08.05.1995

Es ging nicht anders

Wie Hitlers Nachfolger Karl Dönitz versuchte, den Geist der NS-Zeit über die Stunde Null hinwegzuretten

Über die Bittsteller vor den Toren gab sich der britische Oberbefehlshaber, Feldmarschall Bernard Montgomery, ungehalten: "Wer sind diese Leute? Was wollen die?"

Es waren die Deutschen, sie kamen zum Kapitulieren.

Die Delegation des Oberkommandos der Wehrmacht (OKW) unter Leitung von Generaladmiral Hans Georg von Friedeburg hatte sich auf den Weg zum britischen Kriegsquartier in der Lüneburger Heide gemacht. Mit einer Teilkapitulation für Nordwestdeutschland wollten die Unterhändler die Stunde Null des Deutschen Reichs noch etwas hinausschieben.

Es war der 3. Mai 1945. Die "militärische Lage", das hatte der eben zum Hitler-Nachfolger ernannte Großadmiral Karl Dönitz, 53, endlich erkannt, war "aussichtslos". Nun ging es nur noch darum, Zeit zu gewinnen: Ziel war es, über die Ostsee und den Landweg "möglichst _(* Bei einem Empfang im Sommer 1942. ) viele Flüchtlinge in den Westraum zu bringen" (Dönitz), Zivilisten und Soldaten vor dem russischen Zugriff zu bewahren.

In den Sand der Heide markierten die Engländer mit einem Stöckchen den Platz, an dem die deutschen Emissäre Aufstellung zu nehmen hatten. Friedeburg und seine Begleiter ließen sich brav herumkommandieren.

Auf Friedeburgs Kapitulationsangebot reagierte Montgomery mit der Forderung nach bedingungsloser Aufgabe auch in den Niederlanden, in Dänemark, Schleswig-Holstein und auf Helgoland.

Es war kein großes Opfer mehr für die Deutschen - sie waren schon froh, daß Montgomery nicht auf der Gesamtkapitulation an allen Fronten bestand. Zwar lehnte der Brite die Übernahme geschlossener Verbände ab, die gegen die Rote Armee kämpften. Er zeigte sich jedoch bereit, einzelne Soldaten, die sich ergeben wollten, gefangenzunehmen.

"Ja oder nein?" fragte der Engländer einen Tag später ultimativ. "Ja", erwiderte Friedeburg und unterschrieb die Kapitulationsurkunde. Am 5. Mai um 8.00 Uhr trat der Waffenstillstand in Kraft.

Der erste kleine Frieden auf deutschem Boden war gemacht. Dönitz, der Mann, den Hitler ausgesucht hatte, "den Krieg mit allen Mitteln weiter fortzusetzen", stand nun vor der historischen Aufgabe, das "tausendjährige Reich" zu liquidieren.

Doch so einsichtsvoll und zügig der Führer-Verehrer Dönitz die Abwicklung der Hitlerschen Kriegshinterlassenschaft betrieb, so wenig dachte er an einen Neuanfang. Am Wendepunkt der deutschen Geschichte, als nach zwölf Jahren das Land unter Schutt und Asche begraben war, versuchten Dönitz und sein Konkurs-Kabinett, möglichst viel vom Geist der NS-Zeit über die Stunde Null hinwegzuretten.

Als die Alliierten längst ihre Siegesfeiern begingen, beharrten Dönitz sowie die Militärs und Politiker in seiner Umgebung trotzig in ihrer Treue zum Führer und schwadronierten von der Zukunft der deutschen "Volksgemeinschaft".

Der vom Nationalsozialismus begeisterte Dönitz, der als U-Boot-Flottenchef für den "Endsieg" skrupellos Tausende von Marinesoldaten in den sicheren Tod geschickt hatte, war über das Ende hinaus überzeugt: Er hätte, wären ihm nur genügend U-Boote gegeben worden, den Krieg gewonnen.

Mit der Geschichte, die er nun zu einem Ende bringen mußte, hatte der Hitler-Paladin darum noch eine Rechnung offen: Wenn schon nicht das Reich - wenigstens die Ehre und die Tradition der Kriegsmarine sollten das Fiasko unbeschadet überstehen.

