10.04.1995

HITLERS HÖLLENFAHRT

In der Nacht vom 27. auf den 28. April 1945 breitet sich im Bunker das Verlangen nach einem Massenselbstmord aus. Vorher möchte der Chef, dessentwegen jeden Tag noch Tausende ihr Leben lassen müssen, einen Mord an einem seiner Paladine begehen.
Vielleicht weiß er auch, was seine Sekretärin Christa Schroeder über seine Freundin Eva Braun und den SS-Gruppenführer Hermann Fegelein weiß: Dem ist "ihr Herz zugetan". Zu ihrer Freundin Marion Schönmann hat Eva im Jahr zuvor gesagt: "Wenn ich Fegelein zehn Jahre früher kennengelernt hätte, würde ich den Chef gebeten haben, mich freizugeben."
Sie hat ihn dann mit ihrer Schwester Gretl verheiratet - Hitler war Hochzeitsgast - und zu Frau Schroeder gesagt: "Jetzt bin ich wer, jetzt bin ich die Schwägerin von Fegelein!"
Hitler läßt den möglichen Schwippschwager vom Personenschützer Peter Högl im umkämpften Charlottenburg aufspüren, in der bereits vom Feind eroberten Bleibtreustraße 4.
Fegelein, in Zivil, hat einen Koffer mit 105 725 Reichsmark und Schweizer Franken bei sich, dazu Unterlagen über die Gespräche, die sein Chef Heinrich Himmler seit einem Jahr mit dem Feind im Westen angebahnt hat. Im Mai 1944 suchte der höchste Henker Kontakt ausgerechnet zum "Weltjudentum", er bot als Tauschobjekt die 750 000 Juden Ungarns - über die Hälfte von ihnen kam nach Auschwitz. Seit Wochen verhandelt er nun mit dem Vizepräsidenten des Schwedischen Roten Kreuzes, Folke Graf Bernadotte.
Davon erfährt Hitler erst am nächsten Tag, dem 28. April, aus einer Meldung des Stockholmer Rundfunks. Die Bunkerbewohner schreien auf, allesamt weinen sie und jammern. Dann wird auch noch bekannt, daß der von Hitler geschätzte SS-General Karl Wolff - Fegeleins Vorgänger als Himmlers Verbindungsmann zu Hitler - an der Italienfront mit den Amerikanern einen Waffenstillstand ausgehandelt hat.
Dazu noch die Befehlsverweigerung des SS-Generals Felix Steiner: Hitler fühlt sich nun auch von seinen SS-Janitscharen verraten. Sein Sekretär Martin Bormann und der Generalstabschef Hans Krebs unterrichten General Walter Wenck, Himmler wolle die Deutschen bedingungslos den "Plutokraten" ausliefern.
Für den Abfall Himmlers und der SS soll Verbindungsmann Fegelein büßen, zumal Hitler ihn nun auch noch für jenen Informanten hält, der den britischen Soldatensender Calais stets mit frischen Anekdoten aus dem Hauptquartier versorgt hat. Er befiehlt dem Gestapo-Chef Heinrich Müller, im Keller unter der zerstörten Dreifaltigkeitskirche (dort konfirmierte der Theologe Friedrich Schleiermacher 1831 Otto von Bismarck) den betrunkenen Fegelein zu verhören, und zwar "scharf".
Mit rotgeweinten Augen bittet Eva Braun um Gnade für den Vater des Kindes, das ihre Schwester bald gebären wird, vergebens: Hitler läßt Fegelein im Ehrenhof der Reichskanzlei erschießen, Freund Mussolini hat ja auch seinen Schwiegersohn Graf Ciano hinrichten lassen.
Jetzt ist der im Bunker eingeschlossene Hitler von der Furcht verfolgt, seine SS trachte ihm nach dem Leben. Luftwaffenadjutant von Below will im Bunker erfahren haben, Himmler habe "eine Verschwörung angezettelt, um Hitlers Leiche den Westmächten auszuliefern". Himmler hatte im Februar von Goebbels gehört, daß Hitler "augenblicklich lieber die Russen als die Westmächte hereinlassen will" - im Juni 1944 hatte ein SS-Obersturmbannführer in Stockholm auch Kontakt zur Sowjetbotschaft gesucht, einen Sonderfrieden mit der UdSSR angeboten und behauptet, seine Auftraggeber seien bereit, "den Führer von der politischen Bühne verschwinden zu lassen". Himmler erzählt nun Bernadotte, Hitler sei vom Schlag getroffen und bald tot.
Wieso ist der Pilot Baur noch da? Hitler erwägt, ob der ihn womöglich in betäubtem Zustand entführen soll. Leibwächter Rattenhuber hat irgendwoher einen Tip bekommen, in den Bunker sei ein Attentäter eingedrungen.
Mit einem Stadtplan schleicht der Mann, der sich als "größter Feldherr aller Zeiten" (Gröfaz) feiern ließ, durch die Kellerflure und entwirft lauter neue Strategien für die Armee Wenck, die Berlin noch entsetzen soll. Die Nachrichtenverbindungen des Bunkers in die Außenwelt sind abgerissen. Ordonnanzen rufen über das weiter funktionierende öffentliche Telefonnetz Bekannte in umliegenden Stadtbezirken an, um die Lage zu erkunden: "Sagen Sie, gnädige Frau, sind die Russen schon bei Ihnen?"
In den Kammern des überhitzten Bunkers wabert der Gestank von Soldatenschweiß, Chlor und verstopften Abflußrohren. Die Belüftungsanlage saugt Trümmerstaub in den Bunker, den Geruch von Brand und Verwesung. Am späten Abend hat Goebbels den Volkssturmmann Walter Wagner aufgetan, der in Pankow Müllabfuhr und Schulen verwaltet und als Standesbeamter fungieren kann: Hitler will Eva Braun heiraten, mit Goebbels und Bormann als Trauzeugen.
Hat er im Angesicht des Todes zu kleinbürgerlicher Tugend zurückgefunden, will er die durch den Fegelein-Mord verstörte Eva besänftigen, erwägt er gar immer noch den Ruhestand mit "Fräulein Braun" und Blondi - ein Akt der Abdankung? "Viele Frauen hängen an mir, weil ich unverheiratet bin", hatte er einmal gesagt. "Es ist so wie bei einem Filmschauspieler . . ." Das ist nun nicht mehr nötig, um Mitternacht des 28. April.
Wagner fragt vorschriftsgemäß das Brautpaar auch, ob es arischer Abstammung und frei von Erbkrankheiten sei. Ja, ja.
