26.06.1995

„Die wollten nur Macht“

SPIEGEL: Herr Bahro, der Ort unseres Gesprächs ist ungewöhnlich - ein Zimmer im Berliner St.-Hedwig-Krankenhaus.
Bahro: Ich habe Blutkrebs und liege hier seit drei Monaten. Ob ich aus der Sackgasse herauskomme, weiß ich nicht. Operieren können sie mich in diesem Zustand nicht. Das ist eine ganz schwere Brustoperation, da reichen die Reserven nicht.
SPIEGEL: Warum haben Sie sich vier Monate lang nicht behandeln lassen?
Bahro: Weil ich dachte, ich finde was Alternatives. Vier Monate habe ich im Nebel gestochert und dem Krebs Zeit gegeben anzuwachsen. Jetzt läuft die Chemotherapie. Die ist sehr aussichtsreich. Mein Zögern macht mir jetzt zu schaffen. Deswegen habe ich auch meine persönlichen Verhältnisse noch formell geregelt und wieder geheiratet und bin froh darüber.
SPIEGEL: Sie waren neben Robert Havemann der berühmteste Dissident der DDR und wie er ein überzeugter Kommunist. Was ist davon geblieben?
Bahro: Im Herzensgrunde bin ich noch immer Kommunist, _(Das Gespräch führten die Redakteure ) _(Ulrich Schwarz und Peter Wensierski. )
was meiner grünen Option weniger denn je widerspricht.
SPIEGEL: Damit ist die Frage, ob Sie sich noch immer als Linker fühlen, schon beantwortet.
Bahro: Keineswegs. Ich sehe mich nicht mehr links.
SPIEGEL: Bahro, ein rechter Kommunist?
Bahro: Das gibt es nicht. Mein Kommunismus ist nicht links, nicht rechts.
SPIEGEL: Sondern?
Bahro: Meine Auffassung von Kommunismus schließt materielle Expansion, auf der Karl Marx alles aufbaut, aus. Deswegen habe ich immer Zoff mit Leuten, die sich für links halten. Ich denke, daß der Ausgangspunkt von Kommunismus von jeher eine Weggemeinschaft von Menschen gewesen ist, die auf der Suche nach Befreiung, nach Selbstbefreiung sind. Ich glaube, daß in der gegenwärtigen ökologischen Weltkrise die Überflußproduktion die Todesspirale ist, die letzten Endes zum Untergang der Gesellschaft führt, auch wenn wir noch eine Weile so weiterleben können.
SPIEGEL: Ist Kommunismus, so interpretiert, dann nicht nur noch eine leere nostalgische Worthülse?
Bahro: Nein, meine Vorstellung vom richtigen Weg der Gesellschaft schließt Kommunismus als Bedingung ein. Im bisherigen Kommunismus ist Gerechtigkeit mit erweiterter Reproduktion verbunden, und das auf einer endlichen Erde, das kann nicht gehen. Kommunismus ist zwar nicht mehr mein Ausgangspunkt, aber ich habe nicht den geringsten Grund, diesen ursprünglichen Zugang zur Gesellschaft, über den ich mich hinausgearbeitet habe, irgendwie zu verleugnen.
Kommunismus, das wird ein Zeitalter sein, in dem die Menschen, die einander verbunden sind durch gemeinsames Interesse am Gemeinwohl und in hingebungsvoller Arbeit für die Schaffung des Schönen, gemeinsam ihre Zukunft gestalten. Dies ist eine Utopie, die nicht untergehen kann. Sie kann bloß degenerieren oder zeitweiligem Vergessen anheimfallen.
SPIEGEL: Also doch: Sie kommen von Ihren Wurzeln nicht los.
Bahro: Ja, das ist es wohl. Anfang der sechziger Jahre, nach dem Mauerbau, hatte ich mein Maximum an Zustimmung zu den Verhältnissen hier. Da war ich als Redakteur der Greifswalder Uni-Zeitung Mitarbeiter der SED-Parteileitung an der Uni Greifswald. Da war alles gut. Das war so gut, daß die Stasi kam und mich fragte, könnten wir nicht, und ich sagte ja. Das war irgendwann Anfang 1962.
