19.06.1995

AngelnSmarties im Maul

Hochgerüstete Spezialruten, bunt gefärbte Wunderköder - deutsche Extremangler machen Jagd auf Riesenkarpfen.
Es dämmert bereits, als die elektronische Bißanzeige der linken Angelrute piept. Mike Luner springt aus dem Schlafsack. Stundenlang hat der Mann aus Hamburg auf diesen Augenblick gewartet. 50 Meter Schnur reißt der Fisch von der Rolle. Es muß ein Kapitaler sein. Nur mit äußerster Anstrengung kann Luner das Tier stoppen. Bedrohlich krümmt sich die Rute aus Kohlefaser.
"Dann die nächste Flucht, urplötzlich, urgewaltig", erinnert sich der Angler. Er läuft auf eine Landzunge, um einen anderen Winkel zum Fisch zu bekommen. Da erschlafft die Sehne. Ist der Karpfen ausgestiegen? Nein. Sekunden später spürt der Häscher wieder "die ganze Masse des Fisches". Das macht Spaß.
So geht es fast eine halbe Stunde lang: Schnur geben und wieder einholen ("pumpen"). Der Karpfen muß müde werden. Schließlich ist die Beute im Kescher: ein Spiegelkarpfen, kaum Schuppen, 55 Pfund schwer, mindestens 30 Jahre alt.
Solche Angelkämpfe (Fachwort: Drill) werden in der deutsche Anglerszene immer beliebter. Tausende "Carp Hunter" stehen mit Karbonhaken und speziellen Teigkugeln ("Boilies") an den Kühlwassereinleitungen von Kraftwerken an Rhein, Ruhr und Neckar, jenen aufgeheizten Flußstellen, an denen sich Leder-, Spiegel- und Schuppenkarpfen Rekordgewichte anfressen.
Lange Zeit galt es als fast unmöglich, große Exemplare der Art Cyprinus carpio an den Haken zu kriegen. Zu schlau sind die Kapitalen, um auf normale Köderfallen hereinzufallen. Bei Windstille überblicken sie die Uferregion. Jede Nahrung wird mehrfach getestet, angesaugt und wieder ausgeblasen.
Die Boilie-Fischerei, in England erfunden, überlistet die Oldies trotzdem. Im Zentrum des Kults stehen 14 bis 20 Millimeter große proteinhaltige Teigkugeln. Diese Köder, maßgeschneidert für die Schlundzähne der Karpfen, hängen an einer dünnen Schnur vier Zentimeter vor dem Angelhaken. Verschluckt der Fisch die Teigmurmel, rutscht der Haken nach und bohrt sich ins Maul.
Vier Pfund? Acht Pfund? Über solche Mickerfänge von Normalanglern können die Carp Hunter nur lächeln. Sie ringen mit zementsackschweren Riesen. Entsprechende Angelstellen, etwa am niederländischen Twente-Kanal, sind heiß umkämpft. Im Lac de Cassien in Südfrankreich holte ein Brite einen Siebzigpfünder raus.
Im Militärlook hocken Boilie-Anhänger tagelang in Tarnzelten am Ufer. Sie schlafen auf Karpfenliegen, sitzen auf Karpfenstühlen und halten Karpfensäcke bereit. Angeführt wird die deutsche Fang-Hitliste derzeit von dem Maschinenschlosser Heinz Runz, 40, der bei Heidelberg den 56 Pfund schweren Spiegelkarpfen "Big Ben" aus dem Neckar zog.
Verspeist werden die erbeuteten Kaventsmänner nicht. Das Boilie-Ritual verläuft stets gleich. Der gehakte Fisch wird gewogen, vermessen und fotografiert. Solcherart dokumentiert, versorgt der Fänger die Hakenwunde mit "Klinik", einer Wundsalbe, und läßt den Fisch wieder frei. Hernach spachtelt er Dosensuppe.
Der "große Karpfenmann" (Anglerlatein) mit seiner Rute ist süchtig nach dem Drill. Er will "die zunehmende Kraft des gehakten Fisches" spüren, heißt es in der Boilie-Bibel "Carp Fever" des Briten Kevin Maddocks. "Große Strudel" will er sehen und die "wilden Aktionen" beim limnologischen Nahkampf.
Tierschützer begegnen solchem Treiben mit Skepsis. "Streß" würden die Tiere erleiden, erregt sich Margret Bunzel-Drüke vom Naturschutzbund. Der Deutsche Tierschutzbund spricht von "erheblichen Schmerzen und Leiden".
Auch der 630 000 Mitglieder zählende Deutsche Sportfischerverband distanziert sich von der Extremangelei. Doch die Fangemeinde wächst. Spezielle Gruppen ("Specimen Hunting Groups") entstehen. Die Industrie offeriert Equipment vom Karpfenhaken bis zu Bißanzeigern mit Leuchtdioden.
Hartgesottene Fanatiker kochen ihre bunt gefärbten Boilies nach geheimen Rezepten. Die Teigbasis besteht häufig aus Weizengluten, Sojamehl oder Babynahrung. Als Lockstoffe dienen Ahornsirup, Erdbeeraroma oder Backpulver. Diese Paste wird mit Eiern verrührt und hartgekocht.
Mit ihren Köder-Smarties fahren die Jäger hernach mit Schlauchbooten aufs Wasser und füttern an. Kiloweise plumpsen Mais, Bohnen und Boilies an vorher ausbaldowerte Stellen. Andere Angler verschießen das Futter mit sogenannten Madenschleudern.
Drei Tage lang wird die Päppelprozedur wiederholt. Erst am vierten Tag, wenn der Karpfen bereits Hunderte der bunten Proteinbomben ohne Schaden verschluckt hat, wirft der Fischer seine Angelschnur an die Futterstelle.
Die Taktik hat meist durchschlagenden Erfolg. Neidisch beobachten Normalangler, wie Boilie-Fischer innerhalb weniger Stunden mehrere Megafische anlanden. Selbst ausgebuffte Giganten haben gegen die heimtückische Fangmethode keine Chance.
Rekordkarpfen "Big Ben" gehört sogar zu den Wiederholungsopfern. Zwei Wochen nach seiner ersten Gefangenschaft lag der Fischwanst schon wieder auf einer Karpfenwaage. Er hatte erneut einen Boilie verschluckt. Y

DER SPIEGEL 25/1995
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