10.04.1995

MilitärLanges Gedächtnis

Nach langer Suche hat die US-Armee Deserteure gefunden, die in die DDR geflohen waren.
Als der Ost-Berliner Journalist Victor Grossman in New York aus dem Flugzeug stieg, nahmen ihn fünf Zivilisten und ein Uniformierter in Empfang.
Grossman, 66, wollte zu einem Treffen mit ehemaligen Kommilitonen, doch seine Bewacher schleusten ihn an Zoll- und Paßkontrollen vorbei direkt aufs Kasernengelände von Fort Dix, das gut hundert Kilometer entfernt liegt. "Ich rechnete mit ein paar Tagen Knast", sagt der Ostdeutsche, "aber nach drei Stunden war alles vorbei."
Bis zu seiner Landung in New York vor knapp einem Jahr war Grossman für US-Behörden ein gesuchter Mann. Denn 1952 war der gebürtige Amerikaner aus der Armee desertiert.
Damals hieß er noch Stephen Wechsler, war Absolvent der Elite-Uni Harvard, Kommunist und Besatzungssoldat in Deutschland. Seine Mitgliedschaft in verschiedenen, damals als kommunistisch verschrieenen Organisationen hatte er bei der Einberufung verschwiegen; _(* 1965 bei einer privaten Silvesterfeier ) _(in Hoyerswerda mit ihren Ehefrauen ) _(Sieglinde Hutto, Erika Avent und einer ) _(Nachbarin. ) die Sache flog auf, ihm drohte ein Verfahren vor dem Militärtribunal.
Da desertierte der GI wie Hunderte seiner Landsleute; sie flüchteten etwa aus Furcht vor Bestrafung wegen kleiner Vergehen oder weil sie nicht in den Korea-Krieg ziehen wollten.
Bis heute gelten viele der Deserteure als verschollen, manche wähnte das amerikanische Verteidigungsministerium zeitweise als Gefangene in russischer Hand. Über 40 dieser Schicksale wurden jetzt jedoch aufgeklärt: Die Amerikaner hatten sich in der ehemaligen DDR versteckt, 10 leben noch in den neuen Bundesländern.
US-Präsident George Bush hatte nach dem Golfkrieg 1991 angekündigt, weiterhin auf der ganzen Welt nach verschollenen Soldaten zu forschen. Die Russen unterstützten das Projekt und öffneten ihre Archive.
Das Pentagon selbst ermittelte in Vietnam. Für Recherchen in der Ukraine, in Estland, Lettland, Litauen und in Deutschland engagierte das Verteidigungsministerium eine private Organisation - die Defense Forecast Inc. (DFI) in Washington, geleitet vom Historiker Paul Cole; als Helfer in Deutschland verpflichtete Cole einen Bekannten, den Mönchengladbacher Unternehmensberater Helmut Richthammer, der sich in den neuen Bundesländern auskennt, weil er dort Geschäfte betreibt.
Mit Hilfe amerikanischer Listen, einschlägiger Archive und der Stasi-Akten in der Berliner Gauck-Behörde machten Cole und Richthammer sich auf die Suche. Schon bald fanden sie heraus, daß die DDR eine beliebte Zuflucht für Überläufer gewesen war; etliche wurden enttarnt, aktuelle Namen nach Washington gemeldet.
Im Jargon der SED-Diktatur hießen die Asylanten "Militärangehörige der westlichen Okkupationsarmee". Sie waren willkommen, da sich mit ihnen womöglich Propaganda hätte machen lassen, zugleich aber waren sie den Machthabern nicht ganz geheuer.
Das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) hielt die gesamte US-Armee für einen Haufen "verkrachter Existenzen, moralisch haltloser, abenteuerlicher und krimineller Elemente". Die Deserteure, argwöhnte die Stasi, könnten zudem Spione sein. Obschon den MfS-Betreuern "eine Reihe von Verdachtsmomenten" auffiel, wurde jedoch nie ein Fahnenflüchtiger als Schnüffler enttarnt.
Andererseits kritisierten die Stasi-Verantwortlichen die "politische Erziehungsarbeit unter den Überläufern": Menschen, die gerade mal "Frollein", "Sauerkraut" oder "Macht nichts" sagen könnten, so mäkelte der Geheimdienst, erhielten unsinnigerweise "Unterricht über den dialektischen Materialismus" - das sei "schwach" und "schlecht".
