17.07.1995

Unsere Mutter - Staatsfeind Nr. 1

Die Tochter Bettina Röhl* über Ulrike Meinhof, die vor 25 Jahren in den Untergrund ging

Von Röhl, Bettina und Niezborala, Carola

Es gibt ein Märchen von den Brüdern Grimm, das heißt "Der Froschkönig oder der eiserne Heinrich". Darin erlöst eine schöne Prinzessin einen Prinzen, der von einer bösen Hexe in einen Frosch verwandelt und in einen Brunnen gesperrt worden war.

Als er, wieder ein Mensch, in sein Königreich zurückkehren will, holt ihn sein Diener, der treue Heinrich, mit dem Pferdewagen ab. Über diesen heißt es: "Der treue Heinrich hatte sich so betrübt, als sein Herr war in einen Frosch verwandelt worden, daß er drei Bande hatte um sein Herz legen lassen, damit es ihm nicht vor Weh und Traurigkeit zerspränge." Erst nachdem sein Herr erlöst ist, brechen die Bande von seinem Herzen.

So wie dem eisernen Heinrich ist es mir, als ich mit 13 Jahren die Nachricht vom Tod meiner Mutter, Ulrike Meinhof, bekam, ergangen. Eiserne Bande legten sich um mein Herz. Ich konnte nichts fühlen, ich konnte nicht weinen, ich konnte es nicht begreifen. Meine Mutter war wie der Prinz im Märchen verwandelt worden. Wie ein großes schwarzes Monster hatte sich ein Mythos um sie gelegt.

Etwas, das größer war als ich, verstellte mir den Blick auf meine Mutter und, wie ich später begriff, auf mich selbst. Wie der eiserne Heinrich hörte ich nicht auf zu warten, in der Hoffnung, mir meine Mutter irgendwann zurückerobern zu können. Seit sie in den Untergrund gegangen war, gehörte sie der Öffentlichkeit mehr als uns Kindern, den Verwandten und nächsten Freunden. Eines Tages wollte ich sie heimholen in ihr Privatleben zu ihrer Familie.

Auch meine Mutter hatte nicht geweint - damals war sie 14 Jahre alt -, als ihre Mutter, meine Großmutter, nach dem Krieg an einer Grippe gestorben war. Ihre beiden Töchter, Ulrike Marie und Wienke, _(* Mitarbeit: Carola Niezborala. )

waren durch ihren Tod zu Waisen geworden. Renate Riemeck, die Freundin Ingeborg Meinhofs, die mit den beiden Schwestern zusammen am Grab gestanden hatte und später die Vormundschaft übernahm, sagte einmal darüber zu mir: "Deine Mutter und Wienke haben sich gut benommen, sie haben nicht geweint."

"Nicht weinen", das war die Haltung von Frauen, die sich nach dem Zweiten Weltkrieg geschworen hatten, nie wieder den Männern die Führung zu überlassen, nie wieder schwach zu sein. In diesem Sinne versuchte Renate Riemeck, meine Mutter zu einer selbständigen, starken Frau zu erziehen. Schon als Studentin mauserte sich Ulrike Meinhof zur Sprecherin der Antiatombewegung. Als sie 1958 Klaus Rainer Röhl, den Chefredakteur und Herausgeber der Zeitschrift Konkret, kennenlernte, begann für meine Mutter ihre Karriere als Journalistin.

Mit meinem Vater verband sie nicht nur die berufliche Zusammenarbeit, _(* Aus einem Super-8-Familienfilm. )

sondern auch Liebe. Das Glück war perfekt, als 1962 auch noch Zwillingskinder zur Welt kamen, meine Schwester und ich. Doch schon bald hörten meine Eltern auf, sich zu verstehen. Meine Mutter verfolgte konsequent ihren beruflichen Weg, während mein Vater Zuneigung und Liebe bei anderen Frauen suchte.

Im März 1968, als die Ehe meiner Eltern geschieden wurde, zeigte meine Mutter ihre wahren Gefühle nicht. Obwohl sie meinen Vater geliebt und verteidigt hatte, konnte sie nicht weinen. Sie richtete ihren Zorn auf ihren Ex-Mann, er wurde zum Feind. Ulrike Meinhof war 34 Jahre alt, als dieser Abschnitt ihres Lebens zu Ende ging. Gemeinsam mit uns Kindern zog sie nach Berlin.

In dem folgenden Scheidungskrieg wurden wir Kinder aufgerieben. Meine Mutter erholte sich von diesem Zusammenbruch ihres Lebens nie wieder. Sie stürzte sich in die Arbeit, ihre Aufgabe als Journalistin gab ihr Kraft. Die politischen Ereignisse, die 1968 ihrem Höhepunkt zuliefen, begeisterten sie, nahmen sie in Anspruch.

Mit fünf Jahren besuchten meine Schwester und ich einen der ersten Berliner Kinderläden. Gemäß der neuen Ideale der "antiautoritären" Erziehung wurde uns viel von dem erklärt, was die Erwachsenen jetzt machten und worum es bei dem politischen Kampf, von dem jetzt ständig geredet wurde, ging. Was ein Kapitalist ist und warum Polizisten Bullen heißen. Von Maos Revolution in China oder dem Krieg in Vietnam.

Wir saßen neben Bergen von Flugblättern in Mammis Auto, einem klapprigen blauen R 4, wenn sie mit uns über die Stadtautobahn ins damals entstehende Märkische Viertel fuhr. Während sie dort wie üblich mit irgendwelchen Menschen über die Verbesserung der Wohnverhältnisse diskutierte, liefen wir durch die Matschpfützen.

Wir begleiteten sie auf ihrem Weg in ein Erziehungsheim, in dem und über das sie den Film "Bambule" drehte, was soviel wie Aufstand, Aufbruch, Rebellion bedeutet. In unseren Hosentaschen wurden Zangen in das Heim geschmuggelt, damit die Jugendlichen den Stacheldraht durchschneiden und fliehen konnten. Ständig hörten wir, wie schrecklich alles sei und welches soziale Unrecht in der Welt geschehe. Auch daß die Reichen ihr Geld mit den Armen teilen sollten war leicht zu verstehen.

Und dann die großen Demonstrationen, auf die wir Kinder von unserer Mutter und ihrem neuen Geliebten Peter Homann mitgenommen wurden. Viele der Genossen, mit denen wir "Ho-Tschi-minh" singend durch die Straßen zogen, wurden später zu gesuchten Terroristen.

Mehr als einmal kam unsere Mutter von den Wasserwerfern der Polizei naßgespritzt nach Hause. Das waren Momente, in denen sie glücklich aussah. Da sie sonst meistens an der Schreibmaschine mit einer Kanne Kaffee und Unmengen von Zigaretten in ihrem Arbeitszimmer saß, begeisterte es sie immer, wenn sie selbst etwas erlebte, wenn sie mit dabeigewesen war.

Regelmäßig schrieb sie ihre Kolumnen in Konkret. Hinzu kam jetzt ihre Arbeit als Rundfunk- und Fernsehjournalistin. Sie wurde zu der Berichterstatterin der Studentenrebellion. In der linken Szene, das war ihr bewußt, hatte ihre Meinung Gewicht. Durch ihre politischen Analysen in Konkret war sie zu einer Autorität geworden.

Die Titel ihrer Kolumnen hießen "Gegen-Gewalt", "Der Kampf in den Metropolen", "Notstand-Klassenkampf". Nach dem Attentat auf Rudi Dutschke am 11. April 1968 kam es unter den Studenten zu Gewaltausschreitungen. In "Vom Protest zum Widerstand" schrieb meine Mutter darüber:
" Protest ist, wenn ich sage, das und das paßt mir "
" nicht. Widerstand ist, wenn ich dafür sorge, daß das, was "
" mir nicht paßt, nicht länger geschieht. Gegengewalt, wie "
" sie in diesen Ostertagen praktiziert worden ist, ist "
" nicht geeignet, Sympathien zu wecken, nicht, erschrockene "
" Liberale auf die Seite der Außerparlamentarischen "
" Opposition zu ziehen. Gegengewalt läuft Gefahr, zu Gewalt "
" zu werden, wo die Brutalität der Polizei das Gesetz des "
" Handelns bestimmt, wo ohnmächtige Wut überlegene "
" Rationalität ablöst, wo der paramilitärische Einsatz der "
" Polizei mit paramilitärischen Mitteln beantwortet wird . "
" . . "

Die Frage, ob Gewalt das richtige Mittel sein kann, politisches Bewußtsein zu erzeugen, wurde zur beherrschenden Frage der Zeit.

Es war das gleiche Jahr 1968, in dem mit dem Schritt vom Protest zum Widerstand Ernst gemacht wurde. Am 2. April 1968 zündeten vier junge Leute ein Frankfurter Kaufhaus an. Unter ihnen die 27jährige Gudrun Ensslin und der 25jährige Andreas Baader. Niemand wurde getötet, ein Sachschaden von fast 300 000 Mark entstand.

Die herausragende Person im Prozeß war die Studentin Gudrun Ensslin. Ihre Verteidiger konnten sie als Überzeugungstäterin darstellen. Sie trat mit einer imponierenden Lässigkeit, ja fast einer geistigen Arroganz auf. Ihr wurde die Menschenrechtlerin abgenommen.

Vor Gericht sagte Gudrun Ensslin im Namen von sich und Andreas Baader: "Wir taten es aus Protest gegen die Gleichgültigkeit, mit der die Menschen dem Völkermord in Vietnam zusehen . . . Wir haben gelernt, daß Reden ohne Handeln unrecht ist."

