08.05.1995

Theater„Wo ist die Intrige?“

SPIEGEL: Herr Hochhuth, Sie haben sich zweimal um einen Platz im Direktorium des Berliner Ensembles (BE) beworben und sind abgeblitzt. Nun wollen Sie die berühmte Brecht-Bühne am Ost-Berliner Schiffbauerdamm einfach kaufen. Treibt Sie die Rache?
Hochhuth: Ich habe das Bedürfnis, als Stückeschreiber an einem Theater mitzuwirken. Ich kann das nicht kriminell finden, auch nicht rachsüchtig oder besonders vermessen. Nur wo man selber mitsprechen kann, kann man als Autor etwas bewirken.
SPIEGEL: Geht es Ihnen nicht in Wahrheit darum, Ihre Stücke wieder auf der Bühne zu sehen? Nach der Satzung der von Ihnen für die Theaterübernahme eigens gegründeten Stiftung muß das Berliner Ensemble einmal im Jahr Ihren "Stellvertreter" aufführen.
Hochhuth: Aufgabe der Stiftung ist es zunächst, dafür zu sorgen, daß in der Nazi-Zeit verfemte Autoren auf die Spielpläne Berlins zurückkehren. Das wünscht sich die jüdische Erbengemeinschaft des Hauses am Schiffbauerdamm, mit der ich in Verhandlungen stehe, und das ist seit dem Tod Erwin Piscators beleidigend vernachlässigt worden.
SPIEGEL: In Ihrem letzten Stück "Wessis in Weimar" geißeln Sie die Privatisierungsmethoden der Treuhand. "Je kostbarer das Grundstück", heißt es darin, "je brutaler die Aneignungslust." Haben Sie sich da selber beschrieben?
Hochhuth: Das Grundstück, um das es jetzt geht, ist doch gar nichts wert. Das Haus steht unter Denkmalschutz und darf nur als Sprechbühne genutzt werden. Da kann kein Aldi und keine Deutsche Bank bauen.
SPIEGEL: Die Kritik richtet sich gegen Ihr Vorgehen: Sie haben über den Kauf verhandelt, ohne daß in Berlin jemand davon wußte. In Ihrem Stück sprechen Sie von "Besatzungsrecht", wenn "Einheimische nichts mitzureden haben". Gilt dieser Satz jetzt nicht mehr?
Hochhuth: Ich weiß wirklich nicht, wie Sie auf diese Parallele kommen. Ich habe mich gerade nicht über den Kopf der Eigentümer hinweggesetzt, sondern bin im Gegensatz zu den Berliner Behörden der erste gewesen, der überhaupt mal mit den Besitzern geredet hat. Das ist genau das, was die Treuhand nicht machte.
SPIEGEL: Das sehen die Betroffenen anders. Ensemble-Direktor Heiner Müller wirft Ihnen den Versuch einer "feindlichen Übernahme" vor, in aller Stille hätten Sie eine "wunderbare Intrige" ersonnen.
Hochhuth: Ja wo ist denn die Intrige? Herr Müller, erzogen von der SED, hat es bislang genauso gehalten wie die SED. Die DDR hat das Haus 40 Jahre lang betrieben, ohne den Erben ein einziges Mal auch nur hundert Ostmark Miete anzubieten. Und Herr Müller betreibt das BE nun auch schon zwei Jahre und hat den Erben nicht eine Mark gezahlt.
SPIEGEL: Auch den Kultursenator haben Sie durch Ihre Heimlichtuerei vergrätzt. Ulrich Roloff-Momin hat von Ihrem "Bubenstück" erst aus der Zeitung erfahren.
Hochhuth: Das ist ja gerade das Glück. Wenn ich ihn vorher konsultiert hätte, wäre er zu seinen Freunden beim Lotto gerannt, um dort das nötige Geld loszueisen. Dann wäre ich nicht mal mehr über die Pförtnerloge hinausgekommen. Das BE hat vor vier Wochen seinen Geschäftsführer zum Anwalt der Erben gejagt, um ein Kaufangebot zu machen. Diese unsägliche Wut kann nur aus der Enttäuschung darüber entstanden sein, daß ich ein bißchen schneller war.
