15.05.1995

Sekten„Wie tausend Metastasen“

Die Scientology-Sekte gerät in Deutschland zunehmend in Schwierigkeiten: Die Immobilienspekulationen von Scientologen werfen weniger Geld ab, seriöse Banken geben kaum noch Kredite - die öffentlichen Proteste gegen rüde Methoden von Firmen, die von Sektenanhängern gesteuert werden, beginnen zu wirken.
Den jungen Mann schien der Himmel geschickt zu haben: Sternzeichen Waage, also flexibel und kreativ, Aszendent Jungfrau, Hinweis für eine sichere kaufmännische Hand, und im zweiten Haus, dem "Geldhaus", sagt die Hamburger Hobby-Astrologin Eva Schnell, 53, "war alles voll".
Einen besseren Kandidaten als diesen Geschäftsmann aus Berlin, so schien es der Scientology-Anhängerin Schnell, konnte sie ihren Freunden von der Psycho-Sekte kaum zuführen: Der finanzkräftige Kaufmann und Finanzier Siegfried Heinrich Huber, 36, versprach, den Sektenjüngern mit einem dicken Kredit aus der Klemme zu helfen.
Bald schloß der Hamburger Scientologe und Immobilienmakler Götz Brase mit dem Berliner Kaufmann einen Darlehensvertrag über 1,7 Millionen Mark - mit ungewöhnlich hoher Zinsverpflichtung: 24 Prozent per annum.
Banken nehmen für einen vergleichbaren Kredit nur rund zehn Prozent. Doch von den Geldinstituten bekommt der stadtbekannte Sektenaktivist Brase schon seit fünf Jahren keinen Pfennig mehr.
Die Jünger des Scientology-Gründers L. Ron Hubbard brauchen dringend Kapital, woher und für welchen Preis auch immer. Denn die Geschäftsleute der Sekte haben sich mit fragwürdigen Transaktionen auf dem Immobilienmarkt offenbar kräftig verkalkuliert: Ihre Gewinne sind spärlicher geworden, es mangelt an Geld, wacklige Finanzierungen drohen zu platzen.
Seit Mieterinitiativen und Mieterschutzvereine allerorten Scientologen im Immobiliengewerbe enttarnen und sogenannte Giftlisten verteilen, ist schon manch ein Millionen-Deal vereitelt worden: "Ein Haus mit Parolen an der Wand und Mieterprotesten vor der Tür", sagt ein Scientology-Insider, "ist fast nicht mehr verkäuflich."
Die Immobiliengeschäfte gehören bislang zu den besten Einnahmequellen der Scientologen in Deutschland. Zentren sind Berlin und Hamburg, wo Sektenmitglieder nach Schätzung von Mietervereinen schon bis zu 50 Prozent jener Geschäfte abwickeln, bei denen Mietwohnungen in Eigentum umgewandelt und verkauft werden. Aber auch im Stuttgarter und Düsseldorfer Raum sind, etwa unter Makler- und Bauunternehmen, schon Scientologen-Firmen aufgefallen.
Der Widerstand gegen Scientology-Makler wird jedoch stärker. Politiker fordern ein Verbot der Sekte, der Deutsche Industrie- und Handelstag warnt vor ihren Methoden. In Hamburg hat sich vergangene Woche gar eine einzigartige Allianz gebildet: Makler-, Mieter- und Grundeigentümer-Verbände wollen zusammenarbeiten; sie fordern etwa Zeitungen auf, Anzeigen von Scientology-Firmen nicht mehr zu drucken.
Brechen die Gewinne in der Bundesrepublik weg, trifft das die Organisation auch international: Bis zu einem Drittel des weltweit auf einige Milliarden Mark geschätzten Jahresumsatzes des Psycho-Konzerns werde von Mitgliedern aus Deutschland und der Schweiz erwirtschaftet, behaupten hochrangige Aussteiger.
Jahrelang beherrschten die Scientologen, bekannt für rüde Methoden, vor allem den Hamburger Immobilienmarkt. Die Methode: Unverdächtige Finanziers, die nicht der Sekte angehören, erwerben reihenweise zumeist vermietete Mehrfamilienhäuser, die preisgünstig zu haben sind. Sodann werden die Mietsgebäude in Eigentumswohnungen umgewandelt. Makler, die zum Sektenclan gehören, besorgen den Verkauf, nachdem sie zuvor oftmals die Mieter vertrieben haben. Leere Wohnungen lassen sich erheblich teurer losschlagen als vermietete - den Sektierern war mithin ein ordentlicher Gewinn sicher.
Nach einer anderen, ebenfalls gängigen Methode machen die Scientologen das Geschäft auch allein: Sie kaufen Häuser mit wenig Eigenkapital an, die Hauptsumme, so wird vertraglich festgehalten, solle erst später, zu einem fixen Datum, fällig werden. Innerhalb dieser Zeitspanne bemühen sich die Sektenmakler, möglichst viele Wohnungen zu verkaufen. Aus dem Erlös wird der ursprüngliche Kaufbetrag beglichen - und ein satter Spekulationsgewinn gezogen.
