14.08.1995

EntspannungHoneckers Nische

Was immer man der DDR a. D. im nachhinein vorwirft - die Mauer, den blätternden Putz, den Reisezwang ans Schwarze Meer, die jahrelange Warteschleife für den Trabi, die Fürsorge der Stasi -, stets sind die Nostalgiker des ehemaligen ersten und vermutlich letzten Arbeiter-und-Bauern-Staats auf deutschem Boden mit einem Gegenargument zur Hand: der Nische.
Die Nische: Sie offenbarte, daß der neue Typ des sozialistischen Menschen in Wahrheit der alte Adam sein wollte: zottelig und plüschig, gartenzwergig, mit Glibsch auf den Augen.
Selbst der Staatsratsvorsitzende Erich Honecker hatte seine Nische. Fuhr er des Abends nach Büroschluß in Berlin nach Hause, nach Wandlitz, dann zog er die Pantoffeln an, sah sich ängstlich um, ob Margot in der Nähe . . . und genoß, war die Luft rein, den Feierabend mit einem Jodeln aus der Lederhose.
4864 Videos hat dem nach Abendentspannung gierigen Greis für 1,3 Millionen West-Mark der rührige Schalck-Golodkowski auf Westdeutschlands Videomarkt besorgt. Vorwiegend, so weit sich das einer Liste entnehmen läßt, Softpornos. Filme, deren Dialoge sich auf Stammeln wie "O du! O du! Fester! Tiefer! Ich komme!" beschränken, während nackte Menschen sich wie Brezeln ineinander verknoten.
Wahrscheinlich hat er, auch wegen Nachbar Mielke, vorher die Jalousien runtergelassen: Wandlitz, eine real existierende Kleinbürger-Hölle. In Honeckers Besitz waren klebrige Werke wie "Black Emanuelle", laut "Lexikon des erotischen Films" die Geschichte einer dunkelhäutigen Fotografin, die von einem weißen Ehepaar und anschließend von einem kompletten Hockeyteam vernascht wird.
Oder "Die schwarze Nymphomanin", ein Werk, in dem eine Journalistin mit grotesken Silikonbrüsten in Paris unter Lesben und Jungfrauenschändern recherchiert - und ab und zu in unerklärlicher Lust durch Musik zum Ausziehen und Stöhnen mit Männern und Frauen in Horizontallage gebracht wird.
Nun ist es nicht so, daß "Honey" sich für Westdevisen nur derart schäbigen Schund besorgen ließ. Er hatte auch kulturelle Höhepunkte wie "Die amerikanische Nacht". Oder sollte er Truffauts Titel, trauriges Mißverständnis, nur für das Versprechen einer neuen Sex-Praxis gehalten haben: wie griechisch oder französisch, vorne wie hinten, oben wie unten?
Abendfreuden in den späten Tagen der DDR? Wahrscheinlich wollte sich der alte Erich, ganz im Dienst, nur so richtig vor der westlichen Dekadenz gruseln. Zur Abschreckung.
Hellmuth Karasek
Von Karasek, Hellmuth

DER SPIEGEL 33/1995
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