10.07.1995

AffärenKultur der Korruption

Beim Rüsselsheimer Autobauer Opel haben sich ganze Abteilungen bestechen lassen. Jahrelang kassierten kleine und große Opel-Mitarbeiter bei ihren Lieferanten ab - Computer, Reisen, Ferienhäuser. Auch Vorstands- und Aufsichtsratsmitglieder sind ins Visier der Ermittler geraten.
Peter Enderle war meist unangreifbar. In Sitzungen erschien der Produktionschef von Opel stets gut vorbereitet. Im Werk Rüsselsheim hatte er die Gruppenarbeit eingeführt und in der neuen Fabrik in Eisenach die schlanke Produktion.
Enderle, 60, setzte sich damit gegen viele Bedenkenträger durch. Und er behielt meist recht. Ein großer Teil des Produktivitätsfortschritts in den deutschen Opel-Werken wird ihm gutgeschrieben. Seit einiger Zeit war der ehrgeizige Manager, von Mitarbeitern "Peter der Schneidige" genannt, auch noch für die Abstimmung aller Motoren- und Getriebewerke in Europa verantwortlich.
Enderle war einer der wichtigsten Manager von General Motors in Europa. Seit Anfang vergangener Woche ist er eine tragische Figur. Der Opel-Vorstand steht im Verdacht, von Lieferanten heimlich geschmiert worden zu sein. In seiner Villa in Wiesbaden sollen der Baukonzern Hochtief und andere Firmen umfangreiche Renovierungsarbeiten zu Freundschaftspreisen erledigt haben.
Nachdem die Kripo sein Haus, sein Büro und seinen Dienstwagen durchsucht und der SPIEGEL (Nr. 27/1995) über den Vorgang berichtet hatte, sah Enderle nur einen Ausweg: Er ließ sich beurlauben, schrieb aber seinem Vorstandschef David Herman, die Vorwürfe seien "in jeder Weise unberechtigt".
Vorstand Enderle ist das bislang prominenteste Opfer eines Korruptionsskandals, in den mittlerweile 30 Opel-Mitarbeiter und rund 200 Beschäftigte von Lieferanten verwickelt sind. Ermittelt wird gegen Angestellte mittelständischer Baufirmen und Handwerksbetriebe wie Bender in Rüsselsheim und Dornhöfer in Mainz-Kostheim, aber auch gegen Manager der Bauriesen Dywidag und Hochtief.
Seit mehr als einem Jahr versuchen die Staatsanwaltschaft Darmstadt, eine Sonderkommission der Kriminalpolizei Rüsselsheim und die Werkssicherheit der Autofirma, Licht in die düstere Schmiergeldaffäre zu bringen. 120 Büros und Privatwohnungen wurden bereits durchsucht, einige Verdächtige vorübergehend festgenommen.
Eine tragische Komponente bekam der Fall vergangene Woche in Detroit: Dort hat sich ein Opel-Ingenieur, der inzwischen bei der Muttergesellschaft General Motors arbeitete, das Leben genommen. Die Staatsanwaltschaft ermittelte gegen ihn, weil er umfangreiche Vergünstigungen angenommen haben soll. Bei der Durchsuchung seines Privathauses hatte er zugegeben, sich nicht "ganz rechtens" verhalten zu haben.
Ein Ende der Untersuchung ist nicht in Sicht. Ständig stoßen die Fahnder auf neue Hinweise. Und die Spuren führen in alle Etagen: "Es ist wie eine Lawine", stöhnt einer der Staatsanwälte.
Untersucht wird nun auch, ob Ferdinand Beickler, 72, und Friedrich Lohr, 68, in irgendeiner Weise in den Fall verwickelt sind. Ein klares Bild konnten sich die Ermittler noch nicht verschaffen. Beickler war lange Zeit Opel-Chef in Rüsselsheim, Präsident der Europa-Zentrale von General Motors, später Aufsichtsratsvorsitzender und ist jetzt Ehrenvorsitzender des Kontrollgremiums. Lohr sitzt im Aufsichtsrat von Opel und war lange Jahre Entwicklungsvorstand der Autofirma.
