10.04.1995

PANIK MADE IN PULLACH

Mit einer spektakulären Operation schockten die deutschen Sicherheitsbehörden im letzten August die Welt: Sie verhafteten in München drei Gauner, die russisches Plutonium verkaufen wollten - den Stoff, aus dem die Atombombe ist. Doch die Aktion "Hades" war in Wahrheit ein großangelegter Schwindel, Moskau unter Druck zu setzen - inszeniert vom Bundesnachrichtendienst in Pullach.

Lufthansa-Flug 3369 aus Moskau wird von Staats wegen erwartet. Polizisten in Uniform, bayerische Kriminalbeamte und Geheime vom Bundesnachrichtendienst (BND) beobachten auf dem Münchner Flughafen die Landung der Maschine.

Neben der Ausstiegsluke der Boeing 737, die im Modul B, Finger 109, des Franz-Josef-Strauß-Airports andockt, halten sich zwei Kriminalbeamte versteckt und mustern die Passagiere. In Gepäckhalle C bereiten sich Kollegen auf den Zugriff vor.

Zielstrebig picken die Beamten einen kleinen dunkelhaarigen Fluggast und seinen schwarzen Delsey-Hartschalenkoffer heraus. Ein zweiter Mann, der den Kolumbianer Justiniano Torres BenItez, 38, abgeholt hat, wird gleich mit verhaftet.

Der Kofferinhalt, beschlagnahmt am 10. August 1994, wurde weltberühmt. Nach drei Tagen war die Nachrichtensperre von Journalisten geknackt worden, die Staatsanwälte und Kriminalpolizei über den Fall verhängt hatten. "Plutonium zum Verkauf" titelte die New York Times. Bild am Sonntag rechnete aus, daß das "geschmuggelte Plutonium reicht, um das Trinkwasser in ganz Deutschland zu vergiften". Die Neue Zürcher Zeitung schrieb von einem _(* Am 15. August 1994; links: ) _(Metallkoffer der Fahnder mit ) _(Strahlenmeßgerät. ) "apokalyptischen Alptraum". Das Menetekel Nuklear-Terrorismus war Thema auf Symposien und Kongressen rund um den Globus. Dem SPIEGEL (34/1994) waren die neuen Waffen der Erpresser eine Titelgeschichte wert.

Torres und sein Kumpan, der 49jährige Spanier Julio Oroz Eguia, hatten an Urängste gerührt. Plutonium, der giftigste aller Stoffe, die menschlicher Erfindungsgeist je geschaffen hat, war auf einmal in der Alltagswelt - nicht länger abgeschottet hinter hohen Zäunen irgendwo in Laboratorien oder Reaktoren. Die spanisch sprechenden Gauner hatten den Bomben-Stoff aus dem zerfallenen Sowjetreich herbeigeschafft und wollten nun im Westen das große Geld verdienen.

Genau dieses Szenario ängstigte die Menschen besonders in Deutschland, seitdem zuvor im Mai in einer badischen Garage Plutonium in einer allerdings winzigen Menge gefunden worden war.

Jetzt hatte ein Gangster-Trio - der dritte Mann war in einem Münchner Hotel verhaftet worden - versucht, 363,4 Gramm waffenfähiges Plutonium und 201 Gramm des Metalls Lithium 6 zu verschachern - ein wichtiges Element für die verheerendste aller Waffen, die Wasserstoffbombe.

Niemals zuvor hatte es einen solch gefährlichen Nuklear-Schmuggel gegeben. Die Verhaftung in München löste weltweit Alarmstufe rot aus. Regierungen von Washington bis Tokio ließen sich über die Entwicklung des Falles regelmäßig berichten. Fälle wie diese signalisierten, was "die größte langfristige Bedrohung für die Sicherheit der Vereinigten Staaten" sei, stellte der FBI-Direktor Louis Freeh fest.

Unter lebhaftem Beifall des Publikums schrieb der deutsche Bundeskanzler Helmut Kohl an seinen russischen Freund Boris Jelzin einen Brief, doch bitte dafür zu sorgen, "daß kein spaltbares Material in der Welt herumvagabundiert". Um die Tatkraft der Regierung wenige Wochen vor der Bundestagswahl ins rechte Licht zu setzen, sandte Kohl dann seinen Staatsminister Bernd Schmidbauer nach Moskau. Deutscher Ordnungssinn, das war die Botschaft, mußte den Russen, die in ihrem chaotischen Land nichts mehr unter Kontrolle hatten, den Weg weisen.