Das Interesse meiner Mutter war geweckt. Für Konkret fuhr sie noch während des Prozesses zu Gudrun Ensslin und besuchte sie in der Haftanstalt. Sie wollte wissen, wer die Personen waren, die den Schritt von der Theorie zur Praxis als erste getan hatten. Hatten die Akteure den Schlüssel für Veränderung in der Hand? In ihrem Artikel "Warenhausbrandstiftung", der in Konkret erschien, bemühte sie sich um eine gesellschaftliche Rechtfertigung der Aktion:
" Gegen Brandstiftung im allgemeinen spricht, daß dabei "
" Menschen gefährdet sein könnten, die nicht gefährdet "
" werden sollen. Gegen Warenhausbrandstiftung im besonderen "
" spricht, daß dieser Angriff auf die kapitalistische "
" Konsumwelt . . . eben diese Konsumwelt nicht aus den "
" Angeln hebt, sie nicht einmal verletzt . . . So bleibt, "
" daß das, worum in Frankfurt prozessiert wird, eine Sache "
" ist, für die Nachahmung . . . nicht empfohlen werden "
" kann. "

Sie schreibt aber auch:
" Das progressive Moment einer Warenhausbrandstiftung "
" liegt nicht in der Vernichtung der Waren, es liegt in der "
" Kriminalität der Tat, im Gesetzesbruch. "

Ich glaube, daß sich meine Mutter hier geirrt hat. Wie viele der linken Intellektuellen in dieser Zeit idealisierte sie kriminelle Taten. Sie sah darin die einzige Möglichkeit, die Menschen wachzurütteln. Die eigene Arbeit, das Denken und Schreiben, wertete sie gering. Sie glaubte, daß man mit Schreiben allein nichts mehr verändern könne.

Im Prozeß traten Gudrun Ensslin und Andreas Baader wie junge Helden auf. Lachend umarmten sie einander und warfen mit Bonbonpapier. Noch gab es keinen tieferen Grund, niedergeschlagen zu sein. Es waren ja keine Menschen verletzt oder getötet worden.

Die Studentenrevolte flaute Anfang 1970 ab. Intensiv wurde jetzt diskutiert, wie man die Bewegung am Leben halten könnte. Der Weg in die Illegalität, der Kampf gegen den Staat wurden offen diskutiert. Auch meine Mutter war mit dieser Frage beschäftigt.

Persönlich ging es ihr immer noch nicht gut. Sie befand sich in einer grundsätzlich depressiven Verfassung. Noch hatte sie die Scheidung nicht verkraftet, Perspektiven für ein wahres neues Leben hätten sich erst bilden müssen. Ständig war sie auf Reisen, hatte Termine. Wenn sie zu Hause war, fand sie wenig Zeit für uns. Politik stand im Mittelpunkt ihres Lebens. Meine Schwester und ich waren jetzt sieben Jahre alt. Auch wir Kinder spürten, daß etwas Schweres in der Luft lag.

Zur Jahreswende 1969/70 wurde meine Mutter von der Filmemacherin Helma Sanders interviewt.

In einem schwarzen T-Shirt, blaß, eine Zigarette nach der anderen rauchend, saß meine Mutter auf einem Sessel - die langen, braunen Haare hingen ihr ins Gesicht -, während meine Schwester Regine - dagegen unendlich klein und süß - am Klavier hockte und die tristen Worte meiner Mutter mit vorsichtigen Klaviertönen unterbrach:
" Also ist das Problem aller politisch arbeitenden "
" Frauen - mein eigenes inklusive - dieses, daß sie auf der "
" einen Seite gesellschaftlich notwendige Arbeit machen . . "
" . Aber auf der anderen Seite mit ihren Kindern genauso "
" hilflos dasitzen wie alle anderen Frauen auch. "
" Man kann nicht antiautoritäre Politik machen und zu "
" Hause seine Kinder verhauen. Man kann nicht innerhalb "
" einer Familie die Konkurrenzverhältnisse aufheben, ohne "
" nicht darum kämpfen zu müssen, die Konkurrenzverhältnisse "
" auch außerhalb der Familie aufzuheben, in die jeder "
" reinkommt, der also seine Familie anfängt zu verlassen. "

Ulrike Meinhof sprach hier das erste Mal fast beiläufig davon, ihre Kinder zu verlassen.

Meine Mutter sah so aus, als weine sie während des ganzen Gesprächs. Leider nur innerlich. Hätte sie doch ihrem Schmerz Ausdruck verliehen und mit der Verarbeitung ihrer persönlichen Probleme begonnen, ein einziges Mal, ohne an Politik zu denken; vielleicht wäre alles anders gekommen.

Kurz bevor meine Mutter in den Untergrund ging, wurden die nächtelangen Diskussionen in unserer Wohnung in der Kufsteiner Straße 12 in Berlin immer länger und deprimierter. Die Gesichter, vor allem das meiner Mutter, immer ernster. Wenn ich abends nicht einschlafen konnte, lag ich öfter in ihrem Arm im Kreis der Genossen, wo in den Nächten Dutzende Packungen Roth-Händle und Reval ohne Filter geraucht wurden.

Unser Leben veränderte sich, als die zwei Menschen auftauchten, die wegen der Kaufhausbrandstiftung zu drei Jahren Zuchthaus verurteilt worden waren: Andreas Baader und Gudrun Ensslin. Sie standen auf der Fahndungsliste der Polizei. Nach 14 Monaten Haft waren sie, während ihr Revisionsverfahren lief, freigelassen worden und hatten intensiv mit jugendlichen Heimkindern gearbeitet. Sie entwickelten ihre Arbeit zu einem Projekt und verhandelten erfolgreich mit der Frankfurter Jugendbehörde. So rechneten sie auch ganz fest mit dem Erlaß der Reststrafe oder einer Aussetzung zur Bewährung.

Als jedoch ihre Revision verworfen wurde, flüchteten sie panisch ins Ausland. Zuerst hatten sie in der Wohnung des Revolutionstheoretikers Regis Debray in Paris Unterschlupf gefunden, dann lebten sie eine Zeitlang in Italien, wo sie die Schriftstellerin Luise Rinser besuchten. Im Februar 1970 standen sie vor unserer Tür und baten um Quartier. Meine Mutter gewährte es ihnen.

Der Apo-Anwalt Horst Mahler, der in Berlin für die Studentenbewegung eine ähnliche Schlüsselfigur war wie meine Mutter als Journalistin, hatte die beiden Warenhausbrandstifter zurück nach Berlin geholt. Seine Idee war es, eine militärische Truppe zu gründen, die sich bewaffnet und gegen den Staat kämpft. Er rekrutierte diese Truppe aus seiner Klientel.

Andreas Baader, das hatte Horst Mahler erkannt, war der richtige Anführer für eine Gruppe, die im Untergrund kämpft. Nicht nur, daß er schon "abgetaucht" war, vor allem verkörperte er genau den Führungstypus, nach dem die feinsinnigen Intellektuellen der Zeit damals suchten. Er war der Macher, der staatsverändernde, revolutionäre Anführer, der ihren Zielen zur Durchsetzung verhalf.

Gudrun Ensslin bildete die theoretische Ergänzung zu den praktischen Fähigkeiten von Andreas Baader, Ulrike Meinhof war für diese militärische Truppe um Horst Mahler nicht vorgesehen. Doch die Tatsache, daß Ensslin und Baader jetzt bei ihr wohnten, zog sie in das Geschehen hinein.

Auch uns Kinder betraf dieses konspirative Ereignis. Flüsternd wurde uns erklärt, daß die beiden von der Polizei gesucht würden und daß wir in der Schule und im Kinderladen nichts von ihnen erzählen dürften. Eigentlich hießen sie Andreas Baader und Gudrun Ensslin, aber wir sollten sie einfach nur Hans und Grete nennen.

Grete schnitt sich in unserem Badezimmer ihre Haare und färbte sie. Hans benahm sich bald, als sei er der Hausherr. Daß er Kinder extrem lästig fand, daraus machte er keinen Hehl. Er war entsetzt, daß Regine und ich unsere Freunde aus dem Kinderladen nach Hause schleppten. Denen hatten wir gesagt, daß bei uns zwei Menschen wohnten, von denen wir nichts erzählen durften. Unter dem Versprechen, daß auch sie ihren Eltern nichts weitersagten, nahmen wir sie mit und zeigten auf die beiden Besucher. Andreas Baader floh vor der neugierigen Kinderschar ins Badezimmer und bekam dort einen Wutanfall. Meine Mutter konnte ihn nur mit Mühe beruhigen.

Es war etwas geschehen. Meine Mutter hatte sich zu einer illegalen Handlung hinreißen lassen. Sie gewährte zwei namhaften jungen Leuten, die von der Polizei gesucht wurden, Unterschlupf. Sie wurde zur Mitwisserin und Komplizin.

In den folgenden beiden Monaten lernten sich die drei späteren Führungskader der RAF näher kennen. Zwischen Gudrun Ensslin und Ulrike Meinhof soll eine Art Konkurrenzverhältnis entstanden sein, die, wie eine Freundin meiner Mutter beobachtete, "beide unsäglich an diesem Baader hingen".

Und in der Tat muß es eine Anziehung zwischen meiner Mutter und Andreas Baader gegeben haben. Meiner Mutter imponierte an Baader, dem Typ in der schwarzen Lederjacke, der schnelle Autos fuhr und sich mit jedem anlegte, der ihm in die Quere kam, das Direkte, Aggressive, das ihr fehlte.

Aber auch die Journalistin Ulrike Meinhof übte eine Anziehung auf Andreas Baader aus. Eine gesellschaftliche Stellung, die Privilegien, die dazugehörten, eine große Wohnung, Auto, Flüge zu Geschäftsterminen, journalistische Freiheiten, Prominenz - Andreas Baader, der noch nicht einmal einen Schulabschluß hatte, bewunderte wahrscheinlich das, was er nicht hatte, an ihr. Sie brachte ihn mit einer Welt in Kontakt, an der er vermutlich gerne teilgehabt hätte.

Ihre gesellschaftliche Stellung hat Andreas Baader meiner Mutter in den folgenden Jahren immer wieder vorgeworfen, als er sie als "bürgerliche Fotze", als "bürgerliches Schwein" beschimpfte. Aber ich vermute, daß hier sein Schwachpunkt lag, nicht ihrer.

