31.07.1995

ZeitgeschichteFeindliches Ausland

Bislang unbekannte Details zeigen, wie Generalstaatsanwalt Fritz Bauer Israel bei der Jagd auf den Nazi-Verbrecher Eichmann half.
Wie geplant, war die Eichentür des Gebäudes in der Frankfurter Gerichtsstraße leicht zu öffnen. Michael Maor schlich durch die Vorhalle und gleich rechts die mächtige Steintreppe hoch, über den Flur im ersten Stock. Es war dunkel, niemand war zu hören oder zu sehen, weiter tappte er die nächste Treppe hoch. Dann, im zweiten Stock - "Du kannst es gar nicht verfehlen", hatten sie ihm gesagt -, lag gegenüber dem Treppenabsatz das Büro.
Der Israeli Maor könnte den Weg durch das Frankfurter Justizgebäude heute noch mit geschlossenen Augen gehen bis zu der Tür, vor der er vor 35 Jahren stehenblieb. Sein Auftrag: "Fotografier die Akte, die links auf dem Schreibtisch liegt."
Um wen es in dem Dossier ging, erfuhr der junge Ex-Fallschirmjäger erst, als er die Bilder entwickelte: Es war die Akte Adolf Eichmann. Der SS-Obersturmbannführer hatte die Judentransporte in die Vernichtungslager organisiert, er galt als Kriegsverbrecher Nummer eins. Der _(* Links: im ehemaligen Büro Fritz ) _(Bauers; rechts: 1961 vor Gericht in ) _(Jerusalem. )
israelische Geheimdienst Mossad suchte ihn weltweit.
Maors nächtlicher Geheimeinsatz verhalf ihm zum Erfolg - eine bislang unbekannte Episode der Jagd auf den Organisator des Holocaust: Wochen später, am Abend des 11. Mai 1960, kidnappten ihn Mossad-Agenten im argentinischen Buenos Aires. 1962 wurde Eichmann, der wegen Verbrechen am jüdischen Volk und gegen die Menschlichkeit zum Tode verurteilt worden war, in Israel hingerichtet.
Der Raum, in den Maor im Frühjahr 1960 heimlich eindrang, war das Dienstzimmer des damaligen hessischen Generalstaatsanwalts Fritz Bauer, der maßgeblich beteiligt war an der Vorbereitung der Frankfurter Auschwitz-Prozesse.
Bauer hatte den Israelis zuvor bei einem Geheimtreffen den entscheidenden Hinweis auf Eichmanns Versteck in Argentinien geliefert. Die Fahndungshilfe war heikel. Das Verhältnis zwischen Israel und Deutschland war damals äußerst schwierig, es gab noch keine diplomatischen Beziehungen.
Bauer fürchtete zudem, die geplante Verhaftung könnte verraten werden, sollte er Israel auf dem Dienstweg helfen. Wie viele Nazi-Mitläufer und unentdeckte Täter es in der deutschen Justiz noch gab, wußte er aus seinem Alltag. Eingeweiht in die Kooperation waren nur der hessische Ministerpräsident, Georg August Zinn, und wenige persönliche Vertraute.
Bauer hatte wegen seines leidenschaftlichen Kampfes gegen Nazi-Verbrecher wenig Freunde in der Justiz. "Er sagte oft: Wenn ich mein Zimmer verlasse, betrete ich feindliches Ausland", erinnert sich sein Freund und Testamentsvollstrecker, Rechtsanwalt Manfred Amend.
Der Generalstaatsanwalt hatte dem Mossad auch, wie der Leiter der "Operation Eichmann", Isser Harel, später enthüllte, Beweismaterial zu Eichmann beschafft. "All das", schreibt Harel, "geschah insgeheim und mit größter Vorsicht, um zu verhindern, daß die Öffentlichkeit von unserem Interesse an dem Verbrecher erfuhr."
Trotz Bauers Hilfe war die Spur zu Eichmann jedoch schwieriger zu verfolgen, als zunächst gedacht. Die Fahndung zog sich hin, Bauer versprach den Israelis im Winter 1959/60 weiteres Material, das sie brauchten, um Eichmann sicher zu identifizieren.
Doch die Akte hätte er kaum vervielfältigen lassen können, ohne aufzufallen. Kopierer, so erinnern sich Gerichtsbedienstete, wurden erst später angeschafft. Da bekam Maor seinen Auftrag.
Der ehemalige israelische Soldat war 1959 nach Köln gekommen, um Fotografie zu studieren. Nebenher arbeitete er für die Israel-Mission in Köln, die noch nicht den Status einer Botschaft hatte, sondern sich vor allem um das Wiedergutmachungsabkommen kümmerte. Der Leiter der Mission, Felix Schinnar, hielt in der Sache Eichmann engen Kontakt zum Frankfurter Generalstaatsanwalt.
"Ich bekam einen Schlüssel für Bauers Büro", erinnert sich Maor. Mit einer speziellen Repro-Lampe ausgerüstet, um ohne Zimmerlicht fotografieren zu können, setzte er sich abends in den Zug nach Frankfurt. "Ich wußte jedes Detail", so Maor, "selbst, daß Bauer starker Zigarrenraucher war."
Im Büro des Generalstaatsanwalts fand er alles wie besprochen vor. Die Gardinen waren zugezogen, es roch nach Zigarren, und links auf dem Schreibtisch, von allen anderen Papieren deutlich isoliert, lag ein Stapel. "Das waren NS-Unterlagen, Tätigkeitsberichte, auch Fotos", erzählt Maor, "und überall Hakenkreuze."
Er hatte gerade alles vorbereitet, da wurde er gestört: "Plötzlich hörte ich Schritte, und Licht fiel durch den Türritz." Schnell löschte Maor die Repro-Lampe und versteckte sich hinter dem Schreibtisch.
Er konzentrierte sich auf die seltsam schlurfenden Schritte, die näher kamen. Der Mensch, so erkannte Maor, zog irgend etwas auf dem Boden hinter sich her. Dann wurde ihm klar, daß es sich nur um die Putzfrau mit ihrem Schrubber handeln könne: "Offenbar war sie ein bißchen schlampig", sagt Maor. Die Frau ersparte sich ihre Arbeit in Bauers Zimmer und schlurfte weiter, nachdem sie kurz vor der Tür verharrt hatte.
Maor ist sich sicher, daß nur der Ermittler die Akte Eichmann derart offensichtlich auf dem Schreibtisch plaziert haben konnte. Mindestens zweimal, erinnert er sich, sei er in Frankfurt gewesen, möglicherweise auch ein drittes Mal. Die Filme entwickelte er sicherheitshalber in Köln.
Michael Maor, 1933 im sachsen-anhaltinischen Halberstadt geboren, empfand den Erfolg der Eichmann-Aktion auch als persönliche Genugtuung. Seine Eltern waren im besetzten Jugoslawien ums Leben gekommen, nur seinem Onkel gelang die Flucht aus dem Konzentrationslager Dachau. Er selbst wurde mit einem Kindertransport nach Palästina evakuiert.
Erst in Israel, wohin Maor später aus Köln zurückkehrte, lernte er 1965 Fritz Bauer persönlich kennen. "Wir gaben uns freundlich die Hand", sagt er. "Aber über die Sache von damals sprachen wir kein Wort." Y
* Links: im ehemaligen Büro Fritz Bauers; rechts: 1961 vor Gericht in Jerusalem.

DER SPIEGEL 31/1995
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