In einem Zeitungsinterview platzte Paul Münstermann, einer der höchsten deutschen Geheimdienst-Männer, schier vor Stolz: Die Verhaftung in München, ließ der damalige Vizepräsident des Bundesnachrichtendienstes wissen, sei das "Ergebnis systematischer Planung und nachrichtendienstlicher Methodik".

Wohl wahr.

Die Geschichte um den bislang weltgrößten Plutonium-Schmuggel ist eine raffinierte Inszenierung des Bundesnachrichtendienstes, die Bomben-Geschichte ein Bomben-Schwindel, eine der abenteuerlichsten Aktionen, die der deutsche Geheimdienst in seinen fast 40 Dienstjahren angezettelt hat. Vergleichbar ist sie nicht mal mit dem Bubenstück, das Verfassungsschutz und die Antiterrorgruppe GSG 9 im Juli 1978 inszenierten: Mit einem Sprengstoffanschlag auf den Hochsicherheitstrakt der Justizvollzugsanstalt Celle I wollten die Behörden damals einen V-Mann in die Terrorszene einschleusen.

Tarnbezeichnung für die Plutonium-Aktion des Bundesnachrichtendienstes war "Operation Hades" - in der griechischen Mythologie der Gott der Unterwelt. Ziel von "Hades" war zu beweisen, daß die neue unheimliche Gefahr aus dem Osten tatsächlich besteht.

Um aller Welt zu zeigen, wie porös die Atom-Arsenale des ehemaligen Sowjetreichs sind, inszenierte der BND einen gewaltigen Bluff, mit allen Zutaten eines Thrillers - mit windigen, geldgierigen Agenten, von Ehrgeiz zerfressenen Geheimdienst-Bossen, mit großen und kleinen Gangstern und Gaunern. Die Handlung spielt zwischen Madrid und Moskau, der Showdown vor der Pullacher Haustür in München. Geschachert wurde um 276 Millionen Dollar, zumindest auf dem Papier.

Vor der Öffentlichkeit läuft das Gangsterstück bis heute als schlichter Kriminalfall: Vom 10. Mai an muß sich das Trio der Plutonium-Schmuggler vor der 9. Großen Strafkammer des Landgerichts München wegen diverser Verstöße gegen das Kriegswaffenkontrollgesetz verantworten. Torres und seinen Komplizen drohen bis zu zehn Jahre Haft.

Der BND kommt in der Anklageschrift nicht vor, nicht mal in der Zeugenliste. Doch die Erfinder der tolldreisten Geschichte haben ihren Coup exakt dokumentiert - angefangen von der Plazierung eines BND-Lockvogels in der Schieber-Szene zu Madrid bis hin zu den Verkaufsgesprächen zwischen den V-Leuten des Dienstes "Rafa" und "Roberto" und den Plutonium-Händlern.

Die Akten mit den Ausschriften abgehörter Telefongespräche, mit Observationsberichten und Wortprotokollen von Treffen zwischen BND-Spitzeln und Atom-Dealern, bei denen Geheime stets ein Mikro dabeihatten, lagern beim BND und seinen Helfern.

Wer alles von den Verantwortlichen der Republik von dem gefährlichen Unternehmen hart am Rande der Legalität gewußt, wer es _(* Am 22. August 1994 mit dem russischen ) _(Geheimdienst-Chef Sergej Stepaschin. ) genehmigt und gedeckt hat, blieb unklar. Kaum zu glauben, daß nicht zumindest die rechte Geheimdienst-Hand von Helmut Kohl, Staatsminister Bernd Schmidbauer, in die Aktion eingeweiht war - und sie gebilligt hat. Der Minister zum SPIEGEL: "Die operativen Details kenne ich nicht."

Der inszenierte Plutonium-Schmuggel ist im nachhinein einigen BND-Oberen nicht mehr geheuer. Zu Recht befürchten sie einen Skandal, wenn die ganze Geschichte an die Öffentlichkeit kommt. Die "Medien", heißt es in einem vertraulichen Bericht aus Pullach, könnten den "Vorwurf der Anstiftung konstruieren", was "dem Prozeßausgang und allen beteiligten Behörden bzw. Personen nachhaltig schaden werde".

Nur an dem branchenfremden Präsidenten des Dienstes, Konrad Porzner, einem früheren Finanzexperten der SPD, lief das Stück offenbar vorbei. Irritiert ließ er, nachdem alles gelaufen war, in seinem Hause nachfragen, ob BND-Leute als "Agents provocateurs" aufgetreten seien.

Wissen wollte er auch, ob "die Plutonium-Lieferungen gepuscht" und die Anbieter "nach München gelockt" worden seien. Die Seinen beruhigten ihn: "Ein klares Nein", Herr Präsident.