Andreas Baader ist später immer der Bösewicht gewesen, während meine Mutter trotz ihrer Verteufelung durch die Presse in der Rolle der Guten blieb. Wer gerecht ist, sieht zumindest, daß sich hier zwei Menschen begegnet waren, die sich wie zwei Pole gegenseitig anzogen. Die Eigenschaften des einen entsprachen den ersehnten Eigenschaften des anderen.

Die Situation bei uns zu Hause ähnelte schon längst einem Ausnahmezustand. Sie eskalierte, als Gudrun Ensslin eines Tages mit der Nachricht nach Hause kam, daß Andreas gefaßt worden sei. Weil er zu schnell gefahren war, wurde die Polizei auf ihn aufmerksam. Einen gültigen Führerschein besaß er nicht, und als die Polizei ihn die Daten seines gefälschten Ausweises abfragte, mußte er bei der Anzahl seiner Kinder passen.

Die Stimmung war fortan nicht mehr gedrückt oder depressiv, sondern freudig erregt. Spannungsgeladen. Plötzlich wußten alle, was zu tun war. Es gab ein Ziel. Für meine Mutter und Gudrun Ensslin, die dieses Ereignis zusammenwachsen ließ, stand fest, daß Baader aus dem Gefängnis befreit werden mußte.

Anfang Mai wurden wir von meiner Mutter zu dem befreundeten Schriftsteller Jürgen Holtkamp nach Bremen in die Pfingstferien geschickt, von denen wir nie wieder nach Berlin zu unserer Mutter zurückkehrten. Von dem entscheidenden Ereignis - der Baader-Befreiung - hörten und sahen wir nichts.

Am 14. Mai traf sich Ulrike Meinhof im Lesesaal des Berliner Zentralinstitutes für Soziale Fragen mit Andreas Baader, angeblich um ein Buchprojekt über randständige Jugendliche vorzubereiten. Zwei Justizbeamte hatten den Häftling Baader zum vereinbarten Treffpunkt ausgeführt.

Meine Mutter wollte sich die Möglichkeit, mit in den Untergrund zu gehen, offenhalten, wie Gruppenmitglieder mir später erzählten. Ihre Rolle in der Befreiungsaktion war so aufgebaut, daß sie im Lesesaal zurückbleiben und die Überraschte hätte spielen können. Doch dann ging alles sehr schnell.

Gudrun Ensslin stürzte vermummt mit einem Kleinkalibergewehr hinein, mit ihr ein Mann, ein ehemaliger Häftling, der schon einige "harte Sachen" gemacht hatte, den sie extra für diese Aktion angeheuert hatte. Es kam zu einer Schießerei. Wenige Augenblicke später sprangen alle zusammen aus dem Fenster. Baader und meine Mutter als erste.

Die Befreiung von Andreas Baader war zwar geglückt. Zurück blieb aber - durch einen Lebersteckschuß schwer verletzt - der 62jährige Institutsangestellte Georg Linke. Dies war die erste Niederlage der sich neu formierenden Truppe. Ein Mensch war brutal angeschossen worden. Ausgerechnet der einzige Mann in einer Befreiungstruppe, die sonst nur aus Frauen bestand, hatte die Nerven verloren und geschossen.

Wenige Tage später hing in ganz Berlin ein Plakat aus. Es zeigte meine ernst aussehende Mutter mit der Überschrift: Mordversuch - 10 000 Mark Belohnung. Ein Foto, das sich den Menschen ab jetzt einprägte.

Das Bild meiner Mutter unter der Überschrift "Mordversuch" auf dem Fahndungsplakat suggerierte, daß Ulrike Meinhof, die nicht einmal eine Waffe benutzt hatte - was die Polizei wußte -, die Schuld an den Schüssen gehabt hatte und die Anführerin der Befreiungsaktion gewesen war.

Mit diesem Plakat begann der Mythos, setzte die Verteufelung und die Glorifizierung von Ulrike Meinhof ein. In Zukunft sollten alle Taten, die die Gruppe gemeinsam beging, auf das Konto meiner Mutter gehen, die, wie eine Art Sündenbock, für alles die Schuld auf sich zog. Seit dieser Gefangenenbefreiung stand sie mit ihrem Kopf für die Baader-Meinhof-Bande ein.

Ich glaube, daß der hauptsächliche Antrieb meiner Mutter, in den Untergrund zu gehen, in einer falschen Auffassung über das Helfen zu suchen ist. Wie viele sozial engagierte Menschen glaubte sie, daß sie sich gleichmachen müsse mit den Unglücklichen, daß sie deren Schmerz am eigenen Körper fühlen müsse, um das Leid zu mildern. Sie lebte in der Überzeugung, daß es nicht darauf ankomme, wie es ihr selber ginge.

Als Journalistin hatte sie wirklich Menschen zu ihrem Recht verholfen in ihren Artikeln über Hilfsschulkinder, über den Triebtäter Jürgen Bartsch oder über Fabrikarbeiterinnen. Überall versuchte sie zu dokumentieren, daß die Menschen aus der sogenannten unteren Klasse gleiche Rechte und gleiche Chancen verdienten und eben auch so zu behandeln seien.

Auch Andreas Baader hätte sie in ihrer Eigenschaft als Journalistin helfen können. Hätte meine Mutter dieses Buch, für das sie sich jetzt mit ihm nur zum Schein getroffen hatte, wirklich mit ihm gemeinsam verfaßt, dann hätte zwischen beiden eine fruchtbare Zusammenarbeit entstehen können.

So aber tat sie etwas, was niemandem mehr helfen konnte. Ihre Entscheidung für ein Leben im Untergrund schnitt sie von den Möglichkeiten, etwas Wirksames gegen das soziale Unrecht zu tun, radikal ab. Von nun an befand sie sich selber in einer hilfsbedürftigen, ausweglosen Lage.

Sie mußte an der Tür ehemaliger Freunde und Genossen klopfen und um Solidarität, um Aufnahme für sich und ihre Gruppe bitten. Statt zu helfen, zog meine Mutter, indem sie sich aufgab, andere mit in ihr Unglück hinein - diejenigen, die an sie glaubten und die sie liebten. Am stärksten betroffen von ihrer Selbstaufgabe waren jedoch ihre Kinder, die sie mit aufgegeben hatte.

Noch am Tag der Baader-Befreiung ließ sich mein Vater, den wir seit der Scheidung nur noch selten gesehen hatten, das Sorgerecht für uns übertragen. Er erfuhr, wo wir waren, und reiste nach Bremen, um uns abzuholen. Doch er kam zu spät.

Meine Mutter, so sagten uns die Genossen später, wollte auf keinen Fall, daß wir bei unserem Vater aufwuchsen, der für sie jetzt ein sexistischer Salonkommunist war. Aber mein Vater hatte recht: Meine Mutter - verschwunden im Untergrund - bot nicht mehr die Voraussetzung, zwei kleine Kinder aufzuziehen.

Morgens um sechs Uhr wurden wir geweckt. Man sagte uns, daß wir fliehen müßten, bevor unser Vater vor der Tür stünde. Wir wurden nach Berlin gebracht und trafen uns am Zoo mit Monika Berberich, Marianne Herzog - zwei Freundinnen meiner Mutter - und einer Hanna, die wir bis dahin nicht kannten. Von dort fuhren wir weiter.

Im Auto herrschte Hochstimmung. Das Gesprächsthema: die Baader-Befreiung. Die Frauen hatten nicht direkt daran teilgenommen, kannten aber jede Einzelheit. Stundenlang amüsierten sie sich darüber, wie dumm die Bullen gewesen waren, wie klasse alles geklappt hatte, daß alle Befreier entwischt waren und so weiter.

Dann der folgende Plan: Hanna sollte das Auto über die französische Grenze fahren. Die anderen beiden wollten mit uns Kindern zu Fuß durch ein Waldstück gehen und sich so der Paßkontrolle entziehen.

Fast gemütlich schritten wir durch den Wald und mußten uns nur einmal flach auf den Boden legen, als Grenzbeamte uns entgegenkamen. Bevor sie uns begegnet wären, bogen sie jedoch wieder ab. Hinter der Grenze trafen wir auf eine vor Angst schwitzende Hanna, die nur mühsam über die Witze der anderen lachen konnte. In Frankreich wurde uns eingeschärft, kein Wort zu sprechen, und zu unserem Entsetzen wurde davon geredet, "den Kindern die Haare schwarz zu färben" - doch zum Glück nur geredet.

Am nächsten Tag fuhren wir weiter in Richtung Italien. Wieder hatten wir Glück. Der Paß, den wir überqueren wollten, war genau noch einen Tag wegen zu vielen Schnees gesperrt. In der Abenddämmerung ging es im Schrittempo den schmalen Weg zwischen Abgrund und Bergen von Schnee über den Paß. Regine und ich lagen unter einer Decke versteckt hinten im Auto.

Zwei Tage später waren wir in Sizilien und erreichten ein Barackenlager, das wegen der Erdbeben für die Obdachlosen errichtet worden war. In einem Teil des Barackenlagers lebten italienische Genossen, Freunde von Andreas Baader, die uns zu einer leerstehenden Baracke führten. Hier sollten wir in Zukunft leben.

Die Baracke hatte orangefarbene Wände, die mit Styropor gefüllt waren, und grüne Fensterläden. Fensterscheiben gab es keine. Nur einmal in der Woche wurde frisches Wasser gebracht und in eine große Tonne gefüllt. Essen und kochen sollten wir in der großen Gemeinschaftsküche im Lager.

Marianne und Monika fuhren noch am selben Tag wieder ab. Hanna, die ausgewählt worden war, für uns zu sorgen, warf sich auf ein Bett in der Baracke und heulte.

