15.05.1995

ZeitgeschichteDer Geburtstag des Todes

Am 8. Mai 1945 war der Zweite Weltkrieg nicht überall vorbei. Noch Wochen nach der deutschen Kapitulation wurde auf der holländischen Insel Texel ein ebenso brutaler wie absurder Kampf zwischen Deutschen und Georgiern geführt. Er forderte die letzten Opfer der Völkerschlacht in Europa.
Der schöne kleine Friedhof, der auf dem sanft ansteigenden Hügel zwischen mannshohen Hecken verborgen ist, könnte in St. Petersburg liegen, in Odessa oder in der Nähe von Kiew. Poliert wie zu Stalins besten Tagen glänzt ein goldener Sowjetstern auf der großen marmornen Gedenktafel, darunter stehen, in kyrillischer Schrift, Sätze, die mit Mut beginnen und mit Heldentod enden.
Von "Widerstand" ist da die Rede, von "gewaltiger Übermacht" und immer wieder von "Tapferkeit". Nicht nur die Inschrift zeigt Dank und Verehrung gegenüber denen, die hier bestattet sind: Kein Blatt, kein Ast liegt auf den akkurat geharkten Beeten. Die Rosensträucher auf den Gräbern sind wie mit dem Zentimetermaß beschnitten. Überall brennen frische Kerzen.
Doch die über 500 Georgier, die hier geehrt werden, sind nicht in ihrer Heimat gefallen, nicht an der russischen Front des "Großen Vaterländischen Krieges". Der Soldatenfriedhof liegt auf Texel, einer holländischen Nordseeinsel, nur einige Kilometer vom Festland und der Hafenstadt Den Helder entfernt. Hier fanden die letzten Kämpfe des Zweiten Weltkriegs auf europäischem Boden statt, ein gnadenloser Partisanenkrieg, der noch Wochen nach der deutschen Kapitulation am 8. Mai 1945 Opfer forderte.
Es war ein Kampf ehemaliger Waffenbrüder. Denn die Georgier waren Angehörige der "Georgischen Legion", einer der legendären "Ost-Legionen", jenen Kampfeinheiten der deutschen Wehrmacht, die aus ehemaligen sowjetischen Kriegsgefangenen und Freiwilligen aufgestellt worden waren.
Mehr als 3000 Menschen kamen in diesem Gemetzel um. Trotzdem vermerkt kaum ein Geschichtsbuch die absurde und brutale Episode*. Und als die Holländer in diesem Jahr ihre 50jährige Befreiung feierten, taten sie es am 4. und 5. Mai, dem Tag der Kapitulation der deutschen Streitkräfte in den Niederlanden. Der Frieden vergaß den Kampf um Texel ein zweites Mal.
Bis zum Frühjahr 1945 war Texel von Kampfhandlungen _(* Ein Buch des holländischen ) _(Journalisten Dick van Reeuwijk mit dem ) _(Titel "Aufstand der Georgier" (71 ) _(Seiten; 21,50 Mark) gibt Bericht über ) _(diesen Kampf. Es wird nur von ) _(Buchhandlungen auf Texel vertrieben. ) nahezu verschont geblieben. Deutsche Truppen hatten die Insel im Juni 1940 besetzt und mit gewaltigen Bunker- und Festungsanlagen als Teil des "Atlantikwalls" ausgebaut, die holländische Widerstandsbewegung hatte die Parole ausgegeben, auf der Insel Ruhe zu bewahren - sie hatte viele Mitglieder dort versteckt. Und die holländische Nordseeküste war seit der Landung der Alliierten in Frankreich 1944 strategisch ins Abseits geraten. Hier gab es nichts mehr zu verteidigen und nichts zu erobern.
Die Georgier, insgesamt 800 Mann, kamen im Januar 1945 nach Texel. Sie bildeten zusammen mit 400 Deutschen das Georgische Infanteriebataillon 822 und standen unter deutscher Führung. Viele waren ehemalige Kriegsgefangene aus dem Rußlandfeldzug. Um den elenden Bedingungen in den Gefangenenlagern und dem damit fast sicheren Tod zu entgehen, hatten sich etliche von ihnen zur Kollaboration bereit erklärt.
