24.04.1995

Kunst„WAS IST HIER LOS, CHERIE?“

Je planmäßiger die Menschen vorgehen, desto wirksamer vermag sie der Zufall zu treffen.
Mit diesen Dimensionen hatte Roland Eilenberger nicht gerechnet, als er letzten Herbst aus der Presse von "dem Ding" erfuhr. Ausgedehnte Flächen Stoff zusammennähen - nun gut, das war keine Kunst für den Textilingenieur im sächsischen Taucha.
Komplizierte Zuschnitte? Eigentlich auch kein Thema für die von 400 auf 40 Leute dezimierte Belegschaft der VEB-Nachfolgefirma Zeltaplan, die nach wie vor der Wende Zelte fertigt.
Zur Kunst aber und zu deren möglichen Umfängen hatte Geschäftsführer Eilenberger "noch kein besonderes Verhältnis", als er sich seinerzeit dachte: "Irgendwie müßtest du rankommen an das Ding."
Die Eheleute Javacheff aus New York, besser bekannt unter ihren Vornamen Christo und Jeanne-Claude, haben genau das: eine ganz eigene Beziehung zur Kunst und speziell zu deren Größe. Sie bauen Luftschlösser von erheblichen Ausmaßen und nicht nur das: Sie lassen sie tatsächlich bauen.
Was um 1960 mit - damals noch von Christo persönlich - eingewickelten Dosen, Fahr- und Motorrädern begann, wuchs sich aus zur verpackten Küstenlandschaft in Australien, einem 40 Kilometer langen "laufenden Zaun" in Nordkalifornien und über den champagnergelb verhüllten Pont Neuf in Paris zu 3100 riesenhaften Schirmen, transpazifisch installiert, blau in Japan, gelb in Südkalifornien.
Im vergangenen Jahr ist den Christos nach gut zwei Jahrzehnten oft zähen Kampfes ein Kunststück geglückt, das vielen als unmöglich galt: Der Deutsche Bundestag beschäftigte sich erstmals in einer öffentlichen Debatte mit der Genehmigung eines Kunstwerks und votierte schließlich in namentlicher Abstimmung mehrheitlich für den Antrag in der Drucksache 12/6767, den Reichstag vor dessen Umbau 14 Tage lang mit Tuch und Tau zu ummänteln.
Während noch gestritten und gerätselt wird, ob das denn Kunst sei oder eher Kokolores, arbeiten in Deutschland längst etliche Firmen an der Verwirklichung des Christo-Traums aus Stahl und Stoff und Seil: des Reichstags neue Kleider, ein Bauwerk, made in Germany.
Als Roland Eilenberger das Verhüllungsgewebe Anfang Januar erstmals in 18 einmeterdicken Rollen vor sich liegen sah, da habe er, sagt er, zunächst einmal einen Schock gekriegt: Einen so schweren Stoff nicht nur zu Planen zu vernähen, von denen die größten fast ein halbes Fußballfeld bedecken, sondern auch noch exakt auf Saum und Winkel maßzuschneidern, sie außerdem mit aufwendigen Details wie Gurten, Steckschnallen und "Knopflöchern" zu versehen, dabei auf perfekte Nahtbilder zu achten und das Ganze im Toleranzbereich von Zentimetern zu leisten - "da gibt es nichts zu deuteln, das war eine Herausforderung für unsere Firma".
Da schwante Herrn Eilenberger auch die tiefere Bedeutung des Ratschlags, den das Künstlerpaar seinen Auftragnehmern stets ans Herz legt: "Vergessen Sie alles, was Sie bisher gemacht haben."
Allein schon der Faden für das Gewebe! Er kommt von der Bremer Wollkämmerei, hat aber mit Wolle sowenig gemeinsam wie ein Plastiksack mit einem Schaf. Der grau eingefärbte und mit Flammhemmern ausgerüstete Kunststoff für den Kunst-Stoff ist ein Wunderwerk der Plaste-Technik: eine Polypropylen-Folie, von Messerreihen in Streifchen geschnitten und von Nadelzylindern mit einem feinen Rautenmuster zu einem gefächerten Netz aufgespleißt.