SPIEGEL: Sie haben sich in den letzten Jahren in Berlin auch um die Leitung der Volksbühne beworben, um das Schloßparktheater und den Konrad-Wolf-Saal in der ehemaligen Ost-Akademie der Künste. Warum versuchen Sie es nicht mal in Stuttgart oder München?
Hochhuth: Berlin ist die einzige Stadt, in der das, was im deutschsprachigen Theater geschieht, relevant ist, außer natürlich Wien. Aber da ich laut Paß Deutscher bin, würden die Wiener zu Recht sagen: Was will er bei uns.
SPIEGEL: Das fragen sich die Berliner auch.
Hochhuth: Ich will seit 30 Jahren ein Autorentheater und kann mich dabei auf Brecht berufen. Der hat auf seinem letzten Symposium in Berlin auf die Klagen der DDR-Autoren, sie kriegten von den Theatermachthabern auf die eingesandten Manuskripte nicht einmal Antwort, gesagt: Ihr müßt es genau machen wie ich. Arbeitet in einem Theater mit, werdet Intendanten, Regisseure, Dramaturgen.
SPIEGEL: Heiner Müller kontert mit dem abgewandelten Brecht-Zitat: "Was ist der Einbruch in eine Bank gegen den Kauf einer Bank."
Hochhuth: Ich habe ja bescheiden angefangen. Zweimal bin ich beim Berliner Ensemble um eine Stelle in der Intendanz vorstellig geworden. Das zweite Bewerbungsschreiben habe ich mit den Worten begonnen: "Lieber Confrere Müller, Sie sind der einzige Sterbliche, bei dem ich zum zweiten Mal in Demut um Arbeit nachsuche." Jetzt macht er sich lustig über mich. Nun ja, er hat das Glück, daß er im Warmen sitzt und eine sehr hohe Regiegage bekommt.
SPIEGEL: Kultursenator Roloff-Momin hat ebenfalls für Ihre Ambitionen nur Spott übrig. "Nachdem es dem Hochhuth nicht gelungen ist, durch den Vordereingang zu marschieren", sagt er, "will er sich nun durch den Keller bohren."
Hochhuth: Ich habe Roloff-Momin bislang für meinen Gönner gehalten. Er hat mich noch im vorletzten Jahr zu meinem Vorhaben beglückwünscht, Nachfolger des scheidenden Regisseurs Matthias Langhoff zu werden. Ich bin überrascht, daß er jetzt nicht einmal mit mir sprechen will. Auch Kollege Müller hält es nicht für nötig, mit mir ein Wort zu wechseln. Er hat wohl zuviel zu tun.
SPIEGEL: Auch wenn das Brecht-Theater wie geplant in Stiftungsbesitz überführt wird, bleibt zunächst alles beim alten. Sie sind dann zwar Eigentümer des Hauses, aber Sie können dem Direktorium nicht vorschreiben, welche Stücke es auf den Spielplan zu setzen hat.
Hochhuth: Ich finde es schon komisch, wenn ausgerechnet die Leute, die uns Autoren unterdrücken, auf der Freiheit des Spielplans beharren. Während der ganzen DDR-Zeit wurden Weststücke hier in Ost-Berlin fast nie zugelassen, und dafür trägt ein Mann wie Heiner Müller, der ja lange Dramaturg im Deutschen Theater war und der auch sonst in Theaterkantinen Politik gemacht hat, mehr Verantwortung als die SED. Denn daß nicht Honecker und Ulbricht für ein Verbot gesorgt haben, belegt das Beispiel von Hanns Perten in Rostock. Der hat uns alle gespielt und dann sogar, nach Abzug von 25 Prozent, in Westgeld honoriert.
SPIEGEL: Wie wollen Sie denn Ihre Stücke zur Aufführung bringen, wenn sich die Pächter des Theaters, wie bereits angekündigt, verweigern?
Hochhuth: Dann funktioniert's nicht. Kaufrecht bricht ja nicht Mietrecht.
