10.07.1995

PhilosophenKopfschmerz der Erkenntnis

Mit dem anarchistischen Slogan „Anything goes“ schockte Paul Feyerabend einst seine Philosophie-Kollegen. Nun sind Memoiren und Briefe des unorthodoxen Wiener Denkers erschienen - Momentaufnahmen eines Wahrheitsfreundes, der mit Witz gegen Isolation und Depression ankämpfte.
An eine Brille hatte er nie gedacht. Wenn der Professor große Geister zitieren wollte, erfand er sogar deren Weisheiten und foppte die Studenten mit Ausreden von einer "anderen Übersetzung" - bis ihm die Frau eines Kollegen seine Augenschwäche bewußt machte.
Gemeinsam seien sie zu einem Brillenladen gegangen, schrieb Paul Feyerabend kurz darauf seinem Freund, dem Ethnologen Hans Peter Duerr, "und als ich schließlich den Busen der mir die Brille aufsetzenden busenreichen Dame klar und groß vor mir sah, wußte ich, daß ich auf dem richtigen Wege war". So weit, so gut - "nur Kopfschmerzen habe ich immer, möglicherweise wohl darum, weil mir das so klar Gesehene Kopfschmerzen bereitet".
Auch vorher hat er das meiste ziemlich klar gesehen, dieser seltsame Filou aus Wien. Und doch brauchte er sein ganzes Leben, um dem Kopfschmerz der Erkenntnis zu entrinnen - ein Leben, das ihn vom vorlauten Bücherwurm, Gesangsstudenten und Physiker zum Wissenschaftstheoretiker, philosophischen Dadaisten und Guru des postmodernen Pluralismus werden ließ.
Immer wieder hat Feyerabend, der wegen eines Hüftschusses im Krieg auf Krücken oder einen Stock angewiesen war, Freunde wie Gegner frappiert. Noch heute, gut ein Jahr nach seinem Tod, nutzen radikale Pluralisten gern seine Zauberformel gegen den Vernunftglauben: "Anything goes".
Selbst jedoch hat der Tausendsassa, der sich einen "nervösen Optimisten" nannte, wohl wenig Freude am Erfolg gehabt. "Ideen werden produziert. Ein Standpunkt wird zusammengekleistert. Positionen werden bezogen", klagte Feyerabend 1980 in einem seiner Briefe an Duerr, die nun seine kürzlich erschienenen Memoiren ergänzen*. "Und ich weiß gar nicht, ob ich so was tun will." Das Auftreten seiner Kathederkollegen fand er schlicht albern. "Zum Ernstnehmen, glaube ich, werde ich es in meinem Leben nicht bringen."
Als er in den siebziger Jahren Regentänze und Wettervorhersagen für gleichwertig erklärte und statt eines schmeichelhaften Klappentextes seinem Buch "Wider den Methodenzwang" lieber das eigene Horoskop voranstellte, hatte er schnell den Ruf eines Campus-Revoluzzers weg. Zum "hoch gehandelten Markenartikel" für philosophische Clownerien sei er damals geworden, schrieb Feyerabend etwas betrübt in den Memoiren. Denn ihm ging es um mehr als Show. Der Dünnhäutige, dessen bewundertes Lieblingstier der Elefant war, hielt treffende Witze für heilsamer als langatmige Abhandlungen.
Vorzugsweise schoß er mit Sottisen auf seinen philosophischen Ziehvater Karl Popper. Aber auch Suhrkamp-Patriarch Siegfried Unseld, in dessen Verlag Feyerabend und Duerr wie in einem krisenfesten "Himmelreich" ihr Plätzchen gefunden hatten - und in dem nun natürlich Memoiren und Briefe erschienen sind -, tauchte als "Gorilla" mit "Sklaven" oder gleich als "Sankt Unseld" auf. "Sag ihm, er soll Dich besser bezahlen", rät Feyerabend und empfiehlt Duerr, für ein Wiedersehenstreffen das Hotelzimmer gleich auf "Onkel Siegfrieds" Spesen zu buchen: "Es kostet ja nur 140 SFr. pro Tag, und das kann sich der fette Suhrkamp ja sicher leisten."