In der Plutonium-Affäre haben sich beim BND die Trennlinien zwischen Halunken und Ehrenmännern ins Unkenntliche verwischt. Als ein BND-Mann sich sorgte, ob der Transport des Plutoniums auf dem Luftweg nicht zu gefährlich sei, was denn passiere, wenn die Maschine abstürze, blaffte ihn BND-Spitzel Rafa voller Verachtung an: "Das geht mir doch am Arsch vorbei."

"Operation Hades" war das Werkstück eines nach der Wende gegründeten Referats im BND, das sich um postkommunistische Agenten-Sujets wie Geldwäsche und Drogenhandel kümmern soll. Der in Haus 109 residierenden Truppe mit dem Kürzel 11A traut selbst in Pullach mancher nicht über den Weg.

Seit dem Bundesnachrichtendienst mit dem Ostblock auch seine Feindbilder weitgehend abhanden gekommen sind, sucht der Pullacher Dienst mit seinen insgesamt 6300 Auswertern, Spionen und Spitzeln nach Gründen für die weitere Daseinsberechtigung. Abteilungen rivalisieren miteinander, jeder mißtraut jedem. Daß der großangelegte Plutonium-Bluff jetzt herauskommt, hat mit diesen internen Überlebensquerelen zu tun.

In den letzten Monaten meldete sich immer mal wieder ein Unbekannter bei dem Münchner Strafverteidiger Werner Leitner, der den Häftling Torres vertritt. "Brutal", sagte der Anonymus, sei der Fall von Kollegen "angeschoben worden". Die Kameraden wollten "Lorbeeren ernten. Die haben ihr eigenes Süppchen gekocht".

Der Maulwurf aus Pullach gab den Rat, in Spanien zu ermitteln. "Dort kommen Sie weiter."

In der deutschen Botschaft der spanischen Hauptstadt hat tatsächlich jene Geschichte angefangen, die später die Menschen quer über den Globus in Schrecken versetzte.

Leiter der BND-Residentur in Madrid ist Dr. Peter Fischer-Hollweg, Deckname "Eckerlin", ein Klotz von Mann mit geschliffenen Manieren. In der Botschaft leitet Fischer-Hollweg offiziell das Politikreferat 2. "Pedro, el Gordo", Peter, den Dicken, nennen ihn die Spanier.

El Gordo ist keiner dieser in Geheimdiensten häufig anzutreffenden Wichtigtuer, die nur den Zeitungen des Landes hinterherschreiben. Fischer-Hollweg ist von anderem Kaliber: Er organisiert Geheimdienst-Aktionen und dirigiert in Spanien ein Agentennetz. Der BND-Resident heuert V-Leute an, und er zahlt nicht schlecht. 5000 Mark im Monat plus Erfolgsprämie sind für die freien Mitarbeiter leicht drin.

El Gordos Stars waren "Rafa" und "Roberto". Roberto heißt eigentlich Peter. Der ehemalige deutsche V-Mann ist schon vor Jahrzehnten nach Spanien gekommen, weil dort das Leben nicht so schwer ist. Er betreibt eine kleine Plantage, wohnt in einer malerischen Finca. Hauptberuflich jobbte er für das deutsche Bundeskriminalamt (BKA) und ausländische Dienste, im alten Milieu, der Drogenszene. Irgendwann hat ihn der BND auch angeworben, nicht die feine Art unter Sicherheitsleuten, aber Pullach sticht mit fetten Prämien die Konkurrenz aus, selbst die deutsche.

Robertos Kumpan Rafa, 41, hat immer ein wildes Leben gelebt. Schon mit 18 war er bei der Guardia Civil, später beim militärischen Nachrichtendienst, dann Ermittler im Drogenhandel. Das knapp 167 Zentimeter große Kraftpaket trägt auch den Tarnnamen "Lolita".

Eigentlich ist Rafa für den BND tabu. Er gehört zur sogenannten aktiven Reserve der spanischen Polizei - auch das eher fragwürdig, denn der BND darf in befreundeten Ländern keine Sicherheitskräfte abwerben. Wenn Rafas Arbeit für den BND publik werde, so steht es in Rafas Pullacher Akte, könne das zum "Skandalfall für die deutsch-spanischen Beziehungen" werden.

Die beiden V-Leute arbeiten gern für den BND. Der Dienst zahlt gut. Besonders viel Geld gibt es, wenn der Scoop nicht im Ausland, sondern in Deutschland läuft.

