03.07.1995

Ein gigantisches Spielzeug

Die Berliner Schriftstellerin Monika Maron über das Leben mit Christos verhülltem Reichstag

Von Maron, Monika

Maron, 54, lebte bis 1988 in Ost-Berlin und wohnt heute im Westteil der Stadt. 1991 veröffentlichte sie den Roman "Stille Zeile Sechs".

Im Jahre 1984, als Michael S. Cullen, Christos Stellvertreter in Berlin (natürlich auch der Stellvertreter von Jeanne-Claude, aber davon war damals nicht die Rede), mir zum erstenmal etwas von Christos Reichstagsverhüllungsplänen erzählte, konnte ich daran, wenn ich mich richtig erinnere, nichts Absonderliches finden. Die Absurdität der Berliner Mauer war nicht zu überbieten, nur zu ergänzen, und ein leerstehendes Parlamentsgebäude in ihrem Schatten mit Laken zu verhüllen erschien mir nur folgerichtig.

1994, als die Verhüllung oder Nichtverhüllung des Reichstages zu einer nationalen Identitätsfrage angeschwollen war, die nach einer Bundestagsentscheidung verlangte, kam es mir lächerlich vor, nach dem Pont Neuf, der australischen Küste und einigen Inseln im Atlantik auch noch den kleinen Reichstag zu verpacken.

Als es nun endlich soweit war, fand ich mich eher auf der Seite der Skeptiker, auch weil mich der Ton der Diskussion - entweder für Christo oder Nationalist und Spießer - dahin gedrängt hatte.

Hier schreibt eine Bekehrte. Es ist schön, es macht Spaß; seit Christo den Reichstag verhüllt hat, ist Berlin eine andere Stadt. Sie hatte es nötig.

Dabei ist es gleichgültig, ob der Reichstag schön ist oder häßlich, ob er diese oder eine andere Geschichte hat, ob er verfremdet wird oder nicht. Wer im Berliner Zentrum derzeit etwas verfremden will, beläßt es am besten, wie es ist. Christo hat den Reichstag verpackt, und seine Botschaft heißt: Kommt her, kommt alle her.

Berlin hat plötzlich einen Marktplatz, sagt M. Es erinnert an ein Leichentuch, sagt C. Als wäre ein Ufo gelandet, sagt K. Ein gigantisches Spielzeug, sage ich. Jeder kann finden, was er sucht, und darf vergessen, was Zeitungen und Fernsehsender ihm als Rüstzeug für den bevorstehenden Kunstgenuß wochenlang eingebleut haben. Nur mein Freund, der Maler Nikolai Makarov, schweigt. Wahrscheinlich denkt er darüber nach, warum dem einen erlaubt wird, ein ganzes Parlamentsgebäude unter Stoff verschwinden zu lassen, während er seinen wunderbaren venezianischroten Makarov-Raum bisher nur im Kröchlendorffer Schloß einrichten darf, obwohl man in jedem Reihenhaus einen Platz dafür finden könnte, vorausgesetzt, es wohnen kunstsinnige Leute darin.

Christos symbolträchtige Aktion mußte, solange sie nur als Idee existierte, viel Sinngebung über sich ergehen lassen, was insofern sinnlos war, als ihr der eine Sinn so gut unterstellt werden konnte wie der andere. Ob der Reichstag durch die Verhüllung aufgewertet oder abgewertet würde, ob er auf die Art wenigstens vorübergehend endlich verschwinden oder gerade sichtbar werden würde, lag im Belieben des jeweiligen Wortführers. Daß der verhüllte Reichstag, wenn es ihn einmal gibt, selbst Sinn stiftet, wurde wohl am wenigsten vermutet.

In seiner seltsamen Verkleidung steht er da und erwartet die Einfälle seiner Betrachter, ein kolossales A, das den Rest des Alphabets herausfordert. Die einen singen, andere trommeln, noch andere jonglieren, manche küssen sich, die meisten fotografieren. Nachts kann man sich als Riesenschatten von den Scheinwerfern auf dem Portal abbilden lassen, und wer dabei einem anderen auf die Schultern klettert, steigt mühelos übers Dach.

Am Sonntag wurde im Radio gemeldet, in den frühen Morgenstunden hätten Scharen nächtlicher Besucher die Absperrung zur Westfassade durchbrochen, was die Ordnungskräfte das Schlimmste befürchten ließ. Dabei hatte diesen Sturm auf den Reichstag nur unbezähmbare Neugier entfacht. Sie wollten es anfassen, sagte einer der Ordnungshüter. Der Drang, es anzufassen, wie Kinder ein Tier oder etwas Unbekanntes betasten und befühlen wollen, überkommt offenbar jeden, mich auch.

Die gute Laune, die das Ding verbreitet, entspringt dem reinen Übermut. Jemand ist einer fixen Idee 24 Jahre treu geblieben, um uns am Ende diese schöne und glitzernde Sinnlosigkeit auf die Wiese zu stellen. Wenn das möglich ist, muß noch mehr möglich sein.

Es scheint, als hätte Berlin diese Botschaft des Leichtsinns sehnsüchtig erwartet. Die Stadt, der die verschonten Vorstadtbewohner der übrigen Republik längst gestrichene Subventionen neiden und ihr Larmoyanz vorwerfen, ohne zu ahnen, wie es sich jenseits der eigenen wohlgefügten Ordnung lebt, wird durch die Pflicht zur Vereinigung strapaziert wie keine andere. Nicht nur die PDS hat ihr Zentrum in Berlin, sondern auch die russische und die asiatische Mafia. Was aus dem Osten kommt, strandet hier, viel Gutes ist zur Zeit darunter nicht zu entdecken. Berlin ist dabei, den Rest seines ohnehin umstrittenen Charmes zu verlieren.

Plötzlich steht inmitten der mißmutigen Umtriebigkeit, verlockend und flüchtig wie eine Fata Morgana, Christos verhüllter Reichstag, und die Berliner tun etwas, das der Senat seinen öffentlich Bediensteten in Fortbildungskursen vergebens beizubringen versucht: Sie lächeln. Alles, was man ihnen vorwirft, nicht zu sein, sind sie innerhalb der Bannmeile um den Reichstag: großstädtisch, friedfertig, gelassen, sogar höflich, als benutzten sie die Verhüllung als Projektionsfläche für alles, was sie an ihrer Stadt und an sich selbst vermissen.

Berlin hat aus der Reichstagsverhüllung ein Fest gemacht, weil es ein Fest brauchte. Hätte es einen Skandal gebraucht, wäre es vielleicht ein Skandal geworden. Soviel verströmende Harmonie ist einigen Menschen natürlich verdächtig, und so kann sich jemand wie ich zum zweitenmal der Spießerei bezichtigt finden; zum erstenmal, weil ich kein Anhänger der Verhüllung war, und jetzt, weil sie mir gefällt.


DER SPIEGEL 27/1995
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