Frau Junge, die Sekretärin, gratuliert dem "gnädigen Fräulein", und Eva antwortet: "Sie können mich jetzt ruhig Frau Hitler nennen." Es gibt Sekt und belegte Brote.
Hitler diktiert Frau Junge sein politisches und sein persönliches Testament. Darin schreibt er die Schuld an seinem _(* Mit Generaloberst Ritter von Greim ) _((l.) und General Busse (r.). ) Krieg England zu, vor allem aber den Juden. Er sterbe, um der "Schande des Absetzens oder der Kapitulation zu entgehen", und bekennt als Lebenswerk, daß er wenigstens die Juden habe "büßen" lassen, durch "humanere Mittel" als Soldaten- und Bombentod.
Er stößt Göring und Himmler aus der NSDAP aus, von deren Fortbestehen er demnach ausgeht, verpflichtet seine Nachfolger zu Rassereinheit und Unbarmherzigkeit gegenüber den Juden - obwohl er im Februar eingestanden hatte, daß seine ganze Ideologie auf einem Irrtum beruhte: "Im eigentlichen Sinn des Wortes und vom genetischen Standpunkt aus", räumte er ein, "gibt es keine jüdische Rasse."
Das Ende seines Regimes will er noch immer nicht wahrhaben. Er ernennt eine neue Regierung mit Großadmiral Karl Dönitz als Reichspräsidenten und Goebbels als Kanzler, selbst die Portefeuilles für Landwirtschaft und Arbeit besetzt er; Bormann soll "Parteiminister", Himmler-Nachfolger als SS- und Polizeichef soll der brutale Breslauer Gauleiter Karl Hanke werden, der früher einmal, als er noch Goebbels'' Staatssekretär war, Magda Goebbels über die Affäre ihres Mannes mit dem Filmstar Lida Baarova hinweggetröstet hat.
Die sowjetische Artillerie schießt kaum noch auf die Reichskanzlei, die Rote Armee will lieber den Reichstag erobern. Aus der Mannschaftskantine schallt Jazzmusik, das Geschrei tanzender Betrunkener.
Am Morgen des 29. April kommt endlich ein Lagebericht: Sowjetische Panzer stünden bereits am Potsdamer Platz, 450 Meter vor Hitlers Zitadelle. Im Grunewald wird gekämpft, am Anhalter Bahnhof ebenfalls, mehrere hundert Hitlerjungen des HJ-Chefs Artur Axmann, 16 und 17 Jahre alt, verteidigen die Havelbrücken in Pichelsdorf und Reichsarbeitsdienstleute das Olympiastadion, um einen Fluchtweg offenzuhalten - auch für Hitler.
Der Panzerbär, die letzte Tageszeitung, streut Aussichten auf eine Wende: "Unsere Truppen haben an der Elbe den Amerikanern den Rücken gekehrt, um von außen her im Angriff die Verteidiger von Berlin zu entlasten." Auf der Lagebesprechung um 22 Uhr rät der Kommandeur der Kellerbesatzung, Wilhelm Mohnke, zum Ausbruch.
An seine Mitarbeiter verteilt der Führer und Reichskanzler Giftampullen mit Zyansäure; da er die Kapseln von Himmler bekam, der sie im KZ Sachsenhausen hat herstellen lassen, mißtraut Hitler der Wirkung und läßt sie an dem Schäferhund Blondi erproben. Sie wirken.
Kein Ruhestand mehr. "Wenn kein Wunder geschieht, sind wir verloren", sagt Hitler jetzt. "Meine Frau und ich werden sterben." Er gibt Order, alle seine persönlichen Sachen zu vernichten: "Trophäen für irgendein Museum darf es nicht geben." 50 Jahre später wird das Moskauer Armeemuseum seine alte Parteiuniform und Stiefel ausstellen.
Ein ziemlich gelassener Hitler trägt dem zum Luftwaffenchef beförderten Besucher Ritter von Greim auf, Heinrich Himmler sofort hinrichten zu lassen und die Luftwaffe zur Verteidigung Berlins einzusetzen. Greim und die Testpilotin Hanna Reitsch, der Magda Goebbels einen Diamantring schenkt, fliegen aus.
An den Generaloberst Jodl, der sich in Mecklenburg befindet, läßt Hitler die Schicksalsfragen übermitteln: *___Wo Spitze Wenck? *___Wann tritt er an? *___Wo 9. Armee? *___Wo Gruppe Holste (eine Kampfgruppe des Generals Steiner ____unter dem General Holste)? *___Wann tritt er an?
Generalfeldmarschall Keitel hatte sich am Vortag auf einer Straßenkreuzung bei Neubrandenburg mit General Gotthard Heinrici verabredet, dazu mit dem Panzergeneral Hasso von Manteuffel. Dessen Stabschef Burkhart Mueller-Hillebrand (1962 Gutachter in der SPIEGEL-Affäre im Auftrag der Redaktion) legt am Treffpunkt vorsichtshalber Offiziere in einen Hinterhalt. Heinrici weigert sich, Befehle eines Oberkommandos zu befolgen, das die Lage nicht kennt; Keitel fordert, ein paar tausend Deserteure zu erschießen. Heinrici sagt, er möge selbst damit bei den vorbeiziehenden, total erschöpften Truppen beginnen.
Keitel zieht ab und beantwortet per Funk Hitlers Fragen. Zu 1): liegt südlich Schwielowsee fest. Zu 2): 12. Armee kann daher Angriff auf Berlin nicht fortsetzen. Zu 3): 9. Armee mit Masse eingeschlossen. Zu 4): in die Abwehr gedrängt. Von der 9. Armee werden die Russen später melden, 60 000 Mann getötet und doppelt so viele gefangen zu haben. Die 12. Armee ergibt sich am Ende den Amerikanern, die entgegen ihrer Zusage viele Soldaten, so die Division Jahn, samt Nachrichtenhelferinnen den Sowjets ausliefern.
Am 30. April um 3.30 Uhr morgens funkt Bormann an Dönitz in Plön: "Der Führer lebt und leitet Abwehr Berlin." Hitler steht ungewohnt früh auf, um sechs Uhr, und nimmt im schwarzseidenen Morgenmantel und in Lacklederpantoffeln die Lagemeldung Mohnkes entgegen: Die Russen stünden schon am Hotel Adlon, Ecke Wilhelmstraße/Unter den Linden, und im U-Bahnschacht an der Voßstraße neben der Reichskanzlei - 100 Meter vor dem Bunker. Zur gleichen Stunde besteigen mit Walter Ulbricht zehn deutsche Kommunisten aus dem Moskauer Hotel Lux das Flugzeug nach Berlin, um dort die Geschäfte zu übernehmen.
