15.05.1995

ÄrzteGedeih oder Verderb

Zittern und Zagen bei den ostdeutschen Kassenärzten: Droht ihnen durch Honorar-Rückforderungen neuerlich die Armut?
Solange Erich Honecker regierte, kannte der ostdeutsche Medikus weder Geldnot noch Goldrausch. Der Staat honorierte sein Tun mit 1200 bis 1500 Mark im Monat, das war rund doppelt soviel, wie ein Arbeiter verdiente. Die Doktoren waren zufrieden.
Seit ein Bayer, der Bonner Gesundheitsminister Horst Seehofer, den Medizinern die Beutel füllt, verdienen die praktizierenden Kassenärzte im Durchschnitt 15 000 Mark im Monat, richtiges Westgeld, keine Ost-"Aluchips" mehr. Nun sind sie sehr unzufrieden.
Wenn nicht bald etwas passiere, mahnt der Naumburger praktische Arzt Hans-Joachim Klingebiel, dann seien "die möglichen Folgen unabsehbar". Er denkt an das "Aus für fast alle Praxen" und damit an das "Ende qualifizierter ärztlicher Grundversorgung".
Der Ost-Berliner Arzt Christian Höver sieht noch viel Schlimmeres auf Deutschland zukommen, nämlich "neue Terrorismuswellen", Ärzte im Kampf gegen das "Unrecht der Gegenwart".
"Alarm" schlägt deshalb Hans-Jürgen Thomas, der Vorsitzende des Hartmannbundes. Diese ärztliche Trutzgemeinschaft hatte der Leipziger Sanitätsrat Hermann Hartmann "zur Wahrung ihrer wirtschaftlichen Interessen" 1900 gegründet. Dem Hartmann-Motto - "Geld! Geld!" - ist der Verein stets treu geblieben. Sein Nachfolger nennt als Stichwörter des neuen Elends in Ostdeutschland: " . . . herbe Einkommensverluste . . . düstere Zukunft . . . Existenznot".
Das Dilemma haben die Doktoren selbst verschuldet. Seit eine große Koalition aller Bonner Parteien im Dezember 1992 das Gesundheitsstrukturgesetz verabschiedet hat, ist auf dem großen Topf der Gesundheitsausgaben ein Deckel.
Seither darf, anders als in den goldenen Zeiten davor, für die Heilkunst nur noch so viel Geld ausgegeben werden, wie vorhanden ist - im letzten Jahr waren das 237 Milliarden Mark. Damit sich die Kassenärzte, deren Rezepte und Verordnungen das Karussell der Kostensteigerung in Schwung halten, der neuen Haushaltsdisziplin fügen, haben die Bonner eine kollektive Haftung eingeführt.
Überschreitet die in den 23 regionalen Kassenärztlichen Vereinigungen (KV) versammelte Kassenärzteschaft das gedeckelte "Arznei- und Heilmittelbudget", so wird sie in Regreß genommen. Jeder Kassenarzt, ob sparsam oder verschwenderisch, muß den Krankenkassen pauschal Wiedergutmachung leisten - mitgefangen, mitgehangen.
Bisher ist das von den Ärzten als "Raubritter-" und "Faustrecht" geschmähte Modell noch nirgendwo exekutiert worden. Allein die Androhung der Rückzahlungspflicht wirkte als Abschreckung: Mühelos senkten die Kassenärzte ihre Ausgaben, verordneten seltener wirkungslose Pillen, obskure Venenmittel und modische Kombinationspräparate. In den letzten zwei Jahren haben die Kassenärzte auf diese Weise rund drei Milliarden Mark gespart.
Die Fähigkeiten, sinnlose Ausgaben zu vermeiden, weisen jedoch erstaunliche regionale Unterschiede auf. Die neueste Trendberechnung der Kassenärztlichen Bundesvereinigung in Köln zu den Überschreitungen des Arznei- und Heilmittelbudgets für die Jahre 1994 und 1995 zeigt die Ärzte der neuen Bundesländer weit vorneweg (siehe Grafik Seite 213).
Spitzenreiter sind die 3115 Kassenärzte in Sachsen-Anhalt. Deren Chef, der 63jährige KV-Vorsitzende Klaus Penndorf, hat sich die Mühe gemacht, herauszufinden, wie es dazu kommen konnte. Penndorf ist ein erfahrener Praktiker: Während die allermeisten Kollegen zu DDR-Zeiten in staatlichen Polikliniken tätig waren, arbeitete Penndorf unverdrossen seit 1966 in eigener Praxis - was die SED sehr ungern sah, aber tolerierte.
Als es mit der DDR zu Ende ging, gab es in der ganzen Republik nur noch 300 selbständige Ärzte. Jetzt sind es in den östlichen Bundesländern wieder rund 18 000, die sich teils freudig, teils notgedrungen in das Abenteuer der Selbständigkeit stürzten.
Viele haben beträchtliche Schulden wegen der Einrichtung ihrer eigenen Praxis; anderen fällt es schwer, die 7200 verschiedenen Positionen der Ärztlichen Gebührenordnung so kunstvoll miteinander zu verknüpfen, daß die Kassenscheine am Quartalsende, wie es im West-Jargon heißt, "optimal ausgelastet" sind. Allen gemeinsam ist, daß sie dem Rat westlicher Einflüsterer rasch erliegen, auf Gedeih oder Verderb.
