10.04.1995

ÖsterreichHollabrunn ist überall

Hat Eminenz, oder hat Eminenz nicht? Mitten in der heiligen Fastenzeit traf Wiens Erzbischof Hans Hermann Groer ein böser Verdacht - der des sexuellen Mißbrauchs minderjähriger Knaben. "Er hat mich am ganzen Körper eingeseift", gab der ehemalige Internatsschüler Josef Hartmann dem Nachrichtenmagazin Profil zu Protokoll, "und auch mein Glied gereinigt. Das hat er mit hochrotem Kopf getan. Und seine Erektion war ja auch deutlich erkennbar."
Abgespielt habe sich die Geschichte im erzbischöflichen Knabenseminar Hollabrunn nördlich von Wien. Hartmann, Jahrgang 1958, lebte als Zögling in dem stattlichen Bau. Ab der 5. Gymnasialklasse wurde Groer sein Religionslehrer und Beichtvater. Immer wieder habe der geistliche Herr seinen Schüler zu sich gerufen, ihn stürmisch umarmt, aufs Bett gezogen und seinen Mund geküßt ("er wollte andauernd Zungenküsse"). Vier Jahre lang, bis zur Reifeprüfung, sei das so gegangen. Seine Erlebnisse getraute sich Hartmann niemandem zu erzählen.
Die Scheu verlor sich erst vor einigen Wochen, als er in einem Hirtenbrief Groers vom 22. Februar einen Bibelspruch lesen mußte, mit dem der Bischof "Lustknaben" verdammte. Nach Hartmanns Outing meldeten sich immer mehr ehemalige Hollabrunn-Zöglinge. Die einen sagten, Groer sei über jeden Verdacht erhaben. Andere waren weniger entschieden. "Dr. Groer hat mir mehrere Jahre hindurch unerwünschte Zärtlichkeiten aufgedrängt", schrieb der Wiener Philosoph Herbert Hrachovec. "Die körperlichen Intimitäten endeten in meinem Fall bei langen Umarmungen, in denen offensichtlich mehr erwartet wurde."
Ein Beichtvater vom alten Schlag würde nun fragen: Ist es zum Äußersten gekommen?
Das nun auch wieder nicht. Die Zeugen schildern Groer als umtriebigen Priester, der den Bauernbuben aus dem Weinviertel die Freude an der Musik nahebrachte, sie mit einer raffinierten Spielzeugeisenbahn begeisterte, Pfadfindergruppen gründete und eine längst vergessene Wallfahrt neu belebte - zu einem Gnadenbild im idyllisch gelegenen Maria Roggendorf bei Hollabrunn.
Dorthin verlagerte Groer während der siebziger Jahre den Schwerpunkt seines Wirkens. Er trat in den Benediktinerorden ein, betrieb den Bau eines Frauenklosters und betete viel. Offenbar hatte er Frieden gefunden.
Als ihn der Papst 1986 in das höchste Amt der österreichischen Kirchenprovinz berief, waren sämtliche Auguren überrascht; Kardinal König, Groers Vorgänger in Wien, schien sogar düpiert. Möglicherweise hatte der Heilige Vater die Personalakte seines Wunschkandidaten nur flüchtig gelesen.
Denn im tratschfreudigen Wiener Klerus war Groers Schwäche für halbwüchsige Knaben längst kein Geheimnis mehr. Auch von einem geheimgehaltenen Dossier wurde geredet, von einer Recherche unter angeblichen Opfern des zärtlichen Katecheten. Als Groer zur Bischofsweihe schritt, begrüßte ihn ein Amtsbruder mit den Worten: "Das Kreuz wird tief in Ihr Leben hineinragen."
Prophetische Worte. Sofort nach Bekanntwerden der Anschuldigungen Hartmanns begann Kardinal Groer streng zu fasten, ansonsten hüllte er sich in Schweigen.
