08.04.2013

ALTKANZLERWie ein Diktator

Helmut Kohl schüttete vor Jahren einem Doktoranden sein Herz aus - und schmähte andere Spitzenpolitiker als korrupt, anpasserisch oder antisemitisch.
Jens Peter Paul wusste, dass es schwierig würde. Seine Chancen, Helmut Kohl zu einem Interview zu bewegen, standen schlecht: Als Journalist hatte Paul am damaligen Regierungssitz Bonn oft erlebt, dass Kohl solche Anfragen ablehnte. Und als Mitarbeiter des Hessischen Rundfunks war er nicht wohlgelitten - mehrmals hatte sich der Kanzler, als Paul ihn begleitete, spöttisch über dessen Arbeitgeber geäußert.
Doch 2002 wandte sich Paul in einer neuen Rolle an Kohl. Der Journalist arbeitete an seiner Dissertation, "Fallstudien zur deutschen Entstehungsgeschichte des Euro und ihrer demokratietheoretischen Qualität", wie es später im Untertitel des Werks heißen sollte. In der Anfrage an Kohl präsentierte der Doktorand der Universität Frankfurt am Main eine besondere Version der Euro-Geschichte: Ein Weggefährte habe erzählt, dass Kohl 1997 vorübergehend gezögert habe, den Euro einzuführen.
Das wollte der große Europäer Kohl offenbar nicht auf sich sitzen lassen. Und so kam es im März 2002 - knapp vier Jahre nach Kohls Kanzlerschaft und kurz vor dessen Ausscheiden aus dem Bundestag - zu einem denkwürdigen Gespräch. In seinem Berliner Abgeordnetenbüro beschränkte sich Kohl nicht darauf, die von Paul präsentierte Version zu dementieren ("frei erfunden"), sondern gewährte dem Besucher tiefe Einblicke in sein Seelenleben. Offenkundig hatte die weltweite Wertschätzung als "Kanzler der Einheit" und bedeutender Europapolitiker die Wunden nicht heilen können, die Kohl im Laufe seiner Karriere geschlagen worden waren. Der ehemalige CDU-Vorsitzende ließ keine Gelegenheit aus, Widersacher zu schmähen. So bezeichnete er:
‣ den Ex-Präsidenten Richard von Weizsäcker, der Kohl Machtversessenheit vorgeworfen hatte, als einen "der größten Anpasser in der Geschichte der Republik";
‣ die Liberale Hildegard Hamm-Brücher, die sich 1982 gegen den Koalitionswechsel der FDP zur CDU und damit Kohls Kanzlerschaft gestellt hatte, als "schreckliche Dame aus München, die wie eine Halbwilde durch die Gegend geifert";
‣ den Grünen-Politiker Joschka Fischer als "zutiefst antisemitisch";
‣ den Ex-Minister Burkhard Hirsch (FDP), der Kohl 2000 beschuldigt hatte, im Kanzleramt Akten vernichtet und damit illegale Machenschaften vertuscht zu haben, als "hinterhältig, verlogen und scheinheilig";
‣ den langjährigen CDU-Schatzmeister Walther Leisler Kiep, eine Schlüsselfigur in der Parteispendenaffäre 1999, als "korrupt".
Das alles ist nachzulesen in Pauls Dissertation, die bereits 2010 erschien. Im Anhang sind - nur sprachlich geglättete - Mitschriften jener Interviews dokumentiert, die Paul mit Spitzenpolitikern führte: Kohl, Oskar Lafontaine, Theo Waigel. Jetzt hat Paul, 55, die Doktorschrift auch im Internet veröffentlicht (www.statement-television.de/extra). Um Diskretion oder Ergänzungen hatte Kohl nie gebeten, weder beim Interview noch danach: Als der Doktorand die Abschrift an Kohls Büro schickte, bekam er keine Antwort. So kann heute jeder lesen, was Helmut Kohl seinerzeit dachte - ungeschützt, unverfälscht.
Am stärksten scheint den Pfälzer getroffen zu haben, dass er jahrelang als "Depp der Nation" verspottet worden war: "An geraden Tagen konnte ich schreiben, an ungeraden Tagen konnte ich lesen." Dabei habe er im Vergleich zu seinen Vorgängern "kein Problem, mich in der allerersten Reihe zu sehen mit meiner Allgemeinbildung".
Die Journalisten kamen - das dürfte Paul nicht überrascht haben - bei Kohl schlecht weg. Der "Zeit" warf er vor, ihn kriminalisiert zu haben. Über die Fernsehpräsenz des Chefredakteurs des ARD-Hauptstadtstudios, Ulrich Deppendorf, klagte er: "Den muss man jetzt schon bis zum Erbrechen sehen." Und die Bonner Hauptstadtkorrespondenten hätten ihn als "Birne" verspottet, aber nicht gewusst, dass Frankreichs König Louis Philippe (1773 bis 1850) einst in gleicher Weise verunglimpft worden sei. Der Franzose freilich - so der promovierte Historiker Kohl - sei "ja nun wirklich ziemlich doof" gewesen.
Ebenso harsch wie heikel war Kohls Urteil über den heutigen Finanzminister Wolfgang Schäuble. Bis heute rätselt man, warum Kohl vor den Bundestagswahlen 1998 nicht abtrat und Platz machte für Schäuble, wie es viele in der CDU erwarteten. In dem Interview mit Paul nannte Kohl erstmals Gründe.
Zwar habe er selbst in Schäuble seinen Nachfolger gesehen, aber sei "damit weitgehend allein" in der schwarz-gelben Koalition gewesen. Viele Parteifreunde hätten nicht gewollt, dass ein Politiker im Rollstuhl - O-Ton-Kohl: "Wägelchen" - ins Kanzleramt einziehe. Schäuble wäre, meinte Kohl, in geheimer Abstimmung von den eigenen Leuten möglicherweise nicht gewählt worden. Noch wichtiger nahm der Altkanzler nach eigener Aussage aber den Euro, dessen anstehende Einführung gefährdet gewesen sei ("Eine Volksabstimmung ... hätten wir verloren"). Kohl traute Schäuble nicht zu, die Währung durchzusetzen: "Da gehört eine ganz andere Potenz dazu." Sein Kronprinz wäre schon in der eigenen Fraktion gescheitert: "Das hätte der nicht gepackt."
Kohl behielt sein Amt bis zur Abwahl 1998. Er sei eben ein "Machtmensch" und habe zuweilen "wie ein Diktator" gehandelt, räumte er gegenüber dem Doktoranden freimütig ein. Der hat das Gespräch als angenehm in Erinnerung. Er blieb während der knapp zwei Stunden von Schmähungen verschont, die Atmosphäre des Gesprächs sei "verblüffend freundlich" gewesen.
Von Klaus Wiegrefe

DER SPIEGEL 15/2013
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