26.06.1995

Großbritannien

Maul halten

Von Partei und Volk mißachtet, pokert Premier Major hoch: Sieg oder Rücktritt.

Zur Rettung seines Premiers wählte Sir Patrick Mayhew, Nordirland-Minister im Kabinett von John Major, einen ungewöhnlichen Weg. Nicht etwa in einer Parteiversammlung oder Fraktionssitzung, sondern in einem Leserbrief an die Londoner Times forderte er seine konservativen Parteifreunde auf, die Hexenjagd auf den Regierungschef endlich einzustellen.

Noch mehr "Aufruhr" gegen Major werde nicht nur auf die Tories zurückfallen, sondern könne auch die Hoffnungen auf eine Friedenslösung für die nordirische Krisenprovinz zunichte machen.

Die Hilfsaktion war gut gemeint, aber für Major nur peinlich: Er stand da als ein Mann, der sich seiner Feinde nicht mehr selbst zu erwehren weiß und auf die Gnadengesuche barmherziger Fürsprecher angewiesen ist.

Doch der vermeintliche Schwächling, der seit Monaten nur noch Prügel einsteckte, raffte sich zu einem Befreiungsschlag auf. Wie früher in seiner Laufbahn zeigte er sich am kämpferischsten, wenn ihn Partei und Volk schon abgeschrieben hatten.

Im Stile eines Verzweifelten trat Major vorigen Donnerstag als Parteichef zurück und erzwang so eine Neuwahl des Tory-Vorsitzenden für den 4. Juli - mit ihm als Kandidat. Seine zahlreichen Gegner in der Partei forderte er auf, nicht mehr im Hinterhalt zu lauern, sondern offen gegen ihn anzutreten: "Steht auf gegen mich, oder haltet das Maul!"

Geht sein Kalkül auf, wird die überwältigende Mehrheit der 330 Tory-Unterhausabgeordneten ihn fügsam wiederwählen.

Der Freund und Feind überraschende Ausbruchversuch aus der Verliererecke, in die seine Kritiker ihn gedrängt hatten, kam nach einer Serie von Negativrekorden und Flops. Kabinett wie Fraktion sind heillos über Großbritanniens künftigen Kurs in der Europäischen Union zerstritten. Sämtliche Wahlen seit Majors überraschendem Sieg bei den Parlamentswahlen 1992 verloren die Konservativen haushoch. Zahlreiche Minister und Parlamentarier sind in Bestechungsaffären verwickelt oder gaben sich durch Sexeskapaden der Lächerlichkeit preis.

Wie keinem Premier in diesem Jahrhundert versagen Major nach knapp fünfjähriger Amtszeit die Tory-genervten Briten die Gefolgschaft: Nur noch 20 Prozent wollen bei der nächsten Wahl - die spätestens im Frühjahr 1997 fällig ist - für die seit 16 Jahren regierenden Konservativen stimmen.

Der charismatische Labour-Herausforderer Tony Blair, 42, liegt nach jüngsten Umfragen bereits 38 Prozentpunkte vor dem blassen Amtsinhaber. Major sei "zwar ein netter Kerl, aber eben ein Verlierer", höhnte der konservative Parlamentarier Tony Marlow.

Die jüngste Schlappe verpaßte ihm der Ölmulti Shell, der trotz Rückendeckung durch die Londoner Regierung unter internationalem Druck auf die Versenkung der ausrangierten Ölplattform Brent Spar verzichtete. Wieder einmal stand Major in der Öffentlichkeit blamiert da - hatte er doch ahnungslos eine Stunde vor dem Shell-Rückzieher im Parlament die Entsorgung des verseuchten Stahlkolosses auf hoher See noch vehement verteidigt.