Bischöfliche Fürsprecher ergriffen für ihn das Wort, denunzierten den Ankläger als "sehr kranke Seele" und wiesen alle Attacken auf den Kardinal energisch zurück. Im Wiener Stephansdom fanden sich mehrere hundert Gläubige ein, zur abendlichen Andacht für den geprüften Oberhirten. Groer betete mit ihnen den schmerzhaften Rosenkranz und verabschiedete sich mit einem innigen "Maria mit dem Kinde lieb".
"Uns allen deinen Segen gib", seufzte die fromme Gemeinde. Aber dieser Segen ließ auf sich warten. Während immer neue Details aus dem Vorleben des Kardinals bekannt wurden ("mir hat er durch die Hose auf den Penis gegriffen"), versammelten sich Österreichs Bischöfe am vergangenen Dienstag im Palais neben dem Stephansdom zur traditionellen Frühjahrskonferenz.
Das Treffen wurde zum Test für die Befähigung der hochwürdigsten Herren, "die schwerste Krise der katholischen Kirche in Österreich seit 1945", so Barbara Coudenhove-Kalergi, die Grande Dame des ORF, halbwegs in den Griff zu bekommen. Zunächst einmal wählten die Amtsbrüder Groer demonstrativ wiederum zu ihrem Vorsitzenden, allerdings erst nach zwei Anläufen, die keine Zweidrittelmehrheit gebracht hatten. Doch schon zwei Tage später verzichtete Groer auf die hart errungene Position, was allgemein als erster Schritt zum Rückzug aus Amt und Würden aufgefaßt wird.
Das Ende der Affäre, das sich damit abzeichnet, wird das Interesse für die Heimlichkeiten der Priester keineswegs erschöpfen. Solange gesalbte Fingerspitzen streng angewiesen sind, nichts "Unkeusches" zu berühren, werden sie versucht bleiben, ihre verstohlenen Spiele zu veranstalten. Die Chance, sie dabei zu beobachten, kommt selten. Was aber ist "unkeusch"?
Der "ungeregelte Genuß der geschlechtlichen Lust oder ein ungeordnetes Verlangen nach ihr", definiert der Katechismus der katholischen Kirche aus dem Jahr 1993 unter der Nummer 2351. Geregelt ist der Lustgenuß, geordnet das Verlangen nach ihm einzig und allein innerhalb einer kirchlich geschlossenen Ehe (Nummern 2360 bis 2363). Somit verbietet sich für den Priester, der ehelos zu leben hat (Nummer 1579), jedweder Lustgenuß beziehungsweise das Verlangen nach ihm.
Kein Schlupfloch zur Abfuhr der Triebhaftigkeit außerhalb der Ehe wird offengelassen. Masturbation, Unzucht, Pornographie, Prostitution, Vergewaltigung, homosexuelle Praktiken erklärt der Katechismus sorgsam und verwirft sie, ebenso wie den sexuellen Mißbrauch von Kindern durch Erwachsene.
Eine rigidere Geschlechtsmoral als die der römisch-katholischen Kirche hat die Welt nie kennengelernt. Selbstverständlich können nur Kinder und Greise nach ihr leben, ohne sich einer mehr oder weniger neurotischen Veränderung auszusetzen.
Ebenso selbstverständlich setzen die grausamen Verbote alle jene Wunschmaschinen in Betrieb, deren Produkte durch die europäische Kultur geistern - von Tristan und Isolde bis zu den Filmen eines Luis Bunuel. Nicht im langweiligen Dreieck von Papa, Mama und Kind kreisen die Phantasien, sondern in den Gärten der Perversionen, wo glutäugige Nonnen, verdorbene Ministranten, lasterhafte Prälaten durcheinander taumeln, nie zufrieden mit der gewöhnlichen Stillung der Lust, die ihnen ewig verboten bleibt.
Im kreuzbraven katholischen Milieu der Adenauer-Zeit, wie es Heinrich Böll beschrieben hat, ging es noch recht gemütlich zu. Da fuhr der geistliche Herr mit der Frauenkongregation nach Lourdes, und die Pfarrersköchin saß auch im Bus. Was die Priester sonst noch anstellten, blieb hinter dem Beichtgeheimnis verborgen.