"Die Gestaltung dieses Artikels", erklärt Verkaufsleiter Klaus Kleingrothe, habe sich nach den Wünschen des Kunden gerichtet: "Derbe Struktur, derbe Optik." Mit den gut 70 Tonnen des luftigen Gespinstes, die er der Weberei Schilgen ins westfälische Emsdetten lieferte, hätte sich die Erde fast zweimal umspannen lassen.
"Man ist ja kein Kunstkenner in dem Sinne", sagt Webereimeister Egon Achterberg, bei Schilgen verantwortlich für die Fabrikation des über 100 000 Quadratmeter groben Tuches als Basis des Reichstagsgewands, "einfache Leinwandbindung, 30 Schuß auf 10 Zentimeter".
"Man steckt ja auch nicht drin in dem Künstler. Aber wenn der entscheidet: schwerer Faltenwurf, dann erfordert das ja nun mal ein schweres Gewebe."
Seit 46 Jahren arbeitet Achterberg in seinem Beruf, "anfangs reingezwungen, weil ''49, da gab es ja keine Arbeit". Doch mehr und mehr ließ er den Herzschlag der Maschinen zum Rhythmus seines Lebens werden. Wenn die Schärtrommel auf den Kettwagen aufgebäumt ist und er die Spannung am Laufkettbaum mit Fingerspitzengefühl nachprüft, wenn er die Greiferstangen durch das Fach sausen sieht und das Riet den Schußfaden ans Gewebe schlagen hört, dann zeigt sich, wie sinnlich sein Verhältnis zu den Stoffen in all den Jahren geworden ist.
"Dies ist zwar ein grobes Gewebe", sagt er und greift in das Christo-Material, "aber trotzdem verhältnismäßig warm. Andere sehen daneben richtig kalt aus."
Für Egon Achterberg unterscheidet sich der Artikel mit der Nummer 5830099065515500 noch aus einem ganz anderen Grund von allem, was bisher durch seine Hände ging. Wer sonst fast nur mit Stoffen wie Teppichzweitrückengeweben zu tun hat, die in anderen Produkten verschwinden, dem verschafft allein die Sichtbarkeit ein neues Gefühl der Identifikation: "Dieses Gewebe soll ja ein optisch schönes Bild ergeben. Alle Welt guckt da ja hin."
Kein temporäres Werk der bildenden Kunst werden vermutlich jemals so viele Menschen gesehen haben wie die Reichstagshülle, wenn sie Anfang Juli nach 14 Tagen wieder fällt. Allein vier Millionen Besucher werden in Berlin erwartet, die Zahl der Fernsehzeugen dürfte in die Milliarden gehen.
Wer will, dem steht ein Bewußtseinsprozeß bevor, den jetzt schon all jene durchmachen, die das Projekt auf der letzten Wegstrecke von der Vision zur Wirklichkeit begleiten: Je mehr die Kunst sie beschäftigt, desto mehr beschäftigen sie sich mit der Kunst.
"Die Arbeit ist wie jede Arbeit", schreit Elisabeth Winters in der Warenkontrolle der Emsdettener Weberei gegen _(* Bei der Planungsfirma Ingenieurplanung ) _(Leichtbau GmbH in Radolfzell. ) den Maschinenlärm an, "aber die Gedanken sind intensiver."
Deshalb gibt sie sich beim Christo-Auftrag besondere Mühe, wenn sie den Stoff Meter für Meter an sich vorbeifahren läßt und mit einem Gebläse die Flusen verscheucht. Sieht sie Webfehler oder Knoten, hält sie den Wickelbock an und brennt mit einem Feuerzeug die vorstehenden Fäden aus. "Ich muß immer denken, das kannste dann sonst da oben sehen."