Nach den ersten Erkenntnissen der Ermittler lief die Korruption in Rüsselsheim nach einem besonders raffinierten Muster ab. Baufirmen, die Opel-Mitarbeiter schmierten, trugen die Kosten nicht selbst, sondern holten sich einen Teil des Geldes bei dem Autokonzern wieder.
Sie sollen ihre Abrechnungen für den Bau des Opel-Werks Eisenach, des Motorenwerks in Kaiserslautern und einer neuen Montagehalle in Rüsselsheim frisiert haben. Auf diese Weise hätten sie mehr kassiert, als ihnen zusteht. Und Opel soll, ohne es zu wissen, an der Finanzierung von über 60 Privathäusern beteiligt gewesen sein.
Der Skandal von Rüsselsheim gibt einen kleinen Einblick in die ganz gewöhnliche Korruption. Geschmiert wird nicht nur weit weg, in der Dritten Welt, wo dies "einfach zum Geschäft gehört", wie Manager augenzwinkernd zugeben.
Korrumpiert wird auch in Deutschland, Tag für Tag. Und nicht nur Beamte sind empfänglich für Geld und großzügige Gaben, sondern auch Damen und Herren aus der Industrie.
Mercedes-Benz hat vor kurzem drei Vertriebsmanager entlassen, weil sie sich von sogenannten Graumarkthändlern mit Barem bestechen ließen. Bei Volkswagen geht die Revision dem Verdacht nach, daß VW-Einkäufer über die Liechtensteiner Briefkastenfirma Ihag heimlich Provisionen von Lieferanten bekommen haben.
Siemens-Manager sicherten ihrem Konzern Großaufträge der Stadt München, indem sie großzügig Schmiergelder verteilten. Bei Nixdorf und dem Kaufhof kassierten Führungskräfte für die Vergabe von Druckaufträgen und Werbeverträgen privat ab.
Deutschland ist längst auf dem Weg in die Hand-auf-Republik. Die Ego-Gesellschaft applaudiert den Erfolgreichen. Wer auf dem Gipfel steht, muß sich nicht fragen lassen, wie er dorthin kam. Ein wenig Tricksen, ein wenig Schieben gehört dazu. Na und? Solange es keiner merkt, ist alles paletti.
Der Gesetzgeber ist nicht weniger lax als seine Bürger. Korruption deutscher Beamter ist strafbar. Doch wenn ein Konzern Beamte im Ausland besticht, kann er die "nützlichen Aufwendungen" in Deutschland von der Steuer absetzen.
Kein Wunder, daß es den Ermittlern selten gelingt, das Dickicht der Korruption zu lichten. In Rüsselsheim aber könnte es diesmal klappen - es gibt Zeugen, die aus der Schmiergeldschule plaudern.
Ins Rollen gebracht hat die Ermittlungen Rolf Lagrange, Inhaber der gleichnamigen Elektrofirma aus Kirn an der Nahe. Am 2. Mai 1994 legte er bei der Konzernrevision in Rüsselsheim ein umfassendes Bekenntnis ab. Über Jahre hinweg habe seine Firma Opel-Mitarbeiter bestochen.
Lagrange erbrachte an den Privathäusern von Opel-Mitarbeitern Bauleistungen im Umfang von jeweils bis zu 200 000 Mark, in Rechnung gestellt wurden nur Beträge von einigen tausend Mark. Der Unternehmer verteilte außerdem Bargeld und Barschecks oder hochwertige Geschenke.
Bei Opel, schrieb Lagrange an Ferdinand Sotter, den stellvertretenden Leiter Werkssicherheit-Ermittlungsdienst in Rüsselsheim, sei "ein ordnungsgemäßes und wettbewerbskonformes Vergabeverfahren nicht mehr gewährleistet". Wegen der "auch für mein Unternehmen unerträglichen Situation habe ich mich entschlossen, das Gespräch mit Ihrem Haus zu suchen".