Dies war der erste Moment, in dem ich mich verloren fühlte. Ich hatte das Gefühl, daß etwas Schlimmes passiert sein mußte. Wo war denn eigentlich unsere Mutter? Warum waren wir hierher gekommen? Warum waren Monika und Marianne gleich wieder abgefahren? Hanna kannten wir doch gar nicht, und offenbar fand sie es schrecklich, mit uns zusammen hierzubleiben, sonst würde sie nicht so weinen. Meine Schwester Regine stand genauso verloren neben mir.

Der Krieg zweier Welten hatte begonnen. Der Krieg zwischen meinem Vater und meiner Mutter, zwischen Schweinen und Menschen. Gut und Böse. Eine Handvoll Menschen hatte sich aufgemacht, mit Waffengewalt die Welt zu verändern und dem "allgegenwärtigen System" in die Fresse zu schlagen.

Wie ich später erfuhr, hielt sich meine Mutter indessen im West-Berliner Untergrund auf. Das waren eigentlich nur drei Wohnungen, die Freunde der Gruppe zur Verfügung gestellt hatten. Über eine französische Journalistin ließen die Baader-Befreier der Öffentlichkeit eine Botschaft zukommen. Mit dieser Tonbandaufnahme machte die Gruppe endgültig klar, welche Position sie bezogen hatte.
" Die Bullen sind Schweine. Wir sagen, der Typ in der "
" Uniform ist ein Schwein, das ist kein Mensch, und so "
" haben wir uns mit ihm auseinanderzusetzen. Das heißt, wir "
" haben nicht mit ihm zu reden, und es ist falsch, "
" überhaupt mit diesen Leuten zu reden. Und natürlich kann "
" geschossen werden. Denn wir haben nicht das Problem, daß "
" das Menschen sind, insofern es ihre Funktion, "
" beziehungsweise ihre Arbeit ist, die Verbrechen des "
" Systems zu schützen, die Kriminalität des Systems zu "
" verteidigen und zu repräsentieren . . . Diejenigen, die "
" sagen, nicht die Bullen sind schuld, die Bullen sind auch "
" irgendwie Menschen . . . die kommen natürlich überhaupt "
" nicht dazu, das System da zu bekämpfen, wo das System uns "
" bekämpft. "

Ohne daß ich meine Mutter entschuldigen will, habe ich bis heute das Gefühl, daß die kühnsten Thesen in ihren Texten fortan von Gudrun Ensslin erdacht wurden, die meine Mutter befürwortete und dann als Journalistin zu Papier brachte.

Die Gedanken Gudrun Ensslins führten in Teilen weit über das moralisch Vertretbare hinaus. Die Idee, "den 24-Stunden-Tag auf den Begriff Haß zu bringen" oder das fünfte Gebot umzudrehen, so daß es "Du sollst töten" heißt, stammten von ihr. Sie entwickelte eine ethische Rechtfertigungsstrategie, die es "erlaubte", Menschenleben in Gefahr zu bringen. Dadurch wurden Handlungsspielräume geöffnet, die durch die normalen zwischenmenschlichen Moralgesetze aus guten Gründen verschlossen sind. Sie, die Pfarrerstochter, beherrschte die Kunst, kriminelle Aktionen durch Idealismus zu erhöhen und als revolutionäre Taten erscheinen zu lassen. Das war ihr vom Gericht im Kaufhausbrandstifter-Prozeß quasi bescheinigt worden.

Gudrun Ensslin war aber dadurch, daß meine Mutter mit in den Untergrund gegangen war, ins Hintertreffen geraten. Sie, die im Brandstifterprozeß als die theoretische Anführerin geglänzt hatte, wurde durch die Prominenz meiner Mutter verdrängt. Baader-Meinhof-Bande hieß es in Zukunft. Das kann Ensslin nicht gefallen haben. Sie war doch die Freundin von Baader, sie hatte zusammen mit ihm als Traumpaar a la Bonnie und Clyde alles angefangen.

Gudrun Ensslin hätte sicher ebenso gerne im Zentrum des Rampenlichtes gestanden, wie meine Mutter gerne darauf verzichtet hätte. In diesem Unverhältnis der beiden zueinander kann eine erbitterte Konkurrenz entstanden sein, die sich später, unter den verschärften Bedingungen in Stammheim, zu einem unauflösbaren Haß verdichtete.

Doch zunächst bildeten, wie Gruppenmitglieder mir später erzählten, Gudrun Ensslin und Ulrike Meinhof ein Gedankenpaar. Die beiden Frauen saßen stundenlang zusammen und redeten. Vieles, was gesagt oder gemacht wurde, wurde von ihnen geplant und diskutiert. Andreas Baader störte die Frauen bei diesen Prozessen nicht. Am Ende entschied er, was zu tun war.

Im Juni 1970 flog die Gruppe, inzwischen waren es insgesamt mehr als 20 Leute, von denen die meisten jedoch noch nicht straffällig waren, über Ost-Berlin in Richtung Nahost. Das Ziel war ein jordanisches Camp, in dem sie sich einer militärischen Ausbildung unterziehen wollten. Während wir in Sizilien auf unsere Mutter warteten, robbte sie unter der gleichen heißen südlichen Sonne bei Schießübungen durch den Sand.

Die Gruppe, nach der seit der Baader-Befreiung intensiv gefahndet wurde, begann sich neu zu formieren. Horst Mahler und Andreas Baader stritten kurz um die Führung, die Baader übernahm und seitdem unangefochten ausübte. Neue Überlegungen wurden angestellt, wie man von nun an mit Verrätern und Aussteigern umgehen wollte: In der Illegalität wurden sie zu einer Gefahr. Über die Person Peter Homann, den ehemaligen Geliebten meiner Mutter, wurde drastisch diskutiert. Er war zwar mitgekommen, hätte sich aber gerne wieder abgesetzt. In einer an Hysterie grenzenden neuen Härte, die die Gruppe erfaßt hatte, schlug Gudrun Ensslin sogar vor, ihn zu erschießen. Doch soweit kam es nicht.

Auch das Schicksal der Kinder Ulrike Meinhofs wurde in der Gruppe zur Sprache gebracht. Daß die Kinder nicht zu Klaus Röhl zurückkehren konnten, darüber bestand Einigkeit. So überlegte man, uns in ein palästinensisches Waisenlager zu geben. Dort hätten wir zu Partisanen ausgebildet werden können.

Viele derjenigen, die damals mit dabeigewesen sind, erzählten mir später, meine Mutter habe in dieser Zeit große Sehnsucht nach uns gehabt. Zu einer Freundin sagte sie, daß ihre Kinder stark seien, daß sie uns zutraue, mit unserer Situation fertig zu werden. Immerhin hätten wir es sieben Jahre lang gut gehabt, im Gegensatz zu Kindern in Vietnam, die schon Krieg und den Tod ihrer Eltern miterlebt hätten.

Doch sie überschätzte uns. Für sie mochte ihr Handeln logisch sein. Für meine Schwester und mich war das Verhalten meiner Mutter, als Mutter, verheerend. Für Kinder sind Monate Jahre. Sie haben sehr viel Vertrauen in ihre Eltern. Sie sind sicher, daß diese sie nicht im Stich lassen, daß sie geliebt werden. Wir warteten.

Den Boden in der Baracke zu fegen war unmöglich, weil er aus bröseligem Stein war und immer wieder eine neue Staubschicht aufgewirbelt wurde. Für Regine und mich wurde ein Zimmer eingerichtet. Der Tisch bestand aus einem heruntergefallenen grünen Fensterladen, der auf ein paar Ziegelsteine gestellt wurde. Auf die Bettgestelle wurden Matratzen geworfen, und die Italiener stellten uns ein paar Wolldecken zur Verfügung. Das andere Zimmer bewohnte Hanna.

Es war sehr heiß, und der Strand war nicht wie im Urlaub vor der Tür, sondern eine Stunde mit dem Auto entfernt, und Hanna hatte kein Auto. Stundenlang lagen Regine und ich auf unseren Betten und knobelten darum, welche von uns von unserem Taschengeld - damals 150 Lire - ein Eis holen geht. Abends spielten wir mit den italienischen Kindern eine Art Räuberund-Gendarm-Spiel mit selbstgeschnitzten Holzschwertern. In der Gemeinschaftsküche stand eine riesige Tonne mit Olivenöl, in das wir Kinder unser Brot tunkten.

Da mein Vater uns mit einem Foto über Interpol suchen ließ, gab es ab und zu Vater-Alarm. Wenn es hieß, er sei uns auf die Spur gekommen, mußten wir in einem Versteck außerhalb des Barackenlagers untertauchen.

Aus diesem Grund verbrachten wir ein paar Wochen mit Hanna im Steinhaus eines italienischen Architekten, wo ungefähr 20 Katzen herumliefen, die uns natürlich begeisterten. In diesem Haus haben Regine und ich kochen gelernt. Ich erinnere mich, wie Regine auf einem Stuhl vor dem Herd stand und die Spaghetti in das heiße Wasser warf, während ich mich unten am Tisch bemühte, eine Dose mit Tomaten zu öffnen. Besonders schwierig war das Abgießen der Spaghetti. Der Topf war so groß und das Wasser so heiß. Aber es gelang uns. Wie gerne hätten wir Mammi von diesem Erfolg erzählt. Doch sie war nicht da.

Nach einigen Wochen wurde Hanna abgelöst. Vier Hippies, ein blondes und ein schwarzhaariges Pärchen, parkten eines Tages ihren blauen VW-Bus vor unserer Baracke und sagten, daß sie von nun an für uns sorgen würden. Zu viert zogen sie in Hannas altes Zimmer und erklärten uns, daß sie ein Vierer seien. Als Paar zusammenzuleben sei ihnen zu bürgerlich. Sie lagen den ganzen Tag bei abgeschlossener Tür im Bett und bestanden auf absoluter Ruhe. _(* Mit dem Auto des Vaters. )

Sie waren nett, vor allem die Blonden, aber sie waren uns noch fremder, als es Hanna gewesen war. Sie kannten unsere Mutter noch nicht einmal. Für sie waren wir eine Art Job, mit dem sie Endlosferien in Sizilien finanzieren konnten. Arbeitgeber: die Baader-Meinhof-Gruppe.