Anfangs hätten die meisten Mitarbeiter das Ganze als "reinen Quatsch" abgetan, erzählt Firmenchef Stephan Schilgen, der überall im Betrieb Merkzettel aufhängen ließ: "Lassen wir doch Christo diese Freiheit. Der tut damit keinem weh." Allein ein Argument habe, wenn auch nicht gleich Kunstverstand, so doch Verständnis für die Kunst geweckt: Sie kostet keine Steuergelder, die Künstler zahlen alles selbst, rund zehn Millionen Mark für den "Wrapped Reichstag".
Das Grundprinzip der Finanzierung ist seit jeher gleichgeblieben: Jeanne-Claude verkauft, was ihr Mann an Entwürfen und Skizzen zum Projekt produziert. Zwischen 10 000 Dollar für eine kleine Collage und 220 000 Dollar für die größte Zeichnung ist Sammlern ein neuer Christo wert.
Nicht zuletzt ihrem Selbstsponsoring verdankten die Christos am Ende auch die Zustimmung des Parlaments. Denn die Kunst als Spiegel des Bewußtseins hatte bei den wählerfürchtigen Bundestagsabgeordneten nicht anders gewirkt als im Zusammenspiel der kleinen Leute mit der großen Sache: Viele Gegner der Reichstagsverhüllung waren erst zu Befürwortern konvertiert, als sie sich der Rechtfertigungspflicht vor dem Steuerzahler enthoben sahen.
Die Gegner sind zwar überstimmt, doch längst nicht alle umgestimmt. Einige treibt das Pathos des Schäuble-Nationalismus um, mit dem der - dem Kaiser abgetrotzte, mißbrauchte, ausgebrannte, zerbombte, lieblos aufgebaute, alles andere als schöne - Klotz zum unberührbaren Vaterlandssymbol verklärt wird.
Es gibt auch Stimmen, die den Wert des Werkes selbst bezweifeln: Sind diese Christos nicht in ihrer Entwicklung stehengebliebene Trevira-Trivialisten im Größenwahn? Ist ihre Kunstform aus den sechziger Jahren inzwischen nicht inhaltsleer und ihre Aktion nur noch barockes Spektakel ohne Sinn?
Oder sind sie vielleicht doch Virtuosen im Umgang mit der Illusion? Hätte der Zeitpunkt der Verhüllung überhaupt günstiger liegen können? Nur jetzt kann das Totenhemd des Parlaments aus dem 19. Jahrhundert zum Taufgewand eines Parlaments des 21. Jahrhunderts mutieren.
Produktionstechnisch umspannt das Projekt die gesamte Moderne. Auf dem Weg von der Weberei in Emsdetten zur Spezialfirma für "das Metallisieren flexibler Materialien" überspringen die Stoffrollen - technologisch gesehen - ein gutes Jahrhundert. Bei Rowo Coating im badischen Herbolzheim herrscht der Geist der Postmoderne - jener utopieverdrossenen Epoche des Oberflächlichen, der die Christos mit ihrem Reichstagskleid womöglich ein letztes Mahnmal setzen.
Für die silberglänzende, futuristisch anmutende Farbe haben sie sich wegen des manchmal drückend grauen Himmels über Berlin entschieden: Durch die hohe Reflexionsfähigkeit des Materials soll das verhüllte Gebäude selbst an Regentagen leuchten.
In knapp fünf Minuten rasen 500 Meter Reichstagsgewebe durch eine Vakuumkammer, wo sie lichtbogengestützt mit Aluminium bedampft werden - mit einer Schicht tausendmal dünner als menschliches Haar. "Das geht wie''s Brezelbacken", sagt Rowo-Maschinenführer Uwe Messerschmidt: "Immer dasselbe und fertig."
Hat aber die Warenkontrolleurin in der Weberei einen Augenblick nicht aufgepaßt, so daß ihr eine Fluse durch die Lappen gegangen ist, kann das einen Flecken im Silberglanz und Flüche in der Näherei zur Folge haben.
