22.05.1995

ProminenzMund zu Schnabel

Die Mäuse warfen sich in die Fallen, die Kakerlaken bissen ins ausgelegte Gift, die Spinnen erhängten sich vor Kummer am eigenen Faden - so muß es gewesen sein, als Luggel todgeweiht daniederlag. "Ob Sie's glaubet oder net", versichert Erwin Fink, "aber das Tierreich im Haus war wie g'storbe."
Bunt wie die Phantasie ist der Sessel im Hause Fink, in dem sich Luggel derzeit von der schweren Operation erholt, die ihr das Leben gerettet hat - ein Glück für Deutschland, denn mit Luggel, 6, wäre beinahe das berühmteste Huhn der Republik dahingegangen.
Mehr als 50mal, in Europa wie in Übersee, war Luggel schon in Funk und Fernsehen; auch die Presse, inklusive so maßgebender Blätter wie der International Herald Tribune, pries die "Wunderhenne aus Germany". Offenbar beeindruckt von Luggels medialer Globalpräsenz, sandte Kanzler Kohl 1993 eine Grußbotschaft und wünschte "noch viele schöne Eier" - rückblickend etwas deplaziert, da Luggel nach ihrer Operation steril ist.
Luggels Aufstieg zu Weltruhm begann, als sie im Juli 1992 beschloß, ihren Heimathof im schwäbischen Urspring zu verlassen und eine Lokalinspektion vorzunehmen. Den 705-Seelen-Ort an der Bundesstraße 10 zwischen Geislingen und Ulm großräumig umtippelnd, strebte das Huhn dem Lonetopf zu, in den es - c'est la Vieh - prompt hineinfiel.
Gewiß wäre Luggel in dem Quellsee ertrunken. Doch eine jener rätselhaften Fügungen, wie sie nur das Schicksal kennt, ließ die Rektorin der örtlichen Schule des Dramas gewahr werden - worauf die geistesgegenwärtig den Lebensmittelhändler Fink alarmierte; von dem nämlich war ihr bekannt, daß er geprüfter Rettungsschwimmer ist.
Nach erfolgreicher Bergung leitete Fink, 59, die Reanimation ein. Mund-zu-Schnabel-Beatmung kombiniert mit Herzmassage brachte die weiße Legehenne ins Dasein zurück - ungewöhnlich genug, aber die wiederbelebte Luggel setzte noch eins drauf und erwarb sich damit jene Prominenz, die sie heute auf den Rest der Hühnerwelt hinabblicken läßt: Vom Tag ihrer Rettung an erschien sie regelmäßig vor dem Laden des Erwin Fink und legte ihm, sozusagen als greifbaren Erweis ihrer Dankbarkeit, ein Ei in den Papierkorb neben der Eingangstür.
Nach seiner Hilfetat hatte Fink dem Huhn bei sich zu Hause Logis gewährt, ihm bereits den heute so berühmten Namen gegeben, als sich herausstellte, daß es dem in der Nähe ackernden Bauern Abraham Rösch gehörte. Doch auch nach seiner Rückverbringung auf den Rösch-Hof fand Luggel immer wieder Wege über oder durch den vier Meter hohen Gehegezaun, der es von Fink und dessen Papierkorb trennte.
Mehr als 300 Eier hat die Henne dort hineingelegt - bis sie im letzten September, statt mit den Füßen voran, voll mit dem Hintern in dem Behältnis aufsetzte: Das fertige Ei barst im Legekanal, woraufhin der Tierarzt notoperieren mußte.
Wohl als Spätfolge der Bruchlandung kam es nun zu einer "schweren Eierstockentzündung mit käsiger Aufschwemmung", so die Diagnose des Instituts für Geflügelkrankheiten an der Münchner Universität, wo Fink die schon moribunde Luggel einlieferte.
Daß sie die komplizierte Operation an ihrem Ovar überlebte, verdankt Luggel ihrer außergewöhnlichen Kreislaufstabilität sowie der Chirurgenkunst von Dr. Fritz Grimm, der aber aufgrund der Prominenz seiner Patientin über Art und Verlauf des Eingriffs Stillschweigen bewahrt: "Keine Auskunft, auf Wiederhör'n."
Nach der Operation, soviel war immerhin in Erfahrung zu bringen, teilte Luggel das Krankenzimmer mit einer Taube, einer Eule und einem Uhu, bis sie schließlich - um ein Pfund auf anderthalb Kilo abgemagert - zur Rekonvaleszenz nach Urspring entlassen wurde. "Sie pickt schon wieder am Käs' und am Ripple", frohlockt Fink. "Und schön zunehmen tut sie auch."

DER SPIEGEL 21/1995
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