03.07.1995

BankraubGewaltiges Getöse

Trickreich erbeuteten vier Kriminelle in einer Berliner Bank mehrere Millionen Mark, bevor sie durch einen selbstgegrabenen Tunnel flüchteten. Die Spuren: Skateboards und vier Overalls.
Der Profi zollte den Ganoven Respekt. Die vier Bankräuber, urteilte Berlins Polizeipräsident Hagen Saberschinsky, hätten "mit einer hohen Raffinesse, einer gewissen Professionalität, vielleicht auch Genialität gearbeitet".
Tiefbauexperten lobten vor allem den technischen Aspekt des dreisten Coups. Wer, wie das kriminelle Quartett, heimlich zwei Fluchttunnel über zusammen 70 Meter Länge in den Untergrund wühle, so ein Ingenieur der Fachfirma Hochtief, vollbringe "schon eine tolle Leistung".
Selbst die von Angst gezeichneten Geiseln des Dramas bescheinigten den Kidnappern nach der Befreiung "korrekte Behandlung": "Sie gaben uns Äpfel, Kekse und Multivitamin-Getränke", erzählte Nicole Grabowski, 21. Einer der Räuber habe ihr gar "den Rücken massiert, uns immer wieder beruhigt".
Am Dienstag vormittag vergangener Woche hatten die vier fürsorglichen Gangster die Commerzbank-Filiale in der Breisgauer Straße in Berlin-Zehlendorf überfallen, schwer bewaffnet mit Repetier-Schrotgewehren und Handgranaten. Sie nahmen 16 Geiseln und erpreßten von der Commerzbank fünf Millionen Mark. Als Polizisten die Bank schließlich mit gewaltigem Getöse stürmten, waren die vier längst durch ihren Tunnel entwischt.
Seither delektieren sich Krimi-Fans an der Perfektion des Coups. "Deutschlands frechster Raub" (Bild) messe sich "in seiner Genialität am legendären englischen Postraub von 1963", rühmte die Berliner Zeitung.
Bis zum Mittwoch morgen gegen ein Uhr hatten die Profis mit der Polizei gepokert. Dann stemmten sie ein Loch in den Boden des Kellers der Bank, unter dem der zuvor gegrabene Tunnel endete. Sie türmten samt Lösegeld und reichlich Schmuck, Gold und Bargeld aus 200 geplünderten Schließfächern.
Eine exakte Beschreibung der mit Motorradmasken vermummten Gangster gibt es nicht. Auch Stimmproben der Räuber fehlen, weil das kühl agierende Quartett den stellvertretenden Filialleiter alle Telefonate mit der Polizei führen ließ.
Nun bleibt den 60 Beamten der Berliner Sonderkommission "Coba" (Commerzbank) vor allem eine Hoffnung: Beim Tunnelbau haben die Gangster Spuren hinterlassen.
So fanden die Ermittler mehrere Skateboards, auf denen die Räuber ihre Beute wahrscheinlich durch den Tunnel geschoben haben. In einer Garage am anderen Ende des unterirdischen Fluchtweges lagen zudem vier Overalls - in Beige, Hellgrau, Dunkelgrau und Rot, mitsamt farblich darauf abgestimmten Schuhen.
Vor allem aber sucht die Soko Coba nun nach einem etwa 30 Jahre alten Mann, der die Garage gemietet hatte. Der Gesuchte hatte sich als ein in Nordrhein-Westfalen lebender Grieche ausgegeben. Für ein Phantombild ist seine Beschreibung allerdings noch zu unpräzise.
Coba-Chef Detlef Büttner, 47, ist sich gleichwohl sicher: "Ich kriege sie!" Der Kriminaloberrat hat Erfahrung mit besonders trickreichen Kriminellen: Fast zwei Jahre verbrachte er damit, den Kaufhaus-Erpresser "Dagobert" zu fangen.