In den letzten Jahrzehnten freilich begann es sogar in dieser letzten Enklave bürgerlicher Sittsamkeit zu knistern. Priester suchten per Zeitungsanzeige eine Freundin, lesbische Klosterfrauen erzählten freimütig von ihren Neigungen. In Hollabrunn fanden immer weniger Zöglinge nach der Reifeprüfung den Weg ins Wiener Priesterseminar. 1992 mußte Erzbischof Groer das Knabenseminar schließen, in dem er ein Vierteljahrhundert gewirkt hatte.
Seinen Kummer über die gewandelten Zeiten unterbreitete Groer der Himmlischen Frau, deren Verehrung eine Konstante in seinem Leben bildet.
Sie ist auch der Schlüssel zur Seele des geplagten Mannes. Daß eine exaltierte Marienfrömmigkeit etwas mit sublimierter Sexualität zu tun hat, kann man in der Volkshochschule erfahren. Der Befund ist zwar so ungenau wie alle tiefenpsychologischen Denkmodelle, aber einen Blick hinter den Vorhang der religiösen Unschuld gestattet er doch.
Ohne Mühe, so Eugen Drewermann in seinem Werk "Kleriker", läßt sich der Zusammenhang zwischen katholischer Marienverehrung und klerikal geprägter Unterdrückung des Geschlechtstriebs nachweisen. In der priesterlichen Psyche arbeitet laut Drewermann die Sehnsucht nach der verlorenen Mutter, formt sich ein durch und durch weibliches, homosexuell geprägtes "Gestaltbild".
Wenn Drewermanns Diagnose stimmt, dann wirft die Affäre um Groer ein Schlaglicht auf das weite Panorama priesterlicher Begierden. Wie sie sich verwirklichen, weiß man inzwischen recht genau.
In den USA, wo die katholische Kirche in den letzten 10 Jahren Millionen Dollar Schadensersatz für die Opfer sexuellen Mißbrauchs von Kindern durch Priester zahlen mußte, schätzt man den _(* Vor dem Seminargebäude in Hollabrunn. ) Anteil homosexueller Geistlicher im katholischen Klerus auf 20 Prozent - eine sehr hohe Rate. Wie viele von diesen Männern sich an Minderjährigen vergehen, ist unter den Soziologen noch strittig. Angeklagt und zum Teil auch bereits verurteilt wurden in den USA bislang rund 400 katholische Priester.
Die entmutigende Bilanz wird noch trister, wenn die heimlichen Beziehungen der Priester zu Frauen in Rechnung gestellt werden. Ob es nun 10, 30 oder gar 50 Prozent der aktiven Seelsorger sind, die den Zölibat auf diese Weise umgehen - die Schätzungen schwanken -, spielt kaum noch eine Rolle. Skandalös ist das in Zahlen nicht ausdrückbare Ausmaß an Heuchelei der geistlichen Herren, die ansonsten der göttlichen Wahrheit dienen sollen.
Kein Wunder, daß sich in den letzten Jahren weltweit rund 100 000 katholische Priester aus der Falle des Zölibats befreit haben - durch Amtsverzicht. Gleichzeitig nimmt die Zahl der jährlichen Priesterweihen drastisch ab. Hollabrunn ist überall.
Dementsprechend symbolträchtig wird sich das Verschwinden Kardinal Groers aus dem Licht der Öffentlichkeit gestalten. Kein Papst kann den österreichischen Katholiken verbieten, mit dem Namen des scheidenden Kirchenfürsten allerlei Unanständigkeiten zu verknüpfen und sich dabei die Frage zu stellen, wie lange es noch dauert, bis der Vatikan die Pfarrer endlich heiraten läßt, damit ihre Unkeuschheit halbwegs berechenbar bleibt.
Auf jeden Fall wird es nie wieder so sein wie vor 40 Jahren, als Hermann Groer auf seinem Fahrrad mit Zehngangschaltung durch Hollabrunn flitzte. Groers Endspiel ist auch das des barocken Katholizismus in Österreich. Y
Angeklagt und verurteilt wurden in den USA 400 katholische Priester
* Vor dem Seminargebäude in Hollabrunn.
Von Adolf Holl

DER SPIEGEL 15/1995
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