Manchmal stand Regine heimlich an der Tür und weinte, möglichst so, daß ich es nicht sehen konnte, aber ich sah es doch. Oder aber ich rannte mal wieder laut heulend im Schlafanzug auf die schon morgens glühend heiße Straße, weil es wieder kein Frühstück gab und sich niemand um uns kümmerte. Dann wurden sie nicht mit uns fertig. Bauch- oder Ohrenschmerzen, Alpträume oder Verletzungen - deswegen waren sie nicht nach Sizilien gekommen.

Nur abends wurde es lustig. Unsere Baracke wurde zum Treffpunkt, 20 bis 30 italienische Genossen versammelten sich, saßen auf Matratzen und rauchten dicke Joints. Sie spielten Gitarre und sangen Revolutionslieder.

Erst nach ein paar Monaten wurden die Hippies unruhig. Das Geld, das ihnen von der Gruppe versprochen worden war, traf nicht mehr ein, und das führte zu Streit innerhalb des Vierers, der sich nun doch in zwei Paare teilte. Die Blonden blieben bei uns. Uli, der Mann, nahm zähneknirschend eine Arbeit als Kellner in einem Fischrestaurant an. Von nun an aßen wir jeden Tag Calamares.

Ständig erzählten sie uns, daß sie zu einer afrikanischen Hochzeit eingeladen waren und daß sie kein Geld mehr hätten, um dorthin zu kommen. Meine Schwester und ich waren hilflos und verunsichert. Wir konnten ihnen das Geld auch nicht geben. Einen weißen Koffer und die Armbanduhr, die beiden letzten Gegenstände, die unserer Mutter gehörten, hatten wir bereits dem schwarzhaarigen Pärchen bei seiner Abreise überlassen.

Nach fast vier Monaten kam endlich jemand, um uns abzuholen. Es war höchste Zeit.

Als ein damals 24jähriger Hamburger Journalist* uns Mitte September auf eigene Faust herausholte, waren wir braungebrannt und konnten hervorragend italienische Revolutionslieder singen. Über Hanna und Peter Homann, die ihm ihre Sorgen um die Kinder in Sizilien anvertraut hatten, hatte er erfahren, wo wir waren, und den Entschluß gefaßt, uns ein Schicksal in einem palästinensischen Waisenlager zu ersparen.

Auf ein Stichwort - es hieß nach einer Kinderpuppe "Professor Schnase" - gaben die Hippies, die ihn für ein Mitglied der Gruppe hielten, uns Kinder heraus. Mit dem Zug fuhren wir nach Rom, wo der junge Mann uns Kinder unserem Vater übergab.

Viel später erfuhr ich, daß auch meine Mutter auf dem Weg nach Sizilien gewesen war. Sie kam einen Tag später. Eine ehemalige Genossin erzählte mir, daß sie zusammengebrochen sei, als sie erfuhr, daß wir bereits auf dem Weg nach Hamburg zu unserem Vater waren. Schicksal.

Wenige Wochen später feierten wir in Deutschland unseren achten Geburtstag und wurden in Hamburg-Blankenese wieder eingeschult. Die Normalität hatte uns zurück. Abgesehen davon, daß unser Vater ständig gegen diese linken Struppies schimpfte und unsere Erzählungen aus Berlin oder Sizilien mit höhnischen Bemerkungen über ausgerastete Kriminelle versah, was meine Schwester und mich verunsicherte, war die erste Zeit herrlich.

Mein Vater genoß es, gewissermaßen den Weihnachtsmann zu spielen. Da wir nichts mehr anzuziehen hatten, war es geradezu ein Fest für ihn, uns zu beschenken. Er liebte es, mit uns ins Kaufhaus zu gehen und uns alles zu kaufen, was wir uns wünschten.

Der Bruch zwischen dem Leben in Berlin und dem neuen Leben in Hamburg hätte nicht größer sein können. Die übrigen Schulkinder wußten noch nicht einmal, was eine Demonstration war, geschweige denn, daß sie je auf einer gewesen wären.

Die Baader-Meinhof-Bande war jedoch bald allgegenwärtig. Später erfuhr ich, daß dieser Name selbst in Sibirien ein Begriff war. Ich erinnere mich, wie die Kinder in unserer Straße das Spiel "Baader-Meinhof-Bande" spielten. Sie redeten von Andreas Baader und Ulrike Meinhof so, als wären das irgendwelche wahnsinnigen Gangster, die sich ständig mit Pistolen beschossen.

Schon damals hatte ich das dringende Bedürfnis, ihnen zu erklären, daß es nicht so sei; daß Ulrike Meinhof eine ganz normale Mutter gewesen war, die mit uns Pizza gebacken hatte. Aber das Gefühl war stärker, daß es irgendwie zwecklos sei.

Auch meine Mutter befand sich, wie ich später erfuhr, im September 1970 wieder in Deutschland. Während _(* Stefan Aust. )

wir unseren Schulalltag wiederaufnahmen und ihr in Bastelstunden Deckchen häkelten oder Bilder malten, die dann über diffuse Kontakte in den Untergrund geschickt wurden - ich weiß bis heute nicht, ob sie unsere Geschenke jemals erhalten hat -, nahm meine Mutter in Berlin an einer Bankraubserie teil.

Etliche Mitglieder, die sich um Horst Mahler geschart hatten, wurden bald in einer Berliner Wohnung gefaßt. Gemäß dem Gruppenversprechen, daß man alle Gefangenen wieder herausholen würde, schmiedete ein Teil der Gruppe Befreiungspläne.

Ulrike Meinhof ging indessen nach Westdeutschland, um dort bei linken Genossen um Quartier für die Gruppe zu bitten. In dieser Zeit war das noch kein Problem. Im Winter 1970/71 beschäftigte sich die Gruppe vor allem mit Autodiebstählen und der Organisation von Banküberfällen. Sie besorgte sich Waffen und Papiere.

Im April 1971 trat die Gruppe mit einem Traktat an die Öffentlichkeit, in dem sie sich zum erstenmal " Rote Armee Fraktion" nannte. Es ist vermutlich meine Mutter, die, als Stimme der RAF, schrieb:
" Auch viele Genossen verbreiten Unwahrheiten über uns. "
" Sie machen sich damit fett, daß wir bei ihnen gewohnt "
" hätten, daß sie unsere Reise in den Nahen Osten "
" organisiert hätten, daß sie über Kontakte informiert "
" wären, über Wohnungen, daß sie was für uns täten, obwohl "
" sie nichts tun. Manche wollen damit nur zeigen, daß sie "
" "in" sind . . . Wir haben mit diesen Schwätzern, für die "
" sich der antiimperialistische Kampf beim Kaffee-Kränzchen "
" abspielt, nichts zu tun. "

Unmerklich wurde der Schweine-Begriff auch auf die linken, ehemaligen Genossen ausgedehnt. Wie eine moralische Erpressung wirkten die Worte meiner Mutter. Durch die Logik "Entweder bist du ein Teil des Systems oder ein Teil seiner Lösung" gerieten sie zunehmend unter Druck. Meine Mutter, die selber dieser Logik gefolgt war, bindet möglicherweise bis heute mit ihrem falschen Vorbild das Aktionspotential vieler sozial engagierter Menschen. Der Mythos, die Linke könne nichts mehr verändern, ohne Waffen einzusetzen, begann, die oppositionelle Bewegung zu lähmen.

Ulrike Meinhof schrieb auch: "Die Frage, ob die Gefangenenbefreiung auch dann gemacht worden wäre, wenn wir gewußt hätten, daß ein Linker dabei angeschossen wird . . . kann nur mit Nein beantwortet werden." Doch das Eingestehen dieses Fehlers blieb ohne Folgen. Die logische Konsequenz, mit dem bewaffneten Widerstand aufzuhören, der notgedrungen weitere "Linkes" treffen mußte, blieb aus.

1971 kamen beim Kampf zwischen der Polizei und der RAF immer mehr Menschen zu Tode. Am 15. Juli starb die 20jährige Petra Schelm bei einem Schußwechsel mit der Polizei; sie war die erste Tote der RAF. Wenige Monate später wurde der 32jährige Polizeibeamte Norbert Schmid bei einer Kontrolle von BM-Mitgliedern erschossen, im Dezember der Baader-Meinhof-nahe Georg von Rauch in West-Berlin von einem Polizeibeamten getötet. Tage später starb in Kaiserslautern der Polizeiobermeister Herbert Schoner, 32, er wurde von Bankräubern, die zur Baader-Meinhof-Gruppe gehörten, erschossen. Im März 1972 trafen Augsburger Polizisten den Anarchisten Thomas Weisbecker, 23, tödlich. Am gleichen Tag starb in Hamburg der Polizist Hans Eckhardt, 50.

Auch bei uns in Hamburg-Blankenese war die Stimmung zu spüren. Mein Vater hatte immer wieder Angst, daß seine Kinder noch einmal von der Gruppe entführt würden. Er ließ unser Haus bewachen. Regine und ich wurden auf unserem Weg in die Schule von einem zivilen Polizeiwagen begleitet.

Den Ernst der Lage hatten wir Kinder jedoch nicht begriffen. Um den Polizisten, die auf uns aufpassen sollten, einen Streich zu spielen, teilten wir uns und gingen auf getrennten Wegen zur Schule. Oder wir nahmen eine Abkürzung durch den Bahnhof, so daß der Wagen uns nicht folgen konnte.

Zum erstenmal rief die Polizei zu einer Großfahndung auf. Die Baader-Meinhof-Bande wurde zum Staatsfeind Nr. 1 erklärt, meine Mutter zur meistgesuchten Bandenchefin der Nachkriegszeit und, wie die Stuttgarter Zeitung schrieb, zur "negativen Symbolfigur der Bundesrepublik". Bis heute frage ich mich, wie diese Ausdrücke in die Köpfe der Zeitungsreporter und Politiker kommen konnten. Was die RAF auch angerichtet hatte - ging das nicht zu weit?