Lagrange packte aus, nannte Namen und Methoden. Die Beichte des Unternehmers ließ ahnen, daß sich in dem Rüsselsheimer Konzern ein dichtes Geflecht von Korruption ausgebreitet hatte.
Einer der schwerwiegenden Fälle scheint Armin Küllenberg zu sein. Er steht in dem Verdacht, im Laufe von Jahren mehrere Millionen Mark abkassiert zu haben. Küllenberg soll nach den Ermittlungen der Kripo Rüsselsheim allein in drei Jahren Vergünstigungen und Schmiergelder in Höhe von 1,2 Millionen Mark eingesackt haben.
Der Opel-Angestellte war in Dingen privater Geldvermehrung offenbar ein aktiver Mann. Küllenberg betrieb die Firma Haustechnik-Zubehör in Nierstein. Sie berechnete Lagrange für zwei Rechneranlagen 29 583 und 28 443 Mark. Der zahlte auch, obwohl er die Anlagen nie erhalten hatte.
Küllenberg soll bei seinen Forderungen auch schon mal dreist geworden sein. Er habe, schrieb Lagrange, "unverhohlen Zuwendungen gefordert". Eines Tages soll Küllenberg nach einem Fotoapparat Marke Leica nebst Zubehör verlangt haben.
Um die Geschäftsbeziehungen zu Opel nicht zu gefährden, teilte Lagrange in seinem Bekennerschreiben mit, habe er sich "dazu durchgerungen, den Forderungen von Herrn Küllenberg Rechnung zu tragen. Die ihm zur Verfügung gestellten Gegenstände hatten einen Wert von circa 10 000 bis 12 000 Mark".
Schwer belastet hat Lagrange auch Bernd L., Sachbearbeiter für Einrichtungsbau und Brandschutz im Opel-Stammwerk Rüsselsheim. An dessen Privathaus in Groß-Gerau erbrachte Lagrange Bauleistungen im Wert von rund 150 000 Mark.
Die Firma installierte die kompletten Heizungs- und Sanitär- und die elektrischen Anlagen. Bezahlt hat L. dafür nicht. "Im Hinblick auf die bestehenden Geschäftsbeziehungen zu Opel", soll der Bauherr einem leitenden Mitarbeiter bei Lagrange erklärt haben, erwarte er, daß "keine Rechnungen erstellt werden".
Als dritten Bestechungsfall outete Lagrange eine Zahlung an Hanno S., Gruppenleiter im Bereich Konstruktion bei Opel. Unter der Auftragsnummer 170902 für "Planung Kühlwasserversorgung" schickte S. am 30. Januar 1991 der Firma Lagrange eine "Teilabrechnung" über 22 103 Mark. Die Leistungen seien allerdings nicht erbracht worden.
Gezahlt wurde per Scheck, den S. Ende Mai 1991 bei der Kreissparkasse Groß-Gerau einlöste.
Einen besonders gravierenden Bestechungsfall im Opel-Skandal wollte Lagrange nicht schriftlich mitteilen. Ihn entdeckten die Ermittler in einem Ordner, den der Unternehmer aus dem Hunsrück zu Besprechungen bei Opel in Rüsselsheim mitbrachte.
Als die Konzernfahnder den Namen Karlheinz Jährling lasen, war sofort klar, daß die Affäre nun auch das Spitzenmanagement erschüttern würde.
Alle bisher von Lagrange gemeldeten Bestechungsfälle waren im Bereich Werksanlagen angesiedelt. Hauptabteilungsleiter dort war Jährling, unmittelbar dem Vorstand unterstellt. Hatten dessen Untergebene ihren Chef zum eigenen Schutz mit hineingezogen?
Doch der Fall Jährling wurde, je intensiver sich die Ermittler damit befaßten, zu einer Affäre in der Affäre. An dessen Villa in Geisenheim-Johannisberg hatte Lagrange Bauleistungen in Höhe von über 190 000 Mark erbracht und sie später als Handwerkerrechnungen dem Jährling-Arbeitgeber Opel präsentiert.