Rafa und sein Kumpel Roberto trafen im Madrider Milieu auf Leute, die Kontakte in die zerbrochene Sowjetunion hatten: In deren Deals spielten, so behaupteten sie jedenfalls, russische Kriegswaffen en gros eine Hauptrolle.

In der Gauner-Runde führte bei einer Zusammenkunft im Mai letzten Jahres ein geheimnisvoller Deutscher das große Wort. An einem Sortiment Kampfhubschraubern oder einer Prise Osmium hatte er kein Interesse. Er fragte nach Plutonium und immer wieder Plutonium - das sei "ein sehr starkes Produkt". Mancher der Zuhörer aber konnte mit dem Begriff gar nichts anfangen. Doch allen fiel auf, daß Rafa den Deutschen immer wieder auf den Stoff brachte.

Etwa zehn Tage später, Anfang Juni 1994, fand im Foyer des Madrider "Novotel" ein weiteres Treffen mit dem deutschen Dunkelmann statt. Die Zusammenkunft _(* Mit dem bayerischen Innenminister ) _(Günther Beckstein (2. v. r.), am 15. ) _(August 1994. ) dauerte nur ein paar Minuten. Eine Probe Plutonium 239 wollte der Deutsche haben, unbedingt, und der Stoff sollte nach München geliefert werden - "nur München" komme in Frage. "Warum?" fragte einer. "Dort habe ich ein Labor."

Der Ablauf der Madrider Farce ist typisch für derartige Geheimdienst-Operationen: Einer, in diesem Fall der Spitzel Rafa, macht den Aufreißer, sein Komplize mimt den Mann von Geld. Irgend jemand sucht Plutonium und will dafür jeden Preis zahlen. Das macht die Runde in der Szene. Geschickt wies V-Mann Rafa die Richtung, wo der Bomben-Stoff zu bekommen sei: "Wenn ihr unfähig seid, werde ich selbst nach Rußland fahren, um die Dinge zu regeln."

Der Dreh klappte. Zwischen Madrid und Moskau hatte sich herumgesprochen, daß sich ein Deutscher ernsthaft für Plutonium interessierte. Der Stoff sollte unbedingt nach München geschafft werden. Die Lieferanten in Moskau bissen an.

Am 11. Juli des vergangenen Jahres tauchten Oroz und Torres in der bayerischen Hauptstadt auf. Die beiden hatten sich in der nicaraguanischen Botschaft in Moskau kennengelernt. Sie lebten von Gelegenheitsgeschäften: Dünger, Zement, gesalzene Kuhhäute, auch mal Hubschrauber.

Oroz hatte dem Kolumbianer erzählt, daß jemand in Spanien "wie wild" Plutonium suche. Torres war interessiert. Er kannte in Moskau viele wichtige Leute. Die waren jetzt hilfreich (siehe Kasten). Einer mit dem Allerweltsnamen Konstantin brachte ihm eine Probe. Drei Gramm Plutonium 239 nur, aber immerhin.

Oroz und Torres fuhren mit dem Zug von Moskau über Berlin nach München. Ein Anrufer aus Spanien hatte sie in die bayerische Hauptstadt bestellt. "Hier und nur hier" könne das Geschäft ablaufen. Den Stoff versteckten sie in einem Loch im Waggon. Im Hotel Altano in der Arnulfstraße 12, Zimmer 705, warteten sie auf den Käufer. In Madrid ist Rafa von ihrer Ankunft informiert und alarmiert den örtlichen BND-Chef.

Während die beiden mit ihrer Plutonium-Probe im Hotel warten, zögern in München der verantwortliche BND-Abteilungsleiter Rudolf Werner und sein Referatsleiter, Duzfreund Jürgen Merker. In den oberen Rängen des Geheimdienstes gibt es Skrupel. Soll man die riskante Operation durchführen?

Der Leiter der BND-Residentur in Madrid schickt eilig einen Warnbrief nach Pullach. Falls sein V-Mann Rafa kein Okay für den Einsatz bekomme, würden "die beiden Händler das Territorium der Bundesrepublik am 20. Juli verlassen". Außerdem mahnt Fischer-Hollweg ein anständiges Honorar für den V-Mann an. Spätestens jetzt dürfte Staatsminister Schmidbauer mit dem Fall beschäftigt worden sein. Vorsorglich fragte der BND bei ihm an, wieviel Geld solche Hinweise auf Nuklear-Schmuggel wert seien.