Das Risiko bei solch gewagten Manövern tragen ahnungslose Käufer, die womöglich schon einige zehntausend Mark für Maklercourtage, Notargebühren und Umzug bezahlt haben, ohne letztlich Eigentümer der vier Wände zu werden.
Seit sich nun zunehmend Widerstand regt gegen die scientologischen Umwandler, gerät auch die Finanzierung der schnellen Häuser-Deals ins Stocken: Banken sind aus Sorge um ihre Reputation seltener bereit, die dubiosen Geschäfte der Seelenfänger mit Krediten zu unterstützen; die Hamburger Vereins- und Westbank etwa läßt Scientologen nicht einmal mehr ein Konto eröffnen (SPIEGEL 13/1995). Private Geldgeber kassieren horrende Zinsen.
Bei dem Berliner Kreditgeber Huber unterschrieb auch die Hamburger Firma Breitling & Partner einen Vertrag. Das Maklerbüro, gegründet von den einstigen Brase-Mitarbeitern Thomas Breitling, 29, und Achim Halb, 31, will sich von Huber 3,3 Millionen Mark leihen - zum Zinssatz von 15 Prozent.
Ob es zu den Millionentransfers an Breitling und Brase kommt, ist jedoch fraglich, denn Finanzier Huber zögert plötzlich, das Geld zur Verfügung zu stellen: Im Finanzdschungel der Sekte trauen die Beteiligten sich offenbar gegenseitig nicht mehr über den Weg.
Bereits Anfang der achtziger Jahre hatte Scientology-Anhänger Brase, 38, in Hamburg mit dem Immobiliengeschäft begonnen. Zusammen mit diversen Firmen, bei denen er meist nicht öffentlich in Erscheinung trat, soll er allein in Hamburg mehrere hundert Häuser umgewandelt haben. "In Spitzenzeiten", so ein Insider des Brase-Konzerns, "gingen hier die Woche Dutzende Wohnungen über den Tisch."
Der in Dänemark aufgewachsene Brase, der mit seiner Firma am feinen Hamburger Mittelweg residiert, ist ein fanatischer Anhänger des Scientology-Unternehmens. In der Hierarchie des Psycho-Konzerns brachte er es zu höchsten Weihen, mittlerweile firmiert er als "Operierender Thetan" der "Stufe VII", wie es im Sektenjargon heißt. Eingeweihte halten ihn für ein "unsterbliches Wesen" der gehobenen Klasse.
Persönlich gilt Brase als äußerst bescheiden, zum Wohl der selbsternannten Kirche erwirtschaftete er jedoch nach Insider-Informationen in den vergangenen Jahren mehrere Millionen Mark, die dem Sektenkonzern, meist als Spenden deklariert, zugeflossen sein sollen. Sein Name steht auf der Liste der sogenannten Patrons, jener Sektenmitglieder, die besonders eifrig spenden.
Seit Jahren wird die Hamburger Filiale (Scientology-Jargon für eine Niederlassung: "Org") von der Zentrale in Clearwater/Florida auch dank Brases Geschäftstrieb immer wieder als "erfolgreichste Org auf dem Planeten" ausgezeichnet: Kaum eine andere Mission der Sekte scheffelte so viel Geld.
Brase bestreitet die enorme Bedeutung seiner Geschäfte für den Konzern: "Ich lehne es ab, Scientology direkt mit Geld zu unterstützen." Lediglich "einzelne Projekte" der Organisation will der Makler gefördert haben. Dabei freilich, räumt der Sektenanhänger ein, könne es "schon mal um größere Beträge gehen". Solche "ideellen Ziele", sagt Brase, müsse "sich ein erfolgreicher Geschäftsmann leisten können".
Unterstützt wird der Makler von zwei Hamburger Geschäftsleuten, die heftig dementieren, etwas mit Scientology zu tun zu haben: dem wohlhabenden Immobilienhändler Robert Boehm, 65, und dem ebenfalls vermögenden Kommunikationstrainer und früheren Kommilitonen Brases, Fred Anton, 46.
Den beiden gehören Firmen wie MetaReal, MegaReal, TransWert oder EcoGrund. In Hamburg und Berlin treten sie als Käufer und Umwandler der Häuser auf, die Brase und mit ihm verflochtene Unternehmen wie Reddy-Immobilien, GGB oder CKS vertreiben.
Häufig bemühen sich Sektenmakler, ihre Verbindungen zu dem Psycho-Konzern zu verschleiern. Selbst für kritische Wohnungsinteressenten und Mieter ist kaum noch zu erkennen, daß sie es mit Scientologen zu tun haben. Auf Anfrage leugnen die meisten Makler jedweden Zusammenhang.
Werden sie enttarnt, gründen die Sektenanhänger einfach neue Firmen. Auf diese Weise entstand in wenigen Jahren "ein Krebsgeschwür von scientology-nahen Immobilienfirmen, die wie tausend Metastasen den Umwandlungsmarkt befallen haben", sagt Jurist Wilfried Lehmpfuhl vom Hamburger Mieterverein.