SPIEGEL: Was hat die Stasi denn von Ihnen gewollt?
Bahro: Die wollten, daß ich mit ihnen zusammenarbeite. Ich weiß jetzt nicht mehr, ob ich was unterschrieben habe oder nicht, es könnte durchaus sein. Die wollten mich testen, aber ich habe sie in den drei Gesprächen, die ich hatte, enttäuscht. Ich erzählte denen nur Sachen aus der Uni, die ich auch in die Zeitung und Parteileitung brachte. Dort haben wir sie vertrauensvoll diskutiert. Wir haben niemanden in die Pfanne gehauen, soweit ich weiß jedenfalls. Ich merkte aber rasch, die wollten mehr. Beim zweiten oder dritten Mal sollte ich etwas über Winfried Weiß erzählen, das war mein Erster Parteisekretär; da war ich konsterniert.
SPIEGEL: Warum? Die Stasi war doch der Arm der Partei.
Bahro: Ja, natürlich, aber zugleich war die Stasi schon ein spezielles Organ.
SPIEGEL: Viele Intellektuelle haben damals in den fünfziger und sechziger Jahren aus Überzeugung, etwas für die gute Sache zu tun, mit der Stasi zusammengearbeitet, zum Beispiel Robert Havemann oder Christa Wolf.
Bahro: Ich habe mich ja auch geehrt gefühlt. Aber als ich meinen eigenen Parteisekretär denunzieren sollte, da war ich schockiert. Da ist mir plötzlich aufgegangen, was mir bis dahin so nicht bewußt war: daß die Stasi innerhalb der Partei spitzelt, daß es um Verrat an Leuten ging, nicht um analytische Berichte über die Situation der DDR. Dazu war ich einfach nicht fähig. Das hat der Mann, der mich ansprach, wahrgenommen, und dann haben sie mich einfach fallenlassen, stillschweigend.
SPIEGEL: War das der Anfang des Dissidenten Bahro?
Bahro: Nein, erst einmal holte mich die Partei wegen guter Arbeit nach Berlin, und zwar zur Gewerkschaft Wissenschaft. Da war ich ein paar Jahre Lobbyist für jene, die auch mal gern einen Nobelpreis gekriegt hätten.
SPIEGEL: Und wann wurden Sie zum Oppositionellen?
Bahro: Meine Wende war der 15. Jahrestag der DDR 1964. Ich zog bei der Parade am 7. Oktober vormittags an der Tribüne vorbei und las die Losung. "Was des Volkes Hände schaffen, ist des Volkes Eigen" stand da. Nachmittags machte es "klick!". In dem Augenblick wußte ich, die wollen nicht weiter, die wollen nur Macht und die Rolle der Partei stärken, bis zum Sankt-Nimmerleins-Tag. Der Schock hat noch nicht ganz gereicht. Aber dann kam 1968 der Einmarsch in die CSSR. Der hat mir endgültig die Augen geöffnet.
SPIEGEL: Welche Träume vom Leben im Sozialismus hatten Sie denn, die an so einer Losung zerbrachen?
Bahro: Ich war 16, als ich mich für die Partei entschied. Gewonnen hatte mich ein Lehrer meiner Oberschule, der später da Direktor wurde, und zwar durch seine Aufrichtigkeit. Der war zuvor gerade noch ein HJ-Führer gewesen, aber er war nun echt.
SPIEGEL: Und was hat Sie so an ihm begeistert?
Bahro: Dieser Lehrer, Dieter Behrendt hieß er, kam in seine erste Stunde bei uns rein, es war Ende der neunten oder Anfang der zehnten Klasse, und sagte: Warum heuchelt ihr denn so? Ich habe ihn daraufhin gefragt, warum bei uns zwar angeblich die Arbeiter herrschen, aber in Wahrheit doch nicht. Da hat er gesagt, die Arbeiter, das ist eine Interessenfrage, und wer sich unter die Kleie mengt, den fressen die Säue. Wenn Arbeiter gegen den Sozialismus angehen, dann fällt der individuelle Arbeiter mit unter die Unterdrückung. Denkt an die Nazi-Zeit.