Ehefrau Eva kommt den ganzen Vormittag nicht aus ihrer Kammer. Um acht Uhr beginnt neues Trommelfeuer auf den Bunker. Pilot Hans Baur bietet Hitler an, ihn mit einem der drei in Rechlin bereitstehenden sechsmotorigen Langstrecken-Transporter vom Typ Ju-390 auszufliegen, ganz weit weg - nonstop nach Argentinien, Japan, Grönland, in die Mandschurei oder nach Jerusalem, "zu einem der Scheiche", berichtet Baur später, "die ihm aufgrund der Judenfrage immer sehr gewogen waren und (ihn) während des Kriegs oft mit Kaffee versorgt hatten". Die könnten ihn in der Sahara verstecken.
Hitler dankt und schenkt Baur das Bild von Friedrich dem Großen: "1934 hat es 34 000 Mark gekostet." Er hat erfahren, daß die Leichen seines Freundes Mussolini und dessen Geliebter dem Pöbel überlassen wurden. Er selbst hat sich daran delektiert, den Tod des Generalfeldmarschalls Erwin von Witzleben am Fleischerhaken filmen zu lassen. So sagt er zu seinem SS-Adjutanten Otto Günsche "völlig ruhig" (laut Günsche): "Ich möchte nicht, daß meine Leiche von den Russen in einem Panoptikum ausgestellt wird." Er beauftragt Günsche und den Diener Heinz Linge, seinen Leichnam zu verbrennen.
Auch den Altparteigenossen Walter Hewel warnt er, wenn der den Russen in die Hände falle, werde man ihn "ausquetschen, bis Ihnen die Augen aus den Höhlen treten, und dann wird man Sie durch die Straßen Moskaus zerren und Sie in einem eisernen Käfig im Zirkus oder Zoo zur Schau stellen".
Immerhin hat Stalin später bedauert, Hitler nicht lebend in die Hand bekommen zu haben. Und über 57 000 deutsche Kriegsgefangene, zuvor mit Diarrhöefördernder Fettsuppe gefüttert, ließ er 1944 über die Moskauer Gorkistraße marschieren, preisgegeben dem Hohn der Bevölkerung. Marschall Schukow hatte einmal dem ukrainischen Chefpolitruk Nikita Chruschtschow am Telefon eröffnet: "Bald werden wir das schleimige Biest Hitler in einem Käfig eingesperrt haben."
Mittags erteilt Hitler endlich dem Berlin-Verteidiger Helmuth Weidling den Befehl zum Ausbruch aus Berlin, den der General für die Überreste von vier Divisionen auf 22 Uhr festsetzt. Hitler fordert Weiterkämpfen "in den Wäldern"; eine Kapitulation erlaubt er nicht. Dann ißt er - ohne seine Frau - zum Mittag Spaghetti mit Tomatensoße.
Kurz nach 15 Uhr verabschiedet sich Hitler von seinen Mitarbeitern, für Linge denkt er schon an eine neue Stellung: Er solle flüchten, rät er. "Wozu noch, mein Führer?" fragt Linge. Hitler: "Für den Mann, der nach mir kommen wird."
Frau Hitler schenkt Frau Junge ihren Silberfuchs und der BDM-Obergebietsführerin Gisela Hermann ihr Brautnachthemd. Noch immer schallt aus der Kantine Musik und Gejuchze herüber.
Adolf und Eva Hitler setzen sich auf das kleine Sofa im Führerwohnraum, SS-Mann Günsche stellt sich "wie ein Wachposten" vor die Tür, läßt Magda Goebbels noch einmal kurz hinein, weist Axmann zurück.
Die russische Artillerie schießt auf ihre Art weiter Salut. Trotz des Kanonendonners wollen einige Kumpane, die im durch Betonwände abgetrennten Besprechungsraum warten, gegen 15.30 Uhr einen Schuß gehört haben. Nach zehn Minuten betreten sie das Zimmer, ihre Aussagen über das Vorgefundene widersprechen sich.
Sie waren sich einig: Hitler war tot, seine Frau, die zu Traudl Junge gesagt hatte: "Ich möchte eine schöne Leiche sein", hatte sich vergiftet. Ihre Körper wurden im Garten der Reichskanzlei verbrannt, aber nur unvollständig. Günsche und Linge führten den Befehl ihres Chefs, seine Leiche ohne Zeugen und restlos zu vernichten, nicht aus. Die SS-Posten, denen ihr Götze das Rauchen verboten hatte, zündeten sich die Zigaretten an.
Es war die Walpurgisnacht. Der sowjetische Feldarzt, welcher Hitlers Relikte sezieren wird, trägt den Vornamen "Faust" - das Drama verfällt zur Danse macabre.
Im Bunker, der vorher schon von weiteren möglichen Zeugen geräumt worden ist, sind Bormann, Axmann, die Goebbels-Familie, General Krebs, Kammerdiener Linge, Adjutant Günsche, Leibwächter Rattenhuber, Gestapo-Chef Müller und ein Dutzend SS-Chargen sowie drei Sekretärinnen zurückgeblieben. General Weidling stößt dazu, er brauchte eine Stunde, um sich unter Feuer von seinem gut einen Kilometer entfernten Gefechtsstand im Bendlerblock durch Ruinen und Keller zur Reichskanzlei durchzuarbeiten. Er erfährt (so seine Aussage in Sowjethaft), Hitler und seine Frau hätten "Selbstmord durch Gift begangen, worauf sich Hitler noch erschossen habe".
Jetzt gilt es, die eigene Haut zu retten. Die Frauen fürchten Vergewaltigung und den empfohlenen Suizid. Im Keller der Reichskanzlei liegen Hunderte Verwundete, Arzt Schenck erwägt, ob er ihnen auf nationalsozialistische Art mit einer Injektion den "Gnadentod" gibt: Die 12. Armee hatte ein Gefecht zur Rettung von 6000 Verwundeten bei Beelitz damit begründet, "daß in den von Rußland eroberten Gebieten alle verwundeten deutschen Soldaten, die weder zu einem Kriegs- noch zu einem Arbeitseinsatz verwendbar sind, erschlagen werden".
Goebbels und Bormann möchten nicht nur ihr Leben retten, sondern auch ihre Machtbefugnisse. Bormann schickt um 18.35 Uhr des 30. April einen Funkspruch an den in Schleswig-Holstein, in Plön, untergekommenen Großadmiral Dönitz, in dem er Hitlers Tod verschweigt: "Anstelle des bisherigen Reichsmarschalls Göring setzt der Führer Sie, Herr Großadmiral, als Nachfolger ein."
