08.05.1995

SpektakelEin bisserl Disco

Das Geld ist knapp, der Lernerfolg umstritten: Die Wiener „Schule für Dichtung“, bald in Frankfurt zu Gast, feiert sich vor allem selbst.
In der ersten bedeutenden Dichterschule Europas lehrte die antike Dichterin Sappho vor rund 2500 Jahren auf der griechischen Insel Lesbos die Handhabung von Vers und Sprache. Die bislang jüngste Poetenschule des Kontinents, Gründungsjahrgang 1991, ringt derzeit in Wien um Bedeutung - und um ihren Fortbestand.
Denn obwohl die diversen "Akademie"-Lehrgänge der Wiener "Schule für Dichtung" dank prominenter Dichterlehrer wie H. C. Artmann, Wolfgang Bauer, Blixa Bargeld oder Allen Ginsberg für allerhand Medienecho sorgten, fehlt es den Schulrektoren am wichtigsten, am Geld - ohne kräftigen staatlichen Zuschuß sind heutzutage keine Dichter mehr zu erziehen.
Nun aber hatte der Initiator der Poeten-Penne, der bis dato so produktive wie erfolglose Wortkünstler Christian Ide Hintze, die rettende Idee, Dichtung zur Society-Sache zu erklären, zur kulturpolitischen Notwendigkeit, zur verdammten Pflicht der Kulturbürokratie.
Das Ergebnis der Hintze-Eingebung konnten die Wiener jüngst in einer "Nacht der Poesie" bewundern, so hieß das Samstagabend-Spektakel im ehrwürdigen Ball-Palast der Wiener Sofiensäle, das Dichter vor, neben und im Schatten einiger Popstars präsentierte. Falco etwa trat nach H. C. Artmann auf, Gerhard Rühm vor Konstantin Wecker, Wolfgang Bauer mit Blixa Bargeld, dem Sänger der "Einstürzenden Neubauten" - zum Abschluß sangen dann alle zusammen den Beatles-Klassiker "Sergeant Pepper''s Lonely Hearts Club Band".
Das Publikum, darunter jede Menge heimische Prominenz und ein paar wilde Gestalten aus der Wiener Szenewelt, durfte einem Schreigedicht aus der Feder des amerikanischen Beat-Poeten Allen Ginsberg lauschen. Zum Mitlesen für den rezitierenden "Musenchor" deutete Dichterchef Hintze, zunftmäßig in schwarzen Schlapphut und schwarzen wallenden Dichtermantel gekleidet, mit großer Geste auf eine Tafel.
Die im Showprogramm mitwirkenden Dichter machte der Trubel nicht immer glücklich. "Ein paar abgetakelte Models, ein bisserl Disco, das hat doch nichts mit Poesie zu tun", grummelte der berühmte Literat H. C. Artmann, 73, in der Künstlergarderobe mißgelaunt zwischen Fotografen, Klatschreportern und Groupies.
Was wahre Dichtkunst ist, hatte der sprachmächtige Artmann schließlich schon vor gut 40 Jahren in seiner "Acht-Punkte-Proklamation des poetischen Actes"* festgelegt: "Der poetische Act ist Dichtung um der reinen Dichtung willen" und somit "frei von jeder Eitelkeit und voll heiterer Demut". Die Arbeit am Werk sei "vollkommen wertlos" und berge deshalb "von vornherein nie den Bazillus der Prostitution".
"Es gibt einen Satz, der unangreifbar ist", schrieb Artmann in seiner Proklamation, "nämlich der, daß man Dichter sein kann, ohne auch irgend jemals ein Wort geschrieben oder gesprochen zu haben."
Christian Ide Hintze, 38, Mitbegründer und "Direktor" der "Schule für Dichtung", hat verteufelt viel geschrieben: In den Jahren 1974 bis 1978 Gedichte und Kurzprosa auf - nach eigenen Angaben - 1,5 Millionen Flugzetteln, die er in Wien und anderen Städten an Passanten verteilte, auf Laternenmasten klebte oder an gut frequentierten _(* H. C. Artmann: "The Best of H. C. ) _(Artmann". Suhrkamp Verlag, Frankfurt a. ) _(M.; 392 Seiten; 19,80 Mark. ) Orten liegenließ. Das war zwar nicht seine Idee, sondern die des Wiener "Zetteldichters" Helmut Seethaler, doch es brachte ihm neben einem ebenso langen wie ehrenvollen Vorstrafenregister - wegen wilden Plakatierens - auch lokalen Ruhm.