Ist so ein Beschichtungsfehler größer als ein Fünfmarkstück und liegt er beispielsweise bei Meter 34 auf einer 35-Meter-Bahn, so daß der Zuschnitt wertlos wird, dann kann es passieren, daß in Taucha der Herr Eilenberger der Frau Winters in Emsdetten unbekannterweise eindeutige Sätze in schönstem Sächsisch zueignet: "Unfoschähmt, was ihr da liefott, macht eure Warenschau mal odntlisch."
Ansonsten ist der Geschäftsführer bei Zeltaplan angesichts der Auftragslage seiner Branche - "wir wursteln uns, auf deutsch gesagt, von Monat zu Monat hier so durch" - noch immer stolz, sich von zwei Christo-Nähaufträgen einen gesichert zu haben. Wenn er dann von der "Gunst der Stunde" spricht, die er genutzt habe, dann klingt es in seiner Mundart, als sagte er: "die Kunst der Stunde".
Genäht wird per Hand, wie zu Urgroßmutters Zeiten, von jeweils einer Näherin und einer Halterin auf soliden alten Maschinen. Der Stoff ist hart, seine Kanten roh und scharf. Zerschunden die Arme der Frauen in ihren kurzärmeligen Kitteln, die sie tragen, um nicht noch mehr zu schwitzen bei der Plackerei mit den zentnerschweren Paneelen, die sie raffen müssen und wuchten und auf den Nähtisch stemmen, um sie zusammenzufassen mit doppelter Kappnaht, Bahn um Bahn, die größten Stücke wiegen am Ende mehr als ein Mittelklasseauto - "alles perfekt für den Tag X", so wie Herr Eilenberger es verlangt.
"Verhüllter Reichstag, Projekt für Berlin": Das Handwerk hinter dem Kunstwerk kann ganz schön in die Knochen gehen. Zu Ostzeiten, "da war bei 25 Kilo Schluß", erklärt die Halterin Vera Drubig. Mehr durften Frauen allein nicht heben. "Heute fragt keiner mehr danach", hat die Näherin Katrin Schumann gelernt. Dem Herrn Christo würde sie am liebsten mal die Meinung husten: "Das hier ist Wahnsinn, ihr seid doch alle verrückt."
Als das Künstlerpaar an einem Märztag dann vor ihnen stand, da haben sie nur freundlich gegrüßt, die Damen Drubig und Schumann, und brav den Kapper für die Verbindungsnähte hergezeigt. Herr Eilenberger, stolz auf seine sauberen Produktionshallen, hatte kurz vor Eintreffen der exotischen Auftraggeber noch dübeln und gerahmte Christo-Poster an die Wände hängen lassen.
Die Gäste aus New York nannten einander "Cheri" und erledigten die Visite mal Hand in Hand wie ein jung verliebtes Paar, mal jeder für sich mit kritisch-freundlichem Bauherrenblick.
Er, der sonst "nur schreit, ohne es zu meinen" (Jeanne-Claude), meist lächelnd und lobend, hier die Springerin Maria Lehmann ("how nice") für ihr "Knopfloch Spezial D7", dort aufmunternd zunickend Elke Marszalek und Waltraut Rezec an der zweiten Nähmaschine für ihren Dauerkraftakt mit den Abdeckstreifen, dann wiederum versunken, das Kinn in die offene Hand gelegt, oder staunend wie ein Kind über die großen Folgen einer kleinen Tat.
Sie wirkt abgeklärter, hat offene Augen für konfektionelle Details ebenso wie für die kratzwunden Arme und aluminiumgrauen Hände von "Elki und Walli", erkundigt sich kritisch nach der Stärke des Nähgarns und spielt gewinnend mit ihren wenigen Brocken Deutsch: "Alles gut, alles schön, alles wunderbar." Dann aber braust sie auf, als ein Fotograf den Stoff besteigt und die Kunst mit Füßen tritt: "Stop it", schreit sie zornig. "Wenn ich das mit Ihrer Kamera täte!"
