08.04.2013

BriefeDarf man genießen?

Nr. 14/2013, Titel: 200 Jahre Richard Wagner - Das wahnsinnige Genie
Ein großes Lob an den Redakteur für den aufwendigen Bericht mit vielen Hintergrundinformationen. Auch der Videofilm dazu ist sehr interessant und informativ.
Ottmar Schuchmann, Weiterstadt (Hessen)
"Das wahnsinnige Genie", "Wagners Schatten", "Ein deutsches Drama" - Überschriften mit der Wagner-Tuba. Einen neunseitigen SPIEGEL-Titel über einen Komponisten, in dem nicht auf seine Musik eingegangen wird, muss man erst einmal hinkriegen! Dabei gibt es über die so viel zu sagen: dass ihre Harmonik völlig neue Wege erschließt, dass die Instrumentation völlig neue Ausdrucksbereiche bis in feinste Nuancen schafft, dass sie den Klang zum Erlebnis macht, hätte der kritischen Würdigung nicht geschadet. Stattdessen wiedergekäut Wagner und die Nazis.
Michael Lundt, Komponist, Berlin
Fast krampfhaft wurde versucht, ein wagnerisches Wohlwollen zu Hitler zu konstruieren. Bis zu seinem Tode wusste Richard Wagner jedoch nicht, dass nach ihm einmal ein Adolf Hitler geboren werden würde.
Uwe Schmidbauer, Siegertsbrunn (Bayern)
Mit großem Vergnügen habe ich den hervorragend recherchierten objektiven Beitrag gelesen. Wo, bitte, haben in der Bayreuther Festspieltradition Moral, Humanität und Intellekt je eine Rolle gespielt?
Greta Gräbner, Bayreuth
Die Tatsache, dass Politiker, Wirtschaftsbosse, Kirchenvertreter und sonstige Prominenz dem Komponisten alljährlich auf dem Grünen Hügel zu Bayreuth huldigen, kann nicht vergessen machen, dass Wagners Musik in der Wurzel antisemitisch und antihuman ist. Es erstaunt immer wieder, wie bei Wagner Kunst und Person gegeneinander aufgerechnet werden, mit dem Ziel, die Kunst vor ihrem Schöpfer in Schutz zu nehmen. Wenn von berüchtigten antisemitischen Äußerungen Wagners die Rede ist, ist das eine unzulässige Beschönigung. Wagners Antisemitismus beschränkt sich keineswegs auf einige Äußerungen. Er ist im Gegenteil ein wesentlicher Bestandteil seines Denkens und seiner Musik.
Dr. Helmut Eschweiler, Berlin
Wem gehört Wagner? Wagner gehört allen, die von seiner Musik berauscht sind. Aber ist das positiv? Ob musisch, ideologisch, rituell oder alkoholisch, Rausch ist Rausch und meistens irreführend.
Willy Harink, Grömitz
Es geht beim Faszinosum Wagner doch um die unglaubliche Übereinstimmung von Musik und Szene. Die Musik ist dabei nur phasenweise - und immer am richtigen Platz - überwältigend. Wagner dürfte im Durchschnitt kaum lauter und gewichtiger daherkommen als Verdi. Ich verdanke Wagner schöne Lebensjahrzehnte. Eine kritische Distanz brauchte ich deshalb nicht in die Garderobe zu hängen.
Hagen Körber, Köln
Man muss schon extrem naiv sein, wenn man wie auch immer geartete Kunst aus der Zeit ihrer Entstehung löst. Skepsis ist eigentlich nur beim kritiklosen und unbefangenen Genuss der Werke wie auch bei den schöngefärbten Familienhistorien einzelner Nachkommen ebenjener Komponisten, Konstrukteure und Künstler angebracht. Darf man also genießen? Ein "Ja, aber" erscheint mehr als nur nötig.
Manuel Hinrichs, Lübeck
Stilistisch ungehörig und sexistisch finde ich die antipodische Darstellung der Frauen Katharina und Nike Wagner und ihre charakterliche Beurteilung anhand äußerlicher Merkmale, die bei den männlichen Autoritäten weniger Erwähnung finden. Die auf snobistisch-elitäre Weise stereotypisierende Sicht auf Frauen in diesem Artikel ist ärgerlich.
Katharina Woydt, Augsburg
Hitler kannte nicht nur Wagners Opern minutiös, sondern auch seine Schriften, wie sein Jugendfreund Kubizek bezeugt. Wagner sah die Juden nicht als Religions-, sondern als Rassengemeinschaft. In der 1881 entstandenen Schrift "Erkenne dich selbst" resümiert er nach harten antisemitischen Angriffen, dass die Gesellschaft erst in Ordnung wäre, "wenn es keine Juden mehr" gäbe. "Uns Deutschen", fährt er fort, könnte "diese große Lösung eher als jeder anderen Nation ermöglicht sein". Das klingt doch schon sehr wie Hitler! Trotzdem muss man den Komponisten als Ganzes begreifen: als Schöpfer genialer Musik und zugleich aggressiven Antisemiten und Rassetheoretiker, der seine abstrusen Theorien mehrfach publizierte. Die historischen Zusammenhänge ändern nichts daran, dass man Wagners Musik genießen kann - aber bitte schön in Aufrichtigkeit.
Dr. Ulrich Drüner, Stuttgart
Prof. Dr. Eva Rieger, Vaduz (Liechtenstein) Dr. Gottfried Wagner, Urenkel Richard Wagners, Cerro Maggiore (Italien)

DER SPIEGEL 15/2013
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