Tiefbauexperten rätseln derweil, wie es den vieren von der Bank gelungen ist, den Fluchttunnel unbemerkt von den Zehlendorfer Nachbarn zu graben. Der Fuchsbau muß die Gangster über Wochen, wenn nicht gar Monate beschäftigt haben.
Sie hatten ihren Tunnel von der Doppelgarage nahe der Matterhornstraße 48 aus über etwa 50 Meter Länge bis zur Regenwasserröhre unter der Straße vorgetrieben. Rund 100 Meter weiter wühlten die Malocher dann einen 20 Meter langen zweiten Tunnel aus dem Kanal bis direkt unter den Kellerboden der Commerzbank (siehe Grafik).
Mit "kurzstieligen Schaufeln, Kreuzhacken, Meßband, einem Kompaß zur Orientierung und Overalls für die Untertage-Arbeit", weiß ein Tiefbauer, sei das Werk wohl zu leisten. Voraussetzung: exzellente Kondition und die Mentalität eines Maulwurfs, um in der engen Erdröhre (Durchmesser: 60 Zentimeter) keinen Panikanfall zu erleiden.
Etwa 20 Kubikmeter Erdreich mußten die Ganoven unter schwierigsten Bedingungen bewegen. Genug, um vier Lastwagen zu füllen, und weit mehr, wundert sich ein Ingenieur über die Logistik der Gangster, "als man mit Milchkannen wegschleppen kann". Doch auf dem Garagenhof wurden, gute Tarnung, häufig Sandfuhren deponiert.
Unklar ist bislang, wie das Quartett aus der Garage entkommen konnte. Hunderte von Polizisten hatten den Tatort in weitem Umkreis hermetisch abgeriegelt, Anwohner durften ihre Häuser nicht verlassen. Krankenwagen waren angerückt, für mögliche Verletzte Zelte errichtet worden, Scharfschützen beobachteten die Bankfiliale durch Zielfernrohre.
"Kein Villenvorort-Dackel" habe in diesem Sperrbereich unbemerkt "Gassi gehen" können, schrieb die Welt. Doch der Garagenhof ist recht unübersichtlich, und offenbar starrten die Polizisten zu angestrengt auf die Bank, während sich die Ganoven davonmachten.
Rätselhaft auch, daß kein Anwohner die lautstarke Wühlerei zuvor gehört hatte. Allein der doppelte Bruch durch den Beton der Regenwasserröhre, so Experten, müsse sehr kräftig gekracht haben.
Ein solches Maß an Kaltschnäuzigkeit und professioneller Planung trauen viele Berliner am ehesten Spezialisten der ehemaligen Stasi oder der DDR-Armee zu. Als wahrscheinlicher aber gilt, daß Profis aus dem Milieu den Commerzbank-Bruch planten. Er habe, erklärte der ehemalige Dagobert-Fahnder Büttner, auch schon "ein paar Jungs im Visier".
Vorbilder für den kecken Coup gibt es einige in der Hauptstadt, unter der ein Gewirr aus Tunneln liegt: Im Januar 1929 etwa drehten die Gebrüder Saß ein ähnlich spektakuläres Ding wie nun das Commerzbank-Quartett.
Von einem Keller aus hatte das Duo einen Tunnel vergleichbaren Ausmaßes zur Filiale der Disconto-Gesellschaft am Wittenbergplatz gewühlt. Im Tresorraum der Bank knackten die Brüder, denen die Tat nie eindeutig nachgewiesen werden konnte und die 1940 von Nazi-Schergen "auf der Flucht erschossen" wurden, 179 Schließfächer. Ihre Beute: mehr als zwei Millionen Reichsmark in bar, Devisen, Goldmünzen und Schmuck.
Den verdächtigen Abraum aus ihrem in wochenlanger Arbeit gegrabenen Tunnel hatten Franz und Erich sinnreich entsorgt. Sie schafften ihn dahin, wo ohnehin ständig gebuddelt wird - auf einen Berliner Friedhof. Y
[Grafiktext]
Bankräuber: Fluchtweg in d. Untergrund
[GrafiktextEnde]

DER SPIEGEL 27/1995
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