26.06.1995

FrankreichAbstieg in die Hölle

Die Rechtsextremisten unter Jean-Marie Le Pen haben sich mit der Eroberung von drei Rathäusern endgültig als dritte Kraft etabliert.
Verächtlich grinsend hebt Mahrod die rechte Hand zu einem "bras d'honneur", einem Stinkefinger. Wenn der neue Bürgermeister von Toulon Ärger suche mit den Immigranten, so der junge Algerier, der in einem Kramladen der südfranzösischen Hafenstadt jobbt, bekomme er "Zunder wie noch nie".
Im übrigen sei es ihm und seinen Kumpels völlig egal, wer im Rathaus herrsche: "Die waren dort alle immer rassistisch."
Ein berühmter Sohn der Stadt kann es indes noch nicht fassen, daß mit Jean-Marie Le Chevallier, 58, ein Spitzenmann des Front national (FN) für die nächsten sechs Jahre im Rathaus thronen wird. Der Rutsch nach rechtsaußen sei "der Abstieg in die Hölle, der Untergang", so der Rugby-Nationalheld Daniel Herrero.
Wie ein Erdbeben haben die Kommunalwahlen Frankreichs etablierte Politikerkaste erschüttert. Zum erstenmal eroberten die Rechtsradikalen des Polterers Jean-Marie Le Pen drei Städte: Marignane bei Marseille, die provenzalische Festspielstadt Orange und als Paradestück Toulon, mit 170 000 Einwohnern Nummer 13 unter den Großstädten der Nation.
Noch vor kurzem hatte Verteidigungsminister Charles Millon den Flottenstützpunkt als "Schaufenster der nationalen Marine" hochgejubelt; nun ist die Militärbasis, Heimathafen unter anderem des Flugzeugträgers "Foch", Schaufenster für Le Pens Rassisten.
Betreten kamen die Parteistrategen von Gaullisten und Sozialisten zu einem für sie schmerzlichen Schluß: Nach den Erfolgen bei den Europawahlen voriges Jahr (10,5 Prozent) und der Präsidentschaftswahl im Mai (15 Prozent) hat sich der Front national einen festen Platz als dritte Kraft unter den großen politischen Parteien gesichert. Die Drohung des Tribuns Le Pen, an ihm komme keiner mehr vorbei, ist wahr geworden.
Dieser Durchbruch markiere "eine Wende in der französischen Politik seit Ende des Zweiten Weltkriegs", konstatierte die Zeitung Le Parisien. Der gaullistische Parlamentspräsident Philippe Seguin, der den Zulauf zum Front national bei der Präsidentschaftswahl noch als vorübergehendes "Protestwähler"-Syndrom verharmlost hatte, revidierte sein Urteil: "Das ist eine echte Anhängerschaft."
In Dutzenden von Städten, von Roubaix bis Perpignan, von Tourcoing bis Villefranche an der Saone, rafften die Rechtsradikalen 25 bis 48 Prozent der Stimmen zusammen. Landesweit verdreifachten die Le-Penisten im Vergleich zu den letzten Rathauswahlen die Zahl ihrer Mandate - auf über tausend.
In Städten wie dem elsässischen Mülhausen, Dreux westlich von Paris oder Noyon in der Picardie verhinderten sonst rivalisierende Rechte und Linke nur durch "republikanische Fronten" Siege des FN in der Stichwahl. Jugendliche, darunter zahlreiche Immigrantenkinder, retteten in Vitrolles am Mittelmeer mit Tür-zu-Tür-Mobilisierung den Sozialisten Jean-Jacques Anglade vor der Ablösung durch den FN-Vize Bruno Megret, der nach 43 Prozent im ersten Wahlgang schon einen Fuß im Rathaus hatte.
"Gangster des Establishments" und "Immigrantenbataillone" hätten demokratische Wahlen sabotiert, schäumte der einäugige FN-Führer Le Pen daraufhin gegen die Bürgerinitiativen.
In Paris war das Erschrecken vor der "Generation Le Pen" (der konservative Figaro) groß. Der neue Staatschef, Jacques Chirac, hatte im Wahlkampf zwar klarsichtig vor den - nunmehr aktenkundigen - Folgen der "gesellschaftlichen Zerrissenheit" Frankreichs gewarnt. Aber statt eines Sozialplans dekretierte er als erste große Amtshandlung lieber die Wiederaufnahme der Atomwaffenversuche. Nun befahl er seinen Ministern überstürzt, Aktionen zur Erhöhung der Sicherheit, zur Kontrolle der illegalen Einwanderung und zur Integration der sozial ausgegrenzten Franzosen einzuleiten.
Innenminister Jean-Louis Debre suchte dem FN die Schau zu stehlen, indem er in einer landesweiten Razzia auf radikale Islamisten 140 Verdächtige festnehmen ließ.
Le Pen löste auch einen Kulturstreit aus: Politiker und Künstler zankten sich, wie die rechtsradikalen Hochburgen künftig behandelt werden sollen. Der sozialistische Ex-Premier Laurent Fabius will die FN-infizierten Kommunen unter Quarantäne stellen; Gaullisten-Generalsekretär Jean-Francois Mancel zieht die politische Auseinandersetzung einer "Diabolisierung" der radikalen Rechten vor.