Dönitz antwortet mit einer Ergebenheitsadresse an Hitler, dessen angekohlte Leiche bereits in einem Bombentrichter verscharrt worden ist: "Mein Führer! Meine Treue zu Ihnen wird immer und unabdingbar sein. Ich werde daher weiter alle Versuche unternehmen, um Sie in Berlin zu entsetzen."
Neuer Reichskanzler ist nun kraft Hitler-Testament Goebbels, und der sucht allen Ernstes noch rasch seinen Sonderfrieden mit Stalin. 20 Jahre ist es her, daß er in den NS-Briefen geworben hatte: Rußland, das den "sozialistischen Nationalstaat" errichte, sei "unser natürlicher Verbündeter gegen die teuflischen Versuchungen des Westens". "Wir haben viel mehr mit dem östlichen Bolschewismus als mit dem westlichen Kapitalismus gemein."
Bormann verlangt, einfach das sowjetische Oberkommando anzurufen. Mit einem von ihm verfaßten Brief schickt er einen Oberstleutnant Seifert samt Dolmetscher zum Gestapo-Hauptquartier an der Prinz-Albrecht-Straße, dahinter werden die Parlamentäre von Rotarmisten empfangen. Seltsam: Die kennen schon das Staatsgeheimnis - "Gitler kaput."
Nach Mitternacht wird von derselben Stelle aus General Krebs zum Gefechtsstand des Sowjetgenerals Wassilij Tschuikow in Tempelhof, Schulenburgring 2, geleitet.
Krebs scheint der richtige Mann zu sein: Er war einmal Vize-Militärattache in der UdSSR und spricht Russisch. Stalin hat ihn im April 1941 - ein Vierteljahr vor dem deutschen Überfall - bei der Verabschiedung des japanischen Außenministers Matsuoka auf dem Bahnhof in Moskau demonstrativ umarmt: "Wir müssen Freunde bleiben." Jetzt überreicht Krebs dem Stalingrad-Helden Tschuikow die Nachricht vom Tod Hitlers. Tschuikow antwortet gelassen: "Das ist uns bereits bekannt." Woher - aus Bormanns Telefonat?
In seinen Memoiren behauptet Tschuikow später, geblufft zu haben, und äußert die Vermutung, Hitler habe zu diesem Zeitpunkt noch gelebt. Die Todesnachricht habe nur die Alliierten spalten, die Westmächte zur Allianz mit den Deutschen gegen die UdSSR ermuntern sollen - Himmlers Projekt.
Ritterkreuz- und Monokelträger Krebs aber hat das Gegenteil im Sinn. Er überreicht Tschuikow einen von Bormann gegengezeichneten Goebbels-Brief an Stalin: _____" Ich teile dem Führer des Sowjetvolkes als dem ersten " _____" Nichtdeutschen mit, daß heute, am 30. April 1945, der " _____" Führer des deutschen Volkes, Adolf Hitler, um 15.50 Uhr " _____" von eigener Hand verschieden ist . . . " _____" Dieser Kontakt hat den Zweck zu klären, inwiefern die " _____" Möglichkeit besteht, zwischen dem deutschen Volk und der " _____" Sowjetunion Friedensgrundlagen zu schaffen, die dem Wohl " _____" und der Zukunft der beiden Völker, welche die größten " _____" Verluste im Krieg erlitten haben, dienen werden. "
Tschuikow informiert seinen Oberbefehlshaber, Marschall Schukow, der mit Moskau telefoniert (den Text der Krebs-Papiere übersetzt am Telefon Hauptmann Lew Besymenski, der spätere Historiker). Stalin über Hitler zu Schukow: "Der Schuft hat also ausgespielt. Schade, daß wir ihn nicht lebendig in die Hände bekommen haben. Wo ist Hitlers Leiche?"
Warum Hitlers Testament und Selbstmord geheimgehalten würden, fragt Tschuikow General Krebs. Antwort: "Weil das Himmler erfahren und zur Bildung seiner Regierung benutzen wird, außerdem haben wir in Berlin keine Nachrichtenmittel für eine Bekanntgabe."
Auf so ein Spiel, Deutschland zwischen Himmler und Dönitz (West), Goebbels und Bormann (Ost) zu teilen, läßt sich Stalin nicht ein, nur auf eine bedingungslose Kapitulation.
Es kommt alles zu spät. Einen Sonderfrieden nach dem Muster von Brest-Litowsk 1918, unter Preisgabe der Westprovinzen des eigenen Reiches, hatte Stalin in den ersten Kriegswochen und dann im Oktober 1941 erwogen, als die Deutschen vor Moskau standen; er bat Bulgarien um Vermittlung. Auch hernach hatte er noch einen Deal sondieren lassen. Einen Attentatsversuch seiner Agenten auf Hitler untersagte Stalin 1944, weil Göring dann mit dem Westen Frieden schließe - solange Hitler lebe, sei diese West-Option nicht zu befürchten. Am Ende des Krieges sagte Stalin zu seiner Tochter Swetlana: "Ach, zusammen mit den Deutschen wären wir unbesiegbar gewesen."
Es ist der 1. Mai, und Stalin hat gesiegt. Kaum eine Woche später kapituliert Generaloberst Alfred Jodl vor Eisenhower in Reims, am nächsten Tag Generalfeldmarschall Wilhelm Keitel in Berlin-Karlshorst gegenüber Marschall Georgij Schukow. Allein die Eroberung der deutschen Hauptstadt hat das Leben von 304 887 Rotarmisten gekostet, dazu über ein Drittel der eingesetzten Panzer. Die Sowjets meldeten 500 000 deutsche Tote (allein in West-Berlin fanden sich die Gräber von 18 320 Soldaten und 33 420 Zivilisten).
Eine Separatregierung in Berlin, die sich mit Moskau arrangiert, wird es geben - aber mit der soeben aus Moskau eingetroffenen Gruppe Ulbricht: Krebs kehrt nach acht Stunden ohne Resultat mittags in den Bunker zurück und nimmt sich am Abend das Leben.
Goebbels verharrt in Arroganz: "Die wenigen Stunden, die ich noch als deutscher Reichskanzler zu leben habe, werde ich nicht dazu benutzen, meine Unterschrift unter eine Kapitulationsurkunde zu setzen." Deshalb müssen noch Tausende sterben, zumal General Weidling die Kapitulation der Berliner Truppen bis zum nächsten Mittag aufschiebt, damit die restlichen Bunkerbewohner und Mohnkes Leibgarde noch ausbrechen können. Die meisten geraten in sowjetische Gefangenschaft oder entleiben sich. Bormann und Gestapo-Müller verschwinden ins Nirgendwo (1972 kommen Bormanns Knochen am Lehrter Bahnhof ans Licht), Axmann gelangt in den Westen. Die Verwundeten bleiben noch im Kellerlazarett.