Das hatte ich noch nie gehört, daß jemand so ehrlich antwortete. Und dann ist er in der nächsten Stunde als Geschichtslehrer zu uns gekommen und hat Leninismus pur gebracht: "Staat und Revolution", gerade die machtpolitische Komponente, aber unverhüllt. Das war eigentlich mein Einstieg in Leninismus.
SPIEGEL: Als Sie 1972 anfingen, die "Alternative" zu schreiben, Ihre Abrechnung mit dem DDR-Sozialismus, da hat die Stasi, wie aus den Akten hervorgeht, Sie gewähren lassen, obwohl sie sehr früh davon wußte. Haben Sie eine Ahnung, warum?
Bahro: Das ist mir bis heute nicht klar. Ich dachte eine ganze Weile, vielleicht hat Markus Wolf, der damalige Chef der Hauptverwaltung Aufklärung, mich gedeckt, aber da bin ich mir nicht mehr so sicher.
SPIEGEL: Haben Sie Wolf mal gefragt?
Bahro: Nein.
SPIEGEL: Warum nicht?
Bahro: Ich habe nicht die Initiative ergriffen. Wenn er auf mich zugekommen wäre, hätte ich.
SPIEGEL: Haben Sie denn eine Ahnung, wer damals die Stasi informiert hat?
Bahro: Erst mal hat meine damalige Frau Gundula ihrer Chefin am Slawischen Institut der Humboldt-Universität, Edel Mirowa-Florin, davon erzählt, daß "der Rudi spinnt". Die Frau des damaligen Vizeaußenministers Peter Florin und Gundula waren halt befreundet. Die Mirowa-Florin wiederum war vertraut mit Emmi Wolf. Die gehörte zum Clan von Markus und Konrad Wolf und arbeitete ebenfalls am Institut. Das ist die mögliche erste Ebene. Und dann hat man mir - es kann Ende 1976 gewesen sein, also mindestens ein Jahr vor Veröffentlichung der "Alternative" - einen geschickt, der war deutlich Spitzel.
SPIEGEL: Aber es hat Sie keiner von Ihren Freunden verpfiffen?
Bahro: Nein, es war kein Freund. Wahrscheinlich habe ich selbst zuviel geredet. Ich war ja auch ein bißchen eitel.
SPIEGEL: Sie haben mal gesagt, die Liebe zu den Frauen sei für Sie ein wesentliches Element Ihrer Biographie. Haben Sie Glück gehabt mit den Frauen?
Bahro: Ja, sehr viel Glück - und großes Unglück. Ich habe mit wunderbaren Frauen gelebt. Bloß das war nicht im Plan, daß sich eine von ihnen, meine zweite Frau Beatrice, von der Siegessäule stürzt.
SPIEGEL: Das war vor zwei Jahren. Wissen Sie, warum?
Bahro: Ja, sicher, weil es eine Rivalin gab, mit der ich jetzt lebe, und weil sie damals aufgrund interner Querelen den Boden des "Lernwerkstatt"-Projekts unter den Füßen verloren hatte, ihrer Lebensarbeit. Dieser Selbstmord ist, glaube ich, auch eine Ursache meiner Krankheit jetzt. Aber der Tod von Beatrice hat auch viel mit der DDR zu tun. Als die Wende kam, lebten wir gerade anderthalb Jahre in dem Eifeldorf Niederstadtfeld, _(* 1983 in Oregon. )
wo sie die Lernwerkstatt, eine ökologische Akademie, gegründet hatte. Mich hat die DDR im Herbst 1989 sofort wieder angezogen, ich war das Machtmäßige an dem Projekt DDR viel weniger los, als ich gedacht hatte. Beatrice blieb mit unserer kleinen Tochter Hannah zurück. Die war damals gerade ein Jahr und drei Monate alt. Beatrice hat das alles nicht verkraftet.
SPIEGEL: Was trieb Sie denn in die untergehende SED-Republik, die Sie zehn Jahre zuvor verstoßen hatte?
Bahro: Na, irgendwie die DDR noch retten, obwohl ich es eigentlich besser wußte.
SPIEGEL: Auf dem SED-Parteitag im Dezember 1989 wurden Sie mit gemischten Gefühlen empfangen.