Ich habe den Eindruck, daß die Bundesregierung ebenso wie die RAF, ohne daß es ihr vielleicht bewußt war, einen ganz anderen Gegner vor sich sah als den, den sie wirklich vor sich hatte. Vor 1933 hatte es die Weimarer Republik versäumt, einen Adolf Hitler und die aufsteigende NSDAP zu bekämpfen, ihn zum Staatsfeind Nr. 1 zu erklären und ihm den Vorkommnissen entsprechend zu begegnen.

Diesmal, so scheint es mir, wollte sich die junge Demokratie nicht noch einmal die Macht von einer Terrorbande aus der Hand nehmen lassen. Deshalb bekämpfte sie die Baader-Meinhof-Bande mit dem schlechten Gewissen ihrer Vorväter, die einen Hitler zugelassen hatten. Zu der Verfolgung von NS-Verbrechern hätten die drastischen Verteufelungskampagnen, die zerstörerische Isolationshaft, die Änderung der Gesetze und die Errichtung eines eigenen Prozeßgebäudes gepaßt. Für den kleinen Haufen der RAF waren und sind diese Methoden bis heute unangemessen brutal.

Aber auch die RAF kämpfte gegen einen Phantomgegner. In der demokratischen Bundesrepublik meinte sie den wiederaufstrebenden Faschismus zu erkennen. Terrormaßnahmen, die möglicherweise für die Beendigung der NS-Diktatur notwendig gewesen wären, wie der bewaffnete Untergrundkampf, Sprengstoffattentate, später Entführungen, waren in der Demokratie weder angemessen noch wirksam.

Schuldgefühle gegenüber dem jüdischen Volk führten dazu, daß sich die Aufmerksamkeit einer zum Widerstand bereiten Generation auf das nächste Volk richtete, das vor den Augen der Öffentlichkeit systematisch vernichtet wurde: auf Vietnam.

Um politische Führungskreise zur Vernunft zu zwingen, glaubten sie Menschenleben im eigenen Land opfern zu dürfen.

Zwischen dem 11. und dem 24. Mai 1972 erschütterten sechs Sprengstoffattentate die Republik. Getroffen wurde das Hauptquartier des V. US-Corps in Frankfurt am Main; ein Mann wurde getötet. Bei der Explosion in der Augsburger Polizeidirektion wurden fünf Beamte verletzt. Eine Bombe ging auf dem Parkplatz des Münchner Landeskriminalamtes in die Luft. In Karlsruhe explodierte das Auto des Bundesrichters Buddenberg. Am Steuer saß seine Frau, die schwerverletzt überlebte. Im Verlagshaus Axel Springer in Hamburg detonierten zwei Sprengsätze, Verletzte blieben zurück. Bei dem Anschlag auf das Europa-Hauptquartier der US-Armee in Heidelberg wurden drei Soldaten getötet.

Am 1. Juni 1972 wurden Jan-Carl Raspe, Holger Meins und Andreas Baader von einer Polizeieinheit in Frankfurt aufgespürt und verhaftet. Am 7. Juni 1972 stellte die Polizei Gudrun Ensslin in einer Hamburger Boutique, am 14. Juni folgte die Verhaftung von Ulrike Meinhof bei Hannover.

Der Staat hatte gesiegt. Die RAF hatte es nicht geschafft, für ihre Ziele eine breite Anhängerschaft in der Bevölkerung zu gewinnen. Jetzt erinnerte nichts mehr an die Fröhlichkeit und den Spaß, den die Kaufhausattentäter 1968 noch ausgestrahlt hatten. Baader war vom Streß und Drogenkonsum, hauptsächlich Speed-Tabletten, gezeichnet, Gudrun Ensslin zeigte ihr Gesicht nicht mehr offen, sondern versteckte sich vor den Fotografen. Meine Mutter sah bei ihrer Verhaftung aus wie ein Gespenst. Abgemagert, vom Leben im Untergrund verhärtet.

Ich erinnere mich, wie ich nach der Schule bei meiner Oma in einer Zeitschrift die große Story über die Verhaftung meiner Mutter las. Die Fotos, die ich dort von ihr sah, konnte ich mit dem Bild, das ich innerlich von ihr behalten hatte, nicht mehr zusammenbringen. Daß solche Bilder von meiner Mutter in aller Öffentlichkeit gezeigt wurden, erfüllte mich mit unaussprechlichem Entsetzen.

Es wäre Zeit gewesen für ein Resümee, ein Nachdenken über die Niederlage. Man hätte über die Möglichkeit, aufzugeben, reden müssen. Aber die Gefangenen, die in unterschiedlichen Gefängnissen einsaßen, hatten nicht den Raum und die Zeit für Gefühle und Gedanken.

Das Wort "Konsequenz" ersetzte das Nachdenken über die Niederlage. Wer die eingeschworene Gemeinschaft jetzt verlassen hätte, wäre als Verräter abgestempelt worden. Doch die Inhaftierten waren auf der Position von Verlierern, die jetzt um sich herum ein falsches Heldentum aufbauten. Dieses Heldentum ähnelte dem Heroismus der Soldaten im Krieg, die bis zum Todesstoß für ihr Vaterland kämpfen sollten. Diese "Ehre des Todes", die jetzt endgültig verherrlicht wurde, verhinderte eine realistische Einschätzung der Lage, und sie verstellte die Möglichkeit zum Ausstieg.

Die Einsicht, daß Gewalt nicht der richtige Weg gewesen war, um an das Ziel zu kommen, wurde als Verrat gewertet. Die Tatsache, daß einer psychisch und physisch nicht mehr konnte, wurde gruppenhierarchisch als Ausstiegsgrund nicht mehr zugelassen. Wem sein Leben lieber war als die Revolution, war ein Schwein.

Justiz und Regierung verstärkten mit ihren rigiden Haftbedingungen die Kampfbereitschaft der Inhaftierten. Bald hatten sie sich mit einem schweren Vorwurf auseinanderzusetzen: Isolationsfolter.

Tatsache war, daß zum Beispiel die Zelle, in der meine Mutter die ersten Monate in Untersuchungshaft saß, in einem "toten Trakt" lag. Sie war, wie der Anstaltsleiter seiner vorgesetzten Behörde darlegte, auch akustisch isoliert. Neonlicht brannte Tag und Nacht. Den Hofgang mußte sie allein absolvieren.

Die Zeilen, die meine Mutter über ihre Isolation schrieb, rüttelten die Sympathisantenszene auf:
" Das Gefühl, die Zelle fährt. Man wacht auf, macht die "
" Augen auf: die Zelle fährt, nachmittags, wenn die Sonne "
" reinscheint, bleibt sie plötzlich stehen. Man kann das "
" Gefühl des Fahrens nicht absetzen . . . Rasende "
" Aggressivität, für die es kein Ventil gibt. Das ist das "
" Schlimmste. "

Im August 1972 bekamen wir den ersten Brief von ihr. Sie schrieb:
" He Mäuse! Und beißt die Zähne zusammen. Und denkt "
" nicht, daß Ihr traurig sein müßt, daß Ihr eine Mami habt, "
" die im Gefängnis ist. Es ist überhaupt besser, wütend zu "
" werden, als traurig zu sein. Au warte - ich werd'' mich "
" freuen, wenn Ihr kommt. Verdammt ja. "

Im Oktober 1972, zweieinhalb Jahre nach der Baader-Befreiung, sahen wir sie in einer Besucherzelle des Gefängnisses Köln-Ossendorf wieder. Wir waren inzwischen zehn Jahre alt und gingen in die vierte Klasse.

Mein Vater brachte uns zum Gefängnis, wo wir uns in einer trüben Eingangshalle anmelden mußten. Während mein Vater dort wartete, folgten meine Schwester und ich der Beamtin, die uns, mit einem riesigen Schlüsselbund ausgerüstet, durch die Gänge führte. Für jeden Gang gab es eine Eisengittertür. Endlich kamen wir in das Besucherzimmer, einen weißen Raum mit einem Fenster, das so hoch angebracht war, daß man nicht hinausschauen konnte. Auf einem Holzstuhl nahm die Beamtin Platz. Regine und ich standen aufgeregt um einen Tisch herum.

Wie würde unsere Mutter aussehen? Hoffentlich nicht mehr ganz so schlimm wie auf den Fahndungsfotos. Ich hatte Angst, mich vor meiner Mutter zu erschrecken. Vielleicht hatte ich auch nur Angst davor, ein Gefühl zu haben. Zum Beispiel Freude oder Trauer. Im Grunde immer noch die Erwartung: Ist jetzt alles wieder gut? Können wir zusammen nach Hause gehen? Kann ich ihr endlich erzählen, wie es in Sizilien war? Liebte sie uns noch?

Dann kam meine Mutter. Zwei Beamte führten sie herein. Ihre Haare waren wieder schulterlang. Sie trug eine braune Cordhose und einen blauen Pullover. Sie war ganz aufgeregt, und sie freute sich wie verrückt.

Etwas unsicher fragte sie: "Darf ich euch in den Arm nehmen? Wollt ihr das überhaupt?" Ich kam nicht dazu, mich selber zu fühlen. Ich versuchte eher, sie zu beruhigen. Meine Schwester sagte sowieso kaum ein Wort. Auch wenn meine Mutter sie ansprach, konnte sie irgendwie nichts sagen.

So erzählte ich von der Schule, vom Klavierunterricht und von Omi und Pappi, bei dem wir ja jetzt lebten. Nach kurzer Zeit war es schon wieder vertraut zwischen uns, auch wenn mich ihre politische Art verunsicherte, vielleicht weil ich meine Mutter inzwischen mehr von außen kannte, aus den gefärbten Erzählungen meines Vaters und der Presse.