Mit einem Tag Verspätung unterrichtet Reichskanzler Goebbels am 1. Mai um 15.18 Uhr seinen Reichspräsidenten Dönitz vom Selbstmord seines Vollmachtgebers; Dönitz gibt im Rundfunk bekannt, Hitler sei im Kampf gefallen. Das Ende: Magda Goebbels, einzige Frau mit goldenem Parteiabzeichen, imitiert Hitlers Umgang mit Unterworfenen: Sie schiebt ihren mit Morphium betäubten Kindern Helga, Hilde, Helmut, Holde, Hedda, Heide - die Älteste, zwölf Jahre alt, hat sich noch gewehrt - Zyankapseln in den Mund. Sie weint, dann kocht sie Kaffee. Am Abend schreiten Goebbels und Frau die 37 Stufen in den Garten hoch, beide nehmen Gift. Die Leichen werden angezündet.
Der Krieg ist zu Ende, der NS-Alptraum vorbei: Während die Berliner sich noch angstvoll in ihren Kellern verbergen, feiern die Sieger auf den Straßen mit Kosakentänzen und Gesang am Lagerfeuer, mit Alkohol und Massenvergewaltigungen.
Am 2. Mai steckt nur noch Haustechniker Johannes Hentschel im Bunker, weil er die Wasserpumpe für das Lazarett in Gang halten möchte. Gegen neun Uhr dringen die ersten Feinde ein: Ein Dutzend sowjetischer Sanitäterinnen mit Taschen und Beuteln suchen "die Klamotten" von Frau Hitler. In einer Kammer liegen noch die toten Goebbels-Kinder.
Nachdem seine Leute das Gelände vorsichtig nach Minen abgesucht haben, besetzt Oberst Antonow von der 301. Schützendivision kampflos die Reichskanzlei. Der letzte Bunkerbewohner, Hentschel, wird abgeführt, fröhliche Russinnen winken ihm mit Evas Büstenhaltern nach.
Am Nachmittag erreicht Oberstleutnant Iwan Klimenko vom Militärgeheimdienst den Schauplatz. Er führt eine Fahndungsabteilung der Einsatzgruppe "Smersch" (Abkürzung von: Tod den Spionen) beim 79. Schützenkorps der 3. Stoßarmee. Das ist das künftige Bestattungsunternehmen des Führers und Reichskanzlers Adolf Hitler.
Der Garten liegt voller Leichen, auch Verstorbene aus dem Kellerlazarett sind dort verscharrt worden. Die Smersch-Leute finden die Überreste des Ehepaars Goebbels; "auf der verkohlten Leiche der Frau" liegt laut Rapport "ein goldenes Parteiabzeichen der NSDAP". Klimenko läßt beide auf eine ausgehängte Tür laden und zu seinem Stützpunkt im Gefängnis Plötzensee bringen.
Am nächsten Tag werden die Kinderleichen und der Körper von Krebs gefunden und von dem gefangengenommenen Vizeadmiral Voss und anderen Zeugen, so Hitlers Koch und einem Garagenmeister, identifiziert. Klimenko fährt mit Voss wieder zum Bunker, vor einem mit Leichen gefüllten Löschwasserbecken ruft Voss: "Oh, da ist Hitlers Leiche!" Sie trägt gestopfte Socken.
Am 4. Mai fährt Klimenko mit sechs Bunkerzeugen noch einmal in die Reichskanzlei, die Leiche liegt nicht mehr im Becken. Sein Soldat Iwan Tschurakow buddelt "drei Meter vor dem Eingang zum privaten Luftschutzkeller Hitlers", so seine Meldung, aus einem Bombentrichter zwei Körper aus und muß sie wieder eingraben, weil in der Reichskanzlei gerade die Wasserbeckenleiche vom Vortag als Hitler gefilmt wird. Aber der Sowjetdiplomat Andrej Smirnow - später Botschafter in Bonn - stellt fest, daß es Hitler nicht ist.
Der Reichskanzlei-Komplex ist inzwischen der 5. Stoßarmee unterstellt worden, zum Betreten des Geländes braucht Klimenko jetzt einen Passierschein. Nachts holen der Rotarmist Tschurakow und sein Chef Klimenko die beiden Fundsachen wieder hervor; der gefangene SS-Oberscharführer Harry Mengershausen, der in der Reichskanzlei Posten gestanden hatte, identifiziert den Fundort hernach als Grabstelle von Eva und Adolf Hitler.
Ausgräber Iwan hat noch mehr zutage gefördert: ein Medaillon ("Laß mich immer bei dir sein"), sechs Hundertmarkscheine, eine Hundemarke und zwei Tierkadaver: "Deutscher Schäferhund (Hündin), Fell dunkelgrau, hochgewachsen, um den Hals eine Kette aus kleinen Ringen", und "ein kleiner Hund (Rüde), Fell schwarz, kein Halsband".
Smersch legt alle Fundsachen im Keller des Stabes in Berlin-Buch auf Eis. "Es stank entsetzlich", berichtet Hauptmann Blaschtschuk vom Smersch der 3. Stoßarmee Jahrzehnte später dem SPIEGEL. Am 8. Mai obduziert Dr. Faust Jossifowitsch Schkarawski alles im Leichenschauhaus der Klinik Buch. Beim vermuteten Hitler-Körper stellt der Feldarzt fest:
"Die Leiche ist stark verkohlt und riecht nach verbranntem Fleisch. Ein Teil des Schädeldachs fehlt . . . Der Unterkiefer liegt frei in der angesengten Mundhöhle" - dieses Stück war von den Smersch-Leuten erst nachgereicht worden. Sie hatten es dem Leichnam entnommen und von der Zahnarzthelferin Katharina Heusermann, danach von dem Zahntechniker Fritz Echtmann identifizieren lassen: Hitlers Zähne.
Auch eine Oberkieferbrücke aus Metall ist vorhanden. Im Mund seines Untersuchungsobjekts entdeckt der Dr. Faustus Glassplitter, "Teile von der Wand und dem Boden einer dünnwandigen Ampulle". Er kann einen Hoden seines Untersuchungsobjekts nicht finden. Resultat der Obduktion: Tod durch Zyanvergiftung.
Der Smersch-Stab zieht um nach Finow, nimmt in Munitionskisten die Leichen der elf Personen und zwei Hunde mit und vergräbt sie auf dem Gelände der neuen Garnison. Am 18. Mai kommt ein General mit Sonderauftrag, die Relikte werden exhumiert und von den Bunkerzeugen, die sich in sowjetischer Hand befinden, begutachtet.