Bahro: Ja, ich war dort Gast, habe mir Rederecht erzwungen und meine Auslegung von Ökologie und Kommunismus gepredigt.
SPIEGEL: Wie haben Sie sich gefühlt?
Bahro: Viele Delegierte waren ein Schock für mich, die waren seelisch vierschrötiger, als die CDU in der Eifel ist. Selbst alte Freunde habe ich da auf einmal so wahrgenommen. Andererseits hatten sich 53 Prozent der Teilnehmer dafür ausgesprochen, daß ich eine halbe Stunde reden durfte.
SPIEGEL: Das muß doch unheimlich geknistert haben. Da kam einer, den die Partei zehn Jahre zuvor ins Gefängnis geworfen hatte und hielt eine Moralpredigt.
Bahro: Ja, es hat heftig geknistert, während der ganzen Rede. Als ich bei der Landwirtschaft war, da schrien, glaube ich, drei Viertel des Saals.
SPIEGEL: Warum sind Sie nicht in die PDS gegangen?
Bahro: Ich habe damals vorgeschlagen, die SED müsse sich auflösen, wenigstens für drei Wochen müßten die Genossen mal allein durch die Dunkelheit gehen und dann die zusammenholen, die so etwas wie eine Partei der sozialistischen Erneuerung wollen, mit Ökologie und all dem.
SPIEGEL: Und warum fand Ihr Vorschlag keinen Beifall?
Bahro: Ein DDR-Schriftsteller, den ich aus alten Forum-Zeiten kannte, brachte die Sache auf den Punkt: Wenn wir uns jetzt auflösen, kommen wir nie wieder zusammen, und in der Zwischenzeit erschlagen sie uns. Der Parteitag war für mich die endgültige Zäsur. Da habe ich begriffen, da ist keine Reformfähigkeit mehr drin. In die PDS wäre ich nie gegangen.
SPIEGEL: Und was ist dann die "DDR in uns", zu der sich die Ostdeutschen bekennen sollen? Das haben Sie 1991 gefordert.
Bahro: Das war etwas sehr Schlichtes. Ich meinte, es sei ein ungeheurer Unfug, die ganze DDR bloß unter Unrechtsstaat abzubuchen. Ich habe jahrzehntelang meine ganze positive Energie hier eingebracht, ich habe da nichts zu verleugnen. Ich habe auch nicht zu verleugnen, was ich hier selbst zur Repression beigetragen habe. Das war halt so damals, guten Glaubens, und das heißt ja noch nicht, daß es richtig war.
SPIEGEL: Die DDR-Elite weigert sich bis heute hartnäckig, ihre eigene Rolle beim Scheitern des Sozialismus aufzuarbeiten. Die meisten flüchten sich in Schweigen.
Bahro: Da gibt es in der Tat eine Verweigerung. Ich glaube, aus zu viel Schuldgefühl. Das ist falsch.
SPIEGEL: Wie wär''s denn richtig?
Bahro: Ich meine, der Schlüssel ist die PDS, weil die halt das DDR-Gefühl doch irgendwie verwaltet. Aber wie die PDS das macht, das finde ich saublöd: eine kleinkarierte Klientelpolitik, die sich nur um Sonderinteressen von Underdogs kümmert. Ich sage denen: Ihr habt mal die Partei der allgemeinen Emanzipation des Menschen sein wollen. Diese Klientel, die ihr euch hier anhängt, die ist gewiß euer Schicksal, und ihr könnt dem auch nicht ganz entgehen. Aber wenn ihr euch darauf reduziert, dann könnt ihr behaupten, ihr seid Opposition, soviel ihr wollt, ihr seid gar keine.
SPIEGEL: Ein Journalist hat Sie einen Reformator genannt. Einverstanden?
Bahro: Ja, ich habe mich selbst mal so dargestellt, daß ich hier aufgetreten bin in der Partei und gegen die Partei wie der Ketzer in seiner und gegen seine Kirche, also wie Luther. Ich bin wohl reformatorisch. Das ist noch etwas anderes als reformerisch.
SPIEGEL: Was ist der Unterschied?
Bahro: Reformatorisch ist fundamental, der Reformator will den radikalen Wandel.
