19.06.1995

AnschlägeOhr an der Polizei

Deutsche Sicherheitsbehörden fürchten eine neue Terror-Welle: Briefbomben von rechts.
Der Brief, adressiert an Lübecks Vize-Bürgermeister Dietrich Szameit, kam aus dem österreichischen Ternitz, südwestlich von Wien. Als Thomas Rother, 35, Lübecker SPD-Fraktionsgeschäftsführer, am Dienstag letzter Woche, frühmorgens um 8.20 Uhr den Umschlag öffnete, wurde der erste Stock des Rathauses von einer Detonation erschüttert.
Eine Briefbombe verletzte dem Sozialdemokraten vier Finger der rechten Hand schwer.
Rothers Parteifreund Szameit, 42, dem der Anschlag galt, hatte sich im April öffentlich über die seiner Ansicht nach zu milden Urteile gegen die Brandstifter der Lübecker Synagoge beklagt. Der Mann war das dritte Ziel mutmaßlich rechter Terroristen innerhalb von fünf Tagen. Am Freitag vorletzter Woche hatte eine Briefbombe die Mitarbeiterin des Münchner TV-Senders "Pro 7", Sabine Dammann, verletzt. Der Sprengsatz in einem mit Blümchen verzierten Kuvert war an die dunkelhäutige Fernsehmoderatorin Arabella Kiesbauer adressiert.
Eine weitere Briefbombe explodierte in einer Partner-Agentur im österreichischen Linz, die vor allem Ehen mit Ausländerinnen vermittelt.
In dem beigefügten Begleitschreiben an die TV-Moderatorin rühmten sich die Täter der Tradition von "Andreas Hofer zu Tirol" und "Graf Rüdiger von Starhemberg". Hofer kämpfte Anfang des 19. Jahrhunderts gegen die napoleonische Fremdherrschaft; Starhemberg verteidigte Wien im Jahre 1683 gegen die Türken.
"Starhemberg" ist auch das Pseudonym einer obskuren rechten Terrorgruppe, die sich zudem "Bajuwarische Befreiungsarmee" (BBA) nennt. Sie verschickt ihre Sprengsätze offenbar an mißliebige Bürger, die sich für Ausländer engagieren. In Österreich gehören zu den Opfern Kommunalpolitiker, Journalisten und Pfarrer. Eines der ersten Ziele der BBA war im Dezember 1993 Wiens damaliger Bürgermeister Helmut Zilk. Dem SPÖ-Politiker zerfetzte eine Briefbombe die linke Hand.
Unter dem Verdacht, das Attentat auf Zilk begangen zu haben, sitzen seit Dezember 1993 die beiden österreichischen Neonazis Franz Radl und Peter Binder in Wiener Untersuchungshaft.
Bei der Suche nach den Tätern von München, Linz und Lübeck hatte die Polizei Ende letzter Woche noch keinerlei Spur. In einem Bekennerschreiben an den Anwalt Binders schilderten BBA-Aktivisten detailliert die Technik, die auch bei den Anschlägen in München und Linz benutzt wurde.
Irritiert hat die österreichische Polizei, daß die BBA in dem Schreiben die Namen zweier in der Öffentlichkeit völlig unbekannter Experten der Kripo nennt. Die BBA-Bombenbauer, so ein deutscher Verfassungsschützer, hätten "zumindest ein Ohr an der österreichischen Polizei". Auffällig ist nach Ansicht von Fachleuten, daß der BBA-Brief zwar eine Melange aus fremdenfeindlichen, antisemitischen und germanentümelnden Versatzstücken enthält, aber nicht den klassischen Jargon der Neonazis verwendet. In dem Bekennerschreiben bekunden die Terroristen Sympathie für den Chefideologen der Freiheitlichen des Rechten Jörg Haider, den Journalisten Andreas Mölzer, der gegen eine angebliche "Umvolkung" Österreichs polemisiert.
Sicherheitsexperten im Wiener Innenministerium orten die BBA in Kreisen von Kärntner oder Steiermärker Chauvinisten. Deutsche Verfassungsschützer und Fahnder des Bundeskriminalamtes (BKA) suchen nach möglichen Verbindungen der BBA-Terroristen in die rechtsextreme Szene der Bundesrepublik. Bisher haben deutsche Rechtsextremisten nach BKA-Erkenntnissen noch nie Briefbomben verwendet.
Das, so fürchten die Sicherheitsbehörden, könnte sich jetzt ändern. "Die Theorie geht der Tat voraus", sagt Ernst Uhrlau, Verfassungsschutzchef in Hamburg. Uhrlau warnt seit längerem, daß sich in der durch Verbote in die Illegalität abgedrängten Neonazi-Szene ein brauner Terrorismus entwickeln könnte.
Unter den Neonazis kursiert eine unter dem Pseudonym "Hans Westmar" verfaßte zweibändige Broschüre "Eine Bewegung in Waffen", die auf 126 Seiten Tips für den "revolutionären Kleinkrieg" gegen die "jüdische Demokratie" gibt.
Die am stärksten radikalisierte Truppe im braunen Untergrund ist nach Einschätzung der Verfassungsschützer die "Direkte Aktion/Mitteldeutschland". Die Anfang Mai vom Potsdamer Innenminister verbotene Vereinigung zählt etwa 70 Mitglieder. Die Gruppe orientiert sich am Fanatismus der Linken.
Die Rechten, fordert der Angriff, das Kampfblatt der Aktion, müßten "von der Linken lernen", vor allem von der Roten Armee Fraktion. "Ihr bis zur Selbstaufgabe geführter Kampf, mit seiner ganzen Logistik", schwärmt das Neonazi-Blatt, "muß für uns ein Vorbild sein." Y
[Grafiktext]
Aufbau u. Funktionsweise einer Briefbombe
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DER SPIEGEL 25/1995
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