Sie fand es einen Skandal, daß wir so wenig Taschengeld bekamen. 50 Pfennig in der Woche! Sie wollte, daß wir monatlich 100 Mark bekämen, damit wir unabhängiger seien. Es gelang mir nicht, ihr zu erklären, daß unser Vater uns, wenn er mit uns unterwegs war, alles kaufte, daß wir nichts vermißten.

Ein anderes Mal sagte sie, wir sollten gegen die Eltern eines Mädchens aus unserer Klasse einen Kinderaufstand organisieren, weil diese dem Mädchen so viel verboten. Es war zwecklos, ihr zu sagen, daß das absolut nicht im Sinne des Mädchens war, daß es völlig absurd war, daß ich so etwas nicht tun wollte.

Mein Vater erzählte uns später, daß meine Schwester und ich nach diesen Besuchen immer besonders unruhig waren und bei jeder Kleinigkeit anfingen zu heulen. Natürlich ging es immer um ganz andere Dinge. Denn sobald wir aus dem Gefängnis wieder draußen waren, versuchten wir so schnell wie möglich zu verdrängen, was wir dort gespürt hatten. Die tote Atmosphäre in den Gängen, die brutale Kahlheit des Besucherraumes, die Bemühtheit und Gequältheit unserer eingesperrten Mutter, die dauernd von politischem Kampf redete, während draußen die Sonne schien. Die Neugier der Beamten auf eine Meinhof, die plötzlich Gefühle zeigte.

Sie schrieb uns: "Neulich, im Oktober, standen bunte Drachen über dem Knast. Also da mußten irgendwo Kinder sein, die sie steigen ließen. Unheimlich hoch, grün und rot. Das war richtig schön." Und auch: "Ich mach'' mir jetzt ziemlich viele Gedanken über Euch . . . Und besucht mich! Und schreibt - los! Oder malt mir was, ja? Ich finde, ich brauche mal wieder ein neues Bild. Die ich hab'', kenn'' ich jetzt auswendig."

Während des Hungerstreiks, den sie 1973 führte, um aus der Isolation herauszukommen, schrieb sie uns: "Haltet die Daumen, daß wir mit unserem Hungerstreik was erreichen. Mehr als Daumenhalten könnt Ihr ja wohl noch nicht tun. Laßt wieder von Euch hören. Tschüs, Mami. Mal zusammen Fußball spielen? Hätt'' ich natürlich Lust."

Doch das Verfassungsgericht lehnte eine Beschwerde der RAF-Verteidiger gegen die strengen Haftbedingungen ab.

1974 wurden die Gefangenen nach Stuttgart-Stammheim verlegt. Eigens für diesen Prozeß war dort ein Prozeßgebäude errichtet worden. Im September begann der härteste Hungerstreik, den die Gruppe bisher gemacht hatte; die vorigen hatten keine Haftverbesserungen gebracht. Er dauerte 140 Tage.

Im November starb Holger Meins an den Folgen der Unterernährung. Drei Tage vor seinem Tod hatte er noch geschrieben: "Entweder Schwein oder Mensch. Entweder Überleben um jeden Preis oder Kampf bis zum Tod. Entweder Problem oder Lösung. Dazwischen gibt es nichts."

Seine Worte wurden innerhalb der linken Sympathisantenszene zum Manifest. Tausende kamen an sein Grab nach Hamburg. Die RAF draußen begann wieder zu wachsen. Anfang der Siebziger hatte die Polizei nur 30 bis 40 Personen gesucht. Jetzt standen 300 auf der Fahndungsliste.

Die Diskrepanz zwischen dem Leben, das unsere Mutter führte, und dem Leben, das wir in Hamburg lebten, wurde unüberbrückbar groß. Mit zwölf Jahren gingen wir auf unsere ersten Partys, hatten beste Freundinnen, besuchten den ersten James-Bond-Film, saßen bei den Großeltern zum Kaffeeklatsch und spielten im Garten Federball.

Doch im Hintergrund immer dieses Wissen: Unsere Mutter sitzt da irgendwo in Stuttgart in einem extra für sie und die RAF eingerichteten Hochsicherheitstrakt und kämpft verbissen einen Kampf, den wir als Kinder noch nicht verstehen, der uns aber mit einer dumpfen Trauer, vielleicht sogar mit schlechtem Gewissen erfüllt. Uns geht es so gut, und sie leidet so.

Seitdem sie nach Stammheim verlegt worden war, hatte meine Mutter jeden Kontakt zu uns Kindern abgebrochen. Unsere Briefe wurden nicht mehr beantwortet. Bis heute weiß ich nicht, ob es ihr nicht erlaubt war, Besuche zu empfangen, weil sie sich so oft im Hungerstreik befand, oder ob sie uns wirklich nicht sehen wollte.

1975 wurden auch die Terroristen draußen wieder aktiv. Der Berliner CDU-Politiker Peter Lorenz wurde von der Bewegung 2. Juni entführt. Der Coup gelang. Im Austausch wurden mehrere Gefangene freigelassen. Meine Mutter war nicht darunter. Horst Mahler, der RAF-Gründer, lehnte es ab, ausgetauscht zu werden; er war der einzige der Anführer, der mit der Gruppe brach und überlebte.

Kurz darauf erschütterte die Geiselnahme in der Stockholmer Botschaft die Menschen. Es gab wieder vier Tote.

Weihnachten 1975, fünf Monate vor ihrem Tod, versuchte ich noch einmal, mit ihr Kontakt aufzunehmen. Ich schrieb:
" Liebe Mami! Nun sind wir 13, und es ist wieder "
" Weihnachten . . . Wir haben Dir kein Weihnachtsgeschenk "
" gemacht, weil wir ja gar nicht wissen, was Dein Geschmack "
" ist, ob Du es überhaupt annehmen und ob Du es überhaupt "
" bekommen würdest . . . Wenn Du etwas gerne von uns "
" hättest, schreibe uns . . . Deine Bettina und Deine "
" Regine. "

Doch sie antwortete mir nicht mehr.

Sieben Monate vorher hatte der Prozeß in Stammheim gegen den harten Kern der RAF begonnen. Jetzt ging es um das Bekenntnis zu den begangenen Taten.

Ich denke heute, daß damals ein Ausstieg meiner Mutter nicht nur möglich, sondern für ihr Überleben richtig gewesen wäre. Nicht, weil es an der Zeit gewesen wäre, andere zu verraten, sondern weil sie nicht mehr konnte. Sie schrieb:
" Das ist nicht mystisch, wenn ich sage, ich halte das "
" nicht mehr aus. Was ich nicht aushalte, ist, daß ich mich "
" nicht wehren kann. Also, es laufen einfach ein Haufen "
" Sachen durch, ich sage nichts, aber ich knalle an die "
" Decke, über ihre Gemeinheit und Hinterhältigkeit. "

In der Enge der Haft hatten Gudrun Ensslin und Ulrike Meinhof angefangen, sich gegenseitig auf das erbittertste zu bekämpfen.

Gudrun Ensslin schrieb an Baader:
" Dann bin ich geplatzt und habe ihr gesagt, daß sie "
" das lassen soll, mich anzufallen, elitär zu sein . . . Da "
" stand sie kochend auf und ging zur Tür, und ich hatte "
" wirklich gebrüllt vor Wut. Gesagt, ob sie denn nicht "
" merken würde, daß sie will, daß ich kippe - mit dieser "
" Methode: Hammer, um dann die Unschuld zu spielen. "

Hätte meine Mutter ab und zu andere Menschen gesehen, hätte sie weniger strenge Haftbedingungen gehabt, hätte sie einen sanften Ausstieg ohne Verrat möglicherweise geschafft.

Am 41. Verhandlungstag stellte meine Mutter dem Gericht eine entscheidende Frage, die in diese Richtung ging:
" Wie kann ein isolierter Gefangener den Justizbehörden "
" zu erkennen geben, angenommen, daß er es wollte, daß er "
" sein Verhalten geändert hat? Wie? Wie kann er das in "
" einer Situation, in der bereits jede, absolut jede "
" Lebensäußerung unterbunden ist? Dem Gefangenen in der "
" Isolation bleibt, um zu signalisieren, daß sich sein "
" Verhalten geändert hat, überhaupt nur eine Möglichkeit, "
" und das ist der Verrat. Eine andere Möglichkeit, sein "
" Verhalten zu ändern, hat der isolierte Gefangene nicht. "
" Das heißt, es gibt in der Isolation exakt zwei "
" Möglichkeiten: Entweder Sie bringen einen Gefangenen zum "
" Schweigen, das heißt, man stirbt daran, oder Sie bringen "
" einen zum Reden. Und das ist das Geständnis und der "
" Verrat. Das ist Folter, exakt Folter . . . "

Doch ich glaube, daß letztlich nicht der Staat allein meine Mutter in den Selbstmord hätte treiben können. Ausschlaggebend waren ihre Kämpfe mit den anderen Gefangenen und mit sich selbst. Gudrun Ensslin hatte an Baader geschrieben: "Warum mache ich das? Der Zweck . . . Ulrike zu quälen, indem ich ihr Quälerei zurückgebe. Auge um Auge."

Auch Andreas Baader schrieb meiner Mutter:
" Also Haß - mach Dir doch nichts vor: Du haßt uns - "
" dafür gibt es einen Sack Signale, der dann natürlich "
" einfach so lässig in bestimmenden Momenten Passivität, "
" Sich-Entziehen, ''ne kaputte Grammatik, kaputte Inhalte, "
" Zerstörung, Mißverständnisse produziert usw. Das Problem "
" ist, daß Du/Ihr als die fürchterlichen desorientierten "
" Schweine, die Ihr seid, inzwischen eine Belastung "
" geworden seid . . . Ihr seid es, die uns fertigmachen - "
" was die Justiz nie könnte . . . Also halt die Fresse, bis "
" Du was verändert hast, oder geh endlich zum Teufel. "

Ich bin sicher, daß meine Mutter in dieser Zeit sehr ernsthaft nach einem Ausweg gesucht hat, bei dem sie hätte überleben können. Andreas Baader versuchte, ihren Ausstieg zu verhindern, da sie der RAF nach außen hin immer noch politisches Gewicht verlieh. Bei Gudrun Ensslin habe ich fast den Eindruck, als wollte sie meiner Mutter indirekt sagen, daß sie doch endlich verschwinden sollte, daß sie den Verrat doch endlich begehen soll.

