08.04.2013

JUSTIZGESCHICHTEGrabung unterm Galgen

Archäologen haben ein neues Dorado entdeckt - den Henkersplatz. Unter den Richtstätten des Mittelalters liegen Tausende Skelette von Geköpften und Geräderten.
Erst interessierte sie sich für Mode, dann für Moder und Morde: Nach dem Schulabschluss lief Marita Genesis, 42, auf dem Catwalk für Escada. Hernach studierte sie Vor- und Frühgeschichte und arbeitete sich ins Strafrecht ein.
Jetzt ist die Archäologin von Verbrechern umringt. Sie steht in einem Magazin des Thüringischen Landesamts für Denkmalpflege und zeigt auf Gebeine. Es sind die Überreste von Dieben, Sodomiten oder Kindsmörderinnen.
Entdeckt wurden die Gerippe bei Alkersleben nahe Erfurt, wo die Grafen von Kevernburg vor über 700 Jahren Kriminelle abstraften.
Weithin sichtbar, auf einem Hügel direkt an der Handelsstraße nach Nürnberg, trat der Henker in Aktion. Dabei verhüllte er sich mit einer Kapuze - nicht wegen des Grusels, sondern um sich selbst vor dem "bösen Blick" der Verurteilten zu schützen.
Etwa 70 Skelette kamen nun zutage. Derzeit werden die Knochen anthropologisch ausgewertet. Ein Toter war gefesselt, ein anderer lag neben einer Strangulationskette aus Eisen. Einem dritten gab man eine scharfe Klinge mit ins Grab. "Es könnte das Mordmesser sein", so Genesis.
Die Frau aus Potsdam, die über den Exekutionsplatz soeben eine Doktorarbeit verfasst hat, gehört zu einer Schar von hartgesottenen Erkenntnissuchern, die unter Galgen und "Rabensteinen" nach Geheimnissen suchen.
Erstaunliches Ergebnis: Im Innern der Hügel liegen wild durcheinandergewürfelte Knochen. "Manche Verbrecher hingen so lang am Strang, bis sie verwesten und herabfielen. Dann entsorgte man sie lieblos in ungeweihter Erde", erklärt der Historiker Jost Auler aus Dormagen. "Die alten Urkunden verschweigen uns das."
Der Mann, gefeiert als Deutschlands "Galgenpapst", gilt als Pionier der Bewegung. Drei Bände zur "Richtstättenarchäologie" hat er herausgegeben. Der letzte erschien vor kurzem. Knapp 40 Kollegen berichten darin über "Köpflplätze", "Schinderkarren" und den Handel mit Leichen, die auf dem Seziertisch von Ärzten landeten.
Das Blut des Räubers Schinderhannes fingen angeblich Epileptiker auf, um sich mit dem Trunk zu heilen. Über Klaus Störtebeker heißt es, man habe seinen Kopf am Elbufer aufgespießt.
Nur, stimmt das? Wie arbeitete die Justiz der Vorfahren wirklich? Die alten "Schandflecken" seien lange kaum beachtet worden, meint Auler. "Dabei gehörten sie einst zum Landschaftsbild wie die Windmühlen."
Nun wendet sich das Blatt: Sieben Meter ragt ein Blutgerüst in der Steiermark empor, an dessen Fuß in diesem Frühling eine Grabung beginnt. Auch ein zur Ruine verfallener Galgen im fränkischen Pottenstein wird jetzt von einem Team untersucht.
Die Spuren, die dort auftauchten, zeugen von der Rohheit des Mittelalters: Häufig stoßen die Ausgräber auf zerfledderte Gebeine. Manche Städte ließen die Missetäter über Jahre hin im Wind baumeln. Raben pickten an ihnen herum und zerpflückten die Körper. Am Galgen von Augsburg faulten zuweilen über 30 Verbrecher gleichzeitig. Danach warf man sie wie Abfall in kleine Gruben. Die Fachleute sprechen von "Verlochung".
Kaum appetitlicher sahen die Geräderten aus. Bei dieser schimpflichsten aller Strafen zerbrach der Folterknecht Rippen und Langknochen des Täters, ehe er ihn in ein Rad flocht und auf einem Mast zur Schau stellte. "Es gab Menschen, die die Tortur überstanden und begnadigt wurden", so Auler.
