26.06.1995

GrüneFesch beschuht

Ein fast konspiratives Abendessen: Der BDI traf sich mit echten, lebenden Grünen.
Die Sonne scheint, die Luft ist lau. Doch die Herren von der Großindustrie streben aus der Limousine stracks nach oben in den miefigen Konferenzraum. Ihre Dinnergäste möchten sie lieber nicht, wie sonst üblich, draußen am Portal empfangen.
Wer sind die peinlichen Personen, mit denen die Spitzen vom Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) und erlesene Führungskräfte hiesiger Konzerne so ungern gesehen werden wollen? Shell-Aufsichtsräte? Die Männer von Daimler-Benz, die in diesem Jahr 13 500 Stellen streichen?
Viel schlimmer: Die Topmanager müssen mit grünen Bundestagsabgeordneten zu Abend essen.
Während die Funktionäre im ersten Stock noch konzentriert ihre Diskussionsstrategie durchgehen, ketten die Ökoparlamentarier draußen ihre Räder ans Regenrohr.
"Die Klischees stimmen schon mal", raunt einer gutgelaunt. Den grünen Haushaltsfachmann Oswald Metzger dagegen plagt das schlechte Gewissen: "Wir haben uns gar nicht auf die vorbereitet."
Drei Viertel der 16 Grünen, tröstet sich Metzger, seien "wenigstens ordentlich angezogen". Fraktionsgeschäftsführer Lukas Beckmann ist sogar aus seinen Sandalen in ein Paar Halbschuhe geschlüpft und hat ein fesches schwarzes Hemd übergestreift.
Soviel Mühe ist fast überflüssig. Seit dem Wahltriumph in Nordrhein-Westfalen will ohnehin jeder Manager mit den Grünen reden. Daimler-Benz-Chef Jürgen Schrempp traf sich am 1. Juni insgeheim mit Fraktionschef Joschka Fischer; Parteisprecherin Krista Sager wird vom Bund Junger Unternehmer hofiert und von Holsten-Chef Klaus Asche mit charmanten Briefen bedacht; Metzger bekommt Besuch von Franz Schoser, dem Hauptgeschäftsführer des Deutschen Industrie- und Handelstages.
Da kann sich der BDI nicht länger auf seine bequeme Position zurückziehen, die Ökopartei sei eine Art Modegag und werde sich selbst erledigen.
Plötzlich spürt auch der mächtigste deutsche Wirtschaftsverband den Zwang, mit den einstigen Schmuddelkindern ins Gespräch kommen zu müssen - aber möglichst so, daß es keiner merkt.
Eine Bonner Villa schien unauffällig genug für den konspirativen Treff am vorigen Dienstag, der als private Soiree eines CDU-Parlamentariers getarnt ist. BDI-Chef Hans-Olaf Henkel ist der Zusammenkunft ferngeblieben, um keine unnötige Aufmerksamkeit zu erregen. Kühl wird ein neugieriger Fotograf abgewiesen.
Der Anführer der Industriellen, der ehemalige Henkel-Manager Helmut Sihler, 65, will seine heikle Mission nicht an die Öffentlichkeit gezerrt haben. Sonst kommen konservativere BDI-Mitglieder noch auf den Gedanken, _(* Bei einer Demonstration vor dem ) _(Atomkraftwerk Biblis. )
ihre Interessenvertreter paktierten plötzlich mit den vermeintlichen Totengräbern der deutschen Wirtschaft.
Sihler zur Seite stehen Michael Demmer (Oetker Holding), Jürgen Philipp (Thyssen), Lothar Freitag (Philipp Holzmann), Hans Joachim Langmann (Merck), Klaus Sattler (Nestle), Manfred Sappok (Siempelkamp Gießerei) und Wolf-Dieter Zumpfort (Preussag), assistiert von sieben BDI-Funktionären.
Mit richtigen Konzernbossen hatten es bisher die wenigsten Grünen zu tun. Sie betrachten die Einladung des BDI als Sieg des Guten. Die Manager müssen ähnliche Gedanken hegen: Sie tragen zur Begrüßung Mienen wie einst die sowjetischen Unterhändler beim Abrüstungsgespräch.