"Wir stehen ohne Flecken an unserer Ehre als Soldaten da und können mit Recht voller Stolz und Würde auftreten", scheute er sich nicht auch nach der Kapitulation zu verkünden. Sein Ziel war, so der britische Dönitz-Biograph Peter Padfield, "die Wehrmacht in den Augen der Besatzungsmächte als getrennt von der Partei darzustellen".

Dönitz, der sich niemals "Führer" nennen lassen wollte, war - wie schon zu seinen Zeiten als Marinechef - auch als neues Staatsoberhaupt ein Vollstrecker gnadenloser Militärjustiz. Stur exekutierte er die zum Selbstzweck pervertierte Militärmoral.

Kapitänleutnant Asmus Jepsen, Kommandant des Dönitz-Befehlszugs "Auerhahn", bezahlte die Moral seines Chefs mit dem Leben. Jepsen hatte den Zug auf der Strecke zwischen Eckernförde und Flensburg eigenmächtig verlassen und sich für unterwegs ein paar Lebensmittel mitgenommen.

Der Offizier hatte gehört, daß die Deutschen zu Montgomery unterwegs waren, und hielt den Krieg für beendet.

Am 5. Mai, wenige Stunden nach Inkrafttreten der Teilkapitulation, bestätigte Dönitz das Todesurteil gegen den gleich nach der Flucht verhafteten Jepsen. Am 6. Mai wurde der Mann auf dem Marineschießplatz in Flensburg-Mürwik, dem Sitz der Regierung Dönitz, hingerichtet.

Frieden hin, Frieden her: Warum hätte er ausgerechnet gegen Jepsen Milde walten lassen sollen? "Ich konnte", erklärte der Großadmiral später, "nicht zwei Moralen haben."

Noch am selben Tag, dem 5. Mai, sind alle Träume der Militärs von einer ehrenvollen Einigung mit den westlichen Siegern endgültig vorbei. General Dwight D. Eisenhower, Oberster Befehlshaber der Westalliierten, läßt sich auf weitere Teilkapitulationen nicht ein.

Unmißverständlich erklärt Eisenhower dem NS-Reichsverweser, daß die Alliierten nur noch die sofortige, gleichzeitige und bedingungslose Kapitulation sämtlicher deutschen Streitkräfte akzeptieren würden. So hatten es die "Großen Drei", Franklin D. Roosevelt, Winston Churchill und Josef Stalin, vereinbart, und die Amerikaner wollten vermeiden, die sowjetischen Verbündeten durch Separatverhandlungen zu brüskieren.

Falls die Deutschen nicht sofort unterschrieben, droht Eisenhower, würden die Bombardements weitergehen, und die Westfront würde für Soldaten, die sich ergeben wollten, dichtgemacht werden.

Nach vergeblichen Versuchen, mit den Amerikanern zu verhandeln, funkt der deutsche Unterhändler, Generaloberst Alfred Jodl, aus dem US-Hauptquartier im französischen Reims an die Reichsregierung:
" Ich sehe keinen anderen Ausweg als Chaos oder "
" Unterzeichnung. Erbitte sofortige drahtlose Bestätigung, "
" ob ich die Vollmacht habe, die Kapitulation zu "
" unterzeichnen. "

Dönitz betrachtet Eisenhowers Ultimatum als "absolute Erpressung", sieht aber keine Alternative. Immerhin konnte Jodl, Chef des Wehrmachtführungsstabs, den Amerikanern eine Frist von 48 Stunden abringen, um die Befehle zur Waffenruhe weiterzuleiten. Am 9. Mai um 0.00 Uhr sollte die Kapitulation in Kraft treten.

Am 7. Mai, kurz nach Mitternacht, gibt Dönitz per Funkspruch die erbetene Vollmacht. Das Sitzungsprotokoll der Reichsregierung verzeichnet nach über fünf Jahren Weltkrieg am Ende nur einen Satz: "Es ging nicht anders."

Um zwei Uhr morgens ist Eisenhowers Lageraum in gleißendes Scheinwerferlicht getaucht. Reporter und Fotografen _(* OKW-Chef Keitel (M.). ) drängen sich. Zunächst erscheinen die Amerikaner, anschließend die Russen, zuletzt die Franzosen. Alle warten an der langen Seite eines Tisches mit zwölf Stühlen. Ihnen gegenüber zwei noch leere Stühle für die Verlierer.