SPIEGEL: Ein rot-grüner Luther, wäre das ein Ehrentitel?
Bahro: Na gut, ein Klischee wird gebraucht, wenn''s denn das ist!
SPIEGEL: Die Suche nach Liebe, nicht nur zu den Frauen, ist ein Zentralpunkt Ihres Denkens und Handelns . . .
Bahro: . . . ein Defizitmotiv . . .
SPIEGEL: . . . ist es diese Suche nach Liebe gewesen, die Sie auf ein paar Umwege in Ihrem Leben geführt hat? Zum Beispiel nach Nordkorea oder zum Bhagwan?
Bahro: Die Suche nach Liebe ist sozusagen meine psychologische Schwachstelle, sicher. Die kommunistische Partei, vom Volk geliebt, das war mein Ansatz, um mich 1968 mit dem Prager Frühling zu identifizieren. In den Fällen Korea und Bhagwan war das vordergründiger. Bei meinem Besuch in Nordkorea hat Luise Rinser die entscheidende Rolle gespielt, eine persönliche Beziehung, als sie 1981 Nordkorea besuchte. Luise wollte mich dabeihaben.
SPIEGEL: Haben Sie diese Eskapade bereut, später mal?
Bahro: Nein, ich muß mir nichts vergeben. Gelitten hat Luise, weil sie nun doch noch wieder anders zu Korea steht als ich. Ich habe das System ja von innen gekannt und dort dem Moment asiatische Produktionsweise, das in meiner "Alternative" eine große Rolle spielt, sozusagen in fünf Minuten auf den Grund geguckt.
SPIEGEL: Was hat die überzeugte Katholikin Luise Rinser dazu gebracht, ausgerechnet für Kim Il Sung zu schwärmen?
Bahro: Ach, das paßt sehr zu ihr. Das widerspricht ihrem Katholizismus überhaupt nicht. Kim Il Sung, der war, soweit ich das wahrnehmen konnte, echt, ganz im Gegensatz zu diesem Sohn, der jetzt regiert. Der Vater hat an seine Lesart des Kommunismus, die sanfte Despotie, wirklich geglaubt. In Nordkorea gab es subtilere Repression, Umerziehung, aber nicht Gulag, dachte jedenfalls auch ich. Luise hat das Wohlwollende in dieser Despotie gesehen, das Despotische hat sie nicht wahrgenommen.
SPIEGEL: Und wie war das mit Bhagwan?
Bahro: Ja, auch meine Schwärmerei für Bhagwan hat mit Liebe zu tun, aber nicht so platt, wie das oftmals kolportiert worden ist. An Bhagwan bin ich über die West-Berliner Indologin Dr. Agnete Kutar gekommen; die hatte ihren Durchlauf links und frauenbewegt, bis sie erkannte, wir sind lauter kaputte Leute, die die Welt ganz machen wollen. Als ich rüber kam in den Westen, 1979, habe ich als erstes Agnete getroffen.
Agnete wurde 1980 Sannyasin, sie gab mir ein Buch von Bhagwan: "Die Intelligenz des Herzens". Das befaßte sich mit kaputten Leuten, die die Welt ganz machen wollen. Ich habe nur Ausrufezeichen machen können und bloß an wenigen Stellen Fragezeichen. Der Hund ist wirklich intelligent, Bhagwan.
SPIEGEL: Und wie denken Sie heute darüber? Ist Ihnen etwas geblieben aus dieser Zeit?
Bahro: Von Bhagwan, ja, viel. Vor allem die Erkenntnis, daß Kommunismus nur zwei Jahre brauchen muß, um in Despotismus auszuarten, und der Guru merkt es nicht gleich und versucht es zu spät zurückzuholen, weil er auch die asiatische Perspektive hat, unbewußt. Er denkt, das Spiel hat tolle Regeln, da brauchen wir keine demokratische Vermittlung.
SPIEGEL: Also eine negative Erfahrung.