Als es hieß, ein Teil des Bataillons solle gegen die Alliierten auf dem holländischen Festland eingesetzt werden, entschlossen sich die Georgier zur Rebellion. Der Code-Name des Aufstandes lautete: "Tag der Geburt". Es wurde für viele der Tag ihres Todes.
Die Georgier überrumpelten die ahnungslosen Deutschen im Schlaf oder auf der Wache. Sie töteten zumeist mit Dolchen und Bajonetten. Oft kannten sich Opfer und Täter: Sie hatten monatelang zusammen Dienst getan, manchmal sogar miteinander gefeiert.
Der Aufstand überraschte die Deutschen total. "Von Sabotage oder Aufstandsplänen haben wir nie etwas gemerkt", sagte Klaus Breitner, der deutsche Kommandeur des Bataillons, als man ihn lange nach dem Krieg befragte. "Wir hielten das sogar für ganz ausgeschlossen, da die Georgier deutsche Uniformen trugen. Damit", so Breitner mit unerschütterlicher Wehrmachtsehre, "ist alles gesagt."
Die Georgier hatten sich vorher "genau überlegt", wie viele Deutsche jeder von ihnen töten mußte - Gefangene wurden in dieser Nacht nicht gemacht. Huug Snoek, ein Mitglied der holländischen Widerstandsbewegung, der sich den Georgiern anschloß, berichtet: "Wir hielten versprengte Deutsche an, fragten nach dem georgischen Losungswort, das natürlich niemand kannte. Es wurde kurzer Prozeß gemacht. Jeder Deutsche bekam die Kugel." Innerhalb weniger Stunden waren fast alle Deutschen des Bataillons tot.
Schnell war das deutsche Hauptquartier "Texla" eingenommen, eine Bunkeranlage unweit Den Burg, der größten Stadt auf Texel. Doch ihr Ziel, die gesamte Insel unter ihre Gewalt zu bekommen, erreichten die Georgier nicht: Die stark gesicherten Küstenbatterien im Norden und Süden blieben in deutscher Hand.
Von dort aus wurde auch mit der "Sondermeldung Texel" der Führerbunker in Berlin über den Aufstand informiert. Die Antwort kam schnell: "Alle Georgier sofort liquidieren!"
Um halb fünf begannen die beiden schweren Batterien, Den Burg zu beschießen, die Deutschen, die Verstärkung bekommen hatten, formierten sich zum Gegenangriff. "Jeder ahnte, wir waren im Begriff, den Krieg zu verlieren, aber vorher wollten wir uns an den Georgiern rächen", berichtete Breitner.
Dem gnadenlosen Vorgehen der Deutschen fielen auch viele Zivilisten zum Opfer. Die deutsche Artillerie schoß auf jede Siedlung, in der Georgier vermutet wurden.
Zwei Wochen tobte ein verbissener Partisanenkampf, der fast die ganze Insel verwüstete. Zum Schluß hatten die Georgier, zahlenmäßig weit unterlegen, nur noch den Leuchtturm im Norden von Texel in ihrer Hand.
Ein ums andere Mal rannten die deutschen Soldaten gegen die Höhe an. Sie waren den georgischen Scharfschützen deckungslos ausgeliefert. Als es ihnen schließlich gelang, den Leuchtturm zu erobern, begingen die Georgier im Turm Selbstmord. Es war der letzte Sieg der deutschen Wehrmacht.
Doch der texelanische Krieg war noch nicht zu Ende: Die Deutschen hatten sich geschworen, "jeden Rebellen" zu erwischen. Am 22. April veranstalteten sie eine Treibjagd: Mit mehr als 2000 Mann, die in einer Kette mit ein paar Metern Abstand gingen, durchkämmten sie die ganze Insel.
Etliche Georgier hatten sich noch in den Minenfeldern am Strand verschanzt, in die sich die Deutschen nicht hineintrauten. Sie jagten lieber jene meist verwundeten oder vollkommen erschöpften Georgier, die sich bei holländischen Bauern versteckt hielten. Erwischte man sie, wurden die Höfe ihrer Helfer abgebrannt, sie selber erschossen: Vorher mußten sie ihr eigenes Grab schaufeln und sich ausziehen - in einer deutschen Uniform, so der Befehl, durften sie nicht exekutiert werden.