Der amerikanische Rundfunkreporter Charles Collingwood empfindet die Atmosphäre als "gespannt, gespannt, gespannt". Und: "Dann kommen die Deutschen herein. Jodls Gesicht ist wie eine Totenmaske, verzerrt, unnatürlich aussehend." Collingwood beobachtet: "Admiral Friedeburg ist gelöster, aber auch er wirkt nicht gerade heiter. Jodls Adjutant springt um ihn herum wie ein Oberkellner in einem Restaurant."

Als erster unterzeichnet Jodl, nach ihm der amerikanische Verhandlungsführer, General Bedell Smith. Es folgen der russische General Iwan Susloparow und der französische General Francois Sevez.

Kläglich appelliert Jodl an den "Großmut des Siegers", dem "das deutsche Volk und die deutsche Wehrmacht" nun auf "Gedeih und Verderb" ausgeliefert seien. Und dann, ganz Unschuldslamm: "In diesem Kriege, der über fünf Jahre dauerte, haben beide mehr geleistet und mehr gelitten als vielleicht irgendein anderes Volk der Welt."

Erst jetzt empfängt Eisenhower die deutschen Emissäre. Ob sie die Kapitulationsbedingungen zur Kenntnis genommen hätten und willens seien, sie einzuhalten, fragt er knapp. Die beiden Offiziere bejahen und ziehen ab.

Die Russen bestehen darauf, die Zeremonie im Hauptquartier der Roten Armee zu wiederholen. Rund 48 Stunden später, am 9. Mai, treten OKW-Chef Wilhelm Keitel und die Spitzen der Wehrmachtsteile in Berlin-Karlshorst an. Als festgestellt wird, daß die französische Flagge fehlt, flicken russische Mädchen aus einer Hakenkreuzfahne, einem Bettlaken und blauen Arbeitshosen eine Trikolore zusammen.

Keitel erscheint, den Marschallstab hochgereckt und, so ein amerikanischer Zeuge, "mit dem starren Ausdruck eiskalten Zornes im Gesicht". Marschall Grigorij Schukow fragt ihn: "Haben Sie das Protokoll der Kapitulation zur Kenntnis genommen?" Keitel: "Jawohl." Dann klemmt sich der OKW-Chef das Monokel vor das linke Auge und unterschreibt die Urkunde.

Seit dem 8. Mai 1945, 23.01 Uhr, herrscht Waffenruhe. Der Zweite Weltkrieg ist - jedenfalls in Europa - zu Ende.

Während Dönitz an Rücktritt dachte, drängte sein Außenminister, Johann Graf Schwerin von Krosigk, den Hitler-Erben, im Amt zu bleiben: Um "Hunger und Chaos" zu vermeiden, bedürfe es einer zentralen Autorität. Dönitz sei ein "Garant der Ordnung" und eine "Hoffnung für die Zukunft".

Außerdem könne ein "starkes Restdeutschland" möglicherweise im Interesse der Alliierten liegen, schwelgte Schwerin-Krosigk weiter in alten Machtträumen. Er erinnerte Dönitz an den Führer-Eid, der ihn als "legales Staatsoberhaupt" bis zur Ernennung eines Nachfolgers binde.

Die Männer der Stunde Null wollten auch jetzt nicht akzeptieren, daß in Deutschland ein neues Zeitalter begonnen hatte. Den Nationalsozialismus reformieren, aber beileibe kein demokratischer Neuanfang, so malte sich Schwerin-Krosigk die innenpolitische Zukunft dieses "Restdeutschlands" aus.

In seiner Kapitulationsansprache am 7. Mai betonte er zwar "Einigkeit und Recht und Freiheit" als das "Unterpfand echten deutschen Wesens". Doch im Klartext war das nichts als brauner O-Ton. "Aus dem Zusammenbruch der Vergangenheit", so Schwerin-Krosigk, müßten die Deutschen "den Gedanken der Volksgemeinschaft" bewahren, der in "der Frontkameradschaft" gewachsen sei. Auf keinen Fall dürfe das Volk "wieder in streitende Klassen und Gruppen auseinanderfallen".