Bei ihrer Hausdurchsuchung entdeckten die Fahnder, daß Jährling über einen Immobilienbesitz verfügt, den er nur schwer aus seinem Jahressalär von zuletzt über 350 000 Mark angeschafft haben konnte. Der Manager bringt es mittlerweile auf acht Häuser und Eigentumswohnungen, fünf davon in Deutschland, zwei in den USA und ein Ferienhaus in Spanien.
Die Staatsanwaltschaft und der Opel-Ermittlungsdienst prüfen nun, ob der Rüsselsheimer Konzern über fingierte Rechnungen mit Zahlungen auch daran beteiligt ist. Denn ein großer Teil der Bestechungssummen wurde Opel untergeschoben.
Diese Praxis bestätigte auch Lagrange. Bei Aufträgen für Bauleistungen in den Werken Eisenach, Kaiserslautern und Rüsselsheim sei so "aus einem Trabbi ein Mercedes" geworden.
Die Bestechungsfälle bei Lagrange lastete der Firmeninhaber vor allem seinem ehemaligen Angestellten Toni Maurer an. Der soll die Opel-Leute bereitwillig verwöhnt haben. Maurer selbst hält das alles für einen Racheakt der ehemaligen Chefs.
Maurer machte sich 1991 mit dem ITM Ingenieurbüro selbständig und wurde mit der von ihm gemanagten Firma ARE Technik Anlagen und Rohrleitungsbau GmbH seines Schwiegervaters zum gefürchteten Konkurrenten von Lagrange. Die Folge: Das Geflecht der Korruption wucherte weiter.
Die Opel-Mitarbeiter hatten es sich darin bequem gemacht. Es gibt Mitarbeiter, die nach Erkenntnissen der Kripo schon seit 20 Jahren die eine oder andere Gefälligkeit einstreichen.
Die Fahnder stießen auf ganze Abteilungen, die zugriffen, wenn Fremdfirmen Geschenke und Gefälligkeiten boten. Allmählich wurden die Nehmenden zu Fordernden. Immer frecher mahnten die Opel-Leute Extraleistungen an.
Das Unrechtsbewußtsein schwand. Was so lange gut geht, dachten wohl viele, kann nicht verboten sein. Wo so viele so vieles einstecken, verflüchtigt sich die Furcht vor Strafe.
Der eine ließ sich das Bad für 30 000 Mark renovieren, der andere bekam eine Solarheizung für 10 000 Mark installiert. Einer fliegt auf Kosten des Lieferanten ins Ausland, sein Kollege verdient sich mit Scheingeschäften ein Zubrot.
Die Fülle und das Material der Anschuldigungen hat die Opel-Spitze schockiert. Die Spitzenmanager, von denen viele glaubten, Korruption gebe es nur in anderen Firmen, waren zum zügigen Handeln gezwungen.
Finanzvorstand Gail Gunderson informierte Konzernchef David Herman, der Rechtsabteilung und die Werkssicherheit einschalten ließ. Herman gab gleichzeitig die Direktive aus, ohne Ansehen und ohne Rücksicht auf die Position verdächtiger Mitarbeiter vorzugehen.
Gut eine Woche nach den Bezichtigungen von Lagrange erstattete Opel-Ermittler Sotter bei der Kriminalpolizei in Rüsselsheim Strafanzeige wegen des Verdachts der "Bestechung, der Bestechlichkeit von Angestellten sowie des Verdachts der Untreue".
Lagrange und "heute noch in seinen Diensten stehende Mitarbeiter" wurden allerdings davon ausgenommen - ein Entgegenkommen für seine freimütigen Bekenntnisse.
Dafür aber hatten die Ermittler nun Maurer im Visier. Die ersten Durchsuchungen bei der Firma ARE und in den Büros und den Privaträumen Maurers waren jedoch ein Fehlschlag. Belastendes Material war nicht darunter. Die Fahnder hegten den Verdacht, daß Maurer gewarnt worden war.