Bahro: Nicht nur. Diese Atmosphäre der emotionalen Befriedigung, die wirklich nicht vordergründig auf der Ebene Liebe lag, hat mich angezogen. Denken Sie doch mal daran, wie ich als "Mann im Futteral" 1979 aus der DDR herauskam. Bhagwan war mir vor allem eine Lockerungsübung. Ich war nicht Sannyasin, ebensowenig wie ich in der PDS bin. Aber ich war in dem Bhagwan-Camp im amerikanischen Oregon nicht als distanzierter Beobachter. Ich habe die Meditation früh und mittags mitgemacht. Meine Grunderfahrung war, daß man nach zwei Tagen dort ein bißchen schwebt. Es gab da ein Energiefeld, das trug.
SPIEGEL: Bei den Grünen hat das Energiefeld nicht gestimmt. Bei denen haben Sie angefangen, als Sie 1979 in den Westen kamen. Aber die Liaison hat nur knapp sechs Jahre gehalten.
Bahro: Die Grünen waren zunächst zwar eine Mühe für mich, aber keine Last. Die wurden das erst, als ich feststellte, das war auch nicht das, was ich gemeint habe. Ich habe es dann zwar etwas hysterisch auf die Spitze getrieben, als ich 1984 auf dem Hamburger Parteitag sagte, es hat schon mal eine braune Restauration des Kapitalismus in Deutschland gegeben, ihr könnt auch eine grüne zustande bringen, wegen der Machtbesessenheit.
SPIEGEL: Und wie sehen Sie die Grünen heute?
Bahro: Na ja, eine Systempartei mehr. Ich bin gerade rechtzeitig verschwunden. Die Grünen sind einfach kein Identifikationsgegenstand mehr für mich.
SPIEGEL: In den letzten Jahren ist es still um Sie geworden. Rudolf Bahro, so der Eindruck, hat sich aus der Politik entfernt, sitzt da irgendwo in seiner Lernwerkstatt in der Eifel oder irgendwo in Sachsen bei den kommunitären Gemeinschaften, der kämpft gegen die industrielle Megamaschine, aber allein auf weiter Flur.
Bahro: Ich empfinde meine Aktion hier in Ostdeutschland und davor in der Eifel als alles andere als unpolitisch.
SPIEGEL: Was ist das Politische daran?
Bahro: In der Eifel haben wir ökologische Akademie gemacht und geistige Grundlagen für die politische Erneuerung bearbeitet. Das fällt natürlich nicht unter den Politikbegriff, den die Medien verbreiten. Ich halte das aber für Politik. Leute, die mich besser kennen, etwa Kurt Biedenkopf, zu dem es seit 20 Jahren einen geistigen Kontakt gibt, der wird nie auf den Gedanken kommen, Bahro könnte je unpolitisch werden.
SPIEGEL: Was verbindet Sie denn mit dem Christdemokraten Biedenkopf?
Bahro: Ich habe Biedenkopf 1981 zufällig bei einer Radiosendung getroffen. Da habe ich mitgekriegt, daß er meine ganzen Sachen immer gelesen hat und daß er Nahrung daraus gezogen hat für seine Auseinandersetzung um Wachstumspolitik. Selbst Heiner Geißler hat mich in erster Linie als Kommunisten angesagt im Westen, Biedenkopf hat weder das noch das Gegenteil getan, sondern hat einfach gesehen, da denkt jemand aus einem anderen System heraus über Wachstum ähnlich, und zwar praktisch, er will es in seiner Gesellschaft abdrehen.
SPIEGEL: Hat Sie das Interesse des CDU-Mannes an Ihnen verblüfft?
Bahro: Damals wußte ich noch gar nicht, worin dieses Interesse eigentlich bestand. 1985, nach meinem Austritt bei den Grünen, kriegte ich plötzlich ein handschriftliches Kärtchen von Biedenkopf, auf der er mir zum 50. Geburtstag gratuliert und mich beglückwünscht zu meiner geradlinigen Haltung. Da habe ich mir dann sein Buch "Die neue Sicht der Dinge" über sozialökologische Marktwirtschaft gekauft. Bis dahin hatte ich gedacht, das handelt vom Urschleim der Bundesrepublik, das mußt du dir nicht unbedingt antun.
SPIEGEL: Und das war der Beginn einer christlich-ökokommunistischen Freundschaft?