Dönitz folgte dem Rat seines Außenministers und gab einen Tag später über Rundfunk bekannt, daß die Regierung vorläufig im Amt bleibe - er empfand ähnlich. Zwar stellte er fest, daß Hitlers NSDAP vom "Schauplatz ihrer Wirksamkeit abgetreten" sei und daß die "Grundlagen" des Deutschen Reichs "zerborsten" seien.

Doch "das Wichtigste" wollte er nicht missen: "Wir haben die eifrigsten Wächter zu sein über das Schönste und Beste, was uns der Nationalsozialismus gegeben hat, die Geschlossenheit unserer Volksgemeinschaft." Nie wieder solle "Platz greifen", was den Nazis schon immer verhaßt gewesen war: "der Wahnsinn der Parteien wie vor 1933".

Und so hielt die Kabinettsrunde am 9. Mai einmütig fest: "Grundlage für die weitere Existenz des deutschen Volkes ist die Volksgemeinschaft, die der Nationalsozialismus geschaffen hat."

Viel zu tun hatten die Epigonen des Dritten Reichs nicht mehr. Zur letzten _(* Speer, Dönitz, Jodl. ) Regierungsmannschaft des Reichs gehörten neben Dönitz und Schwerin-Krosigk als "Leitendem Minister" der Ernährungsminister Herbert Backe, der Verkehrs- und Postminister Julius Dorpmüller, der frühere Stahlhelm-Führer Franz Seldte (Minister für Arbeit und Soziales) und Hitlers Star-Architekt Albert Speer (Wirtschaftsminister). Mit dabei als Innenminister auch Wilhelm Stuckart, 1942 Teilnehmer an der Wannseekonferenz zur "Endlösung der Judenfrage".

Denkschriften wurden verfaßt, Orden verliehen - am 10. Mai erhielt Jodl das Eichenlaub - und Hitler-Bilder aus Gebäuden entfernt, die Vertreter der Besatzungsmächte betraten.

Hitlers früherer Rüstungsminister Speer spottete über die "Tragikomödie" einer Regierung, die "nicht nur ohnmächtig" gewesen, sondern auch "gar nicht beachtet worden" sei. "Jeden Morgen um zehn Uhr", schilderte er die mit Korn aufgelockerten Ministertreffen in seinen Memoiren, "fand im sogenannten Kabinettssitzungssaal, einem früheren Schulzimmer, eine Kabinettssitzung statt, und es hatte den Anschein, als ob Schwerin-Krosigk alle nicht stattgefundenen Kabinettssitzungen der vergangenen Jahre nachholen wollte."

"Vordringliche Fragen" betrafen dabei zumeist die militärische Ehre der Wehrmacht. Viel Gezeter hob an, als die Alliierten von den Deutschen verlangten, das Hoheitszeichen mit dem Hakenkreuz abzulegen, das Symbol des besiegten Nationalsozialismus.

Ein Verstoß gegen das Völkerrecht sei das, klagte Dönitz, und Jodl drohte _(* Nach seinem Selbstmord am 23. Mai ) _(1945; an der Wand ein Dönitz-Porträt. ) gar mit "Rebellion". Die würde "mit allen Machtmitteln niedergeschlagen werden", entgegnete ihm kühl der amerikanische Generalmajor Lowell Rooks, Leiter der alliierten Überwachungskommission in Flensburg. Denn die "Politik der Alliierten" sei es schließlich, "alles Nationalsozialistische auszurotten".

Noch ein Problem der Regierung Dönitz: "Zur Zeit besitzt das Reich rechtlich keine Flagge." Eine "Zwischenlösung bis zur endgültigen Regelung" sei "dringend erforderlich". Deshalb sollten zunächst einmal die Minenräumboote einen schwarzweißen Dreieckswimpel aufziehen. Im Hauptquartier in Mürwik ließ Dönitz trotzig die Reichskriegsflagge weiter wehen.

Obendrein verwirrte die Deutschen das militärische Grußzeremoniell. Um sie zu demütigen, war es Wehrmachtsangehörigen untersagt, englischen und amerikanischen Offizieren - "außer bei dienstlichen Meldungen und bei Entgegennahme von Befehlen" - Ehrenbezeigungen zu erweisen. Die Russen hingegen mußten gegrüßt werden.