Am 23. Mai informiert der General über Sondertelefonleitung den Geheimpolizeichef Berija. Protokoll, Zahnbrücke und Unterkiefer bringt er nach Moskau mit.
Die endgültige Identifizierung besorgt Josef Stalin: Es sind nicht Hitlers Überbleibsel, entscheidet unbesehen der Diktator. Er mochte nicht wahrhaben, daß sein Traumverbündeter und Erzfeind Adolf Hitler verweste, zu nichts mehr nutze, nicht einmal zur Abschreckung in einem Glassarg vorführbar. Oder doch? Der Leichenfund ließ sich verschweigen, das Gespenst aber instrumentalisieren: ein Mythos.
Desinformation, hohe Kunst sowjetischer Geheimer, mußte weiterhelfen; die deutschen Zeugen wurden für ein Jahrzehnt im Geheimpolizeihauptquartier Lubjanka, im Moskauer Gefängnis Lefortowo, schließlich in den Zwangsarbeitslagern des Gulag versteckt. Drei Tage nach dem Telefonat aus Berlin äußerte Stalin gegenüber dem US-Präsidentenberater Harry Hopkins, seiner Ansicht nach sei Hitler nicht tot, sondern halte sich irgendwo verborgen, wahrscheinlich in Japan; er denke, auch Goebbels, Bormann, Krebs seien entflohen.
Dann trat ein sowjetischer Major Iwan Nikitin auf. Ihm gelang es, dem US-Nachrichtenmagazin Time eine Geschichte aufzutischen, die am 28. Mai erschien: Ein erregter Hitler habe sich am 27. April vor Eva und dem Nikitin-Gewährsmann, einem SS-Untergruppenführer (ein Dienstrang, den es nicht gab), so ausgelassen:
"Solange ich lebe, gibt es keinen Konflikt zwischen Rußland, Amerika und England: Sie sind in ihrem Willen einig, mich zu vernichten. Wenn ich aber tot bin, können sie nicht mehr verbündet bleiben! Der Konflikt muß kommen! Aber wenn er kommt, muß ich am Leben sein, um das deutsche Volk zu führen . . . Deutschland kann für die Zukunft nur hoffen, wenn die ganze Welt denkt, ich sei tot. Ich muß . . ." Da mußte der angebliche Ohrenzeuge den Raum verlassen.
Das war noch ganz plausibel, der Rest Phantasie: "Hinter einem Regal in Hitlers persönlichem Raum fanden die Fahnder eine unauffällige, bewegliche Betonwand. Dahinter war eine mannshohe Öffnung, die zu einem supergeheimen Betonschutzraum führte . . . ein weiterer Gang mit einer unterirdischen Feldbahn . . . Fußspuren."
Nach dieser Time-Veröffentlichung fand die Sensationspresse vielerlei Gelegenheiten, Hitler an allen Ecken der Welt (außer in der Sowjetunion und der Sowjetzone Deutschlands) zu orten. Stalin half dabei.
Auf seiner Pressekonferenz vom 9. Juni verkündete Schukow der Weltpresse, Hitlers Aufenthalt sei ein Rätsel, er könne aus Berlin ausgeflogen sein. Er glaube, Hitler halte sich in Spanien auf, und Stadtkommandant Bersarin stimmte zu. Auf der Potsdamer Konferenz im Juli erklärte dann auch Stalin dem neuen US-Präsidenten Harry Truman, die sorgfältigen sowjetischen Nachforschungen hätten keine Spur von Hitlers Überresten ans Licht gebracht; er glaube, Hitler lebe, und zwar bei seinen Faschistenfreunden Franco (in Spanien) oder Peron (in Argentinien).
Damit hatte Stalin neue Objekte seiner imperialen Begierde benannt. Unter der Überschrift "Hitlers Agent General Franco" war in der Prawda eben ein Kommentar erschienen: "Im Interesse des Friedens und der Sicherheit in Europa ist die baldige Ausmerzung der faschistischen Brutstätte auf der Iberischen Halbinsel notwendig."
Stalin mochte die kommunistische Niederlage im Spanischen Bürgerkrieg (1936 bis 1939) nicht hinnehmen. Eine behauptete Präsenz Hitlers hätte als Interventionsgrund gereicht, Spanien taugte zudem als Angelpunkt für Frankreich und Italien, wo die Kommunisten nach dem Krieg sehr stark geworden waren. Im September 1945 ortete Moskau das Gespenst Hitlers sogar in Deutschland, und zwar in der britischen Zone - der Kalte Krieg begann, auf deutschem Territorium.
In Moskau wurde Hitlers Unterkommen ein Fall für die Polizei. Der Vize-Innenminister Sergej Kruglow ließ "strengstens geheim" im Dezember 1945 einen "Plan der operativen Maßnahmen zur Untersuchung der Umstände des Verschwindens Hitlers" ausarbeiten, die "Operation Mythos" lief an.
Der Polizei-Oberstleutnant Klaussen, ständiger Vernehmer der gefangenen Zeugen, außerdem Spezial-Inspektor Ossipow und der Gerichtsmediziner Semjonowski mußten alles noch einmal untersuchen.
Professor Semjonowski zerriß das Obduktionsprotokoll des Doktor Faust ("vermutlich Hitlers Leiche") in der Luft: Die Schädelbasisknochen seien nicht untersucht worden, die Diagnose des Zyantodes stütze sich nur auf die angeblichen zerdrückten Ampullenreste im Mund und sei ein Analogieschluß zum Zustand der anderen Leichen. "Diesen Befund dürfte man nur als Mutmaßung betrachten."
Es fehle eine gerichtsmedizinische Untersuchung von Organteilen auf Zyanverbindung. Doch ein Frontlabor hatte schon im Mai Organproben untersucht. Ergebnis: keine Zyanspuren.
Damit wäre glaubhaft, daß Hitler - wenn es denn seine Leiche war - nicht am Gift starb, dieses jedenfalls noch nicht in den Körper gedrungen war. Die These des SS-Führers Schellenberg, sein Chef Himmler habe Hitler verg iftet, war widerlegt, und auch die Vermutung des Arztes Schenck konnte kaum stimmen, Hitler habe sicherheitshalber gleichzeitig Zyankali geschluckt und sich erschossen, wie Professor Haase es ihm geraten und Botschafter Hewel es bei sich selbst vollzogen hatte.
Die drei von der Sowjetpolizei untersuchten im April/Mai 1946 den Tatort und versammelten alle greifbaren Zeugen noch einmal im Bunker (die Reichskanzlei wurde 1949 abgeräumt, das Areal als Schußfeld für die angrenzende DDR-Mauer 1961 planiert, der Bunker 1988 geschleift).