Mancher der Deserteure machte in der DDR trotz der Startprobleme Karriere, heiratete und richtete sich für immer dort ein. So studierte Wechsler alias Grossman nach einer Lehre als Dreher Journalistik in Leipzig: "Ich bin wohl der einzige Mensch der Welt", sagt er, "der in Harvard und an der Karl-Marx-Universität sein Examen absolviert hat." Anschließend arbeitete er beim DDR-Sender Radio International in Ost-Berlin.
Trotz des geänderten Namens gab Grossman sich keine Mühe, unentdeckt zu bleiben. So dolmetschte er öffentlich für die Schauspielerin Jane Fonda, als die Amerikanerin 1974 die Dokumentarfilmwoche in Leipzig besuchte.
Grossmans Kamerad Raymond H. Hutto aus Dawson/Georgia, der 1954 desertierte, machte im Kombinat "Schwarze Pumpe" seinen Meister; Ex-Sergeant Willie Avent, ein Farbiger wie Hutto, trug die "Ehrennadel der Nationalen Front" (in Silber) und war ausgezeichnetes Mitglied der "Gesellschaft für Deutsch-Sowjetische Freundschaft".
Zur Berühmtheit wurde James W. Pulley aus Morristown, der 1955 nach Überschreitung seiner Urlaubszeit aus Augsburg verschwand. Seit Jahrzehnten tritt der schwergewichtige Sänger, auch für die US-Armee unübersehbar, auf Provinzbühnen und im Fernsehen auf - etwa als Interpret von Harry-Belafonte-Songs oder deutschen Weisen wie "Wo meine Wiege stand".
Des Barden Erfolg - schon zu Honeckers Zeiten besaß "James Dabbelju" (Der Morgen) eine Datsche, einen Volvo und einen Wohnwagen - machte die Stasi-Aufseher offenbar neidisch. Pulleys Repertoire, hielt ein Observant fest, umfasse in Wahrheit "nur zwei Lieder".
Nach Amerika zurückgehen will Pulley nun ebensowenig wie die meisten anderen Deserteure: "Meine Heimat ist die alte DDR."
"Der Willie", berichtet auch die Deutsche Erika Avent über ihren letztes Jahr verstorbenen Mann, "war mehr DDR-Bürger als Amerikaner." Im Wende-Herbst habe er prophezeit: "Jetzt ist das ruhige Leben vorbei."
Raymond Hutto verlor nach dem Mauerfall seinen Job: "Meiner Frau habe ich gesagt, daß es uns nie mehr so gut geht wie vorher." Daß er unter dem Decknamen "Karl-Heinz" jahrelang der Stasi als Inoffizieller Mitarbeiter diente, ist für Hutto längst Vergangenheit. "Ich habe nichts gemacht, nur Skat gespielt mit denen von der Staatssicherheit."
"Ein bissel Angst" (Hutto) hatten alle DDR-Amis, als die Mauer fiel. Ihre Fahnenflucht kann nach amerikanischem Recht noch bestraft werden. Grossman etwa mied deshalb ein Jahr lang im längst offenen Berlin den westlichen Teil: "Ich hatte Sorge, man könnte mich greifen. Die Armee hat ein langes Gedächtnis." Bevor er nach New York flog, fragte er sicherheitshalber eine Anwältin, was passieren könnte, sollten ihn die US-Behörden entdecken.
Die Amerikaner in Fort Dix verhielten sich exakt so friedlich wie von der Juristin vorausgesehen. Der Strafanspruch der USA gegen Deserteure wie Grossman, sagt der DFI-Chef Cole, bestehe zwar "rein theoretisch", politisch sei er nicht mehr gewünscht.
Deserteur Grossman wurde in der Kaserne Fort Dix nur förmlich aus der Armee entlassen, 43 Jahre nach seiner Flucht. Der offizielle Entlassungsgrund: "schlechtes Benehmen". Y _(* 1974 in Leipzig. )
US-Deserteure Hutto, Avent*: "Jetzt ist das ruhige Leben vorbei"
Fluchtgrund Korea-Krieg (1951): "Abenteuerliche und kriminelle Elemente"
DER SPIEGEL
Amerikaner Grossman, Fonda*: Gesuchter Mann
MANIKOWSKI
* 1965 bei einer privaten Silvesterfeier in Hoyerswerda mit ihren Ehefrauen Sieglinde Hutto, Erika Avent und einer Nachbarin. * 1974 in Leipzig.

DER SPIEGEL 15/1995
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