Das belgische Lüttich kündigte seine Partnerschaft mit Toulon auf. Rastatts sozialdemokratischer Oberbürgermeister, Klaus-Eckhard Walker, möchte mit dem FN-Amtskollegen der Partnerstadt Orange, Jacques Bompard, nichts zu schaffen haben; Bürgerkontakte will er indes weiter pflegen. Der populäre Sänger Patrick Bruel - Antisemit Le Pen höhnisch: "Auf Benguigui (so lautet Bruels jüdischer Geburtsname) kann Toulon gern verzichten" - strich Konzerte in Toulon und Orange. Le Pen verhöhnte die Proteste als "Gekläff ungewaschener Welpen".
Die farbige Sängerin Barbara Hendricks lehnte es dagegen ab, einer neuen Gesangsschule in Orange ihren Namen zu entziehen; die Sopranistin will, genau wie der Chansonnier Charles Aznavour, "kulturellen Widerstand vor Ort" üben.
Im Auge des FN-Orkans sitzt, sichtlich beglückt über nationale Aufregung und internationale Beachtung, Toulons neuer Stadtchef, der Europarlamentarier und Le-Pen-Intimus Le Chevallier. Mit seinem graumelierten Haar, dem dunkelblauen Blazer und der modischen Krawatte personifiziert der Vater von vier Kindern und Bewohner eines prächtigen Anwesens den französischen Bourgeois perfekt.
Politologen sind sich längst einig: Nicht mehr der Rabauke Le Pen (letzten Donnerstag nannte er den Kulturminister und Bürgermeister des Wallfahrtsorts Lourdes, Philippe Douste-Blazy, einen "Pyrenäen-Kretin"), sondern geschmeidige Managertypen wie Le Chevallier oder Bruno Megret, Absolvent einer Elite-Akademie, werden die nächste FN-Generation repräsentieren.
Daß Le Pen die Hafenstadt als künftiges "Laboratorium" für FN-Experimente wie die gezielte Diskriminierung von Ausländern nutzen will, tut Le Chevallier, einst Mitarbeiter des Staatschefs Valery Giscard d'Estaing, lächelnd ab: Alle seine Vorhaben würden sich "streng im Rahmen der Legalität" halten; er sei doch nur ein "Gewählter wie alle anderen".
Der Biedermann verspricht weniger Beton und ein Ende der wuchernden Korruption in und ums Rathaus. Und wenn künftig 60 mit Pistolen aufgerüstete städtische Polizisten statt der bisher 20 knüppelbewehrten Ordnungshüter für Sicherheit sorgten in den Immigrantenvierteln, "in die sich abends kein anständiger Mensch mehr traut", werde das "die Touloner begeistern".
Zum Beweis seiner Honorigkeit zählt Monsieur le Maire in seinem mit Le-Pen-Fotos dekorierten Büro auf, welch ehrenwerte Mitglieder in seiner Rathausfraktion (der FN hält 41 von 59 Mandaten) sitzen: zwei Admirale, Ärzte, Rechtsanwälte, Kaufleute, Handwerker, Hausfrauen, ein Student. Le Chevallier: "Wer hat je Bessere gehabt?"
Aber der FN konnte auch massenhaft kleine Leute an sich binden - die Rechten sind Frankreichs größte Arbeiterpartei geworden. Das verdanken sie einem Rezept, mit dem früher die Kommunisten erfolgreich waren: Während die Pariser Eliten sich immer mehr vom Volk entfernten, rackerten die FN-Funktionäre an der Basis. Angesichts von 12,3 Prozent Arbeitslosigkeit, wachsender Kriminalität und Ausländerfeindlichkeit fielen selbst Primitivslogans wie "Ausweisung von fünf Millionen Immigranten bedeutet fünf Millionen Arbeitsplätze für Franzosen" oft auf fruchtbaren Boden, nicht nur beim sozialen Strandgut.
"Es ist eine Schande", ärgert sich etwa ein in Toulon wohnender Pilot von Air Inter, "daß in Frankreich eine Moschee nach der anderen gebaut wird und ein paar islamische Mädchen wegen des Kopftuchs das ganze Land in eine Schulkrise stürzen können." Und ein junger Lehrer in Vitrolles sagt: "Eigentlich will niemand Le Pen, aber wenn ich ihn höre, muß ich leider sagen: Er hat recht."
Im Pariser Vorort Noisy-le-Grand stürzte Anfang Juni ein junger marockanischer Motorraddieb auf der Flucht vor der Polizei zu Tode. In den Nächten darauf steckten etwa hundert vorwiegend farbige Jugendliche vier Schulen in Brand und rammten einen Bulldozer in einen Supermarkt. Zehn Tage später machte der lokale FN-Kandidat Kasse: Er bekam 22,5 Prozent statt der 9,3 bei der letzten Wahl. Ein örtlicher Polizist: "Natürlich kann auch ein Le Pen die Immigranten nicht wegjagen. Aber die Leute haben derart Angst, daß sie ihm glauben."
Selbst nordafrikanische Einwanderer der ersten Generation wählen zunehmend Front national; als eingebürgerte Franzosen fürchten sie Konkurrenz durch neue - illegale - Nachzügler.
Der frisch gewählte FN-Superstar Le Chevallier hält deswegen schon Ausschau nach anderen Ufern. Die Rechtsextremisten haben sich in der Region Provence-Alpes-Cote d'Azur derart fest etabliert, daß der Touloner Rathaus-Neuling sich bei Teilwahlen zum Pariser Senat im September gute Chancen auf einen Sitz in der "Haute Assemblee" ausrechnet. Le Chevallier hoffnungsvoll: "Ich wäre der erste FN-Senator in Frankreichs Geschichte." Y

DER SPIEGEL 26/1995
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