Acht Monate später versuchten es die Kriminalbeamten ein zweites Mal und wurden fündig. Verdächtige Unterlagen führten die Fahnder schließlich in den Osten der Republik.
In Nähe des kleinen Dorfes Wolfmannsgehau in einem Naturschutzgebiet an der ehemaligen DDR-Grenze hatten sich drei gute Bekannte jeweils ein kleines Häuschen errichtet. Weil den Beamten bei ihren Durchsuchungen im Westen Rechnungen zwischen 50 000 und 60 000 Mark in die Hände gefallen waren, schienen die Behausungen eher einer besseren Gartenlaube zu entsprechen.
Die bei der Kripo in Rüsselsheim gebildete Sonderkommission wurde daraufhin "Soko Gartenhäuschen" getauft. Ein krasse Untertreibung.
Als die Ermittler vor Ort nachschauten, entdeckten sie eine Idylle. Auf einer Wiese in Waldesnähe hatten sich die Opel-Mitarbeiter Walther Wölfle und Peter Vatter aus dem Stammwerk Rüsselsheim sowie Toni Maurer stattliche Wohnhäuser errichtet mit dem für diese Gegend beachtlichen Schätzwert von rund 400 000 Mark.
Zu einem der Häuser gehört noch eine Jagdscheune und ein im Bau befindlicher Swimming-pool. Bei dem, wiegelte einer der Betroffenen später in der Vernehmung ab, handele es sich doch lediglich um ein Feuerlöschbecken.
Den größten Teil der Bauleistungen hatten der Essener Konzern Hochtief und die kleinere Mainzer Firma Dornhöfer erbracht. Die Grundstücke hatten Wölfle und Vatter von Maurer zum Spottpreis von 6,50 Mark je Quadratmeter erworben.
Bei ihren weiteren Ermittlungen stießen Staatsanwaltschaft und Opel-Fahnder auf immer neue Fälle. Überall, so muß es heute scheinen, hatten sich kleine Inseln einer Korruptionskultur gebildet.
So fielen auch die Geschäfte der beiden Sachbearbeiter Rolf H. und Wolfgang F. aus dem Bereich Elektroplanung auf. Beide betrieben nebenbei eine Firma.
H. soll von Januar 1991 bis September 1994 bei der Haustechnikfirma Dornhöfer insgesamt 156 021,75 Mark abkassiert haben. Die Rechnungen wurden erstellt für den Bezug von PC oder sonstigen Elektronikgeräten. Einige der PC-Anlagen sollen auch tatsächlich geliefert worden sein, allerdings nicht an Dornhöfer, sondern an H.s Kollegen bei Opel.
Die Bestellungen von PC und anderer EDV-Hardware durch Opel-Mitarbeiter gab Gerd Hartgen, Abteilungsleiter bei Dornhöfer, in seiner Vernehmung an, hätten sich in den letzten Jahren sehr gehäuft.
Laut Hartgen wurden die Bestellungen direkt bei Opel-Mitarbeiter H. abgegeben oder an ihn weitergeleitet. Die Geräte seien dann bei Dornhöfer abgeholt oder zu den Empfängern gebracht worden.
Die jahrelange Schmiergeldpraxis hatte so manchen Opel-Mann unvorsichtig werden lassen. H. soll schließlich Scheinlieferungen als tatsächlichen Warenbezug deklariert haben.
So stießen die Opel-Fahnder schließlich auf eine Rechnung mit Datum vom 5. September 1994. Die Firma CMS electric GmbH verlangte darin für Lieferung einer Netzwerktesteinrichtung und deren Installation eine Summe von 9500 Mark. Den Auftrag dazu hatte wenige Tage vorher H. erteilt, der auch die Lieferung bestätigte und die Rechnung abzeichnete.
Die Anlage war in Wirklichkeit weder geliefert noch montiert worden. Die CMS wollte sich damit eine heimliche Zahlung an H. bei Opel wiederholen.