Schließlich entscheidet sich der BND, das Stück zu wagen. Rafa reist am 22. Juli an. Seine Frau ist mit von der Partie, ein Ehepaar fällt weniger auf. Der Spanier soll als Mittelsmann zwischen den Lieferanten und dem BND fungieren. Pullach hat inzwischen das bayerische Landeskriminalamt eingeschaltet, die Münchner Staatsanwaltschaft auch, denn der BND _(* Polizeibeamter bei der ) _(Spurensicherung. ) hat schließlich keinerlei polizeiliche Befugnisse. Verhaften muß die Polizei.

Die Staatsanwälte sind unsicher. Die Madrider Vorgeschichte kennen sie nicht. Oberstaatsanwalt Helmut Meier-Staude ahnt, daß der Fall kompliziert werden könnte. Wenn ein Geheimdienst den Takt vorgibt, gelten andere Regeln.

22. Juli, 20 Uhr, ein Freitag. Im Hotel Excelsior beschnuppern sich zunächst die aus Moskau angereisten Anbieter und Rafa. Beiläufig läßt Rafa fallen, daß er 400 000 Dollar schon mal mitgebracht habe.

Ob er denn vier Kilogramm besorgen könne, fragt er Torres. Der antwortet großspurig: "Kein Problem." Das Material sei allerdings noch in Moskau, vielleicht in Sibirien. Eine Probe habe er aber mitgebracht.

Sie ziehen sich in Rafas Hotelzimmer zurück. Torres zeigt eine etwa fünf Zentimeter lange Metallhülse vor. Sie ist mit einem Stopfen verschlossen. "Ich verstehe nichts davon", sagt Rafa und will das Pulver mal berühren. Oroz mimt den Kenner: "Wenn etwas davon an deinen Fingernägeln hängenbleibt, kann es mit dir vorbei sein."

"Was wollt ihr mit dem Zeug machen?" fragt Torres. "Wir wollen in einem Land den Regierenden erschrecken", erklärt Rafa. Die richtigen Käufer kämen noch. Sie brächten einen Chemiker mit, hinter dem die Polizei her sei. "Ein As."

Drei Tage später taucht der ersehnte Käufer auf. Walter Boeden, eine tadellose Erscheinung, spielt den reichen Kaufmann aus München. In Wahrheit ist Boeden ein "noeP", ein nicht offen ermittelnder Polizeibeamter.

Boeden hat den Auftrag vom LKA am Morgen bekommen. Am Abend ist er schon gut präpariert, kennt sich aus mit Plutonium-Isotopen und gefährlichen Strahlungen.

Techniker des LKA haben ihn mit einem kleinen Mikro ausgestattet. Alle Gespräche werden heimlich aufgenommen. Eine Idee der Staatsanwaltschaft. Sie will die Verhandlungsgespräche im Wortlaut mitbekommen. Die Dialoge werden später dokumentiert. Minute für Minute - "Lauschangriff" steht auf den Papieren.

25. Juli, 19.20 Uhr. Torres erzählt, daß es mindestens vier verschiedene Qualitäten Plutonium gebe - "38", "39", "41", "45" -, Boeden sagt: "Mich interessiert nur 39." Er bevorzuge Plutonium 239 mit einer Anreicherung von "95 oder 96 Prozent".

Das ist der beste Bomben-Stoff.

Der BND, der die Operation eingefädelt hat, sitzt mit am Tisch. Der Dolmetscher Adrian, der das deutsch-spanische Fachgespräch zwischen Boeden und den aus Moskau angereisten Plutonium-Lieferanten übersetzt und mitverhandelt, arbeitet für den Pullacher Geheimdienst, Abteilung 11A.

Torres erklärt, daß er über Moskau Stoff besorgen könne. "Wir haben zwei Kilo in einer Fabrik, zwei Kilo in einer anderen." Für die Bombe braucht es mindestens drei Kilo, bei guter Qualität.

Boeden holt aus seinem Auto ein Strahlenmeßgerät, bittet um die Probe und nimmt sie mit ins Labor. "Über Geld reden wir später."

Anderntags, Punkt 15.19 Uhr, treffen sie sich in der Lobby des Kempinski-Hotels. Boeden nippt an seinem Cappuccino und sagt zu Adrian: "Ich war vorhin im Labor. Das sieht aber schon sehr, sehr gut aus."

Der Mann vom Landeskriminalamt hat die Moskauer Probe im Institut für Radiochemie in Garching bei München untersuchen lassen. Ergebnis: Plutonium 239, zu 87,7 Prozent angereichert, waffenfähig.

