03.07.1995

ArtenschutzBillige Monster

Ausgesetzte exotische Haustiere, darunter Schildkröten aus Amerika und Fische aus China, bedrohen europäische Arten.
Sie fiepen und rascheln nicht wie Mäuse und Hamster, sie nagen nicht am Teppich wie Kaninchen, und sie wollen nicht dauernd herumtollen wie junge Hunde: Schmuckschildkröten, grün und fünfmarkstückklein, halten viele Familien in ganz Europa für ein ideales Haustier.
Besonders beliebt sind sie bei den Briten, aber auch die Franzosen importieren rund 300 000 pro Jahr, die Schweizer etwa 10 000. Und die Deutschen, offiziell mit einem Einfuhrverbot belegt, bringen die niedlichen Ninjas gern als Souvenir aus Italien mit, wo sie auf Touristenmärkten billig zu haben sind.
Die wenigsten wissen, daß sie sich ein exotisches Monster ins Haus holen: Die putzigen Schildkröten bleiben nämlich nicht klein, sondern wachsen zu fußgroßen, braunen Freßmaschinen heran, die ihr Aquarium hemmungslos verdrecken und außerhalb des Bassins trockene Ruheplätze brauchen.
Zu Tausenden setzen deshalb überforderte Tierhalter jedes Jahr ihre Rotwangen-Schmuckschildkröten (so die in Deutschland gebräuchliche Bezeichnung für die Trachemys scripta elegans) in Teiche und Seen aus. Erstaunlich viele überleben den schockierenden Wechsel vom wohlig warmen Wohnzimmer in die naßkalte Natur - mit fatalen Folgen für die einheimische Fauna.
Denn die nimmersatten Schildkröten, die 40 bis 60 Jahre alt werden können, verschlingen alles, was ihnen vors Maul kommt: Laich von geschützten Fischarten und die Brut von Kröten ebenso wie die Eier einheimischer Artgenossen.
Artenschützer und Wissenschaftler aus ganz Europa kämpfen inzwischen gegen die "Invasion aggressiver US-Schildkröten" (The New York Times). Vor einem Jahr trugen Biologen aus Belgien, Deutschland und den Niederlanden kübelweise Rotwangen-Schildkröten ins Brüsseler EU-Gebäude und verlangten Importbeschränkungen. Nächsten Monat wollen sich die Experten in Frankreich versammeln, um die angebliche Gefährdung der europäischen Tierwelt zu beraten.
"Dramatisch" nennt der deutsche Biologe Elmar Hossfeld aus Groß-Gerau den "Verdrängungsprozeß" in den Kiesgruben seines Kreises: "Während die einen ihre Hunde an der Autobahn aussetzen, kippen andere ihre Aquarien in den Teich." Neben gewöhnlichen Goldfischen fand er Fischarten aus Asien, Afrika und Amerika in den Tümpeln und Weihern. Hossfeld sorgt sich besonders um Kammolch und Wechselkröte, die in Deutschland auf der Roten Liste der gefährdeten Tierarten stehen.
Noch bedrohlicher ist die Lage in Südfrankreich. Jean-Jacques Peres, Biologe des Unterwasser-Zoos "Marineland" in Antibes, fürchtet, ausgesetzte Schildkröten könnten das Ökosystem im Rhonedelta nachhaltig stören. Im Saint-Cassien-See im Departement Var, wo die exotischen Allesfresser den Fischbestand dezimierten, wollten Angler die Räuber vor zwei Jahren mit Elektroschocks ausrotten. Andere schlugen vor, den Wasserspiegel abzusenken und die Eindringlinge dann einzusammeln.
Westschweizer Ökologen setzen auf Aufklärung und praktische Hilfe: In einer leerstehenden Schweinemästerei in Chavornay bei Yverdon richteten sie ein Refugium für lästig gewordene Schildkröten ein. "Wir brauchen Platz für 1500 Tiere", weiß Jean-Marc Ducotterd aus Erfahrung. "Im ersten halben Jahr brachten uns die Leute schon 350." Im Freiland zwischen den Stallgebäuden wollen die Idealisten nun Außenterrarien bauen.
Jean Garzoni, der frühere Leiter des Lausanner Terrariums und Initiator des Projekts, hält die Lage in der Schweiz für ähnlich alarmierend wie in Frankreich. Die einzige einheimische Population Europäischer Sumpfschildkröten, an der Rhone unterhalb Genfs, wird von der US-Konkurrenz schwer bedrängt. In einigen Weihern unweit großer Westschweizer Ortschaften vernichteten die Räuber schon die Bestände an Fröschen, Molchen und Eidechsen.
Vergebens bemühten sich die Experten um Einfuhrbeschränkungen. Denn die einschlägigen Gesetze regeln nur den Import geschützter Arten. Rotwangen-Schildkröten, von denen in Louisiana jährlich etwa fünf Millionen gezüchtet werden, gehören nicht dazu.
Zuständige Beamte in Bern halten die Schildkrötenplage zudem für "höchstens punktuell" bedrohlich. Viel gefährlicher scheint ihnen die Verdrängung einheimischer Fischarten durch Importe. So macht die aus Nordamerika eingeführte Regenbogenforelle im Oberlauf des Rheins der angestammten Bachforelle die Laichgründe streitig.
Noch unbekannt sind die Folgen der Aussetzung anderen Wassergetiers, vor allem asiatischer Karpfen und Barsche. Gras- und Silberkarpfen wurden als Nutztiere importiert, um Teiche von wuchernden Pflanzen und Plankton zu befreien. Der Einsatz der nimmersatten Fische geriet aber schnell außer Kontrolle, weil sie alles verschlangen, auch Kleinfische, wenn die ihnen zu nahe kamen.
Gleichwohl glauben die Berner Natur- und Jagdhüter, daß sich in der Schweiz wenigstens die Schildkröteninvasion durch bessere Aufklärung bald von selbst auflöst; die Importe gehen bereits zurück.
Tatsächlich verkaufen Fachhändler Rotwangen-Schildkröten nur noch zusammen mit der entsprechenden Aquarienausrüstung - und die kostet schnell abschreckende 1000 Franken.
Anders in Frankreich. Dort werden die Tiere, wie in Italien, überall auf Märkten angeboten. Seit einiger Zeit sind besonders wuchtige Schildkröten aus Kanada ein Renner. Diese "hargneuses" (Beißerinnen) werden nicht nur über einen halben Meter groß, sie haben auch so lange Hälse und so kräftige Kiefer, warnt Biologe Peres aus Antibes, "daß sie sich schon mal in menschliche Zehen verbeißen". Y

DER SPIEGEL 27/1995
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