Nach einer Stunde sitzen die Stippvisitler wieder im Auto und lassen sich zum nächsten Termin fahren. Auch dort wieder die gleichen Fragen und die gleichen Erklärungen: "Nach Ende der Verhüllung werden alle Materialien dem industriellen Kreislauf erneut zugeführt", lautet das Recycling-Argument als Antwort auf deutsche Umweltsorgen, "bis auf über eine Million Läppchen aus Verhüllungsgewebe, die wir extra anfertigen lassen, um sie gratis an Besucher zu verteilen."
Nichts bleibt dem Zufall überlassen, wenn ein Christo-Luftschloß wirklich werden soll - außer natürlich der Zufall selbst. Der steht wie immer zwischen Plan und Tat. In Form des Wetters beispielsweise. Wenn erst der Wind dem Phantasiegebäude in die Flanken fährt und sich das Tuch mit einer Segelfläche von Armadagröße reckt und bläht, dann muß die Struktur halten, was die Statik verspricht - damit das Hirngespinst sich nicht als Schreckgespenst erweist. Wie 1991, als ein plötzlicher Sturm in Kalifornien einen der mächtigen Schirme umwarf und eine Frau zu Tode kam.
Es gibt ein Windgutachten, ein Blitzgutachten, ein Materialgutachten zum Steinabrieb, Nachweise der Schwerentflammbarkeit, der Standsicherheit, der Dachentwässerung sowie die Resultate des "einfachen Streifenzugversuchs an textilen Flächengebilden" nach DIN 53857T1. Es gibt Kontrollen mit Protokollen und Kontrollen der Protokolle und Kontrollen der Kontrollen mit erneuten Protokollen.
Über alles wacht Wolfgang Volz, einer von zwei Geschäftsführern der "Verhüllter Reichstag GmbH" in Berlin. Der Technikfreak, Exklusivfotograf der Christos, ist der eigentliche Realisator ihres Reichstagsunternehmens. Er steht telefonisch und -faxisch täglich mit New York in Kontakt und dabei ständig im Spagat zwischen ästhetischen Wünschen und technischer Wirklichkeit.
Sein wichtigster Ansprechpartner ist Projektleiter Hartmut Ayrle von der Ingenieurplanung Leichtbau GmbH in Radolfzell am Bodensee, dem die "Ausführungs- und Tragwerksplanung" obliegt. Unter Ayrles Ägide entstehen die Zeichnungen und Werkpläne, nach denen Christos Ideen umgesetzt werden.
Der Architekt und seine Kollegen, unter anderem Planer und Erbauer des deutschen Pavillons bei der Weltausstellung in Sevilla, hatten anfangs keine Zweifel an ihrer Eignung für das ungewöhnliche Vorhaben. Mittlerweile sind sie schlauer: Auch sie haben die Kompliziertheit der Konstruktion unterschätzt - vor allem aber die ihrer Erfahrung widersprechende Ausgangslage: "The fabric must be flowing freely in the wind", lautet das Credo der Christos - das Gewebe muß frei im Wind fließen. Es darf also nicht, wie sonst bei Leichtbaukonstruktionen zur Stabilisierung üblich, gespannt sein.
Künstler haben ihre eigenen Gesetze: "Es gibt ein Wort, das wir von Ihnen niemals hören wollen", schärfen die Christos ihren Auftragnehmern regelmäßig ein: "Es ist das Wort unmöglich."
Die Kunst der Ingenieure ist der Kompromiß. Auch wenn sie sich das Schönste denken, sie müssen mit dem Schlimmsten rechnen. Basis der Statik im Falle Reichstagsverhüllung ist daher ein System solider Stahlgebilde, die der Optik nicht schaden, sondern sogar dienen sollen. Konzipiert, etwa 85 Tonnen Stoff und Seil auch unter extremen Bedingungen Halt zu geben, soll es dem Gebäude zugleich eine neue klare Form verleihen, die nur noch in ihren groben Konturen an den alten Wallot-Bau erinnert.