In diesem Kampf der drei Führungskader der RAF ging es scheinbar darum, wer den Verrat zuerst begeht und damit dem anderen den Todesstoß versetzt. Es siegte die Partei Baader/Ensslin, so kommt es mir heute vor, gegen meine Mutter.

Ensslin hatte schon viel früher Ulrike Meinhof als das "Messer im Rücken der RAF" bezeichnet. Am 4. Mai 1976 wurde sie selber zum Messer. Allerdings im Rücken meiner Mutter.

An diesem 4. Mai kündigte Gudrun Ensslin in aller Öffentlichkeit ihre Solidarität mit meiner Mutter auf. Sie erklärte sich, im Namen der RAF, für die Anschlagserie im Mai 1972 verantwortlich. Nur von dem Springer-Attentat, das vermutlich von meiner Mutter organisiert worden war, distanzierte sie sich.

Fünf Tage später war meine Mutter tot. Sie hatte sich in ihrer Zelle an einem zerrissenen Handtuch aufgehängt.

Ich war 13 Jahre alt, als ich am Sonntag, den 9. Mai 1976, im Radio hörte, daß sich die Terroristin Ulrike Meinhof das Leben genommen hat. Wenige Minuten später verkündete mein Vater meiner Schwester und mir den Tod unserer Mutter. Auch er redete mehr wie ein Journalist, der von einer Mediensensation spricht.

Wie sollte es nun weitergehen? Meine Schwester und ich hatten seit Sizilien nicht mehr über unsere Mutter geredet. "Mammi" war ein Tabu-Thema zwischen uns. Meine Oma war froh, daß wir Zwillinge von dem Tod unserer Mutter fast nichts gemerkt hatten, und mein Vater holte uns eine Woche lang jeden Tag von der Schule ab, um zu verhindern, daß wir einem Bild-Reporter in die Arme liefen. Weder mit der Presse noch mit der Sympathisantenszene sollten wir in Berührung kommen.

Wir gingen nicht zu der Beerdigung, zu der 4000 Menschen kamen, ein paar Wochen später wurde nicht mehr über den Tod meiner Mutter geredet.

Stundenlang saß ich zu Hause vor dem großen Fenster, wo unser Plattenspieler stand, und hörte Uriah Heep, Pink Floyd und vor allem Deep Purple. Musik, die meinen Vater an den Rand des Nervenzusammenbruchs brachte. Doch es war mehr als eine pubertäre Krise. Damals setzte diese merkwürdige eiserne Treue ein. Eine Treue, die, glaube ich, damit zu tun hat, daß man sich vornimmt, eine Wiedergutmachung zu leisten.

Das Schlimmste war, daß sie uns keinen Abschiedsbrief hinterlassen hatte. Dieses "kein Wort", mit dem sie uns nun zum zweitenmal und diesmal endgültig verlassen hatte, ließ so viele Fragen offen. Hatte sie uns denn nicht geliebt?

Erst viel später begriff ich, daß auch ihre Anhänger und Genossen über dieses "kein Wort" nicht hinweggekommen sind. Jan-Carl Raspe war sich sicher, daß Ulrike Meinhof der Gruppe mitgeteilt hätte, wenn sie sich hätte umbringen wollen. Er nahm diese Tatsache, daß Ulrike nichts gesagt hatte, als Zeichen dafür, daß sie ermordet wurde.

Mein Gefühl deutet eher auf Selbstmord hin. Sie hatte über alles, über jeden Schritt ihres Lebens, Worte verloren. Ihre aktuelle Qual hatte jedoch gerade darin bestanden, daß jedes Wort, das sie jetzt ausgesprochen hätte, ihr als Verrat ausgelegt worden wäre. Offensichtlich hatte sie nach der zermürbenden Gefängniszeit nicht mehr die innere Kraft, die Entscheidung zu verantworten, daß der Weg der Gewalt ein Irrtum gewesen sei. Doch ebensowenig konnte sie verantworten, den Weg der Gewalt weiterhin zu befürworten.

Damals war es so, als hätte sich der Schatten dieser Verantwortung, der schon über meiner ganzen Kindheit gehangen hatte, durch den Tod meiner Mutter vollständig auf mich gelegt. Der schwarze Schatten der RAF. Ein Berg von Ideologie, Haß, Mord, Gewalt, Trauer, negativer Gedanken, Toter und ungelöster Probleme - das war für mich das Erbe meiner Mutter.

Ich wollte mit all diesem Schrecklichen nichts zu tun haben. Ich haßte meine Mutter. Ich haßte die RAF. Aber ich konnte nicht weglaufen.

Mit 14, als ich ge wissermaßen ins revoluzzerfähige Alter kam, erhielt ich eine Menge Aufmerksamkeit. Doch die Leute schienen nicht mehr mich persönlich zu meinen, sondern mich als Tochter. Linke in meiner Schule sprachen mich entrüstet an, warum ich mich nicht politisch engagieren würde. Sie reichten mir Flugblätter, wo irgend etwas über den Schweinestaat und bewaffneten Widerstand stand, und verurteilten mich, weil ich Cowboystiefel trug.

Sollte sich die Tochter von Ulrike Meinhof womöglich auf die Schweineseite schlagen?

Ich engagierte mich weder in der linken Schülerzeitung noch im Schulkollektiv. Für mich war dieses ganze moralische Gerede von Politik und Revolution mit einem traumatischen Grauen verbunden. Diese 17jährigen Freaks, die mit ungekämmten Haaren in ihren Nepaljacken von der Revolution redeten, kamen mir damals naiv, ja dumm vor.

Ich war wütend: Reichte das Grauen, das die RAF angerichtet hatte, etwa noch nicht? Reichte es nicht, daß meine Mutter daran zerbrochen war, sollte ich mich etwa auch noch opfern? Und überhaupt, was hatten die gegen Cowboystiefel?!

Den Mord am Vorstandssprecher der Dresdner Bank, Jürgen Ponto, im Juli 1977 bekamen wir nur noch am Rande mit. Alles, was jetzt folgte, ging uns nichts mehr an. 1977, die Schleyer-Entführung, der nächste Versuch, Andreas Baader und viele andere aus dem Gefängnis zu befreien, mißlang. Hanns Martin Schleyer mußte sterben.

Mit dem darauffolgenden Tod von Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Jan-Carl Raspe schien eine Etappe der RAF zu Ende zu gehen. Die einzige, die das gemeinsame Sterben der Gefangenen in Stammheim in diesen Tagen überlebt hatte, war die damals 30 Jahre alte Irmgard Möller, die mit vier Messerstichen davongekommen war. Bis heute hält sie an der Behauptung fest, daß sie wie die anderen umgebracht werden sollte - daß ihr die Messerstiche von einem Fremden beigebracht wurden.

Im Dezember 1994 wurde Irmgard Möller nach mehr als 22 Jahren Haft aus der Strafanstalt Lübeck-Lauerhof entlassen. Aus diesem Anlaß traf ich mich mit Monika Berberich. Ich war jetzt 32 Jahre alt und sah sie zum erstenmal, seit sie uns in Sizilien zurückgelassen hatte. Sie hatte für die Banküberfälle 1970 in Berlin und ihren späteren Gefängnisausbruch 18 Jahre abgesessen. Herzlich war sie immer noch, wie damals.

Daß sie uns entführt hat, davon wollte Monika Berberich nichts wissen. Wieso, fragte sie erstaunt zurück, es war doch euer Vater, der euch aus Sizilien zurückentführen ließ. Verkehrte Welt. Klar, von der Perspektive der RAF aus gesehen hat uns unser Vater, nicht unsere Mutter entführen lassen. Im Moment war das egal.

Gemeinsam begrüßten wir Irmgard Möller, die wachsbleich, aber lachend, mit vorsichtigen Schritten aus dem Gefängnis kam und von Dutzenden von Kamerateams und Fotografen bedrängt wurde. Ich habe Irmgard Möller nicht gekannt, trotzdem berührte es mich sehr, sie in Lübeck aus dem Gefängnis kommen zu sehen. Wenn meine Mutter überlebt hätte, wäre sie vermutlich schon vor Jahren in die Freiheit entlassen worden. Längst hätten wir über alles reden können. Sie hätte die Zeit gehabt, die widerstreitenden Gegensätze von Gut und Böse, links und rechts, Schwein oder Mensch in sich auszusöhnen. Über die tieferen Beweggründe zur Entstehung und Geschichte der RAF hätte sie sich selber äußern können.

Im Märchen brechen die Bande erst zum Schluß vom Herzen des eisernen Heinrich. Es heißt da: "Noch einmal und noch einmal krachte es auf dem Weg, und der Königssohn meinte immer, der Wagen bräche, und es waren doch nur die Bande, die vom Herzen des treuen Heinrich absprangen, weil sein Herr erlöst und glücklich war." Y

"Sie sprach fast beiläufig davon, ihre Kinder zu verlassen"

"Statt zu helfen, zog meine Mutter andere mit in ihr Unglück"

Revolutionslieder im heißen Barackenlager auf Sizilien

"Der Waffen-Mythos begann die Bewegung zu lähmen"

Auf dem Weg in die Schule vom Polizeiwagen begleitet

"Ich hatte Angst, mich vor meiner Mutter zu erschrecken"

"Die tote Atmosphäre, während draußen die Sonne schien"

"Unsere Briefe wurden nicht mehr beantwortet"

* Mitarbeit: Carola Niezborala. * Aus einem Super-8-Familienfilm. * Mit dem Auto des Vaters. * Stefan Aust.

DER SPIEGEL 29/1995
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Unsere Mutter - Staatsfeind Nr. 1