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Pow-Wow mit Beamten

Die Deutsche Zentrale für Tourismus, wegen einer Serie von Skandalen im Gerede, war offenbar allzu freigebig mit Steuergeldern.

Beim Abendempfang mit Tourismusexperten hielt der Staatssekretär im Bundeswirtschaftsministerium, Heinrich Kolb, Elogen auf den staatlich finanzierten Reiseverein.

Im Vorstand der Deutschen Zentrale für Tourismus (DZT), einem Zusammenschluß aus Touristikunternehmen und Fremdenverkehrsverbänden unter der Obhut des Wirtschaftsressorts, sei "ein kompetentes und leistungsfähiges Management" versammelt, lobte Kolb noch Ende März in Bonn. Selbst in kritischen Momenten habe die DZT-Leitung "unverzüglich reagiert und die dem jeweiligen Stadium angemessenen Maßnahmen getroffen".

Vergangenen Mittwoch klang die offizielle Sprachregelung anders. Da verkündete Bundeswirtschaftsminister Günter Rexrodt (FDP) vor dem Bundestag, der DZT-Vorstand werde "neu geordnet", auch der DZT-Kontrolleur aus seinem Haus, Abteilungsleiter Ulrich Geisendörfer, müsse abtreten.

Es war ein verspätetes Großreinemachen. Die Reisezentrale ist in den vergangenen Monaten durch eine Serie von Skandalen ins Gerede gekommen. Da ging es etwa um sexuelle Belästigung im Büro und um die Verbreitung rassistischen Gedankenguts in der New Yorker Filiale - Rexrodts Ministerium, im DZT-Verwaltungsrat bislang durch Mitarbeiter Geisendörfer vertreten, hatte monatelang nichts unternommen.

Die Tourismusagentur mit Hauptsitz in Frankfurt und Filialen etwa in New York, Tokio und Johannesburg soll im Auftrag der Bundesregierung für ein positives Image des Reiselandes Deutschland werben. Mit derzeit rund 45 Millionen Mark an öffentlichen Zuschüssen wird sie zu 85 Prozent aus Steuergeldern finanziert.

Über die Mittelvergabe für die DZT entscheidet das Wirtschaftsministerium, dessen Vertreter bei wichtigen Personal- und Finanzentscheidungen ein Vetorecht hat. Doch davon machte das Ministerium offenbar kaum Gebrauch.

Statt dessen vertrauten die Bonner Kontrolleure den Frankfurter Tourismuswerbern blind. Derzeit prüft der Bundesrechnungshof das großzügige Ausgabegebaren der Organisation.

Bereits im Oktober 1993 hatte sich die New Yorker DZT-Mitarbeiterin Monique Schlein beschwert, sie werde von ihrem Chef sexuell belästigt. So habe der Mann einem Siemens-Manager vorgeschlagen, bei ihr zu übernachten - oder sie mal "in Leder" auftreten zu lassen. Die DZT ließ über ein Jahr verstreichen, bis sie ihren New Yorker Filialleiter Henning Schreiber nach Frankfurt zurückversetzte.

Wegen rechtsradikaler und antisemitischer Vorfälle erhob Schleins Kollegin Christa Willibald 1994 Beschwerde vor der Menschenrechtskommission des Staates New York. "Im Büro", so Schlein, habe schon seit Jahren eine "regelrecht rassistische Stimmung geherrscht". Schon 1990 habe, so berichtet jetzt der damalige Vize-Leiter Fred Gross, in der Poststelle eine Reichskriegsflagge gehangen, dazu sei Neonazi-Musik abgespielt worden. Weil die DZT-Führung nicht durchgriff, strengten die beiden Frauen schließlich eine gerichtliche Klage an.

Gemeinsam mit ihrem Mann, einem bekannten Rechtsextremisten, hatte eine New Yorker Mitarbeiterin in diversen Artikeln die Auschwitz-Lüge verbreitet. Die Frau wurde entlassen, auch Vize-Chef Gross, der sich für die Beschwerde Schleins eingesetzt hatte, mußte gehen. Gross hat die DZT mittlerweile auf 43 Millionen Mark Schadensersatz verklagt, Schlein und Willibald verlangen zusammen 4,5 Millionen Mark.