Jede zweite Altbau-Eigentumswohnung in Hamburg werde inzwischen von Scientologen verkauft. Seit Jahren beobachtet der Mieterverein, wie Bewohner solcher Mietshäuser mit ständigen Anrufen verängstigt und durch ungebetene Besuche belästigt werden. Sektenvertreter drängen sie zum Kauf oder zum Auszug.
Wer nicht kaufen kann oder will, wird beschwatzt, seine Wohnung gegen ein Handgeld von 10 000 bis 50 000 Mark zu räumen. Ist die Wohnung leer, steigt ihr Wert um bis zu 40 Prozent. Die Gewinnspannen auf diesem Markt sind immens.
Günstiger Wohnraum, vor allem für sozial schwächere Bürger, wird dabei systematisch vernichtet. Wenn die Mieter in der Wohnung bleiben, drohen ihnen drastische Mieterhöhungen.
Immer häufiger wehren sich Bewohner gegen diese Praktiken - besonders wenn Scientologen dahinterstecken. Nach heftigen Protesten in Hamburg hatten Brase und Breitling ihre Verkäufer nach Berlin geschickt. Gut ausgerüstet mit teils neuen Firmennamen hofften Emissäre und Drahtzieher, in der Hauptstadt mit alten Tricks neu anfangen zu können.
Als jedoch die Scientologin und ehemalige Brase-Maklerin Kirsten Bringel in Neukölln auftauchte, um als Verkaufsleiterin einer Firma namens Phönix in den dortigen Immobilienmarkt einzusteigen, gab es prompt Ärger.
Mit riesigen Transparenten zieht seither die Mieterinitiative "Robin Hubbard - Neuköllner Bürger gegen Scientology" gegen die Massenumwandlung zu Felde und warnt Kaufinteressenten bei Hausbesichtigungen vor den Sektenverbindungen der Makler.
Beinahe wöchentlich entdecken die Aktivisten weitere Häuser, deren Wohnungen in Scientology-Manier verhökert werden: Bei 15 Objekten in Kreuzberg, Neukölln, Tiergarten und Schöneberg wurden die Verkäufer bereits als Sektenmitglieder erkannt.
Die schlechten Nachrichten aus Deutschland haben inzwischen die Konzernspitze in den USA alarmiert. Hubbard-Nachfolger David Miscavige, 35, ließ unlängst die Führung der Hamburger Zentrale auswechseln.
Er entsandte zwei seiner Vertrauten nach Hamburg: den Chef des Geheimdienstes "Office of Special Affairs" (OSA), den Österreicher Kurt Weiland, und den Leiter des Wirtschaftsdachverbandes der Sekte, "World Institute of Scientology Enterprises" (WISE), Marc Yager. Die beiden sollten, wie es intern heißt, "mal aufräumen".
Die Herren sind inzwischen wieder abgereist. An der Spitze der Hamburger "Org" steht jetzt der Amerikaner Mark Lizer aus dem Sektenhauptquartier in Florida. "Die Deutschen", sagt Ursula Caberta, Scientology-Beauftragte des Hamburger Senats, "haben hier nichts mehr zu melden."
Die frühere Leiterin Wiebke Hansen, 50, wurde abberufen und, wie Ex-Mitglieder der Sekte argwöhnen, in eine Art Straflager abgeschoben, das von der Sektenführung als Rehabilitationscamp bezeichnet wird. Offiziell heißt es, Hansen widme sich ihrem "persönlichen spirituellen Weiterkommen".
Erinnerungen an die bis dahin hochverehrte Präsidentin der "Org" wurden in Hamburg bereits ausgelöscht: Fotos von ihr, die früher das Sektenzentrum zierten, sind verschwunden, in Prospekten fehlt ihr Konterfei, ihr Zimmer wurde komplett ausgeräumt.
Hansen soll, so Scientology-Insider, Erfolgsbilanzen über Einnahmen und die Zahl der Mitglieder gefälscht haben. Sie habe offenbar Angst gehabt, der US-Führung den Abwärtstrend ihrer Mission zu melden. Die neue Hamburger Sektenführung bestreitet diese Version.
Tatsächlich aber zeigt die Aufklärung über den kommerziellen Psycho-Konzern nicht nur beim Immobiliengeschäft Wirkung. Weniger Bürger als früher lassen sich etwa auf der Straße ansprechen und als Mitglieder ködern.
Nach einem Gerichtsurteil, das die Stadt Hamburg erwirkt hat, muß die selbsternannte Kirche sich in Zukunft als gewerbetreibendes Unternehmen einstufen lassen - und als solches Steuern bezahlen sowie die Bilanzen der Einnahmen offenlegen, etwa für teure Psycho-Kurse.
Nach Jahren des Kampfes gegen die Sekte freut sich die Hamburger Scientology-Gegnerin Caberta nun über den Erfolg: "Es geht langsam, aber es geht bergab mit ihnen." Y

DER SPIEGEL 20/1995
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