Und auch der deutsche Rechtssinn war wieder erwacht. Keineswegs, mäkelte das Oberkommando der Marine in einem Gutachten spitzfindig, dürften an die bedingungslose Kapitulation, die ein "rein militärischer Akt" sei, "irgendwelche Bedingungen" der Alliierten "geknüpft werden", denn von der "Vernichtung des deutschen Staates" könne nicht die Rede sein.

Naßforsch wurden die Westmächte davor gewarnt, daß die Deutschen im Begriff seien, sich "dem Osten zuzuwenden", weil sie sich von den Angloamerikanern "schlecht behandelt" fühlten. "Wenn die Westmächte wünschen sollten", belehrte Helmut Stellrecht, Ministerialrat a. D. in Dönitz'' Kabinett die Repräsentanten der Demokratie, "daß das deutsche Volk ideell und praktisch an ihre Seite tritt, dann müssen sie eine andere Politik betreiben, indem sie dem deutschen Volk die eigene Anschauung lassen, um die es aus seinem Wesen ringt, und auch die daraus resultierenden Einrichtungen."

Auch Dönitz blieb so arrogant wie je. Obgleich er wußte, daß die Tage seines Interregnums gezählt waren, pries er den Nationalsozialismus noch einmal als leuchtende Idee gegen die bolschewistische Bedrohung an.

Weil Amerikaner und Engländer von einer "falschen Einstellung dem deutschen Volk gegenüber" ausgingen, wies er bei einer Unterredung am 20. Mai Rooks zurecht, habe das russische Virus bereits "sämtliche nationalen Kreise" erfaßt. Schuld daran seien die Westmächte, die "den Nationalsozialismus mit Stumpf und Stil ausrotten" wollten.

Zeitungsberichte über Greueltaten in Konzentrationslagern, an denen die Deutschen "vollkommen unschuldig" seien, so Dönitz, weil sie davon "noch nicht einmal geahnt" hätten, seien propagandistisch übertrieben.

Was Dönitz ("Kränkung der nationalen Würde") besonders betrübte: "KZ-Häftlinge, die zum größten Teil aus Verbrechern und Deserteuren bestehen, müssen zwangsweise von den guten Menschen eingekleidet werden, die bei der allgemeinen Not selbst nichts haben, und diese asozialen Elemente regieren nun die Straße."

Dönitz'' Anordnung, "Vorfälle in Konzentrationslagern" durch das Reichsgericht untersuchen zu lassen, unterband die alliierte Überwachungskommission.

Anfangs hatten die Besatzungsmächte die letzten Statthalter der NS-Diktatur in ihrer Flensburger Enklave gewähren lassen, soweit die ihren Befehlen nachkamen. Vor allem die Engländer waren bei der Kapitulationsabwicklung an einem zentralen Ansprechpartner und Verwaltungshilfe interessiert.

"Wir werden nie in der Lage sein, Deutschland ohne Deutsche zu regieren", hatte Churchill seinem Außenminister Anthony Eden erklärt. "Wollen Sie einen Stock haben, mit dem Sie dieses besiegte Volk lenken können, oder wollen Sie Ihre Hände einfach in einen aufgeschreckten Ameisenhaufen stecken?"

Der Stock hatte allerdings bald ausgedient. Ab Mitte Mai sahen die Alliierten im Mürwik-Quartier des Hitler-Nachfolgers Dönitz nur noch einen "besonderen Kriegsgefangenenkäfig". Es nahte, auf Druck der Russen und Amerikaner, das Ende.

Am 22. Mai erreicht Dönitz und seine Leute die telefonische Aufforderung, sich am kommenden Tag bei Generalmajor Rooks auf dem Schiff "Patria", wo die Überwachungskommission residierte, um 9.45 Uhr einzufinden, "pünktlich". Der Großadmiral zeigt sich nicht überrascht, als ihm sein Adjutant Walter Lüdde-Neurath die Nachricht überbringt. "Koffer packen", weist er Lüdde-Neurath an.