SPIEGEL: Nach der Stiftungssatzung sind Sie aber verpflichtet, für die Aufführung von Werken "politisch-gesellschaftskritischer Bühnenautoren des 20. Jahrhunderts" zu sorgen. Müssen Sie da nicht automatisch den Pachtvertrag kündigen, wenn die BE-Intendanz stur bleibt?
Hochhuth: Wir wären doch bescheuert, ein Direktorium aus dem Haus zu treiben, das jährlich 23 Millionen Mark an Subventionen einbringt. Wir haben im Gegenteil eine Verlängerung des Mietvertrags um zehn Jahre angeboten. Ich hoffe, daß im Berliner Ensemble innerhalb der nächsten zwei Jahre ein Gesinnungswandel eintritt. Ich gebe zu, danach sieht es im Augenblick nicht aus.
SPIEGEL: Wie weit sind denn die Vertragsverhandlungen mit den Erben gediehen?
Hochhuth: Wir haben uns für eine Million Mark die Vorkaufsrechte an der Immobilie gesichert.
SPIEGEL: Nach unseren Informationen ist der Handel schon perfekt. Der Anwalt eines der Alteigentümer bestätigt, daß die Erben ihre Restitutionsansprüche in mehreren Verträgen bereits an die Stiftung abgetreten haben.
Hochhuth: Die Verträge sind von beiden Seiten unterschrieben und beim Notar hinterlegt. Derzeit ist nur noch die Frage offen, wann die vereinbarte Ausgleichszahlung von weiteren 3,5 Millionen Mark an die Erben überwiesen werden soll. Ich rechne damit zum Jahresende.
SPIEGEL: Woher kommt das Geld?
Hochhuth: Ich bin nicht berechtigt, das zu sagen. Kein Sponsor will derzeit an die Öffentlichkeit, um sich wie ich dann prügeln zu lassen.
SPIEGEL: Ihr Ruf ist seit Bekanntwerden der Übernahmepläne gründlich ramponiert. Warum verzichten Sie nicht einfach auf Ihre Ansprüche, um wenigstens einen Rest Ihrer Reputation zu retten?
Hochhuth: Ich habe doch gar keine, warum soll ich also aufgeben. Ich habe jetzt sogar in der FAZ gelesen, ein Stück von mir sei überhaupt nur spielbar, wenn der Regisseur ein Fußballspiel miteinbaue.
SPIEGEL: Möglicherweise droht Ihnen auch ein erbitterter Rechtsstreit. Der Senat will jetzt prüfen lassen, ob die Verträge zwischen Ihrer Stiftung und der Erbengemeinschaft juristisch Bestand haben.
Hochhuth: Soll er doch prüfen. Meine Pläne lassen sich auch in einem anderen Haus realisieren. Es gibt dieses wundervolle alte Piscator-Theater am Nollendorfplatz. Auch im Palast der Republik sind gleich drei sehr gut bespielbare Bühnen.
SPIEGEL: Warum streiten Sie sich dann, bei solchen Alternativen, mit Heiner Müller herum?
Hochhuth: Ich konnte nach den wenigen Gesprächen, die ich in meinem Leben mit Müller hatte, nicht annehmen, daß ich dem so zuwider bin. Inzwischen weiß ich, was er an mir nicht erträgt: Ich habe Flops in der Kritik, aber nie an der Kasse. Bei ihm ist es umgekehrt. Y
*VITA-KASTEN-1 *ÜBERSCHRIFT:
Rolf Hochhuth *
hat sich seit seinem Papst-Schauspiel "Der Stellvertreter" (1963) darauf kapriziert, unerledigte Skandale zu seinen Stoffen zu machen. In dem 1993 vom Berliner Ensemble uraufgeführten Drama "Wessis in Weimar" prangert er die Liquidation der DDR als brutale Ausplünderung ihrer Bewohner an. Nun offenbarte Hochhuth, 64, daß sich eine von ihm gegründete Stiftung die Ansprüche jüdischer Alteigentümer auf den Spielort des Berliner Ensembles, das Theater am Schiffbauerdamm, gesichert hat. Sein Plan, sich über den Kauf Einfluß auf die von Brecht gegründete Bühne zu verschaffen, hat Kritik bei Politikern und Theaterleuten hervorgerufen.

DER SPIEGEL 19/1995
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