Auf diese Weise spielt Christo mit der Wahrnehmung: Durch Betonen der Traufkante zur abgehobenen umlaufenden Linie und gleichzeitiges Verstecken der "Figürle und Männle" (Ayrle) unter Stahlkäfigen erzielt er Verfremdung und den Kitzel des Deja-vu in einem: Daß sich Betrachter an etwas erinnert fühlen, was sie nicht sehen, und unwillkürlich nach dem inneren Bild des Gebäudes suchen, steckt hinter der Idee vom "Enthüllen durch Verhüllen".
Rund 300 Tonnen Stahl von der Stahlbau Zwickau GmbH werden den Reichstag krönen, bevor das Gewebe zum Zuge kommt. Anfangs sei er ja skeptisch gewesen, sagt Mitinhaber Klaus Metz, "was das denn soll, ein Haus zu verpacken". Aber nun habe er das Gefühl, "allmählich zu begreifen, was Kunst ist: Man muß sich ja mit solchen Sachen beschäftigen, sonst tut man sie mit einem Wort ab".
Wohl nirgendwo wird das Prinzip des Projekts indes so deutlich wie bei den Seilen - dem insgesamt fast 16 Kilometer langen, 32 Millimeter starken blauen Getäu: Am Schnittpunkt von Kunst und Konstruktion bleibt nichts dem Zufall überlassen, weil nachher alles möglichst zufällig wirken, der verhüllte Reichstag wie ein riesiges, eilig verschnürtes Paket aussehen soll.
Tagein, tagaus tüftelt Jürgen Trenkle, als Ingenieur in Radolfzell speziell für das Tauwerk zuständig, mit Computerhilfe den zentimetergenauen Seilplan aus. Den Betrachtern wird kaum auffallen, daß etwa 300 Einzelstücke Seil mit rund 1000 Spleißen über Fensterhaltesysteme und mit dem Dach verschraubte Seilehaltern die Hülle Stück für Stück am Gebäude halten werden. Gemessen an dessen Volumen werden die 60 Gewerbekletterer, die das Seil montieren sollen, den Zwergen gleichen, die den Giganten Gulliver in Fesseln legen.
Manchmal, wenn sie sich den Seilverlauf einfach nicht mehr vorstellen können und auch ihr Computer nicht mehr weiterweiß, gehen Ingenieur Trenkle und Architekt Ayrle ins Dachgeschoß. Dort steht ein Modell, aus Preßspan gezimmert, zum Teil verhüllt mit einem gelbem Tuch - ein Viertel-Reichstag, maßstabsgetreu, zum Probieren mit einfachen Fäden: "Wenn du da ''n bißle ziehscht", lautet das Einmaleins der praktischen Badener Kräftelehre, "will hier der Punkt ''naus."
Den Christos haben die Ingenieure einen großen Gefallen getan mit ihrem Eingeständnis, das Kunstwerk lasse sich im Computer nicht simulieren. Denn das Paar versteht sein "Projekt für Berlin" auch als Demonstrationen der Wirklichkeit an der Schwelle zum virtuellen Zeitalter - als flüchtiges, unwiederholbares Unikat in Zeiten grenzenloser Reproduzierbarkeit.
Und selbst wenn sich ihre Visionen dereinst auf Knopfdruck visualisieren ließen - dem Ehepaar bliebe ein Trost: Jedes ihrer Werke, erzählen sie, habe einen eigenen Klang. "Die Schirme in Japan wie der Gesang der Wale, der laufende Zaun wie die Glocken in einem buddhistischen Kloster." Sie können es kaum abwarten zu hören, mit welchem Geräusch sich der verhüllte Reichstag der Welt präsentiert.
Als kürzlich an einem geheimgehaltenen Ort Ingenieure, Monteure, Kletterer, Seillieferant, Bauleitung und Geschäftsführung erstmals zusammentrafen, reisten die Christos eigens für zwei Tage aus New York an, um den Vorproben für den Tag X beizuwohnen.
Ein Probepaneel sollte gefaltet, gerollt, über einem 16 Meter hohen Baugerüst mit zwei nachempfundenen Gauben abgelassen und mit blauem Tau verschnürt werden - für alle Beteiligten bewegende Stunden: nicht nur, daß böiger Wind und beißende Kälte die Übung am ersten Tag unmöglich machte.