Betreute der doch überhaupt seine Autoren unkonventionell: "Also gestern", meldete Feyerabend 1980 aus Zürich, "trat vor meiner Vorlesung ein beleibter Herr mit starkem Alkoholgeruch auf mich zu und fragte mich: ,Wer, denken Sie, daß ich bin?'' Ich hatte keine Ahnung. Es war der Unseld." Worauf der kesse Philosoph Unselds "scheu sich im Hintergrunde haltenden" Begleiterin rasch zuraunte: "Schaffen Sie sich einen besseren boyfriend an. Der, den Sie da haben, kann ja nicht sehr interessant sein."
Nahezu in jedem Brief brachte Feyerabend ein paar solcher _(* Paul Feyerabend: ) _("Zeitverschwendung". Übersetzt von ) _(Joachim Jung. 256 Seiten; 38 Mark. Hans ) _(Peter Duerr (Hrsg.): "Briefe an einen ) _(Freund". 296 Seiten; 22,80 Mark. Beide ) _(Bände im Suhrkamp Verlag, Frankfurt am ) _(Main. )
Lästereien unter - kleine seelische Lebenszeichen eines Mannes, für den regelmäßige Depressionen "fast schon Freunde" waren. Denn sosehr er sich zeitlebens einen "festen emotionalen oder moralischen Charakter" gewünscht hatte, der Ernst echter Anteilnahme wollte sich nirgendwo einstellen.
Den dumpfen Kleinbürger-Nachbarn seines Wiener Stadtviertels, aber auch seinen Eltern und der mit "etlichen Verrückten" ausgestatteten Familie - darunter "Alkoholiker, Gemeingefährliche, Vergewaltiger, Halbidioten" - hatte der Bub erstaunlich fremd gegenübergestanden. ",Disziplin ist gut für die Seele'', sagte er und schlug mich", erzählt er lapidar über einen schnurrbärtigen Onkel namens Kaspar.
Als Tante Pepi sich umbrachte, sei er "nicht aufgeregt, nicht einmal verwundert" gewesen, erinnert sich Feyerabend: "Ich nahm es als selbstverständlich hin, daß die Welt ein seltsamer Ort ist, in dem ständig unerklärliche Ereignisse passieren." Ähnlich ungerührt habe er die Nachricht vom Selbstmord der Mutter empfangen. Noch an der Ostfront 1943 sei er teilnahmslos geblieben, wenn neben ihm Menschen starben oder bestialisch umgebracht wurden. "Diese Ereignisse schockierten mich nicht, dafür waren sie viel zu seltsam."
Es scheint dem Hochsensiblen nie klargeworden zu sein, wie systematisch er sich aus der bösen Realität in Ideenwelten geflüchtet hatte. Opern konnte er auswendig. Statt mit dem Vater am Radio politische Nachrichten zu hören, arbeitete er sich autodidaktisch durch mathematische Fachbücher. Dauernd auf der Suche nach neuem Gedankenfutter, verschlang er billige Klassikerausgaben von Shakespeare bis Ibsen. So geriet er endlich an die Philosophen.
"Nachdem ich ein paar Seiten aus Descartes'' ,Meditationen'' verdaut hatte, erklärte ich Mama, daß sie nur existiere, weil ich existiere, und daß sie ohne mich keine Chance habe" - so praxisnah sollte er stets mit dem Denken umgehen. Auf den Alpbacher Treffen des "Österreichischen College", wo Physik-Größen wie Lise Meitner oder Paul Dirac, aber auch Karl Popper und dessen erste Anhänger verkehrten, kam die Frechheit des jungen Studenten an. Unversehens fand sich Feyerabend 1952 als Poppers Assistent in London, dann sogar als Dozent für Wissenschaftstheorie in Bristol wieder.
"Nie habe ich bewußte Entschlüsse gefaßt, sondern bin nur so in eine Sache hinein und aus einer anderen herausgeschlittert", schrieb er später an Duerr. Dazu zählte für ihn, daß er, seit der Kriegsverwundung impotent, dennoch in mehrere Ehen und immer neue Affären schlitterte, ohne sich sonderlich um Treue zu sorgen: "Ich lud Hazel nach Wien ein, aber da ich mittlerweile Diana kennengelernt hatte, bekam ich einen Schrecken, als sie ankam; in London hatte sie viel attraktiver ausgesehen."