Sie mußten die Sterbeszene nachstellen - wo sie sich befanden, wo Hitler saß und wo Frau Eva, ob und wann ein Schuß fiel, wer die Leichen die Treppe hinaufbugsierte, wo sie angezündet wurden.
Beim Lokaltermin stand im Bunker noch Hitlers Sofa mit Blümchenbezug, auf dem die Nachforscher vielerlei Blutspritzer und -rinnsale, bis zu acht Zentimeter breit, ermitteln konnten. Resultat: "Ein Schuß in den Kopf." Sie folgerten: "Der Betroffene saß im Augenblick seiner Verletzung in der rechten Ecke des Sofas."
Dann folgte eine Überraschung: "Nach der Verletzung des Kopfes verlor der Verletzte das Bewußtsein und verharrte eine Zeitlang regungslos mit zur rechten Armlehne hin geneigtem Kopf."
Die Mythos-Untersucher gruben noch im Bombentrichter nach und fanden neben einem geflochtenen Halsband und Stoffetzen zwei menschliche Schädelknochen, einer wohl mit dem Ausschußloch einer Kugel. Semjonowski obduzierte.
Sein Protokoll samt Foto der Knochen legte der SPIEGEL dem führenden deutschen Gerichtsmediziner Otto Prokop vor, der daraus "viel eher" auf einen jüngeren Menschen als den 56jährigen H. schloß; ein Nahschuß sei nicht bewiesen, die Ausschußöffnung, wenn sie denn eine ist, für das mittlere Kaliber 7.65 zu klein. Ein anderes, viel größeres Loch in dem Fundstück bleibe unerklärt - eine Ferndiagnose (die fällige genetische Untersuchung steht noch immer aus).
Die Mythos-Kommission wollte nun die Originalrelikte sehen. Die von den Dentisten für echt befundenen Kiefer und die strittigen Schädelstücke lagen in Moskau, wo sie sich heute noch befinden. Die Leichen aber waren, da Stalin nichts davon hatte wissen wollen, im Gepäck der Smersch-Leute geblieben. Die Kisten wanderten mit, als ihre Besitzer nach Rathenow versetzt wurden, dann nach Stendal, schließlich Magdeburg.
Dort hatten sie ihre Fracht bereits am 21. Februar 1946 neben ihrer Wohnung begraben, "in einer zwei Meter tiefen Grube im Hof des Hauses Westendstraße 36 an der südlichen, steinernen Hofwand in 25 Meter Entfernung direkt nach Osten". So lautet jedenfalls das Protokoll von acht Smersch-Agenten, über das der Moskauer Historiker Lew Besymenski den SPIEGEL informiert hat.
Demnach waren es elf Leichen: die von "Reichskanzler Adolf Hitler, seiner Frau Eva Braun, Reichsminister für Propaganda Jüsef Goebbels" - so der Wortlaut - "seiner Frau und Kinder, Generalstabschef General Krips. Alle genannten Leichen befanden sich in Holzkisten in einem halbmorschen Zustand . . . Die Grube mit den Leichen wurde anschließend dem Erdboden gleichgemacht und dem äußeren Aussehen der Umgebung angeglichen".
Den drei Mythologen aus Moskau untersagte der oberste Smersch-Chef in Deutschland, Generalleutnant Selenin, im Mai 1946 die Herausgabe der Asservate in der Westendstraße (später: Klausenerstraße) - ein Kompetenzkonflikt zwischen Geheimpolizei und regulärer Polizei. "Man muß sich beeilen", mahnte Minister Kruglow, "die Leichen verwesen." Sie blieben begraben, fast ein Vierteljahrhundert lang, weil Höhergestellte in Moskau dafür nicht mehr zu interessieren waren.
Die Rechercheure mußten sich damit begnügen, noch einmal intensiv und gewaltsam alle festgehaltenen Zeugen zu befragen. Im Juni 1946 befand ihr Mythos-Schlußbericht ganz nach Stalins Intentionen: "Ungeachtet der Tatsache, daß alle Angaben für die Aussagen von Linge und anderen Personen sprachen, Hitler habe Selbstmord begangen, hält die Kommission es nicht für möglich, in dieser Frage endgültig Schlüsse zu ziehen."
Kein Zeuge war bei Hitlers Tod dabeigewesen, von denen, die ihn aufgefunden hatten, lebten noch Linge und Günsche, beide in Sowjethaft, und Axmann im Westen. Ihre Angaben waren allesamt ein - vielleicht beabsichtigter - Wirrwarr, sie widersprachen einander und änderten auch ihre eigenen Aussagen. Das Verschwinden des Verbrechers von welthistorischem Format geriet zum Kriminalpuzzle.
Diener Linge sagte bei den Russen aus, er habe einen Schuß gehört, zwei Pistolen vom Kaliber 7.65 und 6.35 Millimeter auf dem Teppich liegen sehen. Hitler lehnte, vom Eingang aus gesehen, an der linken Seite des Sofas mit Blutflecken an seiner rechten Schläfe, "die Stelle, wohin die Kugel getroffen hatte". Eva habe neben ihm gesessen, vergiftet.
Der in Linges Zelle verlegte Häftling Erich Ackermann behauptete, von Linge etwas anderes gehört zu haben: Hitler habe an der rechten Sofaecke nach hinten gelehnt. Linge sei zu dem Schluß gekommen, Hitler hätte sich vergiftet - diese Version gefiel den Vernehmern - und irgend jemand habe auf den toten Hitler einen Schuß abgegeben.
Ein halbes Dutzend Verhörexperten schlug mit Peitschen auf den nackten Linge ein, sie riefen dabei: "Hitler lebt! Hitler lebt!"
Linge kehrte 1955 nach Westdeutschland zurück. Zehn Jahre darauf erzählte Linge dem SPIEGEL, bei Hitler einen Einschuß in der linken Schläfe gesehen zu haben, aus der rechten sei Blut geflossen - ein Durchschuß von der Seite, wo Eva saß? Autor Erich Kuby folgerte: "Seine Frau hat ihn erschossen, bevor sie Gift nahm." In seinem Buch von 1980 beschrieb Linge aber wieder einen Schuß in die rechte Schläfe.
Zweiter sowjetischer Kronzeuge war der SS-Adjutant Günsche, der in einer Datsche ("Objekt Nr. 5") bei Moskau untergebracht wurde und ein langes Manuskript zusammenschreiben mußte. Günsche hatte keinen Schuß gehört; er sagte den Sowjets am 17. Mai 1945, er habe nicht ins Zimmer geschaut und nur gesehen, wie zwei in Decken gewickelte "menschliche Leichen" hinausgetragen wurden. Aus dem einen Bündel hätten Hitlers Schuhe hervorgeragt.