Torres will Geld für die Probe, aber Boeden stellt sich stur: "Die Proben zahle ich grundsätzlich nicht. Das ist in diesem Geschäft nicht üblich. Ich habe schon so viele Proben bekommen, und dann ist außer dieser Probe nie mehr etwas gekommen. Die Leute sind mit diesem Geld abgefahren." Torres erwidert: "Das Zeug" sei in einer Fabrik. Er müsse es holen. "Es hat seinen Preis, den muß man eben zahlen."

"Wenn Sie wollen", sagt er zu Boeden, "dann fahren wir nach Moskau, und ich übergebe es Ihnen dort . . . Es liegt alles bereit. Dort sind elf Kilo."

Oroz mischt sich ein. Er habe in der Fabrik angerufen und die "Nachfrage" erklärt. "Da sagen die: ja." Aber der Sicherheitsdienst Rußlands wolle auch kassieren. "Die Lösung liegt in Rußland", bestätigt Rafa, der Vertrauensmann des BND.

Am Abend bringt Boeden zwei längliche Umschläge mit. 5000 Mark und 2000 Mark. Spesen. Die Geschichte soll ja weitergehen.

Weder den BND noch die Leitung des Landeskriminalamtes kümmert es, daß die Aktion "Hades" gegen ein paar Grundsätze verstößt, die der Arbeitskreis "Innere Sicherheit" der Landesinnenminister für die Bekämpfung der Nuklear-Kriminalität formuliert hat und auf die sich alle deutschen Polizeibehörden verständigt haben.

"Der Einsatz von verdeckten Ermittlern", steht da, "ist auch unter dem Aspekt der künstlichen Marktbeschaffung zu beurteilen und abzuwägen." Und: "Probekäufe dürfen nicht dazu führen, daß im Ausland befindliches Material nach Deutschland gebracht wird."

Die Operation von München ist derart derb, daß darüber ein Streit zwischen BKA und BND ausgebrochen ist. Auch das BKA wußte von dem Plutonium-Angebot aus Moskau. Der zuständige Kriminaldirektor in Wiesbaden aber untersagte seinem Madrider V-Mann Roberto, den Stoff ins Land zu holen. Der BND war weniger skrupulös.

Es ging gegen den alten Feind: Tatort Moskau lieferte gleichsam gebündelt alle Lieblingsverschwörungen der Nostalgiker beim Dienst. Ein finsterer Superkomplott von neuer Mafia und altem KGB.

Der Blick hinter die Kulissen der Geheimen enthüllt, fast nebenbei, ein interessantes Detail: Bei Geschäften dieser Art sind Banken unverzichtbar.

Kaufmann Boeden bedient sich bei seinen vielfältigen Jobs für das Landeskriminalamt einer Münchner Adresse: Die Bayerische Hypotheken- und Wechsel-Bank mit der Hauptniederlassung an der Münchner Theatinerstraße 11 ist Deutschlands sechstgrößte Bank.

Das Geldhaus stattete den Kaufmann Boeden - mit angeblichem Firmensitz im Fritz-Meyer-Weg 55, München - mit Kreditzusagen aus, als sei er ein überaus solventer Kunde. Für Rauschgift-Geschäfte, die Boeden ebenfalls im Auftrag des LKA auszuführen pflegte, standen ihm 2,5 Millionen Dollar zur Verfügung. Auf einem echten Geschäftsbogen der Hypo-Bank stand, das Geld liege "zur Auszahlung" bereit.

In den Verhandlungen mit den Plutonium-Lieferanten mußte mehr Geld her. Zunächst gab die Hypo-Bank eine Bankbestätigung über 122 Millionen Dollar. Das reichte nicht. In einer kleinen Münchner Kneipe vis-a-vis des Hotels Excelsior einigten sich Boeden und die Plutonium-Beschaffer schließlich für vier Kilogramm Plutonium 239 auf 276 Millionen Dollar - nach damaligem Dollarkurs immerhin 435 Millionen Mark.

Überliefert ist noch ein bizarrer Dialog. "Kriegen wir es in bar?" fragte Oroz. Übersetzer Adrian, der Mann vom BND, klärte auf: "276 Millionen Dollar in Scheinen, das ist doch wohl etwas zuviel Zeug."

Für Boeden und seine Banker von der Hypo bedeutete der Irrsinns-Betrag kein Problem: "Lieber Herr Boeden", schrieb das Geldinstitut, "unter Berücksichtigung Ihres Vermögensstandes und Ihres hervorragenden Rufes sind wir bereit, in der Lage und willens, für Ihre Geschäftstransaktionen Zahlungen bis zu einem Betrag von 276 Millionen Dollar zu garantieren."