Bahro: Die begann - lassen wir die Schlagworte! - erst richtig im Sommer 1991. Da hat Biedenkopf im Audimax der Humboldt-Uni eine Vorlesung gehalten und mit mir diskutiert. Dabei haben wir dann dieses Sachsenprojekt, das nun in der Gemeinde Pommritz bei Bautzen wächst, konzipiert. Ich wollte von Biedenkopf lediglich eine Starthilfe, und die hat er unbürokratisch gegeben. Er hat dann nur noch von Fall zu Fall eingegriffen, wenn es Schwierigkeiten gab.
SPIEGEL: Und wie läuft das Projekt?
Bahro: Jetzt leben in Pommritz etwa 50 Erwachsene und Kinder, ein überaus spannendes Projekt, das wächst und gedeiht. Die haben 70 bis 80 Hektar unter der Hand und sind dort im Sinne des Öko-Landbaus produktiv. Die kommunitäre Gemeinschaft ist vor allem ein soziales Experiment, das darauf hinauslaufen könnte, aus der Massenproduktion weltweit umzuschalten auf einen lokalen Reproduktionsprozeß im Nahbereich.
Das ist ja ein großer Teil der ökologischen Katastrophe, dieser wahnsinnige Transport, wo ein und dasselbe Zeug hunderttausendmal am Tag aneinander vorbeigekarrt wird auf den Strassen.
SPIEGEL: Pommritz ist nicht Ihr einziges Aktionsfeld. Sie halten seit 1990 an der Humboldt-Universität Vorlesungen.
Bahro: Gleich nach der Wende konnte ich dort schon Vorlesungen über "Die Alternative" und "Stalinismus" halten. Dann bekam ich in der letzten Stunde der DDR die Berufung zum außerordentlichen Professor. Die Vorstellung damals nach der Wende war, mich zum ordentlichen Professor zu machen mit entsprechender Dotierung. Das steht noch immer aus, da gibt es seit langem ein Hin und Her, das zermürbt. Derzeit sitze ich auf einer Art Oberassistentenstelle.
SPIEGEL: Wer hört Ihnen eigentlich zu?
Bahro: Lange Zeit kamen bis zu 600 Leute, dann hat sich das eingependelt auf etwa 300. Es kommen viele aus der Stadt, aber auch alles, was bunt ist, also aus den verschiedenen Fakultäten der Universität - alles Leute, die irgendwie ahnen, daß Wissenschaft auch ihr eigenes Verhängnis ist, und die etwas ändern wollen. Das Engagement hat zwar nachgelassen, seit der "Wende" ein generelles Problem. Aber meine frei gehaltenen Vorlesungen füllen immer noch das Audimax. Ich gehe der Frage nach: Warum zerstört der Mensch sich selbst und die Erde? Welche politische Wende ist nötig?
Im nächsten Semester werde ich an der Landwirtschaftlichen Fakultät, in die ich jetzt eingegliedert bin, eine zweite Reihe Vorlesungen aufnehmen. Ich hoffe sehr, die Gesundheit erlaubt es mir.
SPIEGEL: Herr Bahro, was glauben Sie, wird von Ihren Anstrengungen, diese Gesellschaft zu verändern, bleiben?
Bahro: Also eine Menge geistiger Innovation, mehr, als ein normales Professorenleben hergibt. Das würde ich immer sagen.
SPIEGEL: Haben Sie Hoffnung, daß Ihr eigener Pessimismus über den Zustand dieser Erde und ihren Untergang sich nicht bewahrheiten wird?
Bahro: Ich bin ja nicht pessimistisch. Ich sage nur, wenn wir das "Business as usual" nicht beenden, dann sind wir verloren. Ich sage, der Mensch, wie er nun mal ist, der ist verloren. Aber der Mensch übersteigt unendlich den Menschen. So eine Krise wie jetzt hat die Menschheit noch nicht erlebt. Da muß was Vereinigendes am Werke sein, ich spüre es.
SPIEGEL: Herr Bahro, wir danken Ihnen für dieses Gespräch. Y
Das Gespräch führten die Redakteure Ulrich Schwarz und Peter Wensierski. * 1983 in Oregon.
Von Ulrich Schwarz und Peter Wensierski

DER SPIEGEL 26/1995
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