Gross hatte auch auf eine bereits 1984 erstellte Marketingstudie der Tourismusagentur aufmerksam gemacht, derzufolge "keine Juden, Schwarzen, Hispanier und Asiaten" als Reisende für Deutschland geworben werden sollten. Auch diese Ungeheuerlichkeit verschliefen die Ministerialen: Nach der Gross-Meldung lag die Studie mindestens vier Wochen bei Abteilungsleiter Geisendörfer auf dem Tisch. DZT-intern wurde das Papier gar als "äußerst gewissenhaft erstellt" gelobt.

Im Bundestag wetterte Rexrodt vergangene Woche lauthals über die Vorgänge in New York. Dabei waren alle Entscheidungen, wie der DZT-Vorständler Günter Colonius bestätigt, stets "in Übereinstimmung" mit dem Bonner Mutterhaus gefallen. Rexrodts Beamte seien "ständig informiert" gewesen, erinnert sich Colonius, der selber aus dem Wirtschaftsministerium stammt.

Unregelmäßigkeiten im Finanzetat der Reisezentrale könnten Rexrodt weiteren Ärger bereiten. Schon hat der Haushaltsausschuß des Bundestags einen Bundeszuschuß über vier Millionen Mark an die DZT storniert - wegen zweifelhafter "Finanzierung und Geschäftspraktik der DZT". Der Bundesrechnungshof prüft, ob die Steuermittel bei der DZT "ordnungsgemäß, wirtschaftlich und sparsam verwendet" wurden - aus gegebenem Anlaß.

Noch im September 1994 lud die DZT im New Yorker Luxushotel Waldorf-Astoria zu einem opulenten Gala-Empfang - laut Einladungsbillett "zu Ehren" des wegen sexueller Belästigung abberufenen Schreibers und seines Nachfolgers, Knut Hänschke. Kostenpunkt: rund 35 000 Mark.

Etwa so viel Geld kostete eine Pressekonferenz zur Internationalen Tourismus-Börse 1994, die sich die Deutschland-Werber von einer Frankfurter PR-Agentur organisieren ließen.

Auch als die DZT im vergangenen Oktober knapp 200 Reisebüroagenten zu einem Kongreß (Tourismusjargon: "Pow-Wow") für drei Tage ins noble Hyatt-Hotel in Orlando einlud, war alles vom Feinsten. Geschäftlich jedoch geriet die Mega-Veranstaltung (Gesamtkosten: über 800 000 Mark, davon 250 000 Mark für die DZT) zu einem "totalen Flop", wie Branchenexperten berichten. Um die Säle voll zu bekommen, wurden nach Berichten von DZT-Mitarbeitern auch "zweit- und drittrangige" Agenten samt Ehefrauen bewirtet.

Zehn deutsche Großstädte, als "Magic Ten" bei der Tourismuszentrale Mitglieder, wollen solche Veranstaltungen in Zukunft boykottieren. "Der Erfolg war minimal", klagt der Berliner Tourismusmanager Knut Blättermann. Für die Hauptstadt habe der ganze Rummel "gerade mal 20 Buchungen" gebracht.

Dafür war zum Pow-Wow in Orlando eigens ein Referent aus dem Bonner Wirtschaftsministerium eingeflogen, der Ministerialrat Klaus Solveen. Viel unterwegs sind auch seine Vorgesetzten Geisendörfer und Kolb. Im November 1993 etwa jetteten sie zur Jahrestagung des Deutschen Reisebüro-Verbandes nach Tunesien. Die Kosten zahlte der Verband, der zugleich Mitglied in der DZT ist.

Abteilungsleiter Geisendörfer und der Beamte Solveen hatten 1993 keine Einwände gegen ein etwa 560 000 Mark teures Organisationsgutachten, auf dessen Grundlage eine Neustrukturierung der DZT eingeleitet werden sollte. Den Nutzwert der Expertise beschrieb Rexrodt im Bundestag so: "Wir müssen jetzt ganz neu anfangen."

Das Gutachten war ohne Ausschreibung vergeben worden - wiederum ein Fall für den Bundesrechnungshof, wie die SPD-Abgeordnete Susanne Kastner meint: "Da ist was faul."

Mit den obersten Kassenprüfern hatte die Rexrodt-Behörde wegen der DZT schon früher Probleme. In ihrem Prüfbericht 1984 rügten die Kontrolleure, "der Wirtschaftsminister" habe Mängel in der Haushaltsführung der DZT "nicht rechtzeitig abgestellt".

Damals hatten sich die Ministerialen Ausgabebelege der Tourismuszentrale, etwa für Repräsentations- und Reisekosten, erst mit einiger Verspätung angeschaut - nach vier Jahren. Y


DER SPIEGEL 23/1995
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