Nun erkannte er, daß allein die Flucht nach vorn ihn retten könnte. Schatzkanzler Kenneth Clarke, 54, neben Handelsminister Michael Heseltine, 62, und Arbeitsminister Michael Portillo, 42, aussichtsreichster Kandidat für die Major-Nachfolge, attestierte seinem Chef zumindest ungewohnte Courage: "Der Kerl hat Mumm, das muß man schon sagen." Außenamtschef Douglas Hurd, der bei der kommenden Kabinettsumbildung auf eigenen Wunsch ausscheiden wird, ist überzeugt, daß Majors Vabanquespiel aufgehen wird: "Er wird von einer beträchtlichen Mehrheit wiedergewählt."

Selbst seine Vorgängerin Margaret Thatcher, die seit Jahren emsig an ihrem einstigen Schützling herumnörgelt und an der Zerrissenheit der Konservativen viel Schuld trägt, fand anerkennende Worte: Sie glaube an Majors Wiederwahl. Sein Rücktritt zeige, "daß er sich um unser Land kümmert".

Geschickt hat sich Major vor Bekanntgabe seiner Entscheidung die Loyalität des "1922 Committee" gesichert. In diesem Gremium sitzen die einflußreichen grauen Eminenzen der Partei, die traditionell in ihren exklusiven Herrenklubs das Stimmverhalten der wahlentscheidenden Hinterbänkler kontrollieren. Komitee-Vorsitzender Sir _(* Nach Majors Amtsübernahme 1990. )

Marcus Fox: "Wir stehen hinter John Major."

Auch die potentiellen Rivalen Heseltine und Portillo haben Ende vergangener Woche dem Regierungschef ihre Unterstützung zugesichert. Ihre Stunde könnte erst kommen, wenn Major im ersten Wahlgang nur eine dünne Mehrheit erzielte.

Dann hätte der erfahrene Heseltine die größeren Chancen, Major zu beerben. Der schwerreiche Politprofi gilt freilich als ausgewiesener Pro-Europäer - in den Augen der Tory-Rebellen ein ebenso großes Manko wie seine führende Rolle beim Königinnen-Sturz ihrer Heldin Margaret Thatcher 1990.

Dem Liebling der Euro-Skeptiker, Portillo, fehlt dagegen die Ausstrahlung des löwenmähnigen Handelsministers. Der jugendliche Thatcherist mit spanischem Vater tat sich bislang vor allem als Immigrationsgegner und Leitfigur der Anti-Europäer hervor. Erst kürzlich forderte er, Major müsse Großbritanniens Verzicht auf eine gemeinsame Euro-Währung ein für allemal festschreiben.

Für den ersten Wahlgang zeichnete sich Ende vergangener Woche eine Kampfkandidatur des prominenten Außenseiters und ehemaligen Schatzkanzlers Norman Lamont, 53, ab. Er verfolgt den Premier, der ihn 1992 als Verantwortlichen für den Verfall des britischen Pfunds und den Ausstieg aus dem Europäischen Währungssystem gefeuert hatte, mit bitterem Haß. Um Major zu schaden, hat der eitle Parteirechte im Unterhaus schon einmal mit Labour gestimmt. Er wäre ein Gegenkandidat ohne echte Wahlchancen. Aber sollte er an die 100 Dissidentenstimmen bekommen, wäre Major desavouiert.

Die Chancen des Premiers sind nicht viel besser als 50 zu 50. Sein größtes Risiko besteht darin, daß zahlreiche Unzufriedene sich im ersten Wahlgang der Stimme enthalten könnten.

Doch ganz gleich, ob Major seine Partie gewinnt: An einen Aufschwung der Konservativen und ein Abflauen der erbitterten Flügelkämpfe mag selbst im Tory-Hauptquartier kaum jemand glauben.

Dort zirkuliert seit kurzem die Untersuchung einer Werbeagentur über die Attraktivität von Markenzeichen: Danach rangiert "Tory" bei den Konsumenten weit hinten, noch nach der tschechischen Billigautomarke Skoda. Y

* Nach Majors Amtsübernahme 1990.

DER SPIEGEL 26/1995
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