Wer sie noch nicht kannte, konnte die Künstler fürchten und lieben lernen: sie mit emanzipiert-damenhafter Mischung aus Chic, Charme und Biß, überall mitredend, vom konstruktiven Vorschlag zum Vernähen der Bahnen bis zum unermüdlichen Drängen auf Sicherheit, auf Anschnallseile und Helme; er wie üblich stadtneurotisch herumschreiend ("Cherie, was ist hier los?") oder schweigend auf- und abgehend mit kummervoller Miene und zerzaustem Haar, oft abseits der vielen Experten, als müsse er nachdenken: Wie immer macht ihm der Zeitplan Sorgen.
Erst die Hälfte der 70 Paneele ist genäht - die schwersten, die an den 45 Meter hohen Türmen herunterhängen sollen, sind noch nicht fertig.
Auf die wartet hier anderntags auch Werner Braun, "ohne h und von", mit seinen 15 Kameraden von der freiwilligen Feuerwehr aus dem Nachbarort - allesamt Rentner, Vorruheständler oder Arbeitslose. Sie verdienen sich ein paar Mark nebenher, wenn sie die Lieferungen mit den nur grob zusammengelegten, kleinwagengroßen Stoffballen aus den Nähereien in Empfang nehmen, ausbreiten, glattziehen und, gegen das Knittern, auf den Knien rutschend ordentlich aufrollen. "Wie früher beim Kartoffelpicken für die Schweine."
In der mächtigen, Tag und Nacht bewachten Halle knien dann die Männer in ihren DDR-Drillichen vor dem Glitzerstoff, die meisten mit Schieber- oder Prinz-Heinrich-Mütze, und verstehen die Welt nicht mehr, die ihnen Wende und Westen beschert haben: "Det war für uns doch allet Utopie", sagt einer.
"Wenn ick janz ehrlich sein soll", sagt ein anderer, "denn versteh'' ick nich, wieso die det Geld für so wat raushaun."
Unter dem gewölbten Dach klingt das Kommando von Feuerwehrchef Braun - "rollt, rollt, rollt uuuund rollt" - fast wie das Grollen eines nahenden Gewitters. Sonnenstrahlen dringen durch die hohen Fenster und fallen auf die glänzenden Stoffplanen wie auf das ausgebreitete Kettenhemd eines Riesen - ein berauschendes Spiel von kleinen Schatten und großem Licht.
"Man sieht ja noch nich, wat det geben soll", sagt Lothar Massel, Kraftfahrer und Baumaschinist ohne Arbeit, "aber det ist eben Kunst." Neulich habe er ihn im Fernsehen gesehen, "den Herrn Christopher, janz sympathisch". Da habe er sich gedacht: "Warum eigentlich nich? Jeder hat halt so sein Hobby." Y
*VITA-KASTEN-1 *ÜBERSCHRIFT:
Christo und Jeanne-Claude *
aus New York wollen das Berliner Reichstagsgebäude schon seit 1971 mit Stoff und Seilen ummänteln. Als der Bundestag im vergangenen Jahr nach langem Hin und Her einer 14tägigen Verhüllung zustimmte, begann der Countdown für das bisher ehrgeizigste Projekt des aus Bulgarien stammenden Künstlers und seiner französischen Frau: Minutiös von Ingenieuren geplant, beschäftigt das Handwerk hinter dem Kunstwerk Seiler, Weber, Näher, Stahl- und Gerüstbauer - damit das Schaustück vom 17. Juni an über die Bühne gehen kann. Christo, 59, lebt seit 1964 in New York. Spektakulär waren auch seine Verhüllung des Pariser Pont Neuf (1985) und seine, nach Japan übergreifende, Schirm-Aktion (1991).
* Bei der Planungsfirma Ingenieurplanung Leichtbau GmbH in Radolfzell.
Von Jürgen Neffe

DER SPIEGEL 17/1995
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