Überall auf Texel brannten Höfe, überall wurden neue Massengräber ausgehoben, vermeintliche und echte Kollaborateure unter der Bevölkerung erschossen. Vor allem die deutschen Offiziere gebärdeten sich so fanatisch, als gelte es, den Endsieg des Dritten Reiches auf Texel zu erringen.
Auch die Kapitulation der deutschen Truppen in Holland am 5. Mai änderte daran nichts. Die Alliierten ließen sich nicht sehen, und die Deutschen weigerten sich, ihre Waffen abzugeben. Statt dessen setzten sie die Jagd auf "Meuterer" und "Fahnenflüchtige" fort.
Zwei lange Wochen dauerte der Krieg nach dem Krieg: Die Holländer hatten die Straßen und Häuser geschmückt und warteten auf die alliierten Befreier, die nicht kamen. Statt dessen marschierten deutsche Truppen, vollständig bewaffnet und manchmal fröhlich singend, durch die Städte. Immer wieder gab es Scharmützel mit Georgiern.
Erst eine von Holländern organisierte Regelung unterband die schlimmsten Schießereien: Die Deutschen durften sich tagsüber frei - und mit Waffen - auf der Insel bewegen, die Georgier nach Sonnenuntergang.
Einer der letzten Toten der Schlacht um Texel war der Bäcker Theo Smit. Er hatte einigen Georgiern während des Aufstandes geholfen, nun, am 17. Mai, kamen ein paar von ihnen vorbei, um sich zu bedanken.
Unter ihnen war ein junger Soldat, der seinen Revolver offen am Halfter trug. Smit bat ihn, "das Ding" abzulegen, "der Plunder jagt mir Angst ein". Darauf nahm der Georgier die Patronen aus der Pistole, sagte noch "dann brauchst du keine Angst mehr zu haben" und zog den Abzug durch. Die Kugel im Lauf, die er vergessen hatte, traf Theo Smit tödlich.
Erst als am 20. Mai kanadische Truppen auf der vergessenen Insel landeten, wurden die deutschen Truppen entwaffnet. Der kanadische Kommandeur bezifferte die Verluste der Georgier auf 470, die der Deutschen auf 2347 Mann. In einem Brief an den sowjetischen Generalstab erwähnte er den Heldenmut und die Tapferkeit der Georgier. Er wußte um die Gefahr, die ihnen drohte.
Stalin ließ verkünden, alle sowjetischen Soldaten, die jemals mit den Deutschen kollaboriert hatten, zu bestrafen. 26 Georgier wurden mit ihren Familien deportiert, andere kamen ins Arbeitslager. Erst Mitte der fünfziger Jahre wurden sie rehabilitiert und in ihre Heimat zurückgelassen.
Ihren holländischen Helfern machte der Heldenmut gleichfalls Scherereien. Im Kalten Krieg wurden etliche von ihnen, die versucht hatten, mit georgischen Freunden Kontakt zu halten, vom holländischen Geheimdienst überwacht und bedrängt.
Auch deswegen ist, 50 Jahre nach dem Krieg, die Schlacht von Texel fast vergessen. Bis auf eine kleine Gruppe, die sich um den georgischen Friedhof kümmert und in einer kleinen Ecke des Heimatmuseums ein paar Fotos ausgestellt hat, haben die meisten Texelaner die Geschichte erfolgreich verdrängt.
Und die deutschen Touristen, die seit Jahrzehnten auf die Insel strömen, kennen sie eh nicht. Y
[Grafiktext]
Kartenausschnitt: Niederlande - Insel Texel
[GrafiktextEnde]
* Ein Buch des holländischen Journalisten Dick van Reeuwijk mit dem Titel "Aufstand der Georgier" (71 Seiten; 21,50 Mark) gibt Bericht über diesen Kampf. Es wird nur von Buchhandlungen auf Texel vertrieben.

DER SPIEGEL 20/1995
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