Wer bei der Hypo nachfragt, ob der Kaufmann Walter Boeden dort bekannt sei, stößt auf Schweigen. Der Mann, dem das Kreditinstitut 276 Millionen Dollar geben würde, ist den Bankern angeblich kein Begriff. "Diese Briefe können gar nicht echt sein", erklärte vorletzte Woche ein Sprecher. "Fälschung, Fiktion, Machwerk".

Erst bei der dritten Nachfrage knicken die Hypo-Leute ein: Der 276-Millionen-Dollar-Freibrief sei eine "geheime Aktion" gewesen, nur einem "inner circle" bekannt.

Als die Hypo-Bank dem Kaufmann Boeden den Freibrief ausstellte, war Torres bereits wieder in Moskau, um das Plutonium zu besorgen. Oroz faxte die Bankbestätigung sofort nach Moskau und rief seinen Kumpel Torres an: "Die 276 sind da . . . Ich war gestern auf der Bank." Torres triumphierend: "Jetzt werden sich die Tore öffnen."

Jedes Manöver der Dealer wurde von den Sicherheitskräften überwacht. Boeden hatte immer ein Mikro in der Tasche, Abhörspezialisten protokollierten jedes Telefonat zwischen Oroz und Torres und den Verbindungsleuten in Moskau. Auch der Zeitpunkt der Rückkehr des Kolumbianers mit dem tödlichen Stoff war kein Geheimnis: Torres hatte bei der Lufthansa gebucht. Am 10. August, Punkt 13.18 Uhr meldete er sich aus Moskau bei Oroz ab: "Ich steige jetzt ins Flugzeug." In einem schwarzen Schalenkoffer führt er als erste Lieferung 363,4 Gramm Plutonium 239 mit sich.

Der Rest war Routine: Die Verhaftung der Plutonium-Dealer auf dem Münchner Flughafen enthüllte vor aller Welt: Die neue Atomgefahr aus dem Osten ist keine Fiktion. In das Vakuum, das die Internationale hinterlassen hat, kann schon bald die Internationale der Nuklear-Terroristen treten. Die Russen standen am Pranger.

In Bonn und München wurden die Nebelwerfer in Stellung gebracht. Es galt, die Geschichte mit einem dichten Schleier der Geheimhaltung zu überziehen. Zunächst mußten sich alle Beteiligten gegen die Frage wappnen, wieso sie es zugelassen hatten, daß hochgiftiges Plutonium per Flugzeug nach Deutschland geschafft wurde. Der Münchner Leitende Oberstaatsanwalt Dieter Emrich erklärte: "Es war nicht klar, ob das Material schon in der Bundesrepublik herumvagabundierte."

Kanzlergehilfe Schmidbauer behauptete sogar in einer Sondersitzung des Auswärtigen Bundestagsausschusses, man habe nicht gewußt, daß Plutonium an Bord einer Lufthansa-Maschine eingeflogen werden sollte.

Alles Qualm: Das bayerische LKA hatte zum Torres-Empfang zwei Strahlenmeßstationen am Flughafen aufgebaut. Vorsorglich wurden Flughafenpersonal und Polizei später auf nukleare Kontaminationen untersucht. Mit der Einfuhr von Strahlengut solcher Qualität hatten die Behörden schließlich keine Erfahrung.

Als der parlamentarische Geschäftsführer der SPD-Fraktion, Peter Struck, damals den vagen Verdacht äußerte, der BND habe die Aktion gefingert und sein Parteivorsitzender Rudolf Scharping von "Inszenierung" sprach, erregte sich Staatsminister Schmidbauer medienwirksam: "Absurd, ungeheuerlich, reine Polemik". In keinem Fall, beteuerte er, seien V-Leute als Aufkäufer von Plutonium aufgetreten.

War eine überaus heikle Großoperation des Geheimdienstes an dessen oberstem Aufseher vorbeigelaufen? Gegenüber dem SPIEGEL erklärte Schmidbauer im vergangenen August: "Ich lege meine Hand dafür ins Feuer, daß der BND nicht als Nachfrager von illegal angebotenem Nuklear-Material aufgetreten ist. Das habe ich dem Dienst untersagt."

Derzeit sind Schmidbauer und sein BND damit beschäftigt, die Affäre endgültig zu entsorgen. Die Pullacher hatten monatelang Ärger mit ihrem V-Mann Rafa. Der Spanier verlangte 300 000 Mark - die seien ihm versprochen worden, sagt er.

Aus Madrid bekam er Unterstützung von El Gordo: "Da die Landtagswahlen in Bayern" inzwischen stattgefunden hätten, könne es doch kein Problem mehr sein, "die Operation Hades auch finanziell abzuwickeln".

