22.05.1995

Mauer in den Köpfen

Das Geschenk für Mickey Kantor hatte der japanische Abgesandte mit Bedacht gewählt. Nach frustrierenden Verhandlungen überreichte der Mann aus Tokio dem US-Handelsbeauftragten kürzlich einen Baseballschläger.
Kantor bedankte sich in der vergangenen Woche auf seine Art: Er erklärte den Japanern den Handelskrieg. Bis zum 28. Juni gaben die USA der Regierung in Tokio Zeit, ein Angebot zur Öffnung des japanischen Automarktes zu unterbreiten. Stelle sich die Nippon Company stur, so Kantors Ultimatum, werde Amerika alle eingeführten japanischen Luxusautos mit einem Strafzoll von 100 Prozent belegen.
Edel-Limousinen wie der Lexus von Toyota, Acura von Honda oder Infinity von Nissan, die im vergangenen Jahr in den USA rund 200 000fach verkauft wurden, wären über Nacht doppelt so teuer wie bisher. Diese Autos hätten in Amerika keine Chance mehr.
Kantor und sein Dienstherr im Weißen Haus wollen es nicht mehr hinnehmen, daß ihr Handelsdefizit mit der fernöstlichen Industrienation jedes Jahr größer wird. Rund 60 Prozent des bilateralen Defizits verursachen die Japaner mit ihren Autos und Ersatzteilen, schimpft Kantor.
Der Grund für das Mißverhältnis ist in den Augen von Präsident Bill Clinton klar: Japan schottet seinen Markt mit unfairen Regulierungen ab. Die Verflechtungen zwischen Japans Autoherstellern und den Händlern lassen US-Firmen keine Chance.
Zwar sind die Japaner dem erbosten Verbündeten bei Nebensächlichkeiten entgegengekommen. So müssen amerikanische Autos in Japan künftig nicht mehr automatisch zum "TÜV", nur weil ein neuer Gepäckträger aufs Dach montiert oder die Anhängerkupplung für den Wohnwagen ausgewechselt wird.
Auf Granit beißt Kantor bei Japans Handels- und Industrieminister Ryutaro Hashimoto aber mit der Forderung, Japans Autohersteller erneut auf "freiwillige" Pläne für den Einkauf amerikanischer Ersatzteile festzulegen.
Umfangreiche Einkaufslisten ließen sich die Japaner im Januar 1992 erstmals bei der Tokio-Visite von Amerikas ranghöchstem Autoverkäufer, Clintons Vorgänger George Bush, aufdrängen. Noch im vergangenen Frühjahr gelobten Toyota und Nissan aufs neue, den Amerikanern in den kommenden Jahren Zubehör für insgesamt 10,75 Milliarden Dollar abzunehmen. Doch nun reicht es den Japanern, die zu Hause unter Überkapazitäten leiden.
Die von Kantor entnervten Bürokraten im Ministerium für Handel und Industrie (siehe Interview) wollen diesmal hart bleiben. Als erste Antwort auf die US-Sanktionsdrohungen rief Tokio vergangene Woche die Welthandelsorganisation WTO in Genf an.
In ihrem Feldzug gegen den "gelenkten Handel" der USA sehen sich Japans beamtete Wirtschaftsplaner durch die Europäer ermutigt. Besonders die deutschen Autohersteller - unter den Ausländern in Japan am erfolgreichsten - sind über das Drängen der US-Konkurrenz nach Sonderbehandlung verärgert.
"Im Gegensatz zu den Amerikanern haben wir hier eine Menge getan und viel Geld in eigene Vertriebsnetze gesteckt", betont Robert H. Janson, Representative Director von VW-Audi in Tokio. Auch bei der örtlichen BMW-Tochter will man in die Klagen der Amerikaner nicht einstimmen. Handelsmauern, sagt BMW-Pressesprecher Akio Seki, existieren höchstens in den Köpfen der japanischen Kunden.

DER SPIEGEL 21/1995
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