Universitäten wechselte er kaum weniger schnell - bis ihm dämmerte, daß an Poppers rationalistischer Methodenlehre nicht manches faul sei, sondern alles. "Eine miserable Latrine, voll von üblen Gerüchen" nannte er vom sicheren Berkeley-Lehrstuhl aus die "Kirche" seines einstigen Betreuers. Findige Wissenschaftler, das zeigte er an Galilei oder Newton, nutzten Regeln und Wahrheitsbewußtsein eben nicht wie ewige Prinzipien, sondern entwickelten sie während der Arbeit, aus "Leidenschaft". Fazit: "Für die objektive Erkenntnis brauchen wir viele verschiedene Ideen."
Feyerabend folgte dem seit Schultagen bewunderten Nietzsche, der erklärt hatte, daß die Erfindung der "wahren Welt" unser bisher gefährlichstes Attentat auf das Leben sei. "Was der Cohn-Bendit für die Gesellschaft tun will", erklärte er 1969, "will ich für die Wissenschaftstheorie tun." Nämlich: "Bürgerinitiativen statt Erkenntnistheorie. Ende der Spintisiererei." Vernunft, das sei ja "nix anderes, als eine eingefrorene Leidenschaft".
Für die leidenschaftslosen "Nagetiere" ringsum hatte er nur noch Spott übrig. Wenn er nicht gerade die neueste Fernseh-Seifenoper verfolgte, aus Spaß an einem "Columbo"-Drehbuch mitarbeitete, zur nächsten Gastprofessur flog oder wieder mal verkündete, daß Dämonen "direkt beobachtbare Wesenheiten" seien, labte sich der selbsternannte Dadaist des Geistes zu Hause bei abgestelltem Telefon an Klassikern: Aristoteles etwa, der doch "gar nicht so uninteressant" sei, oder Aufklärern. "Diese alten Herren waren nicht übel."
Doch zufrieden mit seinem bequemen Dasein als akademischer Weltenbummler wurde er nie. "Eine Autobiographie hab'' ich auch begonnen, und zwar mit meinem Selbstmord", ließ er Duerr wissen. "Muß jetzt nur noch das Vorleben und das afterlife hinzufügen. Der Selbstmord liest sich sehr schön." Doch so schlitzohrig er sich gab, es ging ihm nah, wie alles Interessante "bald standardisiert, gelehrt, systematisiert und in Normalscheiße verwandelt" werde. Dauernd treffe er öde Leute, die ihn beim Wort seiner Bücher nähmen und "jemandes intellektuelle Fürze mit seinem Gesicht verwechseln".
Rezepte dagegen wußte er natürlich nicht. Nach Ablauf seiner Dozentenjahre zog er sich deshalb lieber zurück und genoß den Alltag mit seiner vierten, über alles geliebten Frau, der Umweltpublizistin Grazia Borrini. Er dämpfte den alten Widerspruchsgeist sogar ein wenig. Multikulti-Begeisterten etwa schrieb er kurz vor seinem Krebstod 1994 ins Stammbuch, "daß jede Kultur potentiell alle Kulturen in sich birgt und daß bestimmte kulturelle Züge nichts anderes sind als die wandelbaren Ausdrucksformen einer einzigen menschlichen Natur".
Zum Leben, das wußte er, reichte solcher Schmalspur-Humanismus nicht aus: "Was zählt, sind einige Freunde da und dort - das ist alles."
Johannes Saltzwedel
"Ich erklärte Mama, sie existiere nur, weil ich existiere"
* Paul Feyerabend: "Zeitverschwendung". Übersetzt von Joachim Jung. 256 Seiten; 38 Mark. Hans Peter Duerr (Hrsg.): "Briefe an einen Freund". 296 Seiten; 22,80 Mark. Beide Bände im Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main.
Von Johannes Saltzwedel

DER SPIEGEL 28/1995
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