Rafa war im Vertrauen auf die versprochene fette Prämie finanzielle Verpflichtungen eingegangen. Nach langem Feilschen zahlte ihm der Dienst knapp 100 000 Mark.

Auch das Land Bayern soll noch für den Einsatz zahlen. Eine weitere sechsstellige Summe steht in Rede. Das Münchner LKA ließ den BND wissen, eine Auszahlung könne erst nach Abschluß des Prozesses gegen Torres und die anderen erfolgen. Rafa solle keinen Verlust haben. Die Prämie könne, gewissermaßen als Ausgleich, "rückwirkend ab dem Tag der Festnahme verzinst werden".

Das Gezerre um Rafa irritierte die Münchner Staatsanwaltschaft. Die Strafverfolger drohten, den V-Mann zur Fahndung auszuschreiben, wenn er nicht zu einer Vernehmung im Fall Torres und Oroz erscheine. Er kam, in Begleitung eines Geheimdienstlers.

Nachbeben der Affäre sind auch anderswo noch zu spüren. Vor dem Besuch des spanischen Militärgeheimdienstchefs Generalleutnant Emilio Alonso Manglano beim BND erging eine "dringliche Warnung" aus dem eigenen Haus, "Ausführungen zur Operation Hades" sollten aus einer für Manglano vorbereiteten Akte entfernt werden.

Der BND-Warner: "Es gibt nicht den geringsten Anhaltspunkt dafür", daß der Generalleutnant "Einzelheiten dieser Operation kennt". Man "sollte schlafende Hunde nicht wecken".

Doch die Spanier sind längst hellwach. "Was da im Fall Oroz und sonstige" abgelaufen sei, empörte sich im Februar ein spanischer Geheimdienstoffizier in Madrid gegenüber dem SPIEGEL, "war ein unfreundlicher Akt".

Aber Madrid hat sich gerächt. BND-Resident Dr. Eckerlin teilte unlängst der Zentrale mit, daß sowohl sämtliche Telefonanschlüsse der Residentur in der deutschen Botschaft als auch die Privatanschlüsse der BNDler in Madrid von der spanischen Nationalpolizei abgehört würden. Der Bonner Geheimdienstkoordinator Schmidbauer hat dennoch Manglano um Unterstützung beim weltweiten Kampf gegen den Atom-Schmuggel gebeten.

Ansonsten hat Schmidbauer an der Plutonium-Sache nichts auszusetzen, im Gegenteil: Das war ein "politischer Erfolg. Das hat uns die Kooperation mit den Russen gebracht", erklärte er jetzt dem SPIEGEL.

Worüber der Minister nicht redet: "Operation Hades" hat politischen Flurschaden angerichtet. Während Bonn und München die Sicherheitskräfte lobten, fühlten sich die Russen vorgeführt. "Es wird versucht", schimpfte der russische Sicherheitsspezialist Wladimir Klimenko, "die Berliner Mauer wiederzuerrichten." "Die Sache stinkt", beschwerte sich ein Ex-KGB-General schon im vergangenen Herbst beim SPIEGEL.

Wieso, fragte Moskau, tauche Nuklear-Material eigentlich vor allem in Deutschland auf? Der ehemalige BND-Chef Klaus Kinkel beeilte sich mitzuteilen, daß es "ähnliche Probleme in Frankreich, in der Schweiz und in anderen europäischen Ländern" gebe.

Bislang haben aber nur die Deutschen mit dem Köder fast einer halben Milliarde Mark versucht, den atomaren Schwarzmarkt zu puschen.

Die "Operation Hades" beweist, daß die Geheimdienste immer noch, an parlamentarischen Kontrollen vorbei, Politik betreiben, die nicht davor zurückschreckt, notfalls Furcht und Panik zu schüren.

Die an der Operation beteiligten BND-Mitarbeiter wurden belobigt: "Förmliche Anerkennung" steht auf der Urkunde; sie trägt das Wappen des Bundesnachrichtendienstes - den heiligen Georg, wie er den Drachen bezwingt. Y

[Grafiktext]

Vom BND registrierte Fälle d. weltweiten Nuklearschmuggels

[GrafiktextEnde]

* Am 15. August 1994; links: Metallkoffer der Fahnder mit Strahlenmeßgerät. * Am 22. August 1994 mit dem russischen Geheimdienst-Chef Sergej Stepaschin. * Mit dem bayerischen Innenminister Günther Beckstein (2. v. r.), am 15. August 1994. * Polizeibeamter bei der Spurensicherung.

DER SPIEGEL 15/1995
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