15.05.1995

FreitodDreifach hält besser

Der Stromtod in der Badewanne ist bei Selbstmördern beliebt - aber eine äußerst schmerzhafte Art, sich ins Jenseits zu befördern.
Als der Ehemann vergangene Woche im rheinischen Ratingen die Badezimmertür öffnete, kam ihm dichter Wasserdampf entgegen. Den Raum durchspannte ein Stromkabel. In der Wanne lag, verkrampft und leblos, der Körper seiner Frau, neben ihr gurgelte noch ein eingeschalteter Fön im Wasser.
Für die Gerichtsmediziner der Universität Düsseldorf ein Routinefall: Stromleichen in Badewannen sind inzwischen, sagt Wolfgang Bonte, Chef des Gerichtsmedizinischen Instituts, "eine Art Modeerscheinung".
Bonte und seine Mitarbeiter müssen jeden Monat im Auftrag der Staatsanwaltschaft mindestens eine Wasserleiche darauf untersuchen, ob der Verblichene durch Unfall oder Selbstmord zu Tode gekommen oder von fremder Hand per Stromschlag ins Jenseits befördert worden ist.
Auch Medizinprofessor Volkmar Schneider von der Freien Universität Berlin hat durchschnittlich alle vier Wochen _(* In seinem Düsseldorfer Labor. ) einen Stromfall auf dem Seziertisch. Immer wieder seien es "besonders einsame ältere Damen", sagt Schneider, die ihrem Leben mit Hilfe der Elektrizität ein Ende setzen.
Schneider machte sich 1984 als Gutachter im Prozeß gegen den früheren Fußballtrainer Helmut ("Fiffi") Kronsbein einen Namen. Der Meistermacher von Hannover 96 war angeklagt, seine Frau Gerda durch Schläge tödlich verletzt und dann ihren Selbstmord in der Badewanne vorgetäuscht zu haben. Dank Schneiders Expertise wurde Kronsbein freigesprochen.
Bonte gilt als internationaler Fachmann auf dem Gebiet, seit er in den USA vor zwei Jahren in einem Mordprozeß mitwirkte. In Philadelphia war ein Mann angeklagt, seine Ehefrau in einem Jacuzzi, einer Art Heimwhirlpool, ertränkt zu haben. Der deutsche Professor überzeugte die Geschworenen, daß die Frau sich möglicherweise selbst umgebracht hatte. Sie sprachen den Angeklagten "nicht schuldig".
Das dramatische Hollywood-Vorbild für den Selbstmord in der Badewanne lieferte Ende der sechziger Jahre der schottische Schauspieler Sean Connery. In dem Action-Streifen "James Bond 007 - Thunderball" tötete er als britischer Agent einen Schurken mit einem Ventilator, den er in die Wanne warf.
Seither registrieren die Gerichtsmediziner weltweit einen stetigen Anstieg dieser Todesart. Auch in Deutschland wurden allein 1993 mehr Menschen als je zuvor Opfer eines "Selbstmords durch Stromschlag" - obwohl die Zahl der Suizide in der Bundesrepublik insgesamt seit Jahren abnimmt.
Dabei fällt auf, daß männliche Selbstmörder eher eine unbequeme Variante der Stromtods wählen: Sie klettern auf Strommasten und stürzen sich in die Hochspannungsdrähte der Überlandleitungen.
Lebensmüde Frauen dagegen, die früher meist zu Tabletten griffen, suchen immer häufiger den Stromschlag in der Badewanne. Ein Grund für den Anstieg, vermutet Gerichtsmediziner Bonte, sei der Umstand, daß der Wannentod inzwischen als schnelle und sichere Methode gilt, die keines besonderen technischen Verständnisses bedarf, keine äußeren Verletzungen hervorruft und keine Schmerzen verursacht.
Nach Auskunft der Experten ist der Strom-Wasser-Selbstmord entgegen landläufiger Meinung jedoch keineswegs als sanfter Abgang zu empfehlen: Der Tod sei schmerzhaft und trete häufig nicht sofort ein. Zudem sei in modernen, mit raffinierten elektrischen Sicherungen ausgestatteten Wohnungen ein Erfolg der Methode nicht garantiert: Die Stromzufuhr wird in diesen Wohnungen blitzschnell unterbrochen.
Der Sterbende, warnt Manfred Wolfersdorf von der Deutschen Gesellschaft für Suizidprävention vor dem Stromtod, erlebe seinen Herzstillstand nach längerem "Kammerflimmern" schmerzhaft mit, und es komme zu heftigen Verkrampfungen.
Dabei sei es auch ganz gleichgültig, ergänzt Bonte, welche oder wie viele Geräte mit ins Wasser genommen würden. Die meisten Selbstmörder greifen nach den Erkenntnissen des Mediziners zum Fön, aber auch mit Rasierapparaten, Bügeleisen, Lampen, Heizlüftern, Küchenmixern, Toastern, Radios und einfachen, nicht isolierten Stromkabeln als Tatwaffen hatte er schon zu tun.
Der Gerichtsmediziner erinnert sich an eine 38jährige Frau, die, um ganz sicherzugehen, "je einen Haarfön in der linken und in der rechten Hand" gehalten habe. Eine andere nahm "gar drei Elektrogeräte, Handmixer, Bügeleisen, Fön", mit ins Wasser.
Besonders unerfreulich, so der Pathologe, sei die Verwendung von Heizstrahlern oder Heizlüftern: Werde der Tote nicht hinreichend schnell gefunden, könne sich das Badewasser so erhitzen, "daß die Leiche dort, wo sie der Stromquelle nahe ist, regelrecht gekocht" werde.
Bisweilen könnten Leichen auch nur noch "im Bronzeton" geborgen werden. Grund: Weil die Heizspiralen eines Föns durch den Strom schneller oxydieren, kommt es im Wasser zu metallischen Absonderungen.
Manchmal, so hat der Göttinger Psychiater Hermann Pohlmeier beobachtet, nutzen Ehepaare die Stromwanne auch zum gemeinsamen Freitod; in der Fachliteratur seien solche Taten als "Mitnahmeselbstmorde" geläufig.
Einen besonders grotesken Fall erlebte die Düsseldorfer Kriminalpolizei: Als das mit bräunlichem Schaum bedeckte Badewasser einer 47 Jahre alten Frührentnerin abgelassen wurde, die leblos in der Wanne lag, fand sich neben einem Heizlüfter der tote Dackel der Frau. Y
Mit Handmixer, Bügeleisen und Fön ins Badewasser
* In seinem Düsseldorfer Labor.

DER SPIEGEL 20/1995
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