Der Attentäter Robert François Damiens, der es gewagt hatte, auf König Ludwig XV. einzustechen, litt noch mehr. Büttel verkohlten seine Tathand mit brennendem Schwefel. Sie rissen ihm mit einer Zange Fleisch aus Armen, Brust und Schenkeln und gossen flüssiges Blei in die Wunden.
Die nachfolgende Vierteilung scheiterte anfangs, obwohl sechs Pferde im Einsatz waren. Erst als man dem Unglücklichen die Bänder an Schultern und Hüften blutig durchtrennt hatte, gelang das Zerreißen.
An derlei aufwendigen Marter-Orgien konnte sich das Volk allerdings nur selten erfreuen. Die Funde zeigen, dass die Richter vor allem zum Mittel der "Dekapitation" griffen. Der Todgeweihte musste niederknien und erhielt von hinten einen wuchtigen Schwerthieb. Im 17. Jahrhundert kamen auch Beil und Hackklotz in Mode.
Zwar legten die Henker Lehrprüfungen ab - geübt wurde an Kohlköpfen. Dennoch droschen sie oft daneben und trafen nur den Rücken oder das Schädeldach der Delinquenten. Auch das lässt sich anhand der freigelegten Knochen beweisen.
Rätsel dagegen wirft jene Frau auf, deren Skelett am neuen Flughafen Berlin Brandenburg gefunden wurde. Die Leiche steckte im Dorfgraben von Selchow, 15 Kilometer vom nächsten Richtplatz entfernt. Der Schädel lag auf dem Unterschenkel - eine Geköpfte.
Nur, wo ist ihr Genick? Fast alle Halswirbel fehlen.
Qualen richteten die Henker an, sie folterten, verstümmelten und arbeiteten auf dem Richtplatz oft in einer Wolke aus Verwesung. Kein Wunder, dass sie im Volk wenig Ansehen genossen. Ihr Beruf galt als "unehrlich". Wirte erteilten ihnen oft Hausverbot. Henkersfamilien heirateten nur untereinander.
Zugleich betrieben die Scharfrichter die Abdeckereien im Ort, sie kastrierten Hunde, säuberten das Gefängnis. Und sie verstanden sich auf Heilkunde und Chirurgie.
Weil der "Blutvogt" wusste, wie man Wilderern gezielt den Fuß, Dieben die Hand und Meineidigen die Schwurfinger abschnitt, konnte er auch fachgerecht kranke Körperteile entfernen. Bei der Brandmarkung musste er geschickt mit einem 300 Grad heißen Eisen hantieren und die Wunde hernach mit Schießpulver einreiben.
Trotz seines anatomischen Wissens blieb der Ruf des Halsabschneiders düster. Er tue "ein Gottes werck", lobte zwar im 13. Jahrhundert der "Sachsenspiegel". Doch die meisten Scharfrichter wohnten abseits. Sie trugen Handschuhe. Niemand mochte sie berühren.
Zudem machten die Burschen gern anrüchige Geschäfte mit Körperteilen. Sie verkauften Menschenfett ("Armsünderschmalz"). Zum Angebot gehörten auch Schamhaare, Finger oder Gehirnmasse als Grundlage für magische Arzneien.
Ihr Hauptjob aber blieb das Aufknüpfen. "Die meisten Todesurteile wurden mit dem Strang vollstreckt", erklärt Auler. Das ging so: Man legte dem Verbrecher ein eingefettetes Seil um den Hals und schubste ihn von der Leiter.
Zum Bruch eines Halswirbels reichte das selten, dafür war die Fallhöhe zu gering. Vielmehr schnürte das Seil nur die Halsgefäße ab. Im besten Fall stoppte der Sturz jäh die Blutversorgung des Gehirns. Dann trat nach etwa fünf Sekunden Bewusstlosigkeit ein.
Im anderen Fall zappelten und würgten die Leute, bis sie erstickten.
So schieden sie dahin, die Sünder der Vergangenheit, gemartert, geknüppelt und erdrosselt. "An Resozialisierung dachte damals noch keiner", so Auler. "Es ging um Sühne und Abschreckung."
Ganz wohl dabei war den mittelalterlichen Marterfreunden aber nicht. Hexen ließen sie zur Sicherheit ganz zu Asche verbrennen. Bei Alkersleben kam ein Skelett zutage, auf dem eine dicke Packung aus Stein lag. Der Mann sollte offenbar beschwert werden und auf keinen Fall dem Grab entkommen.
Vielleicht ein Vampir.
Von Matthias Schulz

DER SPIEGEL 15/2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.


