31.07.1995

„Geringe Bonität“

SPIEGEL: In den neuen Bundesländern sind viele Spar-Händler faktisch pleite. Was wollen Sie jetzt tun?
Dotterweich: Von unseren 1400 Händlern hat heute nur ein geringerer Teil Probleme, vor allem jene, die unter stärkerem Wettbewerb stehen. Zur Zeit prüfen unsere Geschäftsführer vor Ort mit den Handelsvereinigungen, ob Einzelhändler ohne eigenes Verschulden in Schwierigkeiten geraten sind. Wir haben für sofortige Hilfsmaßnahmen bis zu fünf Millionen Mark zur Verfügung gestellt.
SPIEGEL: Wieso spricht die Spar erst jetzt mit den Betroffenen?
Dotterweich: Wir waren schon vor den Berichten in den Medien aktiv. Für 1995 haben wir im Osten ein Investitionsprogramm von 30 Millionen Mark angeschoben. Um die Wettbewerbsfähigkeit der Spar-Einzelhändler zu verbessern, haben wir elf betriebswirtschaftliche Berater eingesetzt und werden weitere Berater engagieren.
SPIEGEL: Viele Ostdeutsche wurden mit falschen Rentabilitätsberechnungen in die Selbständigkeit gelockt. Gleichzeitig gab es Finanzierungsversprechen, die nie eingehalten wurden.
Dotterweich: Das stimmt so nicht. Wir haben allerdings in Einzelfällen Hinweise auf eigenmächtige und ungedeckte Praktiken erhalten. Sollten sich diese Hinweise als zutreffend erweisen, werden wir entsprechende Konsequenzen ziehen.
SPIEGEL: Warum wurden Läden privatisiert, obwohl bekannt war, daß die Einzelhändler die notwendigen Investitionen nicht finanzieren konnten?
Dotterweich: In zahlreichen Fällen hat Spar die Finanzierung selbst sichergestellt, selbst wenn Banken nicht dazu bereit waren. Das Risiko von Spar war bei oft geringer Bonität der Händler nur durch ein notarielles Schuldanerkenntnis abgedeckt. Das finanzielle Risiko lag und liegt letztlich bei Spar.
SPIEGEL: Den Interessenten für ein Geschäft wurden oft die Handelsumsätze der Vergangenheit vorenthalten.
Dotterweich: Das kann nur die Ausnahme gewesen sein. Die Umsätze wurden nicht allen Interessenten vorenthalten. Mehrheitlich wurden die Umsatzprognosen im ersten Betreiberjahr erreicht.
SPIEGEL: Gibt es in den neuen Ländern mehr notleidende Einzelhändler als im Westen?
Dotterweich: Der Anteil der Händler aus den neuen Bundesländern, die in Zahlungsschwierigkeiten sind, ist höher als in den alten Bundesländern. Durchschnittlich sind pro Niederlassung etwa 15 Händler in Zahlungsschwierigkeiten.
SPIEGEL: Es gibt Spar-Geschäfte, bei denen innerhalb eines Jahres drei oder vier Pächter hintereinander nur Verluste gemacht haben. Wie kommt so etwas zustande?
Dotterweich: Wenn wir einen Standort weiterbetreiben, haben wir sorgfältig ermittelt, daß er unter bestimmten Voraussetzungen auch gewinnbringend geführt werden kann. Wir haben genügend Beispiele aus dem Westen und neuerdings auch aus dem Osten, wo es nach einem Wechsel des Händlers plötzlich geklappt hat.

DER SPIEGEL 31/1995
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