Am nächsten Morgen werden die Mitglieder der Regierung Dönitz an Bord der "Patria" festgenommen. Keitel, Backe und Dorpmüller sind bereits in Haft. Alle übrigen müssen sich einer Leibesvisitation unterziehen: für die Herrenmenschen und Diener eines Regimes, das sich mit millionenfachem Völkermord unvergeßlich gemacht hatte, eine entwürdigende Schmach.

In seinem Roman "Der Fragebogen", einer polemischen Attacke auf die Entnazifizierung, erregte sich der Nationalrevolutionär Ernst von Salomon später über die Prozedur, "wie des Reiches Ministern und Staatssekretären, Generälen und Admirälen die Hosen heruntergerissen, die Gemächte visitiert, die Gesäße blank den Kameras dargeboten" worden seien, obwohl doch "eben noch von Gewalt zu Gewalt, von Macht zu Macht verhandelt worden war".

Als Schwerin-Krosigk protestiert, hält ihn ein deutscher Offizier zurück: "Keep smiling." Kapitulationsunterhändler Friedeburg bittet, die Toilette aufsuchen zu dürfen. Kurz darauf findet ihn ein britischer Soldat tot am Boden: Selbstmord durch Gift.

Eine amerikanische DC-4 bringt die Gefangenen nach Luxemburg. Als sie auf dem Flugplatz durch ein Spalier von US-Soldaten mit schußbereiten Maschinenpistolen laufen müssen, fühlt sich Speer an das Ende eines Gangsterfilms erinnert. Die Reise endet im Palast-Hotel in Mondorf, von den Amerikanern "Lager Abfalleimer" genannt.

Dort treffen Dönitz und seine Gefolgschaft auf die restliche NS-Prominenz. Der von Hitler verstoßene Göring, dreist wie eh und je, plustert sich auf und versucht dem Großadmiral sogleich die Führerschaft streitig zu machen.

Speer mutet es "gespenstisch" an, "alle, die sich am Schluß verstreut hatten wie Spreu im Winde, hier wieder versammelt zu sehen".

Erst spät in der Nacht findet Dönitz an diesem Tag Schlaf. Da hat der amerikanische Journalist Drew Middleton die Schlagzeile für die Morgenausgabe der New York Times bereits gefunden: "Heute starb das Deutsche Reich".

Dönitz hat das nie richtig begriffen. Im Spandauer Gefängnis, wo er seine zehn Jahre Haft als Kriegsverbrecher absitzen mußte, beharrte er darauf: "Ich bin und bleibe legales Staatsoberhaupt - bis zu meinem Tode."

Der Mann der letzten Stunde starb am 24. Dezember 1980 in Aumühle bei Hamburg.
*VITA-KASTEN-1 *ÜBERSCHRIFT:

Fest im Griff *

der alliierten Truppen war Deutschland schon in den letzten Apriltagen 1945. Nach der Einkesselung des Ruhrgebiets stießen die Amerikaner über den Harz rasch bis an die Elbe vor, wo sie am 25. April bei Torgau mit Soldaten der 1. Ukrainischen Front unter Marschall Iwan Konjew zusammentrafen. Damit waren die deutschen Verteidigungslinien zerschnitten. In Süddeutschland drängten zwei amerikanische Armeen, flankiert von französischen Einheiten, die Deutschen bis zum 26. April hinter die Donau zurück. Und im Norden standen zur gleichen Zeit die britischen Truppen des Feldmarschalls Bernard Montgomery am westlichen Elbufer vor Hamburg. Als sich am 30. April Adolf Hitler im Führerbunker in Berlin das Leben nahm, waren die deutschen Truppen auf einen kleinen Zipfel im äußersten Norden des Reichs zurückgeworfen. Dort hatte auch die letzte Reichsregierung unter Hitler-Nachfolger Karl Dönitz ihren Sitz.

[Grafiktext]

Die militärische Okkupation Deutschlands 1945

[GrafiktextEnde]

* Bei einem Empfang im Sommer 1942. * OKW-Chef Keitel (M.). * Speer, Dönitz, Jodl. * Nach seinem Selbstmord am 23. Mai 1945; an der Wand ein Dönitz-Porträt.

DER SPIEGEL 19/1995
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