Bis zum Herbst 1994 wurde das gedeckelte Arznei- und Heilmittelbudget in Sachsen-Anhalt, wie anderswo auch, brav eingehalten, zum Teil sogar unterschritten.
Nur mit Grausen erinnert sich Penndorf jedoch an das letzte Quartal 1994: Da wurde von seinen Kollegen plötzlich ein "massiver Ausgabenschub produziert, der den Budgetrücklauf bewirkte". Irgendeine medizinische Ursache, etwa eine Grippewelle, gab es dafür nicht. Der KV-Vorsitzende glaubt auch nicht daran, daß ausgerechnet am Ende des "dritten Jahres des neuen Verordnungssystems" plötzlich irgendein "Nachholbedarf" akut geworden sei.
Die wahren Ursachen formulierte Penndorf in zwei Kernsätzen: *___"Die Suggestibilität vieler Ärzte für ____unwissenschaftliche Verkaufsargumente von ____Arzneimittelanbietern könnte noch zu groß sein." *___"Pharmareferenten haben im Herbst 1994 auf der ____Grundlage firmeninterner Umsatzstatistiken ,Luft'' im ____Budget konstatiert und haben flächendeckend in den ____Praxen erfolgreich für ein Ende der ____Verschreibungszurückhaltung geworben."
Umgarnt von den mit Geschenken aller Art aufwartenden Arzneimittelvertretern, vergaßen offenbar viele Doktoren, daß ihre Verschreibungen sich an den vier Geboten der gesetzlichen Krankenkassen - "wirtschaftlich, notwendig, zweckmäßig, ausreichend" - zu orientieren haben. Manche rezeptierten "in einem einzigen Quartal zum Beispiel ACE-Hemmer von bis zu 30 verschiedenen Firmen", empört sich Penndorf über leichtsinnige Kollegen*.
Die Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände (ABDA) hat die großzügige Verschreibungsweise der Kassenärzte nach Kräften angeheizt. Zwei Jahre lang publizierte ABDA sogenannte "Budget-Barometer", die den gutgläubigen Ärzten permanenten Sonnenschein suggerierten: Eine Überschreitung des Verordnungsbudgets sei nicht zu erwarten, mithin auch keine Rückzahlung.
Dieser Regreß wird rückwirkend ermittelt. Weder der gewissenhafte noch der verschwenderische Doktor weiß _(* ACE-Hemmer: Medikamente gegen ) _(Bluthochdruck. ) vorab, wieviel Prozent des Budgets durch sein nimmermüdes Rezeptschreiben bereits ausgegeben sind. Weil die Kalkulationsgrundlage fehlt, tappen die Kassenärzte im dunkeln. Ihre Sehnsucht nach einem Guru und der Erleuchtung ist groß. ABDA war das Irrlicht, das die immer noch autoritätsgläubigen Ost-Ärzte in den Sumpf führte.
Den Apothekern wollen die Kassenärzte nun nicht mehr über den Weg trauen. Das ABDA-"Budget-Barometer" hat seine Vorhersagen eingestellt, eine stille "Beerdigung ohne Begleitmusik und Sargträger", wie die Ärztliche Praxis notierte. Penndorf und die anderen Standesfürsten touren nun durch ihre Sprengel, um den verschreckten Kassenärzten die letztmögliche Medizin zu reichen: Vernunft beim Rezeptieren, um das Defizit bis Weihnachten wieder einzusparen. Penndorf hoffnungsvoll: "Wir können noch viel wiedergutmachen."
Gesundheitsminister Seehofer will, so laut die Ärzte ihren Ruin auch beschreien, hart bleiben. Der Deckel soll fest auf dem Topf bleiben, Rückforderungen werden kompromißlos durchgesetzt. Im härter werdenden Verteilungskampf um die Gesundheits-Milliarden versuchen die Kassenärzte jetzt, den Apothekern in die Tasche zu fassen.
Die KV von Gesamt-Berlin forderte letzte Woche die "Reduzierung der Apothekenhandelsspanne auf ein angemessenes Maß". So, wie es ist, dürfe es nicht bleiben: "Die Apotheke eines Normal-Internisten setzt mit dessen Patienten mehr um als dieser selbst."
Solange es ein gedeckeltes Budget gebe, heißt es weiter, "zahlen die Ärzte die überzogenen Apothekerpreise". Vorschlag der Berliner Kassenärzte: "Standardmedikamente" solle der Doktor künftig aus der eigenen Praxisapotheke verkaufen dürfen.
Damit die Ärzte das Geschäft mit der Krankheit und den Umgang mit den erzielten Erlösen besser beherrschen lernen, hat das Deutsche Ärzteblatt seinen 317 000 Zwangsabonnenten Ende April ein separates Geldanlage Magazin zugestellt. Selbst in der gebeutelten Diaspora Sachsen-Anhalt ist bisher, sagt Penndorf, "noch kein einziger Kassenarzt Konkurs gegangen". Y
Mühelos sparten die Ärzte bei den wirkungslosen Pillen
[Grafiktext]
Überdosis im Osten: Überschreitung d. Arznei- u. Heilmittelbudgets;
Regreßforderungen in Mark
[GrafiktextEnde]
* ACE-Hemmer: Medikamente gegen Bluthochdruck.

DER SPIEGEL 20/1995
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