03.07.1995

BadenNackter Widerstand

Bisher unbekannte Akten dokumentieren die erste friedliche Revolution in der DDR: den Kampf der Ostdeutschen für das Recht auf FKK.
Dem Mann behagte der Auftrag gar nicht: "Die Ermittlungen" seien von "schwieriger Natur", schrieb der Leiter des Volkspolizei-Kreisamtes Teltow an seinen Vorgesetzten in Potsdam. Überall treffe er "Personen, die der Freikörperkultur sympathisch gegenüberstehen". Die meisten seien auch noch "Genossen unserer Partei".
Ähnliche Sorgen, festgehalten in einem Brief vom September 1951, plagten zu gleicher Zeit viele Beamte in der jungen DDR. Die Polizisten sollten Sittenstrenge am Strand durchsetzen - doch die Ostdeutschen ließen sich die Lust am Nacktbaden nicht nehmen.
Jetzt aufgefundene Akten aus dem DDR-Innenministerium, Abteilung Erlaubniswesen, dokumentieren den skurrilen Kampf: Während die Staatsmacht versuchte, sozialistische Moral an Küste _(* In den fünfziger Jahren bei einem ) _(der sogenannten Kameruner Feste am ) _(Strand von Prerow. )
und Seen zu wahren, probten Nudisten massenhaft zivilen Ungehorsam.
Allenthalben witterten die Bürokraten Subversion. Die Freikörperkultur sei "gefährliches Sektierertum", Ausdruck von "Zerfall" und "imperialistischer Dekadenz", stellten Funktionäre des Deutschen Sportausschusses fest.
"Unzählige Vorkommnisse" zeigten, daß es den Nackten um "sexuale Befriedigung" gehe, warnte der stellvertretende Polizeichef Willi Seifert. Und Kulturminister Johannes R. Becher mahnte: "Schont die Augen der Nation."
Als die Volkspolizei im September 1953 von einem geplanten Nudisten-Treffen in Leipzig erfuhr, gab sie gar republikweit Alarm: Die Zusammenkunft sei zu unterbinden. Scharen von Spitzeln wurden ausgesandt, um zu ermitteln, wer hinter dem Festival steckte.
Während sich die Anhänger textilfreier Badefreuden auf die Arbeiterbewegung in den zwanziger Jahren beriefen, stützte sich die prüde DDR-Führung ausgerechnet auf ein Gesetz aus der Nazi-Zeit. Mit Hinweis auf die Verordnung über das Badewesen von 1942 verbot Innenminister Willi Stoph 1952 das Nacktbaden an weiten Teilen der Ostseeküste.
Das Verdikt brachte die DDR an den Rand des Aufruhrs. Allerorten rege sich nackter Widerstand, telegrafierten die Polizeidienststellen nach Berlin. Am Strand von Prerow auf der Ostseehalbinsel Darß, wo Prominente wie der Schauspieler Manfred Krug Ferien machten, warfen aufgebrachte Nackte einen bekleideten FDGB-Funktionär ins Wasser.
Später luden Nudisten zu sogenannten Kameruner Festen. Nur mit Baströcken angetan, martialisch bemalt am ganzen Körper, tanzten Hunderte um eingerammte Totempfähle herum. Junge Frauen huldigten ihrem zuvor gewählten Häuptling mit Artistik-Einlagen.
Zur Sicherheit hatten die Wilden vom Ostseestrand hohe Türme aus Treibholz zusammengenagelt, auf denen Wächter nach anrückender Volkspolizei Ausschau hielten. Zeigten sich die bekleideten Gegner, stürmte die nackte Schar auf einen Pfiff hin ins Wasser.
Die DDR-Führung tobte: "Die Kameruner Feste stellen in höchstem Maße eine Schmähung der Sitten und Gebräuche der Negervölker dar", empörte sich 1954 der damalige Polizeichef Karl Maron, dessen Stieftochter Monika ebenfalls in Prerow Ferien machte. Der "Erholungsaufenthalt der Werktätigen" werde "auf das Gröbste" gestört.
Marons Rüge verhallte: Postkarten von Kameruner Festen wurden zu Kultobjekten. Volkspolizisten berichteten, daß sich Männer nun nur mit Schlips bekleidet in die Fluten stürzten, um die Regierung zu verspotten. Verbotsschilder wurden massenhaft abmontiert.
Entsetzt berichtete der zuständige Rostocker Polizeichef 1955 nach Berlin, daß auf der Insel Hiddensee zu Pfingsten 200 Personen auf einmal nackt gebadet hätten. Dann kam den Funktionären immerhin das Wetter zu Hilfe: "Da die nachfolgenden Tage ziemlich kühl waren, wurde ein Nacktbaden in größerem Umfang nicht festgestellt."
Irritiert stellten die Polizisten fest, daß sie es auch oft mit Honoratioren zu tun hatten. In Zeesen bei Berlin erwischten die Sittenwächter leitende Offiziere der Volkspolizei und Staatsanwälte beim Nacktbaden.
Bei den Unbekleideten handele es sich zu 98 Prozent um Angehörige der Intelligenz, meldete der Rostocker Polizeichef: Sogar der SED-Kulturfunktionär Jan Koplowitz habe sich für "die Durchführung des Nacktbadens eingesetzt".
Es sollte noch einige Jahre dauern, bis die nackten Revolutionäre siegten und die Vorschriften gelockert wurden. "Die Anhänger dieses Sportes" würden sich auf Dauer "nicht vom Nacktbaden abhalten lassen", schrieb weitsichtig ein Potsdamer Funktionär 1955 nach Berlin und warnte: "Wahrscheinlich werden diese Menschen dem Klassenfeind in die Arme getrieben." Y
* In den fünfziger Jahren bei einem der sogenannten Kameruner Feste am Strand von Prerow.

DER SPIEGEL 27/1995
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