Pergamon-Museums zu deponieren. Doch als er sie nach Ende der Kampfhandlungen mit einem Handwagen wiederholen wollte, waren sie schon weg.
Inzwischen haben Kenner für die Siemens-Erben in russischen Archiven nachgeforscht und herausgefunden, daß die rasche Beschlagnahme durch untergeordnete Offiziere auch gegen Regeln der Roten Armee verstieß, daß aber noch etliche der elf Gemälde, wenn nicht alle, in die Eremitage gelangten.
Wie gut oder schlecht die Chancen immer stehen, Kunstgut der Eltern zurückzuholen: So schön wie damals, da ist Peter Siemens sicher, wird es nie wieder. Wer traue sich denn heute schon noch, einen echten Degas einfach an die eigene Wand zu hängen?
Außerdem - und trotz aller Ansprüche - wissen die Siemens-Erben nur zu genau, welche Wunden die Beutezüge der Nazis im Osten geschlagen haben. Deren Ziel, eine Art "Endlösung der slawischen Kultur" (Piotrowski), schockiert die Russen bis heute. Für Kompromißlösungen wären die Geschwister also durchaus zu haben.
Dasselbe gilt wohl auch für die Gerstenberg-Enkel Walter und Dieter Scharf, die offenbar schon vor Jahren Verhandlungen geführt haben. Umlaufende Gerüchte darüber wollen sie unisono und hartnäckig "weder bestätigen noch dementieren". Das festigt den Eindruck, daß zumindest etwas dran ist.
Beispielsweise an dem erst von der Obschtschaja Gaseta, dann vom Art Newspaper verbreiteten Bericht, die Pariser Kunsthandlung Wildenstein habe von Walter Scharf - im Vorgriff auf die Rückerstattung - einen Viertelanteil des Degas-Meisterwerks "Der Graf Lepic" erworben. Bezahlt hat Wildenstein angeblich schon - mit einem Bild von Bonnard. Y

DER SPIEGEL 14/1995
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