Als BDI-Geschäftsführer Arnold Willemsen, der das Wort führt, langatmig den Unterschied zwischen BDI und Arbeitgeberverband ("Die machen die Tarifpolitik") erläutert, kursiert gegenüber bei den Grünen das erste Zettelchen: "Halten die uns für Idioten?"
Wohl eher für Masochisten. Genüßlich zitiert Willemsen aus dem Programm der Partei, wo der Raubbau an der Natur nach alter Tradition den "Profitinteressen des Großkapitals" angelastet wird. Programm und Politik klafften nicht nur bei den Grünen auseinander, entgegnen die Gäste.
Vorsichtig merkt die Grüne Margareta Wolf ("Genauer hinsehen statt Vorurteile hegen") an, daß es in Hessen eine durchaus positive Zusammenarbeit gebe, sogar mit dem Chemiekonzern Hoechst.
Das läßt Willemsen kalt. Er weiß, was er "von denen" zu halten hat. Sorgsam hat er den Gegner schließlich vorher ausspioniert, erst vorvergangene Woche auf einem Hearing der Grünen zur Ökosteuer etwa. "Einen ganzen Haufen Leute, die dem Marxismus nahestehen", hat er da entdeckt.
Beweist denn nicht die Geschichte, wohin die grünen Pläne führten? Hobby-Historiker Willemsen: "Fast alle Revolutionen haben sich an Steuererhöhungen entzündet."
Andrea Fischer wird bei den Grünen "Vulkan" genannt. Sie kann ohne jede Vorwarnung explodieren. Als Willemsen wieder anhebt, ist es soweit. "Was wollen Sie? Was machen Sie? Nichts. Immer nur nein", blafft sie den Funktionär an. "Wir denken wenigstens nach. Und Sie? Sie nicht!"
Die jüngeren BDI-Vertreter versuchen, mit einem Zwinkern ein Signal stillen Beifalls auszusenden. Sollte sich der ideologische Konflikt weniger an Kategorien wie links und rechts, sondern vielmehr am Gegensatz modern/ altmodisch entzünden? Befinden sich da einige Herren auf dem Rückzug, deren Weltbild sich seit den frühen siebziger Jahren kaum mehr verändert hat?
Als Sihler sagt, Deutschland könne keine ökologische Insel sein, weil das Export und Arbeitsplätze gefährde, entgegnet ihm Beckmann: "Sollen wir uns in der Ökologie am Letzten orientieren? Keine Insel - das ist ein Totschlagargument, das zum Nichtstun auffordert."
Verblüfft schaut der Henkel-Mann auf. "Touche", sagt er und gibt den Punkt verloren.
Nach einer Stunde hängen die Sakkos über den Stühlen. Zwar kommt man sich bei Themen wie Atomkraft oder Gentechnologie nicht viel näher. Doch das gemeinsame Lästern über die zerfahrene SPD fördert die Sympathie.
Zeit für erste Zugeständnisse. Von den Grünen seien wieder weder Wunder noch Katastrophen zu erwarten, räumten sie ein. Die Gestaltungschancen, gesteht Realo Metzger, bewegten sich auch für seine Partei auf einem "sehr schmalen Korridor".
Die Industrievertreter danken mit feinsinnigen Komplimenten. Die Streitkultur der jungen Partei sei ja bewundernswert und auch die Offenheit. Welche Partei ist schon so mutig, ihre Ökosteuer-Pläne als Entwürfe zu bezeichnen, an denen noch gearbeitet werden müsse, und nicht als letztgültige Wahrheit?
Selbst Arnold Willemsen drängt auf Rehabilitation. In Workshops, regt der BDI-Funktionär ganz progressiv an, könne man doch künftig heikle Themen gemeinsam besprechen.
Verdutzt stimmen die Grünen zu, auch wenn Oswald Metzger es nicht recht glauben mag: "Wie verunsichert müssen die sein, wenn sie tatsächlich von uns lernen wollen." Y
* Bei einer Demonstration vor dem Atomkraftwerk Biblis.

DER SPIEGEL 26/1995
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