Ähnliche Geschäfte wickelte auch Kollege F. mit seiner Firma ab. Über ihn bestellten Opel-Mitarbeiter ebenfalls PC-Anlagen, die dem Auto-Hersteller später vom Lieferanten ABB-Stal-Astra GmbH in Bischofsheim in Rechnung gestellt wurden.
Auch F. kassierte bei der CMS, die sich etwa eine Zahlung an ihn über eine Rechnung an Opel zurückholte. Der Preis für den gelieferten Farbkopierer war weit überzogen.
Die ABB griff auch F.s Kollegen Karl-Heinz J. kräftig unter die Arme. Die Firma fürchtete, der lukrative Großkunde Opel könne ohne solche Gefälligkeiten verlorengehen.
Also finanzierte ABB dem Opel-Mann eine USA-Reise für 17 500 Mark. Auch drei Jahreswagen wurde der Automann bei ABB günstig los - zu einem Überpreis, wie die Ermittler aufdeckten.
Nirgendwo waren die Sitten so verwildert wie im Bereich Werksanlagen mit Opel-Mann Jährling an der Spitze. Gleich mehrere Mitarbeiter sollen für ihre Häuser kostenlos Bau- und Handwerkerleistungen verschiedener Firmen, darunter auch von Hochtief, in Anspruch genommen haben.
Die Rechnungen dafür wurden nach den bisherigen Ermittlungen an die Firma Are geschickt. Die Rüsselsheimer Mitarbeiter hatten im Konzern allesamt Einfluß auf die Auftragsvergabe an verschiedene Baufirmen. Ein Opel-Manager soll für Aufträge an Hochtief im Gesamtumfang von über 40 Millionen Mark verantwortlich sein.
Hochtief spielt in dem Opel-Fall eine tragende Rolle. Während der Rüsselsheimer Auftraggeber an einer schonungslosen Aufklärung interessiert ist, scheint Hochtief nach dem Eindruck der Ermittler eher auf Abwiegeln bedacht zu sein.
Der Essener Konzern hat nach den Erkenntnissen der Fahnder an vielen dubiosen Baugeschäften mitgewirkt. Die Affäre Opel könnte sich schon bald zu einem Bauskandal ausweiten, denn auch Manager der Dywidag werden jetzt von der Kripo durchleuchtet.
In der Baubranche ist die Tradition des Nehmens und Gebens seit jeher weit verbreitet. Vor allem im Ausland lernen die Bau-Manager schnell, daß ohne Schmiergeldzahlung nichts läuft.
Erst kürzlich beklagte sich der Hauptverband der Deutschen Bauindustrie öffentlich über Korruption auch im einstigen Musterland Deutschland: "Es ist leider so, daß die Sitten etwas locker geworden sind", sagte Verbandspräsident Christian Roth.
Auch der Bundesverband der Deutschen Industrie, der lange schwieg, hat sich am Donnerstag in die Korruptionsdebatte eingeschaltet. BDI-Präsident Hans-Olaf Henkel fordert nun einen "Verhaltenskodex" für Manager. Viele Industrielle fürchten, ein Korruptionswettlauf wie in Italien würde die deutschen Wirtschaft schwächen.
Der Fall Opel wird die Debatte zusätzlich anheizen. Die Soko "Gartenhäuschen" hat inzwischen schon rund 600 Aktenordner und zahllose Disketten beschlagnahmt. Fast täglich bekommen die Fahnder neue Hinweise.
Die Ermittler sind entschlossen, das sonst unsichtbare Spiel der Raffgierigen diesmal grell zu beleuchten. "Korruption ist in der Wirtschaft gang und gäbe", weiß Kriminaloberrätin Elke Matthäi. Dennoch ist die Leiterin der Dienststelle diesmal überrascht: "Einen solch großen Fall gab es noch nie". Y
Der Skandal erschüttert nun auch das Opel-Spitzenmanagement
Der Fall Opel könnte sich zu einem Bauskandal ausweiten
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Länder: Korruptionsranking
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DER SPIEGEL 28/1995
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