DER SPIEGEL 15/2013
Titelbild
Der digitale SPIEGEL
Diese Ausgabe jetzt digital lesen

Die digitale Welt der Nachrichten. Mit interaktiven Grafiken, spannenden Videos und beeindruckenden 3-D-Modellen.
Sie lesen die neue Ausgabe noch vor Erscheinen der Print-Ausgabe, schon freitags ab 18 Uhr.
Einmal anmelden, auf jedem Gerät lesen - auch offline. Optimiert für Windows 8, Android, iPad, iPhone, Kindle Fire, BlackBerry Z10 sowie für PC/Mac.

Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

JUSTIZGESCHICHTE:
Grabung unterm Galgen

Video 01:24

Gezeitenflut am Qiantang-Fluss Die perfekte, gefährliche Welle

  • Video "Gezeitenflut am Qiantang-Fluss: Die perfekte, gefährliche Welle" Video 01:24
    Gezeitenflut am Qiantang-Fluss: Die perfekte, gefährliche Welle
  • Video "Fast: Gigantisches Radioteleskop in Betrieb" Video 00:53
    "Fast": Gigantisches Radioteleskop in Betrieb
  • Video "Marinevideos veröffentlicht: Öltanker in Flammen" Video 00:52
    Marinevideos veröffentlicht: Öltanker in Flammen
  • Video "Royals in Kanada: Prinz George stiehlt allen die Show" Video 01:04
    Royals in Kanada: Prinz George stiehlt allen die Show
  • Video "Tödliche Schüsse in Charlotte: Polizei veröffentlicht Videoaufnahmen" Video 00:58
    Tödliche Schüsse in Charlotte: Polizei veröffentlicht Videoaufnahmen
  • Video "Premierentor für Midtjylland: Ein typischer van der Vaart" Video 00:53
    Premierentor für Midtjylland: Ein typischer van der Vaart
  • Video "Video zu Legal Highs: Psychotrips aus der Chemie-Küche" Video 03:29
    Video zu "Legal Highs": Psychotrips aus der Chemie-Küche
  • Video "Video zu BrangeliNumbers: Hollywoods Powerpaar in Zahlen" Video 00:55
    Video zu BrangeliNumbers: Hollywoods Powerpaar in Zahlen
  • Video "Webvideos der Woche: Beinahe-Katastrophen und sportliche Buckelwale" Video 03:41
    Webvideos der Woche: Beinahe-Katastrophen und sportliche Buckelwale
  • Video "Cybersec: Angriff auf ein Smart-Home" Video 01:50
    Cybersec: Angriff auf ein Smart-Home
  • Video "Fahrrad fährt 144 km/h: Auf dem Highway ist die Hülle los" Video 01:24
    Fahrrad fährt 144 km/h: Auf dem Highway ist die Hülle los
  • Video "Tödliche Polizeischüsse in Charlotte: Nicht schießen, nicht schießen. Er hat keine Waffe" Video 01:24
    Tödliche Polizeischüsse in Charlotte: "Nicht schießen, nicht schießen. Er hat keine Waffe"
  • Video "Nobelpreis für VW: Wer den Schaden hat..." Video 00:59
    "Nobelpreis" für VW: Wer den Schaden hat...
  • Video "Wütende Wahlkämpfer in Georgien: Politiker prügeln sich in TV-Debatte" Video 01:36
    Wütende Wahlkämpfer in Georgien: Politiker prügeln sich in TV-Debatte
  • Video "Griechenland: Kampfhubschrauber-Absturz vor der Küste" Video 00:53
    Griechenland: Kampfhubschrauber-Absturz vor der Küste