Dem Chauffeur Kempka soll er am Tag der Tat mit einer Geste bedeutet haben, Hitler habe sich in den Mund geschossen und sei vornüber gesunken - so Kempka. Und Frau Hitler habe offenkundig eine Pistole in der Hand gehalten, die dann zu Boden fiel. Heimkehrer Günsche berichtete, er habe als erster den Führerraum betreten, Hitler habe gar nicht auf dem Sofa gesessen, sondern auf dem Sessel - mit verkrampftem Körper, sein Kopf hing gen Boden.
Jugendführer Axmann, der dritte Gewährsmann, war keiner sowjetischen Tortur ausgesetzt. Er behauptete 1945: "Von beiden Schläfen tropfte Blut, und sein Mund war blutig und verschmiert, aber es war kein Blut verspritzt . . . Ich glaube, daß Hitler erst Gift nahm und sich dann in den Mund schoß."
Von einem leicht verschobenen Unterkiefer des Toten berichtete er 1965: "Hitler hatte sich in den Mund geschossen." Dem SPIEGEL gegenüber stellte er das jetzt als eine Vermutung dar, ein Schläfenschuß sei viel wahrscheinlicher. Auch der von den Russen gefangene und schwer gefolterte Pilot Baur ("Sie prügelten ihre Version aus mir heraus") sagte aus, er habe von Goebbels gehört: "Er hat sich in die Schläfe geschossen und lag am Boden."
Schoß Hitler selbst? "Meine Hände zittern so, daß ich kaum meine Pistole halten kann", hatte er wiederholt geäußert. "Würde ich nur verwundet, wäre keiner meiner Leute bereit, mir den Gnadenschuß zu geben - und ich will nicht in die Hände der Russen geraten."
Er wußte, daß ein Kopfschuß nicht sofort zum Tode führen muß. Seine britische Verehrerin Unity Mitford hatte sich nach der Londoner Kriegserklärung 1939 auf einer Parkbank in München in den Kopf geschossen, zunächst Sprache und Erinnerung verloren, dann aber gelähmt neun Jahre weitergelebt. Generaloberst Ludwig Beck traf sich nach dem 20. Juli 1944 nicht tödlich, General Karl Heinrich Stülpnagel schoß sich nur blind. So hatte es nun auch die Mythos-Kommission festgestellt: Nach dem Schuß lebte Hitler noch ein bißchen weiter. Wie starb er?
Leibwächter Johann Rattenhuber, der die Leichen nicht gesehen hatte, gab seinen sowjetischen Vernehmern eine _(* Nach der Ausgrabung. Pfeil: Wand des ) _(Hitler-Wohnraums; im Hintergrund die ) _(DDR-Mauer. ) Äußerung Linges wieder, er habe "den schwersten Befehl seines Lebens ausgeführt". Linge bestätigte das - es sei dabei um die Leichenverbrennung gegangen. Rattenhuber weiter:
"Linge sagte mir, Hitler habe ihm heute befohlen, das Zimmer zu verlassen und, falls er nach zehn Minuten nichts höre, ins Zimmer wieder hineinzugehen und seinen Befehl auszuführen. Da er in diesem Moment Hitlers Pistole auf den Tisch im Vorraum legte, begriff ich, was er unter dem schwersten Befehl des Führers verstanden hatte und woher der Blutfleck auf dem Teppich gekommen war. Aufgrund des Dargelegten kam ich zu dem Schluß, daß Linge nach Ablauf der zehn Minuten nach Hitlers Vergiftung ihn erschossen hatte."
Folgt man den sowjetischen Dokumenten, hatte die Kapsel wohl gar nicht gewirkt. Linge reflektierte später immerhin: "Was wäre wohl gewesen, wenn er mir befohlen hätte, ihn und Eva Braun zu erschießen?"
War keiner seiner Getreuen dazu bereit, die Ehefrau nicht und nicht der Kammerdiener - "eiskalte", gar motivierte Killer gab es noch genug im Bunker, SS-Schergen, Gestapo-Müller oder den Henker im braunen Ledermantel, den Arzt Schenck gesehen hatte.
25 Jahre später, am 4. April 1970, wurden allerlei "Schädel, Gebein, Rippen, Wirbel und so weiter" in Magdeburg ausgegraben. "Die Kisten sind zu Mulm verfault, die dort liegenden Leichen mit Erde vermischt . . . Der Zerstörungsgrad ist groß", so die sowjetische "Akte über das Öffnen der Grabstätte der Kriegsverbrecher, streng geheim", deren Abschrift dem SPIEGEL vorliegt:
"Beim Nachzählen der Schien- beziehungsweise Wadenbeine ließ sich die Zugehörigkeit zu zehn oder elf Leichen feststellen. Nach Entnahme der Überreste wurde dem Bestattungsort das frühere Aussehen zurückgegeben . . . Durch Observierung der umliegenden Häuser, wo Deutsche wohnen, sind keine verdächtigen Vorfälle registriert worden."
Diese vom KGB-Chef Andropow befohlene Operation zur Beseitigung der "Leichen Hitlers, Eva Brauns, Goebbels'', seiner Frau und Kinder" trug den Decknamen "Archiv". Am 10. April gelangte vom Magdeburger KGB eine Meldung vom 5. April mit der Eingangsnummer 1759 nach Moskau:
"Die Vernichtung der Überreste erfolgte durch Verbrennen auf einem Scheiterhaufen. Die Überreste wurden vollständig verbrannt, dann zusammen mit Kohlestücken zu Aschenpulver zerstampft, anschließend in den Fluß geworfen." *HINWEIS: ENDE
"Die Russen stehen schon 100 Meter vor der Reichskanzlei"
"Wir haben viel mehr mit dem Bolschewismus als dem Westen gemein"
Fröhliche Russinnen plündern die Kleider von Eva Hitler
Stalin ortet Hitler in Spanien und in Westdeutschland
"Nach dem Schuß verlor Hitler nur das Bewußtsein"
"Auf einem Scheiterhaufen völlig verbrannt"
[Grafiktext]
Darstellung d. angeblichen Hitler-Schädels
[GrafiktextEnde]
* Mit Generaloberst Ritter von Greim (l.) und General Busse (r.). * Nach der Ausgrabung. Pfeil: Wand des Hitler-Wohnraums; im Hintergrund die DDR-Mauer.

DER SPIEGEL 15/1995
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