Auch sonst kann Hintze mit legendentauglichen Lebenslaufdetails aufwarten: ein paar Jahre lang als Obdachloser auf Walze, ein paar Tage lang als Hähnchensortierer im Kühlhaus bei "Wienerwald", dazu niederschmetternde Angriffe durch Passanten wegen der Zettelkleberei. All das trat die Wiener Zeitschrift News jüngst genüßlich breit: "Mit 35 brach er das Gelübde, nie in seinem Leben zu arbeiten", hieß es dort, "gründete mittels öffentlicher Unterstützung die ,Schule für Dichtung'' und zahlte sich selbst das erste Gehalt seines Lebens aus."
Dies sei eine dreiste Lüge, hält Hintze dagegen, er habe seinen Lebensunterhalt immer schon mit Einkünften aus Schreibarbeit und Sozialhilfe bestritten; wie auch zur Zeit, da er sich trotz 80-Stunden-Woche arbeitslos gemeldet hat und von 1300 Mark im Monat lebt - "um das Budget der Schule zu entlasten".
Die Dichter der Schule seien aber keine "armseligen Poetenhascherln und -liebhaber", sondern "Hochleistungsprofis, die seit vier Jahren kontinuierlich arbeiten". Hintze, der bereits 1982 die "erste abendländische Schriftstellerdemonstration" mitorganisiert hatte, will jedenfalls nicht mehr "zur höheren Ehre dieses Landes" den armen Dichter "simulieren". Sich und seine Dichter mag er nicht mehr mit "altmodischen Mustern sogenannter Subventionen" abgespeist wissen, sondern mit "adäquaten Leistungsabgeltungsmodellen" - Dichten im Akkord?
Die Idee, Dichten zu lehren wie Laubsägen oder Fotobelichtung, übernahm Hintze von den Amerikanern Allen Ginsberg und Anne Waldmann und deren "Jack Kerouac School of Disembodied Poetics" in Boulder im amerikanischen Bundesstaat Colorado. Ein paar Besuche im Wilden Westen inspirierten den Österreicher, "selbst so etwas zu gründen".
Aus Ginsbergs Schule stammt auch der amerikanische Poeten-Didaktiker Jack Collom, der sich vor allem um die dichterische Erziehung von Kindern und Jugendlichen bemüht, Stichwort "creative writing". Collom definiert Poesie schlicht als intensive Sprache: Mag die Lyrik auch noch so schlecht und gequält sein - Hauptsache, die Beteiligten fühlen sich nach dem Dichten ein wenig wohler, freier und selbstbewußter.
Frei soll Hintzes Poesieproduktion allemal sein, zur "Freiheit der Lehre und Forschung" solle man sich endlich bekennen, natürlich nicht in einer institutionalisierten, schulischen Form, aber immerhin frei vom Zwang, sich um private Sponsoren oder Mäzene kümmern zu müssen.
Dafür reiche die bisherige Jahressubvention von 370 000 Mark nicht aus, es müßten 170 000 Mark mehr her. "Ich will nicht warten, bis die Deutschen auf den Geschmack kommen und uns die Lehrer wegholen", sagt Hintze, "weil wir ihnen, wie zur Zeit der Fall, keine langfristigen Verträge anbieten können."
Die Deutschen den Geschmack an der Poesie zu lehren, schickt sich die Schule für Dichtung demnächst selbst an: Ihre diesjährige "Oktober-Akademie" soll an der Frankfurter Städelschule stattfinden.
In Lehrgesprächen, Lesungen und Performances, so ist geplant, sollen 100 bis 130 angehende Jungdichter in die Kunst der Poesie eingewiesen werden. Dichten lernen per Überweisung einer Teilnehmergebühr von 200 Mark - wundervoll.
Der Wiener Dichter Ernst Jandl, "special guest" der Frankfurter Herbstakademie, hat bereits einmal, vor zehn Jahren, in der gleichen Stadt über Dichtung doziert - in seinen Frankfurter Poetik-Vorlesungen mit dem schönen Titel "Das Öffnen und Schließen des Mundes". Das, so Jandl, sei schließlich das "Generalthema des Dichters". Und sonst gar nichts. Y
* H. C. Artmann: "The Best of H. C. Artmann". Suhrkamp Verlag, Frankfurt a. M.; 392 Seiten; 19,80 Mark.

DER SPIEGEL 19/1995
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